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Der Code des Kriegers

Die Obama-Doktrin hat aus dem Freiraum des Cyberspace einen Kriegsschauplatz gemacht

(Von Andrian Kreye) Im Freiraum des Cyberspace, zu dem neben dem Internet auch die Mobilfunksysteme, das Ortungssystem GPS und die in sich geschlossenen Intranets gehören, benahmen sich Computerviren bis vor kurzem noch wie Würmer und Insekten. Stumpf krochen sie in Nischen, hinterließen lästige Spuren und richteten mal mehr, mal weniger Schaden an. Dann kam das Supervirus Stuxnet, das iranische Atomanlagen befiel.

Stuxnet benahm sich wie der Kino-Topagent Jason Bourne. Der Code verbarg sich, lauerte, dann ließ er die Zentrifugen der Aufbereitungsanlage in Natans so schnell hoch- oder herunterfahren, dass deren sensible Mechanik kaputtging, um sogleich wieder zu verschwinden. Beim nächsten Angriff richtete das Virus dann vielleicht Routineschäden an oder verwirrte die Störmelder. Es verrichtete sein Zerstörungswerk so unbemerkt, dass die iranischen Atomwissenschaftler bald an ihrer Arbeit zweifelten. Erst als sich Stuxnet in den Laptop eines Ingenieurs verirrte, benahm es sich wiejedes andere Virus und befiel auch noch das freie Internet.

In dem Buch „Confront and Conceal: Obama’s Secret Wars and Surprising Use of American Power“, das David E. Sanger, der Chefkorrespondent der New York Times in Washington, vergangene Woche veröffentlichte, lesen sich diese Techno-Episoden wie Thriller. Es war dann auch kein Zufall, dass Barack Obama am vergangenen Mittwoch seinen Wahlkampfauftritt in Beverly Hills wie die Eröffnungsszene aus dem Film „Patton“ inszenierte. Der Auftritt von George C. Scott als Weltkriegsgeneral vor einem monumentalen Sternenbanner gilt bis heute als einer der patriotischsten Momente der amerikanischen Filmgeschichte. Und Obama lässt sich in Sangers Buch zum brillanten Feldherren stilisieren.

Es geht darin um Afghanistan, um Irak, Pakistan, China, Nordkorea und natürlich um al-Qaida. Es sind aber vor allem die Methoden des sogenannten Cyberwar, die aus dem Feldherren einen Dirty Harry machen. Und wie Clint Eastwoods Renegaten-Copbekommt auch Obama erst einmal Sympathiepunkte.

Immerhin verhinderte der Cyberangriff gegen Iran bisher genau den Ernstfall, vor dem viele Angst haben – einen israelischen Luftschlag gegen iranische Atomanlagen. Was zunächst auf der Strecke blieb, waren Kriegs- und Völkerrecht. Nun leben Actionhelden wie Jason Bourne und Dirty Harry ja gerade davon, dass sie sich über unzulängliche Bürokratien und weltfremde Regeln hinwegsetzen, um zum dramatischen Ziel zu gelangen. Wenn dies aber der mächtigste Mann der Welt und Oberbefehlshaber der schlagkräftigsten Armee tut, hat das allerdings ganz andere Folgen.

Für Angriffe im Cyberspace reichen die Regeln des Kriegs- und Völkerrechts derzeit nicht mehr aus. Stuxnet und die jetzt von Sangers Buch bestätigte Tatsache, dass die USA das Virus lanciert haben, machen aus einer bisher nur theoretischen Debatte nun ein handfestes Rechtsproblem und ein folgenreiches Politikum.

Sanger liest aus der komplexen Kriegsführung des amerikanischen Präsidenten eine „Obama-Doktrin“ heraus. Diese bestehe aus einem Wechselspiel zwischen Diplomatie, hartem Durchgreifen und Schadensbegrenzung. Amerikanische Interessen hätten dabei absolute Priorität. Die Cyberangriffe mit dem Decknamen „Olympic Games“ seien dafür exemplarisch. Mangels diplomatischer Spielräume habe Obama einen harten Weg mit höchstmöglicher Schadensbegrenzung gewählt.

