02.06.12 | 16:18 | 8 Kommentare

Prediger und Revolutionäre

(Von Andrian Kreye) Das Schlimmste an der Euphorie ist der Kater danach. Der stellt sich rund um das Internet in letzter Zeit immer häufiger ein. Das liegt weniger am Internet als an den hohen Erwartungen. Die gibt es schon lange. Als sich der wegen seiner LSD-Forschungen als Hippie-Guru gefeierte Harvard-Psychologe Timothy Leary mit dem Schriftsteller und Erfinder des „Cyberspace“-Begriffs, William Gibson, vor fast zwanzig Jahren über die Zukunft des Internets unterhielt, landeten die beiden schon bald bei Hermann Hesses „Glasperlenspiel“. Hesse deute an, „dass die Entwicklung von Intelligenzmaschinen neue Religionen schaffen wird“, stellten sie da fest.

Leary und Gibson waren früh auf der richtigen Spur: Der Glaube an die menschheitsverändernden Umwälzungen durch die digitalen Technologien, den sie erstmals formulierten, hat durchaus religiöse Züge. Unzählige Prediger ziehen immer wieder mit Heilsversprechen durch die Welt, die mit buchstäblicher Verzückung angenommen werden. Einer dieser Prediger ist Julian Assange.

Es gibt nur wenige Figuren, die eine so atemberaubende Laufbahn hinter sich haben wie der australische Gründer der Enthüllungs-Webseite Wikileaks. Vor zwei Jahren stieg er innerhalb von wenigen Monaten vom obskuren Hacker zur Schlüsselfigur des Weltgeschehens auf. Mehrere hunderttausend geheime Regierungsakten veröffentlichte er über seine Webseite. Seine Ideologie einer radikalen Transparenz hatte dabei nicht nur alle Züge eines religiösen Dogmas. Assanges Anhänger glaubten, dass sie den Lauf der Geschichte ein für allemal verändern würde. Und nicht nur seine Anhänger glaubten dies. Das US-Nachrichtenmagazin Time hätte ihn fast zur Person des Jahres 2010 erklärt. Seine Gegner verteufelten den weißhaarigen Internetaktivisten dagegen als gefährlichen Frevler.

Heute ist Assange nur noch eine Fußnote im Weltgeschehen. Am vergangenen Mittwoch lehnte der britische Supreme Court Assanges Berufung gegen seine Auslieferung nach Schweden ab, wo er wegen des Verdachts sexueller Belästigung befragt werden soll. Das interessierte die breite Öffentlichkeit kaum noch. Dabei war es der bisher größte Rückschlag im Leben eines Mannes, der noch vor eineinhalb Jahren als Revolutionär gefeiert und gefürchtet wurde.

Es gibt sicher viele Gründe dafür, dass Julian Assanges Ansehen so gelitten hat. Seine egomanischen Züge, sein chronischer Verfolgungswahn, seine Verschwörungstheorien, und auch die diffusen Berichte über seine erotischen Erlebnisse mit den zwei schwedischen Damen, die sich bei der Polizei über ihn beschwerten. Vernünftig war weder die Verehrung, noch ist es die Enttäuschung.

Assange hat den Lauf der Geschichte nicht verändert. Nicht einmal das Wesen des Journalismus, wie es geheißen hatte. Er hat einen einmaligen Coup gelandet. Sämtliche der großen Wikileaks-Enthüllungen (die Akten aus den Kriegen in Afghanistan und Irak, die diplomatischen Depeschen und das Material aus dem Gefangenenlager Guantanamo) stammen aller Wahrscheinlichkeit nach aus einem einzigen Datenpaket. Eineinhalb Jahre Hausarrest, der Boykott seiner Spendenkonten und die Abwanderung enger Mitarbeiter haben das Wirken von Assange beeinträchtigt. Gleichwohl haben seine Enthüllungen im Westen das Bild von den Kriegen bestätigt und die Volksbewegungen des arabischen Frühlings mit Fakten munitioniert.

