16.12.11 | 16:39 | 0 Kommentare

Der Gnadenlose




 

 

Christopher Hitchens war einer der brillantesten Polemiker und leidenschaftlichsten Atheisten – ein Nachruf

Die größte Stärke des Polemikers ist es, in der Debatte niemals zurückzustecken. Kaum einer beherrschte diese Kunst des rhetorischen Stellungskrieges so gut wie der Essayist und Journalist Christopher Hitchens, der am vergangenen Donnerstag im Krebszentrum der University of Texas gestorben ist. Was ihn von den Allerweltspolemikern unterschied, die den politischen Boulevard bevölkern, waren seine Bildung, sein Intellekt und seine Bereitschaft, sich harten Realitäten auch selbst zu stellen.

Um sich für ein großes Vanity-Fair-Essay über die Folter vorzubereiten, unterzog er sich vor zweieinhalb Jahren beispielsweise der umstrittenen Prozedur des Waterboarding, jener Simulation des Ertrinkens, mit der amerikanische Geheimdienste in Militärgefängnissen wie Guantanamo Bay Terrorverdächtige zum Reden bringen wollen. Er musste lange suchen, bis er zwei ehemalige Special-Forces-Soldaten fand, die einen 59-jährigen „keuchenden, schmerbäuchigen Schreiberling“ einer Verhörmethode unterziehen, die für „Ledernacken im Überlebenstraining gedacht ist und für junge Dschihadkämpfer, deren Zähne sich durch die Knorpel einer alten Ziege beißen können“.

Hitchens überstand das Erstickungserlebnis. Und kam zu dem Schluss: „Glaubt mir, das ist Folter“. Weil es aber Christopher Hitchens war, der dieses Argument führte, war die eindringliche Beschreibung der Folter und das klare Urteil in eine differenzierte ethische politische Analyse eingebettet, mit der er die überhitzte amerikanische Debatte fast unumstößlich resümierte. Für Hitchens gab es keinen Zweifel, dass die Überschreitung der ethischen Grenze zur Folter ein politisches Desaster war.

Sein Wort wog schwer. Immerhin – der einstige Sozialist hatte nach den Anschlägen des 11. September die Seiten endgültig gewechselt und gehörte seit 2003 zu den eloquentesten Fürsprechern des Irakkrieges. Das wiederum hatte viele seiner Anhänger erstaunt. Immerhin hatte Hitchens sein Leben als politischer Mensch als Teenager in seiner englischen Heimat in der trotzkistischen Partei International Socialist begonnen. In den USA kannte man ihn später als Reporter und Kommentator der linken Wochenzeitung The Nation. Doch auch das zeichnete ihn als einen brillantesten Vertreter der Polemik aus – er wechselte während seines Lebens immer wieder die ideologischen Seiten. Treu blieb er sich trotzdem. Zurückstecken kam nie in Frage.

Geboren am 13. April 1949 zog er schon als Kind viel durch die Welt. Sein Vater war Offizier der britischen Kriegsmarine, seine Mutter arbeitete für den Women’s Royal Naval Service. Später studierte er Philosophie, Politik und Wirtschaft am Balliol College in Oxford. Nach dem Studium arbeitete er in London als Journalist für die Times, den Daily Express und den Evening Standard. 1982 übersiedelte er nach Washington DC. Amerika war dann auch der perfekte Nährboden für seine polemische Ader. Mit seinem manchmal geradezu zerstörerischen Witz nahm er sich die Gesellschaft und Politik seines Gastlandes vor. Zum klassischen Public Intellectual, also zu einer landesweit beachteten Stimme, entwickelte er sich erst später im Leben, als ihn Graydon Carter 1992 zum Zentralorgan der liberalen Eliten, der Condé-Nast-Illustrierten Vanity Fair holte.

