30.04.12 | 07:31 | 0 Kommentare

#musicmonday

"The Very Best" - Yoshua Alikuti. Nigerianische Satire auf Lil Wayne's "A Mili"-Video

26.04.12 | 19:10 | 0 Kommentare

Präsidiales Cool


(Aus der SZ vom 27.4. 12, von Andrian Kreye)
Am vergangenen Dienstag eröffnete Barack Obama die heiße Phase des US-Wahlkampfs während der Late Night Show des Moderators Jimmy Fallon mit einem Auftritt in dem Sketch 'Slow Jamming the News'. 'Slow Jams' sind in der Soulmusik so etwas wie die verschärfte Version des Schiebers. Sänger wie Barry White und Isaac Hayes waren in den siebziger Jahren für diese Sorte Songs bekannt, bei denen sie im verführerischen Bariton Erotisches über Rhythmen raunten, die ganz bewusst an die Bewegungen eines Liebesaktes erinnerten.

So ganz ernst nimmt man dieses Genre heute nicht mehr. Bei Jimmy Fallon verlesen Moderator und Band deswegen zur nationalen Belustigung Nachrichten in diesem Stil. Obama raunte auch keine Schlüpfrigkeiten. Er verkündete zum lasziven Beat der Studioband seine Initiative im Kongress, die Zinssätze für Studienkredite zu begrenzen. Nachdem die Sendung auf dem Campus der University of North Carolina in Chapel Hill aufgezeichnet worden war, war der Jubel des studentischen Live-Publikums erwartungsgemäß frenetisch.

Politisch positioniert sich Obama mit dem Auftritt ganz eindeutig. Amerikanische Studenten verlassen die Colleges und Universitäten wegen der hohen Studiengebühren mit einer Schuldenlast von durchschnittlich 25000 Dollar. Eine Summe, die sie oft durch die ersten zehn Jahre ihres Berufslebens schleppen. Mit seiner Ankündigung, diese Last wenigstens etwas zu mildern, stellte sich Obama deutlich gegen die Politik der Republikaner, die vor allem dafür bekannt sind, die Steuerlast des obersten Einkommensprozents zu senken.

Obama festigte mit seinem Auftritt aber auch sein Image als der 'coolste Präsident in der Geschichte Amerikas'. Es gab einige solcher Momente in den vergangenen Monaten. Sein Auftritt bei einer Wahlveranstaltung im Apollo Theater in Harlem, bei dem Obama recht ordentlich ein paar Takte aus Al Greens Soulklassiker 'Let"s stay together' anstimmte. Seine Einlage bei der 'Blues Night' des Weißen Hauses, als er zu B.B. Kings Gitarrenbegleitung 'Sweet Home Chicago' sang, während Mick Jagger ihn anfeuerte. Das Foto, das Obama zeigt, wie er mit einem der Hausmeister des White House den jovialen Faust-gegen-Faust-Gruß austauscht.

Um diese vermeintlich spontanen Einlagen zu übertreffen, war der Auftritt bei Jimmy Fallon perfekt. Fallon ist nicht nur der neue Star der Late-Night-Moderatoren, er gilt auch als der Coolste seiner Zunft. Seine Studioband ist die versierte Hip-Hop-Formation The Roots. Die meisten Amerikaner kennen Fallon noch als Komiker aus der Comedy-Sendung 'Saturday Night Live', die seit 1975 der Außenposten des Cool und Hip im Fernsehen ist. So erreicht Obama eine junge Wählerschaft, für die laut einer Untersuchung ironische Talk- und Satiresendungen wie 'The Daily Show with Jon Stewart' während Wahlkämpfen eine ebenso wichtige Informationsquelle sind wie Zeitungen und Nachrichtensendungen.

Nun haben Auftritte großer Politiker bei solchen Sendungen Tradition. Bill Clinton spielte in der Talkshow von Arsenio Hall Saxofon. John McCain war Stammgast bei Jon Stewart. Auftritte beim Chef-Ironiker David Letterman sind Pflicht im Wahlkampf. So souverän, wie Obama seine Slow-Jam-Nachrichten überstand, bekam es allerdings noch keiner hin. Bleibt nur die Frage, ob Cool noch cool sein kann, wenn der oberste Regierungsvertreter die einst so subversive Haltung für sich pachtet.