Was im Bild der Öffentlichkeit jedoch bleibt, ist das leere Versprechen. Wie erwähnt, nicht das erste. Timothy Leary war nach seiner Rolle als Hippie-Guru selbst einer der ersten Prediger digitaler Heilsversprechen. Die „Virtual Reality“ war für ihn ein ebenso mächtiges Mittel zur Bewusstseinserweiterung wie zuvor psychedelische Drogen. Man setzte sich damals einen Rundumhelm auf, der einem Landschaften aus groben Leuchtlinien in die Augen projizierte. Ein verkabelter Handschuh steuerte dann eine Art Zeiger, mit der man sich durch diese virtuellen Welten bewegen konnte.

Heute ist diese Technologie längst vergessen. Genauso wie die virtuellen Welten der Internetanwendung „Second Life“, bei der man sich mit digitalen Avatar-Püppchen durch Phantasiewelten bewegen konnte, in die nicht nur die Werbeindustrie kurze Zeit viel Geld investierte. Die sogenannte erweiterte Wirklichkeit, die Google mittels einer Computerbrille erobern will, ist dann über die Technikkolumnen kaum hinausgekommen.

Auch die Revolutionen der Kommunikation sind flüchtige Erscheinungen. Newsgroups, basic-HTML-Webseiten, Blogs, Friendster und MySpace spielen keine oder nur noch untergeordnete Rollen im digitalen Miteinander. Die Macher des aktuellen Erfolgsmodells Facebook haben die Zukunft schon erkannt. Die liegt nicht im Internet, sondern in mobilen Geräten. Facebook will nun ein Smartphone entwickeln, um nicht nur als App auf dem iPhone zu enden.

Höhepunkt der digitalen Verzückung ist die Theorie der „Singularity“. Das ist eine Überlegung, die der amerikanische Informatiker Ray Kurzweil angestellt hat. Der prophezeit einen Zeitpunkt, an dem die Maschinen die Intelligenz des Menschen überflügeln und das Geschick der Welt übernehmen. Das erinnert an ein Leitmotiv des amerikanischen Protestantismus, der „Rapture“, des Erlösungsmoments mit der Rückkehr des Messias. Das klingt nicht nur nach Science Fiction. Das ist es auch.

Will man die digitalen Technologien nüchtern betrachten, sollte man die Rolle des Internets für die Volksbewegungen in Schwellen- und Entwicklungsländern sicher nicht unterschätzen. Doch in der westlichen Welt sind die großen Revolutionen schon zwei-, dreihundert Jahre her. Was sich in den Industrienationen durch digitale Technologien verändert hat, ist viel weniger glamourös – der Medienvertrieb, die Kulturvergütung, die Werbung und der Einzelhandel.

Eines der jüngsten Heilversprechen ist nun die „Liquid Democracy“. Die war schon bei Timothy Leary ein Thema. Nun predigt sie die Piratenpartei. Digitales Miteinander und Transparenz sollen dabei die Revolution beflügeln. Noch ist dieses Verfahren für Normalbürger ein schwer durchschaubarer Datensalat. Mag sein, dass es schon bald nutzerfreundliche Oberflächen dafür gibt. Das eigentlich Interessante ist dabei, dass die Piraten nicht die System-, sondern die Verfahrensfrage stellen. Das heißt aber – die Piraten sind keine Revolutionäre, sondern Bürokraten.

Das könnte sie umso wirksamer machen. Die Verfahrensfrage fordert die Politik viel direkter heraus, als eine Utopie. Erste Ansätze transparenter Politik gibt es auch schon. Das sind die Reformen unter dem Begriff „open government“. Dabei geht es jedoch nicht um Revolution, sondern um so banale Dinge wie Meldesysteme für Schlaglöcher und transparente Bezirksversammlungen. Da aber liegt Potenzial. Denn das Internet braucht keine Revolutionäre oder Messiasgestalten. Ein paar Realos und Agnostiker täten der Entwicklung ganz gut.