Nun diskutierte Obama mit seinem Beraterstab immer wieder, welche Folgen es haben könnte, wenn solche Angriffe bekannt würden. Als sich Stuxnet dann über den Laptop eines iranischen Ingenieurs aus dem streng abgeschirmten Netzwerk der Atomanlage ins Internet verirrte, stellte er sofort die Frage, ob man das Programm aufgeben sollte. Was Obama fürchtete, war der Präzedenzfall eines digitalen Angriffes unter amerikanischer Ägide. Warum sollten andere Nationen oder auch nichtstaatliche Akteure sich nicht solcher Mittel bedienen, wenn eine Supermacht es vormacht?

Lange hielten diese Skrupel nicht vor. Die Tatsache, dass Sangeraus Regierungskreisen mit Informationen gefüttert wurde, bedeutet, dass Obama indirekt mit den Attacken prahlt, die mancher Völkerrechtler als militärische Aggression wertet. Bekannt ist, dass die USA Hunderte Millionen Dollar in Cyberwar-Programme investierten. Und es kommt heraus, dass Obama in jeden Schritt der Operation eingeweiht war, während der die USA und Israel Stuxnet entwickelten und in Iran einschleusten. Das eröffnet eine neue Dimension der kriegs- und völkerrechtlichen Fragen.

Erst im vergangenen März trafen sich führende Völkerrechtler auf Einladung der Universität Potsdam, des Deutschen Roten Kreuzes und der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, um das Thema zu diskutieren. Gibt es einen adäquaten legalen Rahmen? Sind Cyberangriffe als bewaffneter Konflikt zu werten? Gelten dafür die gleichen Verhaltensregeln wie auf dem Schlachtfeld? Gibt es in solchen Fällen ein Recht auf Selbstverteidigung, und darf diese mit konventionellen Mitteln ausgeführt werden? Und schließlich die Schlüsselfrage – gibt es Bedarf für neue Regeln und Gesetze?

Das erinnert ein wenig an die Debatten um das Urheberrecht. Auch hier stoßen über Jahrhunderte gewachsene Regeln und Konventionen angesichts neuer Technologien an ihre Grenzen. Wenn Stuxnet so etwas wie der digitale Erstschlag war, dann wird sich die Cyberwar-Debatte in den nächsten Jahren mit jedem neuen Fall verschärfen. Die Szenarien in den Planspielen staatlicher Nachrichtendienste und phantasievoller Buchautoren sind jedenfalls so dramatisch, dass man sich bald schon nach den Zeiten zurücksehnen dürfte, als sich Zivilisten noch um Filmtauschbörsen und heruntergeladene Popsongs stritten.

Wovon man sich zu allererst verabschieden muss, ist die landläufige Annahme, es handle sich beim Cyberspace um so etwas wie eine abstrakte vierte Dimension im Reich der Elektronen. Auch dazu ist gerade ein Buch erschienen. Für „Tubes: A Journey to the Center of the Internet“ reiste Andrew Blum, Reporter der Zeitschrift Wired, rund um die Welt, um Orte zu besuchen, an denen das Internet physische Form annimmt – Kabelsilos in Manhattan, Transatlantikknoten in Europa, Serverzentren im Nordwesten der USA. Was Blum da beschreibt, ist eine Industriestruktur, die sich ganz buchstäblich durch Gebirgsmassive, Ozeangräben und rund um Kontinente bohrt.

Diese Struktur ist die erste Frontlinie im Cyberwar, der gerade deswegen so gefährlich ist, weil er die Asymmetrien der konventionellen Kriegsführung aufhebt. Stuxnet war so komplex, dass nur ein Staat die Mittel aufbringen konnte, den Code zu entwickeln. Doch es reicht schon ein viel schlichteres Virus, um Infrastrukturen zu zerstören, die von den Genfer Konventionen bisher geschützt waren.

Angesichts des amerikanischen Vorsprungs hat Russland schon die Forderung nach einer Konvention gestellt, die Cyberwaffen verbietet. Solche Vorstöße gab es mit jeder neuen Waffentechnologie, schreibt der Völkerrechtler Michael Bothe. Legendär sei der Versuch zweier Päpste im 12. Jahrhundert gewesen, die Armbrust zu verbieten, mit der die Rüstungen der Ritter unwirksam wurden. Fast immer war die Technologie schneller und mächtiger als der Wunsch, sie zu stoppen. Um die Debatte, wie die Welt mit einem Cyberspace umgehen soll, der kein Freiraum, sondern Kriegsschauplatz ist, kommt man trotzdem nicht herum.