26.04.12 | 11:26 | 2 Kommentare

„Jazz muss man ständig erneuern“

 

Der 34-jährige Pianist Robert Glasper gehört gemeinsam mit Esperanza Spalding und Gregory Porter zu einer Welle junger Jazzmusiker, die sich wenig um Genres scheren. Mit seiner Gruppe Robert Glasper Experiment hat er nun das Album „Black Radio“ (Blue Note) aufgenommen, auf dem er mit Gästen wie der Soulsängerin Erykah Badu und dem Rapper Lupe Fiasco die Grenzen zwischen Hip-Hop, Soul und Jazz auflöst.

Im Interview mit der Jazz-Zeitschrift Downbeat haben Sie gesagt, Sie seien so gelangweilt vom Jazz, dass Sie nichts dagegen hätten, wenn etwas Schlimmes passiert. Wörtlich: „Eine Ohrfeige schmerzt, aber es gibt einen Punkt, da weckt sie dich einfach auf und ich glaube, irgendjemand sollte dem Jazz den Hintern versohlen.“ Wie hat man denn in Amerika darauf reagiert?

Robert Glasper: (Lacht) Ich bin ja gerade auf Tour, deswegen habe ich nicht allzu viel mitgekriegt. Aber es stimmt. Die Jazzgemeinde schneidet sich permanent ins eigene Fleisch. In den Jazzzeitschriften geht es fast nur um Wiederveröffentlichungen oder um sehr alte Jazzmusiker. Bei den Jazzradiosendern dürfen die DJs nichts spielen, was nach 1968 aufgenommen wurde. Kein anderes Genre vergräbt sich so tief in seiner Vergangenheit.

Auch in der Rockmusik werden die Alten gefeiert, und die Jungen klingen wie die Alten.

Glasper:Aber im Rock blickt man auf die sechziger und siebziger Jahre zurück. Das hat durchaus noch gesellschaftliche Relevanz. Im Jazz schauen wir auf Louis Armstrong zurück. Da gibt es keine Verbindung mehr zum Hier und Jetzt.

Woran liegt das?


Glasper: Jazz hat aufgehört, sich weiterzuentwickeln, hat den Anschluss an die Gesellschaft verloren. Miles Davis war immer auf der Höhe der Zeit. Und selbst die Jazzpuristen halten ja viel von ihm. Und da liegt der Widerspruch, weil die Puristen nicht wollen, dass man sich als junger Musiker weiterentwickelt. Als Künstler darf man aber nicht stagnieren.

Wann hat Jazz aufgehört, sich weiterzuentwickeln?


Glasper: In den siebziger Jahren gab es Jazzfusion, in den achtziger Jahren haben Wynton und Branford Marsalis nochmal frischen Wind gebracht, dann kam noch Kenny Garrett, danach wird es schon schwierig. Und selbst das waren meist Quintette und Quartette. Man hatte den Sound schon gehört. Früher war Jazz die coolste, aufregendste, modernste Musik, die sich um nichts geschert hat. Es war immer etwas Neues. Heute wird nur noch Tribut gezollt, ohne modern zu sein. Was den Jazz mal ausgemacht hat, leistet heute der Hip-Hop.

Kann es sein, dass die Avantgarde wie Coltrane und Ornette Coleman in den sechziger Jahren einfach so weit gegangen ist, dass es nicht mehr weitergehen konnte?

Glasper: Nein. Aber wenn man Jazz als Musik definiert, die sich um ein Quintett mit Bläsern, Klavier, Bass, Schlagzeug dreht, hat man sich sehr enge Grenzen gesetzt. Das führt nicht sehr weit. Klar, es gibt viele Leute, die diesen Sound mögen, weil sie die alten Zeiten vermissen. Und es gibt ja nicht nur diesen Sound. Momentan steht mein Album in den Itunes Jazzcharts auf Platz 2, Esperanza Spalding steht auf Platz 1. Aber raten Sie mal, wer auf Platz 3 steht? Miles Davis. Ha! Miles schlägt mich jedes Mal. Das zeigt, wie weit sich die Musik von der Gegenwart entfernt hat. Junge Leute interessiert das nicht.

Was interessiert die denn?