 

Foto: Timothy Leary/OH

8 Kommentare »

  1. Mich erinnert der weite Bogen an einen Vortrag von Joseph LaPalombara in Berlin zum Abschluss eines Riesenprojekts von meinolf Dierkes zum Thema Organisational Learning. Jospeh LaPalombara berichtete von einer Abteilung bei General Electric, deren einzige Aufgabe darin bestand, gewisse Sachen um keinen Preis auf dem Tisch von Jack Welch landen zu lassen. So was wie ein kluges Abseits.

    Es gibt inzwischen zahllose Webseiten, die über die Ähnlichkeit von Julian Assange mit Anders Breivik phantasieren.

    Sie erliegen der gleichen Naivität wie die Transparenzapostel, die das Durchscheinen als Wahrheitsanspruch missverstehen. Ihnen ist die Gleichzeitigkeit politischer Transparenzversprechen zu den neuesten Oberflächenbehandlungen mit Lotuseffekt noch nicht aufgefallen. Die schönen Oberflächen lassen alles abperlen. Schmutz - wie die Wahrheit. Unterm Mikroskop zeigen die Lotusoberflächen Abgründe wie im Grand Canyon.

    Comment by Hans Hütt — Juni 2, 2012 @ 21:48

  2. Voll einverstanden - siehe auch dazu meinen Essay " Der neue Mebsch" im Spiegel am Montag

    Comment by Matussek — Juni 3, 2012 @ 00:09

  3. Widerspruch:

    Auf der Mikro-Ebene sind die Veränderungen, die durch das soziale Multi-Werkzeug Internet jetzt schon in ihrer Verbreitung und ihrer Vielfalt unzählbar.
    Von Ushahidi bis zur Bedeutung digitaler Kommunikationswege im "Arabischen Frühling", von Craiglist bis zur Öffi-App für den Nahverkehr, von wikipedia über openstreetmap bis hin zu dem bunten Strauß medienpädagogischen Anwendungen - vieles ist bereits da und ausprobiert, aber nicht in die gesamtgesellschaftlichen Strukturen eingebunden. Nach etwas über 6000 Tagen intensiver "breiter" wäre das wahrscheinlich kulturell auch zuviel verlangt.

    Dennoch ist es doch verwegen von Kreye, wegen ein paar über die Maßen gehypten Einzelpersonen bzw. -anwendungen dem Internet seine gesamtgesellschaftlich revolutionäre Wirkung abzusprechen.

    Das Internet in seiner soziokulturellen Bedeutung eröffnet eine neue Ebene der Informations-Evolution. Das Internet hat ein Umwälzungspotential, wie es bei Menschen normalerweise nur entfaltet wird, wenn viel Blut auf der Strasse fliesst.

    Es öffnet eine neue Ebene in der Organisation der gemeinsamen Realitätswahrnehmung. Dadurch bietet es uns die Möglichkeit quasi alle gesellschaftlichen Normen auf den Prüfstand zustellen. Dafür sind einige Teile der Gesellschaft natürlich nur bedingt bereit, zumindest augenscheinlich nicht in der Geschwindigkeit und Umfänglichkeit wie es geschieht. Macht und Einfluß gibt man ungern freiwillig ab.

    Diese Ängste und Widerstände vor dem Wandel muss man ernstnehmen, aber darf nicht vor ihnen kapitulieren. Der Wandel in den Verfahren ist wichtig und verschafft Einblicke in konkrete Probleme "am lebenden Objekt".