Foto: Barack Obama am 6.6.2012 im Regent Beverly Wilshire Hotel/DPA

08.06.12 | 06:31 | 2 Kommentare

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04.06.12 | 05:34 | 0 Kommentare

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02.06.12 | 16:18 | 8 Kommentare

Prediger und Revolutionäre

(Von Andrian Kreye) Das Schlimmste an der Euphorie ist der Kater danach. Der stellt sich rund um das Internet in letzter Zeit immer häufiger ein. Das liegt weniger am Internet als an den hohen Erwartungen. Die gibt es schon lange. Als sich der wegen seiner LSD-Forschungen als Hippie-Guru gefeierte Harvard-Psychologe Timothy Leary mit dem Schriftsteller und Erfinder des „Cyberspace“-Begriffs, William Gibson, vor fast zwanzig Jahren über die Zukunft des Internets unterhielt, landeten die beiden schon bald bei Hermann Hesses „Glasperlenspiel“. Hesse deute an, „dass die Entwicklung von Intelligenzmaschinen neue Religionen schaffen wird“, stellten sie da fest.

Leary und Gibson waren früh auf der richtigen Spur: Der Glaube an die menschheitsverändernden Umwälzungen durch die digitalen Technologien, den sie erstmals formulierten, hat durchaus religiöse Züge. Unzählige Prediger ziehen immer wieder mit Heilsversprechen durch die Welt, die mit buchstäblicher Verzückung angenommen werden. Einer dieser Prediger ist Julian Assange.

Es gibt nur wenige Figuren, die eine so atemberaubende Laufbahn hinter sich haben wie der australische Gründer der Enthüllungs-Webseite Wikileaks. Vor zwei Jahren stieg er innerhalb von wenigen Monaten vom obskuren Hacker zur Schlüsselfigur des Weltgeschehens auf. Mehrere hunderttausend geheime Regierungsakten veröffentlichte er über seine Webseite. Seine Ideologie einer radikalen Transparenz hatte dabei nicht nur alle Züge eines religiösen Dogmas. Assanges Anhänger glaubten, dass sie den Lauf der Geschichte ein für allemal verändern würde. Und nicht nur seine Anhänger glaubten dies. Das US-Nachrichtenmagazin Time hätte ihn fast zur Person des Jahres 2010 erklärt. Seine Gegner verteufelten den weißhaarigen Internetaktivisten dagegen als gefährlichen Frevler.

Heute ist Assange nur noch eine Fußnote im Weltgeschehen. Am vergangenen Mittwoch lehnte der britische Supreme Court Assanges Berufung gegen seine Auslieferung nach Schweden ab, wo er wegen des Verdachts sexueller Belästigung befragt werden soll. Das interessierte die breite Öffentlichkeit kaum noch. Dabei war es der bisher größte Rückschlag im Leben eines Mannes, der noch vor eineinhalb Jahren als Revolutionär gefeiert und gefürchtet wurde.

Es gibt sicher viele Gründe dafür, dass Julian Assanges Ansehen so gelitten hat. Seine egomanischen Züge, sein chronischer Verfolgungswahn, seine Verschwörungstheorien, und auch die diffusen Berichte über seine erotischen Erlebnisse mit den zwei schwedischen Damen, die sich bei der Polizei über ihn beschwerten. Vernünftig war weder die Verehrung, noch ist es die Enttäuschung.

Assange hat den Lauf der Geschichte nicht verändert. Nicht einmal das Wesen des Journalismus, wie es geheißen hatte. Er hat einen einmaligen Coup gelandet. Sämtliche der großen Wikileaks-Enthüllungen (die Akten aus den Kriegen in Afghanistan und Irak, die diplomatischen Depeschen und das Material aus dem Gefangenenlager Guantanamo) stammen aller Wahrscheinlichkeit nach aus einem einzigen Datenpaket. Eineinhalb Jahre Hausarrest, der Boykott seiner Spendenkonten und die Abwanderung enger Mitarbeiter haben das Wirken von Assange beeinträchtigt. Gleichwohl haben seine Enthüllungen im Westen das Bild von den Kriegen bestätigt und die Volksbewegungen des arabischen Frühlings mit Fakten munitioniert.