Glasper: Ich bin jung. Ich weiß, was ich mag. Und ich spiele, was ich mag. Da gibt es dann schnell den Vorwurf des Ausverkaufs. Aber diese Debatte läuft nur wieder auf die Stagnation des Purismus hinaus. Wenn man dem Jazz treu bleiben will, muss man ihn ständig erneuern. Denn das ist der Kern des Jazz. Man muss sicher von der Geschichte lernen, aber man darf sich nicht von der Geschichte lähmen lassen.

Aus welchen Quellen schöpfen Sie?

Glasper:Ich bin ein Kind der Hip-Hop-Generation, bin mit Rock, Soul und Gospel aufgewachsen. Also werde ich mich darauf auch beziehen. Alles andere wäre unehrlich. Man muss sich selbst treu bleiben, und nicht irgendwelchen Dogmen folgen, die bestimmen, was Jazz ist. Man muss auch mal ganz deutlich sagen, dass wir heute viel mehr Musik haben, auf die wir zugreifen können. John Coltrane hat den Broadwaysong „My Favorite Things“ gespielt, weil er den Song cool fand und weil das Musical „The Sound of Music“ ein Hit war. Wir haben aber sechzig, siebzig Jahre mehr neue Musik, als Charlie Parker oder John Coltrane damals hatten.

Auf Ihrem neuen Album haben Sie sich weit vom klassischen Jazz entfernt.

Glasper: Mein neues Album habe ich nicht für die Jazzgemeinde aufgenommen. Die Jazzgemeinde wird meinen Sohn nicht ernähren. Und mich auch nicht. Mein bestverkauftes Album war „In My Element“, das war 2007 eines der bestverkauften Jazzalben überhaupt. Das heißt – in der ersten Woche waren das 1400 Stück. „Black Radio“ hat in der ersten Woche 22 000 verkauft.

Also doch Ausverkauf?

Glasper: Mir ist egal, ob jemand meint, das sei kein Jazz. Ich bin begabt genug und habe das Glück, dass ich auch andere Musik spielen kann. Ich habe mit Carly Simon gearbeitet, mit Kanye West, Mos Def. Alles was zählt ist, ob einem die Musik gefällt oder nicht. Wenn es der Jazzgemeinde nicht gefällt, umso besser Ich habe das Album für Leute gemacht, die nicht unbedingt Jazz hören. Die füllen meine Konzerte.

Die Gruppe Badbadnotgood hat erklärt, die Zeit der Virtuosität sei vorbei. Es sei egal, ob jemand „Giant Steps“ schneller als Coltrane spielen kann.

Glasper: Wenn man richtig schnell spielt, sollte man sich erst einmal überlegen, für wen man spielt. Schnellspielen beeindruckt nur andere Musiker. Andererseits – ich habe Klavier studiert, ich liebe mein Instrument und möchte die Technik nicht missen. Wer sich Jazzmusiker nennt, der sollte sein Instrument wirklich beherrschen. Im Rock, Country, Hip-Hop ist Technik nicht so wichtig. Aber im Jazz muss man selbst fürs Mittelmaß meisterhaft spielen können. Man darf sich nicht gegen die Virtuosität entscheiden, nur weil man nicht schnell spielen kann. Ich kann schneller spielen als die meisten, wenn ich will. Auf meinem Album hört man das nicht. Aber das ist eine musikalische Entscheidung.

Was macht dann Jazz für Sie aus?

Glasper: Das hat nichts mit der Form zu tun, nichts mit den Harmonien, der Technik, das sind einzelne Momente. Meine Band und ich können einen Shania-Twain-Song spielen und plötzlich sind wir an einem Punkt, an dem die Chemie stimmt, die Spannung, das macht mich musikalisch sehr glücklich, ohne dass ich definieren könnte warum.

Foto: Cognito/EMI

25.04.12 | 09:19 | 2 Kommentare

Die nächsten drei Milliarden

(Von Andrian Kreye) Wenn das soziale Netzwerk Facebook erste Grenzen seines Wachstums erreicht hat, so ist das erst einmal ein Ärgernis für den Konzern. Kurz vor dem Börsengang kann eine solche Nachricht den Wert drücken. Langfristig muss sich Facebook jedoch ganz andere Sorgen machen. Denn das Wachstum wird sich nicht mehr in traditionellen Werbemärkten vollziehen. Mit der zunehmend globalen Verbreitung werden sich die sozialen Netzwerke vom Lifestyle-Medium im Norden zur gesellschaftlichen Kraft auch im Süden wandeln und deswegen ihre Rolle neu definieren müssen.