Carter wusste genau, was er da tat. Hitchens hatte eine intellektuelle Angriffslust, die ihm bald schon den Ruf des Contrarians eintrug, des intellektuellen Provokateurs, der seine Brillanz erst dann entwickelt, wenn er gegen gültige Meinungen anschreibt. Es bereitete ihm unbändige Lust, die vorgefassten Sicherheiten des liberalen Amerikas zu zerlegen. Und er wusste sich zu inszenieren. Als Whisky-trinkender, kettenrauchender Atheist war er im Land der frommen Abstinenzler schon als Erscheinung eine Provokation.

Wie weit er da gehen würde, bewies Hitchens 1995 mit seinem Stück über Mutter Teresa. Da beschrieb er die Quasi-Heilige als fanatische Fundamentalistin und Scharlatanin. Damit gab er schon früh den Ton vor, der seine Texte und Bücher bestimmen sollte, mit denen er gegen Ende der Nullerjahre zu einem der „vier apokalyptischen Reiter“ des Neo-Atheismus wurde, zu denen neben ihm Richard Dawkins, Sam Harris und Daniel Dennett gehörten.

Beim Thema Religion schlug sein intellektueller Furor auch hin und wieder in nackte Wut um. Als er 2009 gemeinsam mit Richard Dawkins forderte, man solle den Papst wegen „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ während seines Englandbesuches verhaften, stieß die Aktion vor allem in Europa auf Unverständnis. Doch auch dieser Ausbruch war letztlich eine konsequente Fortführung der eigenen Biografie. Hatte er doch mit seinem Buch „Die Akte Kissinger“ 2001 schon einmal gefordert, eine noch lebende historische Figur vor Gericht zu bringen.

Hitchens begnügte sich selten mit der reinen Textarbeit. Gegen Kissinger führte er eine regelrechte Kampagne. Bei einem seiner New Yorker Auftritte damals zeigte er dann aber, wie souverän er seinen Zorn im Griff hatte. Wie immer präsentierte er sich auf dem Podium mit Whiskyglas und Zigarette. Er blieb gelassen und schlagfertig, auch wenn ihn die Frager aus dem Publikum als größenwahnsinnigen, europäischen Popanz beschimpften.

Kissinger war keineswegs das einzige Opfer seiner Angriffe. Die britische Monarchie, Bill Clinton und immer wieder die Glaubensgemeinschaften aller Himmelsrichtungen bediente er frei jeder ideologischen Ausrichtungen. In seinem Buch „Gott ist kein Hirte“ verdammte er das Alte Testament als Albtraum, das Neue Testament als bösartig, den Koran als Plagiat und die östlichen Religionen im Westen als feige Ausflucht.

Die Gnadenlosigkeit, mit der er andere attackierte, richtete Hitchens in seinen letzten Lebensmonaten auch gegen sich selbst. Im Sommer 2010 bekam er die Diagnose Speiseröhrenkrebs. Unermüdlich thematisierte er seine Krankheit daraufhin bei Fernsehauftritten und in Texten. In seinem letzten Essay, das in der aktuellen Januarausgabe von Vanity Fair erschien, stellt er über den Umweg einer philosophischen Kritik an Friedrich Nietzsche sich selbst in Frage. Das Credo, was uns nicht umbringe, mache uns stärker, zerteilte Hitchens im Angesicht eines qualvollen Todes mit der Präzision eines Chirurgen. Eindringlich beschrieb er die Qualen der Strahlentherapie. Und kam doch zum Schluss: „Hätte ich die erste Stufe abgelehnt, hätte ich die zweite und dritte vermeiden können und wäre jetzt schon tot. Das hat keinen Reiz.“

Und bis zuletzt steckte er nicht zurück. In einem seiner letzten Interviews mit Amerikas Fernseh-Intellektuellem Charlie Rose antwortete er auf die Frage, ob er sein Rauchen und Trinken bereue: „Das Schreiben ist es, was mir wichtig ist. Und alles, was mir dabei hilft, was es verbessert, verlängert oder vertieft, ist es mir wert.“ Christopher Hitchens wurde 62 Jahre alt.

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