Was im Bild der Öffentlichkeit jedoch bleibt, ist das leere Versprechen. Wie erwähnt, nicht das erste. Timothy Leary war nach seiner Rolle als Hippie-Guru selbst einer der ersten Prediger digitaler Heilsversprechen. Die „Virtual Reality“ war für ihn ein ebenso mächtiges Mittel zur Bewusstseinserweiterung wie zuvor psychedelische Drogen. Man setzte sich damals einen Rundumhelm auf, der einem Landschaften aus groben Leuchtlinien in die Augen projizierte. Ein verkabelter Handschuh steuerte dann eine Art Zeiger, mit der man sich durch diese virtuellen Welten bewegen konnte.

Heute ist diese Technologie längst vergessen. Genauso wie die virtuellen Welten der Internetanwendung „Second Life“, bei der man sich mit digitalen Avatar-Püppchen durch Phantasiewelten bewegen konnte, in die nicht nur die Werbeindustrie kurze Zeit viel Geld investierte. Die sogenannte erweiterte Wirklichkeit, die Google mittels einer Computerbrille erobern will, ist dann über die Technikkolumnen kaum hinausgekommen.

Auch die Revolutionen der Kommunikation sind flüchtige Erscheinungen. Newsgroups, basic-HTML-Webseiten, Blogs, Friendster und MySpace spielen keine oder nur noch untergeordnete Rollen im digitalen Miteinander. Die Macher des aktuellen Erfolgsmodells Facebook haben die Zukunft schon erkannt. Die liegt nicht im Internet, sondern in mobilen Geräten. Facebook will nun ein Smartphone entwickeln, um nicht nur als App auf dem iPhone zu enden.

Höhepunkt der digitalen Verzückung ist die Theorie der „Singularity“. Das ist eine Überlegung, die der amerikanische Informatiker Ray Kurzweil angestellt hat. Der prophezeit einen Zeitpunkt, an dem die Maschinen die Intelligenz des Menschen überflügeln und das Geschick der Welt übernehmen. Das erinnert an ein Leitmotiv des amerikanischen Protestantismus, der „Rapture“, des Erlösungsmoments mit der Rückkehr des Messias. Das klingt nicht nur nach Science Fiction. Das ist es auch.

Will man die digitalen Technologien nüchtern betrachten, sollte man die Rolle des Internets für die Volksbewegungen in Schwellen- und Entwicklungsländern sicher nicht unterschätzen. Doch in der westlichen Welt sind die großen Revolutionen schon zwei-, dreihundert Jahre her. Was sich in den Industrienationen durch digitale Technologien verändert hat, ist viel weniger glamourös – der Medienvertrieb, die Kulturvergütung, die Werbung und der Einzelhandel.

Eines der jüngsten Heilversprechen ist nun die „Liquid Democracy“. Die war schon bei Timothy Leary ein Thema. Nun predigt sie die Piratenpartei. Digitales Miteinander und Transparenz sollen dabei die Revolution beflügeln. Noch ist dieses Verfahren für Normalbürger ein schwer durchschaubarer Datensalat. Mag sein, dass es schon bald nutzerfreundliche Oberflächen dafür gibt. Das eigentlich Interessante ist dabei, dass die Piraten nicht die System-, sondern die Verfahrensfrage stellen. Das heißt aber – die Piraten sind keine Revolutionäre, sondern Bürokraten.

Das könnte sie umso wirksamer machen. Die Verfahrensfrage fordert die Politik viel direkter heraus, als eine Utopie. Erste Ansätze transparenter Politik gibt es auch schon. Das sind die Reformen unter dem Begriff „open government“. Dabei geht es jedoch nicht um Revolution, sondern um so banale Dinge wie Meldesysteme für Schlaglöcher und transparente Bezirksversammlungen. Da aber liegt Potenzial. Denn das Internet braucht keine Revolutionäre oder Messiasgestalten. Ein paar Realos und Agnostiker täten der Entwicklung ganz gut.