Erste Anzeichen dafür konnte man während der Unruhen des arabischen Frühlings beobachten, bei der umstrittenen Internetkampagne gegen den ugandischen Warlord Joseph Kony, und in den Vorträgen von Alec Ross, dem Berater der US-Außenministerin Hillary Clinton, der für das neue Feld der digitalen Diplomatie zuständig ist.

Während des arabischen Frühlings zeigte sich, dass soziale Netzwerke des Internets als Instrument für die Mobilisierung und Koordination von Volksbewegungen so effektiv sind wie kein Mittel zuvor. Die „Kony2012“-Kampagne bewies, welch politische Macht der sogenannte Schwarmgeist im Internet entwickeln kann. Alec Ross aber reist derzeit um die Welt, um der digitalen Industrie begreiflich zu machen, dass die USA, stellvertretend für den Westen, ganz eindeutige Interessen haben, wenn es darum geht, Schwellen- und Entwicklungsländer in die globalen Kommunikationsnetze einzubinden. Die USA würden alles unternehmen, um Meinungsfreiheit – also: Demokratie – weltweit möglich zu machen.

Der digitale Kampf für Demokratie ist ein ehrbares Anliegen. Für einen digitalen Konzern, der sich mit nationalen Regierungen arrangieren muss, ist das nicht immer von Vorteil. Wenn Online-Dienste darauf achten müssen, dass auch die Standards autoritärer Herrscher eingehalten werden, kollidiert das schon mal mit westlichen Werten.
Betrachtet man nun die jüngsten Studien und Schätzungen zur Entwicklung digitaler Medien, kann man das ungefähre Ausmaß der Entwicklung schon ahnen. Bis zum Jahr 2016 werden laut einer Untersuchung der Beratergruppe Boston Consulting drei Milliarden Menschen Anschluss an das Internet haben. Vorsichtige Schätzungen nehmen außerdem an, dass in den nächsten zwanzig Jahren drei Milliarden weitere Menschen ans Netz gehen werden. Die größten Wachstumspotentiale gibt es dabei in den Schwellen- und Entwicklungsländern.

Die wichtigste Funktion des Internets sind aber jetzt schon die sozialen Netze. 82 Prozent aller globalen Nutzer sind heute Mitglieder eines sozialen Netzwerkes. Von diesen sind 55 Prozent Mitglied bei Facebook. Bei einer solchen Durchdringung des Marktes sind Grenzen des Wachstums im bestehenden Netz schon erreicht. Intern haben Konzerne wie Facebook und Google längst langfristige Strategien für diese Entwicklung. Das zeigt schon die Wortwahl: Im Silicon Valley ist Afrika keine Entwicklungsregion, sondern die Weltgegend mit den derzeit größten Wachstumschancen.

Der Konflikt der sich nun anbahnt, schwelt schon seit Beginn der Globalisierung. In fast allen Debatten, sei es um die Macht des Internets, sei es um die Wirtschafts- und Finanzkrisen, schwingt mit, dass Politik und Wirtschaft um die Vormacht ringen. Die Interessen der beiden sind oft konträr.
Präsident Obama hat soeben ein deutliches Zeichen gesetzt. Mit zwei Verfügungen beschloss er Sanktionen gegen jeden, der autoritäre Regime wie in Iran oder Syrien mit Technologie versorgt, die Unterdrückung möglich macht. Das ist ein erster Schritt, um auch soziale Netzwerke in die Verantwortung zu nehmen. Wenn die nächste Phase des Wachstums für Facebook beginnt, wird es jedenfalls nicht nur um Werbeeinnahmen gehen.