    Diesen Moment in der Geschichte gleichwohl nicht auch dafür zu nutzen, den ständig laufenden Utopien-Wettstreit mit Ideen der vernetzten Empathie zu ergänzen, wäre schandhaft.
    Gerade in der aktuellen Weltsituation ist ein wenig frischer (digitaler) Wind nötig, um aus der erkannten Sackgasse heraus neu über das menschliche Miteinander nachzudenken.
    Das Werkzeug Internet lässt sich mannigfaltig einsetzen. Der Raum Internet lässt sich mannigfaltig ausgestalten. Es liegt an engagierten Menschen, dies sowohl auf der praktisch-alltäglichen wie auch der systemischen Ebene am besten zu tun.
    Predigen muss man sicher nicht, aber nur an ein paar Schräubchen zu drehen, macht die Welt allein auch nicht besser. Die westliche Welt mag lange keine Revolutionen mehr gesehen haben, deswegen heisst das aber nicht, dass hier keine mehr möglich und nötig sind. Au Contraire, mon Frère.

    Comment by Jens Best — Juni 3, 2012 @ 00:16

  4. Wahn und Print...

    Zugegeben. Schon ein klein wenig komisch, erst eine Zeitung zu kündigen, um gleich darauf den nächsten Leserbrief zu schicken. Aber der große Kommentar in der heutigen Wochenendausgabe war doch einfach viel zu merkwürdig. Andrian Kreye schreibt (gleich...

    Trackback by phLogfile — Juni 3, 2012 @ 01:52

  5. Eine Differenz zwischen Visionen und Realität festzustellen geht immer. Das ist leicht zu betreiben als Kritik der Visionen. Reine Fingerfertigkeit.
    Schwer ist die kritische (nicht oberflächlihe) Betrachtung dessen, was denn da real entstanden ist und hier, da und überall seine Wirkungen tut. Dabei tut sich mehr, als man "innerlich" merkt. Das ist wie mit dem Älterwerden. Man sieht jeden Tag in den Spiegel - nie sieht man eine "Revolution". Erst wenn man dann plötzlich auf das 20 Jahre alte Bild stößt, ist man konsterniert: Lieber Himmel, was ist mit mir passiert?! So ist es auch mit der "Technologie-Revolution" - Internet und Mobile Devices. Die ist gar nicht laut und plötzlich, sondern voranschreitend. Sie setzt Huf vor Huf. Ich glaube nicht, dass irgend jemand von uns ahnen kann, wo wir damit noch landen können. Sowohl die Prediger als auch die Alltagsveränderer und die Visionskritiker könnten sich noch wundern, wo wir damit landen.
    Kleine Vermutung meinerseits: Wenn das Wohnzimmer-TV demnächst vom Internet-Device nicht mehr unterschieden ist und die Realtime-Kommentare zur Tagesschau unten am Screen eingetwittert werden, geht es nochmal anders ab ;) Aber auch das wird nicht das Ende der Entwicklung sein.

    Comment by Fritz Iversen — Juni 3, 2012 @ 11:51

  6. [...] Kreye, ebenfalls kein unbedeutender Journalist, hat einen desillusionierten Text zum Internet geschrieben: zu den religiösen Zügen der Technologie-Euphorie, zu Assange, Liquid Democrazy und [...]

    Pingback by Thorstena » Links (03.06.2012) — Juni 3, 2012 @ 22:54

  7. Hallo: Irgendjemand hat gesagt: "Es ist schon alles gesagt worden---aber noch nicht von allen." Das wird jetzt im Web praktiziert. Jeder gibt seinen Senf dazu. Das kann zur totalen Egoinflation führen. Doch was soll's? Wir können es auch singen: ..."It's only words..."
    "Wer hat mein Lied so zerstört?" MfG Hapelin

    Comment by Hape Lin — Juni 4, 2012 @ 17:02

  8. [...] Der PR(!)ler Sascha Lobo wehrt sich gegen die religiöse Verklärung des Internets seitens Matthias Matussek und Andrian Kreye bei der Süddeutschen. [...]

    Pingback by Too much information - Papierkorb - Guten Morgen — Juni 7, 2012 @ 08:48

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