 

Foto: Timothy Leary/OH

01.06.12 | 13:34 | 1 Kommentar

Der Sommer ist vorbei – zum neuen Album der Beach Boys

(Von Andrian Kreye) Es soll Leute geben, die wünschen sich die Mauer zurück. Das kann man ausnahmsweise nachvollziehen, wenn man das neue Album der wiedervereinigten Beach Boys anhört. Vielleicht war früher eben doch alles besser. Brian Wilson verlebte seine chronische Rekonvaleszenz als nachhaltig verstörtes Genie, das mit dem Album „Pet Sounds“ 1966 einen Goldstandard des Pop geschaffen hatte. Seine Brüder, Verwandten und Bekannten, die weiter als Beach Boys firmierten, fristeten ihr Dasein als Lieferanten für die Ferienmusik amerikanischer Kleinbürger, die sich ihren Urlaub an überfüllten Stränden schöntrinken müssen.

Auf „That’s Why God Made The Radio“ (Capitol) sollte das zur ersten gemeinsamen Tour seit 46 Jahren wieder zusammengeführt werden. Aber es wächst nicht mehr zusammen, was vor Jahrzehnten an Wilsons Wahn zerbrach. Die Songtitel klingen zwar, als hätten sie sich „Pet Sounds“-Fans ausgedacht, die Bands wie die High llamas oder die Wondermints gründeten. „Daybreak Over the Ocean“, „Pacific Coast Highway“ oder „Summer’s Gone“ versprechen erst einmal jene bittersüße, vielstimmige Harmonie, mit der sich die Beach Boys aus ihrer betulichen Surf-Phase in ihre großen Pop-Jahre gerettet hatten. Schwer zu sagen, was dann in Brian Wilson und seinen Cousin Mike Love gefahren ist, als sie hinter dem Mischpult standen.

Schlagzeug und Bass schieben sich aufdringlich in den Vordergrund. Das könnte man noch als Zugeständnis für zeitgenössische Klangspektren deuten, nur haben Schlagzeug und Bass hier nicht mehr beizutragen als gesittete Pflichterfüllung, wie man sie von Fernsehorchestern kennt. Die klassischen Chorsätze flattern unterdessen silbrig durch den Autotune-Filter, der auch Brian Wilsons Schwächen beim Intonieren ausgleicht.

Solche Verirrungen in vermeintlich zeitgemäße Klangbilder haben schon andere Pop-Pioniere zur Strecke gebracht, die den Klang ihrer Zeit prägten. „Pet Sounds“ war so ein Meilenstein, und dazu gehörte zwar Carol Kayes prägnant gezupfter Fender-Bass als Gegengewicht zu Brian Wilsons Klang- und Chorwänden. Doch was damals überwältigend klang, ist heute vollkommen aus der Balance geraten, wirkt fast dilettantisch.

Das Gleiche gilt für die Songs. Die Emotionen sind aufgewärmt, die Ideen manchmal schamlos plagiiert – die erste Strophe von „Pacific Coast Highway“ ist fast identisch mit den ersten Takten von „(You Make Me Feel Like) A Natural Woman“, das Carole King für Aretha Franklin schrieb. Karibik-Klischees und Schunkel-Motive verorten die Beach Boys 2012 dann endgültig in der „Margaritaville“-Seligkeit, mit der Florida-Barde Jimmy Buffett das Erbe der Surfmusik schändete. Spätestens bei „Spring Vacation“ stellt sich ein mentales Sodbrennen ein, das die nostalgischen Qualitäten gut abgehangener Popmusik ins Gegenteil verkehrt. Das weckt eher unangenehme Erinnerungen an erste unkontrollierte Jugenderfahrungen als an sonnendurchflutete Teenager-Tage, die Musikvideos so gerne verklären.

Alles in allem klingt es, als hätte einer jener gewissenlosen Broadway-Produzenten, die immer häufiger das Erbe des Pop fleddern, ein Musical über die Beach Boys geschrieben und das dann mit jener Sorte lustloser Profimusiker inszeniert, die im Orchestergraben großer Musicalproduktionen ein bürgerliches Auskommen suchen. Die Zeitläufte mögen ungerecht sein – man kann die Aufbruchsstimmung einer Jugendkultur im Kalifornien der Sechziger nicht mit der Verwaltung des eigenen Erbes vergleichen. Doch nach der letzten Nummer wünscht man sich, man hätte das Album nie gehört. Das ist dann allerdings zu spät.

Foto: EMI

01.06.12 | 06:23 | 0 Kommentare

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