23.04.12 | 13:20 | 0 Kommentare

#musicmonday

23.04.12 | 13:14 | 0 Kommentare

Die Nacht, als der alte Süden unterging – zum Tod von Levon Helm

 

(Aus der SZ vom 21.4.2012, von Andrian Kreye) In den letzten Jahren seines Lebens, als Levon Helm schon an jenem Krebs erkrankt war, dem er nun erlegen ist, war die Scheune, die er in den Wäldern bei Woodstock zu einem Konzertstudio ausgebaut hatte, die wohl eindrücklichste Pilgerstätte des amerikanischen Rock. Jeden Sonntag veranstaltete er dort einen sogenannten Midnight Ramble, eine Session mit Bands, Musikern und Stars, die oft aus dem ganzen Land zusammenkamen. Levon Helm saß in diesen Nächten selbst am Schlagzeug, und als er nach den ersten Operationen seine Stimme wiedergefunden hatte, sang er auch wieder. Vor allem die Songs, mit denen er gemeinsam mit The Band Geschichte geschrieben hatte – „The Weight“, „King Harvest“, „The Night They Drove Old Dixie Down“.

Wenn dann in einer Sommernacht die Scheunentore offenstanden, vom Teich eine Brise in den großen Raum wehte und er mit seiner rauen Stimme die biblisch schweren Zeilen der Songs anstimmte, verstand man auch als Europäer, warum The Band für die amerikanische Rockgeschichte eine ähnliche Bedeutung hatten, wie die Beatles für den Rest der Welt.

Der Journalist John Poppy beschrieb das 1970 so: „Sie haben in mir Gefühle aufgewühlt, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie habe. Sie beschwören ein Amerikanischsein, das mich direkt in eine Art Heimat des Herzens transportiert. Das sind Versatzstücke unseres gemeinsamen Lebens auf diesem Kontinent. Und deswegen treffen dich ihre Songs wie ein Geruch aus der Kindheit, der sofort satte, scharfe Erinnerungen in einem weckt.“

Als Europäer kann man so etwas natürlich nur als exotischen Rausch begreifen. Dieses inbrünstige Gemeinschaftsgefühl aus dem gemeinsamen Kampf um den Kontinent, die spirituellen Wurzeln im Glauben und seinen Mythen sind einem als säkularem Humanisten so fremd wie die Ekstasen islamischer Sufis. In der Musik aber lassen sich solche Erlebnisse auch ohne die Wurzeln und den Glauben nachvollziehen. Und so versteht man auch, dass eine solch emotionale Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln in den Ausläufern der psychedelischen Hippiejahre eine Revolution gewesen sein muss.

Als 1968 The Band’s Debütalbum „Music From The Big Pink“ erschien, hatten die Beatles im Jahr zuvor den üppig produzierten Bilderbogen „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ herausgebracht, die Rolling Stones hatten sich in psychedelische Experimente verrannt. Die karg produzierte Musik von The Band war eine Absage an den Mehrspur-Monumentalismus, der aus der popmusikalischen Gegenkultur schon bald eine Industrie machen sollte. Big Pink war ein rosafarbenes Holzhaus in West Saugerties, in dem sich die fünf Musiker zusammenfanden, um mit Bob Dylan zu arbeiten, der ins benachbarte Woodstock gezogen war.

Sie hatten ihn seit 1965 auf seinen elektrisch verstärkten Touren begleitet. Mit seinem ersten elektrischen Auftritt beim Newport Folk Festival hatte sich Dylan nachhaltig den Groll seiner Fans zugezogen. Dylan steckte den Groll zwar souverän weg. Seine ursprüngliche Band hatte ihn jedoch schon bald verlassen. Und auch für die fünf Clubmusiker, die Dylan in Toronto entdeckt hatte, war es nicht leicht. Gleich beim ersten Auftritt vor 15 000 Menschen im New Yorker Tennisstadion Forest Hills brach der Zorn über sie herein.

