0 KommentarePräsidiales Cool
(Aus der SZ vom 27.4. 12, von Andrian Kreye) Am vergangenen Dienstag eröffnete Barack Obama die heiße Phase des US-Wahlkampfs während der Late Night Show des Moderators Jimmy Fallon mit einem Auftritt in dem Sketch 'Slow Jamming the News'. 'Slow Jams' sind in der Soulmusik so etwas wie die verschärfte Version des Schiebers. Sänger wie Barry White und Isaac Hayes waren in den siebziger Jahren für diese Sorte Songs bekannt, bei denen sie im verführerischen Bariton Erotisches über Rhythmen raunten, die ganz bewusst an die Bewegungen eines Liebesaktes erinnerten.
So ganz ernst nimmt man dieses Genre heute nicht mehr. Bei Jimmy Fallon verlesen Moderator und Band deswegen zur nationalen Belustigung Nachrichten in diesem Stil. Obama raunte auch keine Schlüpfrigkeiten. Er verkündete zum lasziven Beat der Studioband seine Initiative im Kongress, die Zinssätze für Studienkredite zu begrenzen. Nachdem die Sendung auf dem Campus der University of North Carolina in Chapel Hill aufgezeichnet worden war, war der Jubel des studentischen Live-Publikums erwartungsgemäß frenetisch.
Politisch positioniert sich Obama mit dem Auftritt ganz eindeutig. Amerikanische Studenten verlassen die Colleges und Universitäten wegen der hohen Studiengebühren mit einer Schuldenlast von durchschnittlich 25000 Dollar. Eine Summe, die sie oft durch die ersten zehn Jahre ihres Berufslebens schleppen. Mit seiner Ankündigung, diese Last wenigstens etwas zu mildern, stellte sich Obama deutlich gegen die Politik der Republikaner, die vor allem dafür bekannt sind, die Steuerlast des obersten Einkommensprozents zu senken.
Obama festigte mit seinem Auftritt aber auch sein Image als der 'coolste Präsident in der Geschichte Amerikas'. Es gab einige solcher Momente in den vergangenen Monaten. Sein Auftritt bei einer Wahlveranstaltung im Apollo Theater in Harlem, bei dem Obama recht ordentlich ein paar Takte aus Al Greens Soulklassiker 'Let"s stay together' anstimmte. Seine Einlage bei der 'Blues Night' des Weißen Hauses, als er zu B.B. Kings Gitarrenbegleitung 'Sweet Home Chicago' sang, während Mick Jagger ihn anfeuerte. Das Foto, das Obama zeigt, wie er mit einem der Hausmeister des White House den jovialen Faust-gegen-Faust-Gruß austauscht.
Um diese vermeintlich spontanen Einlagen zu übertreffen, war der Auftritt bei Jimmy Fallon perfekt. Fallon ist nicht nur der neue Star der Late-Night-Moderatoren, er gilt auch als der Coolste seiner Zunft. Seine Studioband ist die versierte Hip-Hop-Formation The Roots. Die meisten Amerikaner kennen Fallon noch als Komiker aus der Comedy-Sendung 'Saturday Night Live', die seit 1975 der Außenposten des Cool und Hip im Fernsehen ist. So erreicht Obama eine junge Wählerschaft, für die laut einer Untersuchung ironische Talk- und Satiresendungen wie 'The Daily Show with Jon Stewart' während Wahlkämpfen eine ebenso wichtige Informationsquelle sind wie Zeitungen und Nachrichtensendungen.
Nun haben Auftritte großer Politiker bei solchen Sendungen Tradition. Bill Clinton spielte in der Talkshow von Arsenio Hall Saxofon. John McCain war Stammgast bei Jon Stewart. Auftritte beim Chef-Ironiker David Letterman sind Pflicht im Wahlkampf. So souverän, wie Obama seine Slow-Jam-Nachrichten überstand, bekam es allerdings noch keiner hin. Bleibt nur die Frage, ob Cool noch cool sein kann, wenn der oberste Regierungsvertreter die einst so subversive Haltung für sich pachtet.
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