23.04.12 | 13:14 | 0 Kommentare

Die Nacht, als der alte Süden unterging – zum Tod von Levon Helm

 

(Aus der SZ vom 21.4.2012, von Andrian Kreye) In den letzten Jahren seines Lebens, als Levon Helm schon an jenem Krebs erkrankt war, dem er nun erlegen ist, war die Scheune, die er in den Wäldern bei Woodstock zu einem Konzertstudio ausgebaut hatte, die wohl eindrücklichste Pilgerstätte des amerikanischen Rock. Jeden Sonntag veranstaltete er dort einen sogenannten Midnight Ramble, eine Session mit Bands, Musikern und Stars, die oft aus dem ganzen Land zusammenkamen. Levon Helm saß in diesen Nächten selbst am Schlagzeug, und als er nach den ersten Operationen seine Stimme wiedergefunden hatte, sang er auch wieder. Vor allem die Songs, mit denen er gemeinsam mit The Band Geschichte geschrieben hatte – „The Weight“, „King Harvest“, „The Night They Drove Old Dixie Down“.

Wenn dann in einer Sommernacht die Scheunentore offenstanden, vom Teich eine Brise in den großen Raum wehte und er mit seiner rauen Stimme die biblisch schweren Zeilen der Songs anstimmte, verstand man auch als Europäer, warum The Band für die amerikanische Rockgeschichte eine ähnliche Bedeutung hatten, wie die Beatles für den Rest der Welt.

Der Journalist John Poppy beschrieb das 1970 so: „Sie haben in mir Gefühle aufgewühlt, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie habe. Sie beschwören ein Amerikanischsein, das mich direkt in eine Art Heimat des Herzens transportiert. Das sind Versatzstücke unseres gemeinsamen Lebens auf diesem Kontinent. Und deswegen treffen dich ihre Songs wie ein Geruch aus der Kindheit, der sofort satte, scharfe Erinnerungen in einem weckt.“

Als Europäer kann man so etwas natürlich nur als exotischen Rausch begreifen. Dieses inbrünstige Gemeinschaftsgefühl aus dem gemeinsamen Kampf um den Kontinent, die spirituellen Wurzeln im Glauben und seinen Mythen sind einem als säkularem Humanisten so fremd wie die Ekstasen islamischer Sufis. In der Musik aber lassen sich solche Erlebnisse auch ohne die Wurzeln und den Glauben nachvollziehen. Und so versteht man auch, dass eine solch emotionale Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln in den Ausläufern der psychedelischen Hippiejahre eine Revolution gewesen sein muss.

Als 1968 The Band’s Debütalbum „Music From The Big Pink“ erschien, hatten die Beatles im Jahr zuvor den üppig produzierten Bilderbogen „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ herausgebracht, die Rolling Stones hatten sich in psychedelische Experimente verrannt. Die karg produzierte Musik von The Band war eine Absage an den Mehrspur-Monumentalismus, der aus der popmusikalischen Gegenkultur schon bald eine Industrie machen sollte. Big Pink war ein rosafarbenes Holzhaus in West Saugerties, in dem sich die fünf Musiker zusammenfanden, um mit Bob Dylan zu arbeiten, der ins benachbarte Woodstock gezogen war.

Sie hatten ihn seit 1965 auf seinen elektrisch verstärkten Touren begleitet. Mit seinem ersten elektrischen Auftritt beim Newport Folk Festival hatte sich Dylan nachhaltig den Groll seiner Fans zugezogen. Dylan steckte den Groll zwar souverän weg. Seine ursprüngliche Band hatte ihn jedoch schon bald verlassen. Und auch für die fünf Clubmusiker, die Dylan in Toronto entdeckt hatte, war es nicht leicht. Gleich beim ersten Auftritt vor 15 000 Menschen im New Yorker Tennisstadion Forest Hills brach der Zorn über sie herein.

Helm stieg schon nach wenigen Konzerten aus. Er sei nicht dafür geschaffen, sich ausbuhen zu lassen, sagte er. Für seine vier Mitmusiker und auch für Dylan war es ein schwerer Schlag. Robbie Robertson, Rick Danko, Garth Hudson und Richard Manuel hatten Helm 1960 kennengelernt, als er mit dem Rockabilly-Sänger Ronnie Hawkins aus dem amerikanischen Arkansas ins kanadische Toronto gezogen war, weil die Gagen dort besser waren. Hawkins engagierte die vier jungen Kanadier. Für die, und später auch für Dylan, der nicht weit von der kanadischen Grenze in Minnesota aufwuchs, verkörperte Helm als Sohn des amerikanischen Südens all die Urmythen des amerikanischen Rock, die sie in ihrer Jugend nur aus dem Radio kannten. Helm war auf einer Farm im Mississippi Delta aufgewachsen. In den Clubs im nahen Helena hatte er schon als Kind Blues und Country gehört, hatte bald selbst angefangen zu spielen. In der elften Klasse verließ er die Schule, um sich Ronnie Hawkins’ Band anzuschließen. Die biblische Schwere in den Texten, die Dylan und The Band Ende der sechziger Jahre schrieben, die spröde Musik voller Country, Blues, Gospel und archaischem Folk waren für Helm keine exotischen Sehnsuchtsmotive, sondern Teil seiner DNA.

Als sich Dylan dann nach Woodstock zurückzog, kehrte auch Helm zurück. Die Musik, mit Dylan, die auf den legendären „Basement Tapes“ erschien, und die Songs, die sie ohne Dylan auf ihren ersten beiden Alben einspielten, legten das Fundament für alles, was in der amerikanischen Rockmusik bis heute geschehen ist. Da fand sich die Rückbesinnung auf Country, wie ihn The Grateful Dead und The Eagles praktizierten, die Bodenständigkeit von Bruce Springsteen und die Amerikana-Mentalität, die sich durch Dylans Spätwerk und durch die Musik all der Wiedergänger von Wilco über die Fleet Foxes bis zu Arcade Fire zieht.

Offiziell lösten sich The Band 1976 mit dem Konzert auf, das Martin Scorsese für den Film „The Last Waltz“ aufnahm. Nach dem Streit mit Gitarrist Robbie Robertson tourte Helm immer wieder mit den anderen Musikern als The Band. Er begann eine Laufbahn als Schauspieler, spielte in Filmen wie „Nashville Lady“ und „The Right Stuff“. In den letzten Jahren wurzelten Levon Helms Alben immer deutlicher im Country und Folk. Drei Grammys bekam er dafür. Am Donnerstag ist Levon Helm in einem New Yorker Krankenhaus gestorben. Er wurde 71 Jahre alt.

Foto:  Levon Helm (rechts) und der Gitarrist Robbie Robertson im Sommer 1969 bei Proben von The Band in Woodstock. Elliot Landy/Magnum/ Agentur Focus

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