Helm stieg schon nach wenigen Konzerten aus. Er sei nicht dafür geschaffen, sich ausbuhen zu lassen, sagte er. Für seine vier Mitmusiker und auch für Dylan war es ein schwerer Schlag. Robbie Robertson, Rick Danko, Garth Hudson und Richard Manuel hatten Helm 1960 kennengelernt, als er mit dem Rockabilly-Sänger Ronnie Hawkins aus dem amerikanischen Arkansas ins kanadische Toronto gezogen war, weil die Gagen dort besser waren. Hawkins engagierte die vier jungen Kanadier. Für die, und später auch für Dylan, der nicht weit von der kanadischen Grenze in Minnesota aufwuchs, verkörperte Helm als Sohn des amerikanischen Südens all die Urmythen des amerikanischen Rock, die sie in ihrer Jugend nur aus dem Radio kannten. Helm war auf einer Farm im Mississippi Delta aufgewachsen. In den Clubs im nahen Helena hatte er schon als Kind Blues und Country gehört, hatte bald selbst angefangen zu spielen. In der elften Klasse verließ er die Schule, um sich Ronnie Hawkins’ Band anzuschließen. Die biblische Schwere in den Texten, die Dylan und The Band Ende der sechziger Jahre schrieben, die spröde Musik voller Country, Blues, Gospel und archaischem Folk waren für Helm keine exotischen Sehnsuchtsmotive, sondern Teil seiner DNA.

Als sich Dylan dann nach Woodstock zurückzog, kehrte auch Helm zurück. Die Musik, mit Dylan, die auf den legendären „Basement Tapes“ erschien, und die Songs, die sie ohne Dylan auf ihren ersten beiden Alben einspielten, legten das Fundament für alles, was in der amerikanischen Rockmusik bis heute geschehen ist. Da fand sich die Rückbesinnung auf Country, wie ihn The Grateful Dead und The Eagles praktizierten, die Bodenständigkeit von Bruce Springsteen und die Amerikana-Mentalität, die sich durch Dylans Spätwerk und durch die Musik all der Wiedergänger von Wilco über die Fleet Foxes bis zu Arcade Fire zieht.

Offiziell lösten sich The Band 1976 mit dem Konzert auf, das Martin Scorsese für den Film „The Last Waltz“ aufnahm. Nach dem Streit mit Gitarrist Robbie Robertson tourte Helm immer wieder mit den anderen Musikern als The Band. Er begann eine Laufbahn als Schauspieler, spielte in Filmen wie „Nashville Lady“ und „The Right Stuff“. In den letzten Jahren wurzelten Levon Helms Alben immer deutlicher im Country und Folk. Drei Grammys bekam er dafür. Am Donnerstag ist Levon Helm in einem New Yorker Krankenhaus gestorben. Er wurde 71 Jahre alt.

Foto:  Levon Helm (rechts) und der Gitarrist Robbie Robertson im Sommer 1969 bei Proben von The Band in Woodstock. Elliot Landy/Magnum/ Agentur Focus

20.04.12 | 10:40 | 0 Kommentare

RIP Levon Helm

04.04.12 | 06:01 | 0 Kommentare

#musicmonday

03.04.12 | 12:58 | 1 Kommentar

Kulturkampfmanöver

 

(Leitartikel aus der SZ vom 3.4. 2012, von Andrian Kreye) Es war ein durchsichtiges Manöver, als sich Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin am Wochenende in einem Interview für die Kulturflatrate aussprach. „Jeder zahlt einmal eine Gebühr und kann so viel runterladen, wie er will“, gab er dem Magazin Wirtschaftswoche zu Protokoll. Für einen Wahlkampf gegen die Piratenpartei ist die Kulturflatrate eine schöne Leerformel: So kann man bei digital sozialisierten Jungwählern punkten, ohne die bürgerlichen Stammwähler zu verprellen. Für das eigentliche Problem, wie man nämlich das Urheberrecht reformieren und damit das Auskommen von Autoren, Filmern und Musikern in die Zeiten digitaler Medien retten kann, sind solche politischen Manöver nicht hilfreich. Denn Debatten ums Internet sind längst ideologisch aufgeheizt.   

Wer sich für das Urheberrecht ausspricht, gilt dabei schnell als Reaktionär. Der Wutausbruch des Rockmusikers und Schriftstellers Sven Regener, der im Bayerischen Rundfunk die Bedrohung der Urheberrechte als persönliche Beleidigung jedes Künstlers beschrieb, sprach zwar vielen aus der Seele. Genauso wie die hysterischen Reaktionen Zehntausender Demonstranten, die im Handelsabkommen gegen Produktpiraterie Acta ein sinistres Ermächtigungsgesetz vermuteten. Doch da ist auf beiden Seiten Emotion im Spiel. Das zeigt schon der Kampfbegriff der Raubkopie. Beim illegalen Herunterladen handelt es sich nicht um Raub, denn es wird ja keine Gewalt angewendet. Es geht aber auch nicht um Kopien, sondern um digitale Klone.

Im Kern dreht sich die Debatte um das Internet um eine atemlos rasante technische Entwicklung, hinter der Gesetzgeber, Politik und Kulturindustrie verzweifelt herhecheln. Die alten Regelwerke einfach über Bord zu kippen oder durch halbgare Kompromisse zu ersetzen, nur weil es der euphorische Zeitgeist so will, führt zu keinen Lösungen. Vor allem, weil kaum ein Debattenbeitrag einräumt, dass das Internet im Frühjahr 2012 ein ganz anderes Netz ist als das Internet vor fünf Jahren. Die Zeit der Experimente ist nämlich vorbei.

Momentan kämpfen die vier digitalen Giganten Apple, Amazon, Facebook und Google um eine Vormacht im Netz. Zwischen den Giganten aber bilden sich totalitäre Strukturen heraus, denen Urheberrechte nur im Weg stehen, und für die die selbsternannten digitalen Rebellen letztlich den Weg bereitet haben. Steve Jobs, Jeff Bezos, Mark Zuckerberg, Larry Page und Sergej Brin sind keine rebellischen Popstars, sondern knallharte Monopolisten. Sie wurden in der aggressiven Investmentkultur des Silicon Valley groß, nicht in der digitalen Subkultur. Für ihre eigenen Urheberrechte und Patente kämpfen sie mit Heerscharen von Anwälten, und wenn es sein muss: mit einem Rollkommando der Polizei.

Nun reichen die Urheberrechte aus den Zeiten des Buchdrucks und des Grammophons für die technischen Realitäten des 21. Jahrhunderts nicht mehr aus. Doch Kulturflatrates schwächen den Kampf für eine Reformierung des Urheberrechts nur. Sie spiegeln vor, dass es einfache und schnelle Lösungen gibt.

Selbst wenn man den Idealfall eines öffentlich-rechtlichen Modells durchsetzen könnte, wenn also von jedem Haushalt eine Abgabe in der Höhe der Rundfunkgebühren eingetrieben würde – wer oder welche Behörde sollte über die Verteilung der Erlöse bestimmen? Wer bekäme beispielsweise die deutschen Beiträge einer solchen Flatrate? Deichkind oder doch Rihanna? Der Regisseur Christian Petzold oder die Produzenten der „Hunger Games“? Es geht bei der Debatte um das Urheberrecht im Internet ja keineswegs um Hochkultur. Die wird subventioniert oder finanziert sich über das authentische Einzelwerk. Es geht vor allem um Popmusik und Film. Das sind Produkte für den freien Markt, nicht für bürokratische Systeme oder Subventionsmodelle.

Trittins Hinweis, solche Flatrate-Modelle funktionierten schon im Netz, widerlegt eine Grafik des Datenjournalisten David McCandless. Um den gesetzlichen US-Mindestlohn von monatlich 1160 US-Dollar zu verdienen, muss eine Band entweder 1161 Alben verkaufen, 12 399 Songs auf iTunes absetzen oder rund vier Millionen Mal auf dem Streaming-Dienst Spotify abgerufen werden, mit dem man gegen eine Monatsgebühr so viel Musik auf Computern oder Smartphones abspielen kann, wie man will.

Es gibt nun viele wohlfeile Vorwürfe gegen die Kulturindustrien: Die Plattenfirmen und Filmstudios hätten die technischen Entwicklungen verschlafen. Rockmusiker und Filmer könnten sich im Netz doch selbst vermarkten. Das ist weltfremd. Plattenfirmen und Filmstudios suchen schon lange vergeblich nach Möglichkeiten, Vertriebswege zu finden, die mit der Geschwindigkeit und Gratiskultur der Tauschbörsen konkurrieren können. Wer einen Rocksong oder ein Drehbuch schreiben kann, hat selten auch eine kaufmännische Begabung.

Die digitale Revolution ist buchstäblich eine solche: Revolutionen kippen lediglich bestehende Machtverhältnisse. Wer oder was nach dem Umsturz kommt, ist weder klar noch garantiert. Ideologische Verhärtungen und opportunistische Manöver wie das Trittins helfen niemandem. Höchstens den Monopolen.