31.12.11 | 06:34 | 0 Kommentare

2011 Digital







(Aus dem Jahresrückblick der SZ, von Andrian Kreye) Es war lange überfällig, dass sich die Politik endlich mit den Themen der digitalen Zukunft auseinandersetzte, als der französische Präsident Nicolas Sarkozy im Mai am Rande des G8-Gipfels seine digitale Politkonferenz EG8 veranstaltete. Doch schon in seiner Eröffnungsrede machte er einen gewaltigen Rückschritt in die Vergangenheit. Man müsse das Internet zivilisieren, forderte Sarkozy.

Er hatte damit ein griffiges Bild gefunden. Wäre der Cyberspace ein fremder Kontinent könnte nun nach den Jahren der Entdeckung und Besiedelung die Kolonisierung beginnen. Doch das Internet ist kein exotisches Wüstenreich, Hacker und Piraten sind keine rebellischen Kriegerstämme. Sarkozy hatte mit seiner Rede keine neue Ära der digitalen Geschichte eingeläutet, sondern lediglich die Hilflosigkeit der Politik auf den Punkt gebracht. Denn die versucht immer noch, die Fragen des 21. Jahrhunderts mit den Antworten des 20. oder gar 19. Jahrhunderts zu beantworten.

Sicher hatte Sarkozy den richtigen politischen Instinkt. Im arabischen Frühling hatte das Internet erstmals gezeigt, was für Kräfte es entfesseln kann, wenn es Organisationsmodelle für eine Volksbewegung und Informationsketten für die Weltmedien etablieren kann. Die erste Phase der digitalen Romantisierung war mit dem Scheitern der iranischen Demokratiebewegung vorbei. Niemand glaubte mehr an eine Twitter Revolution oder einen Aufstand der Generation Facebook. Doch es war kein Zufall, dass einige der Schlüsselfiguren der arabischen Revolutionen aus der digitalen Welt kamen, wie die tunesischen Blogger Sami Ben Gharbia und Slim Amamou oder der ägyptische Google-Marketingchef Wael Ghonim – sie bewegten die Massen erst aus dem Netz heraus, dann auf der Straße. Wikilieaks-Gründer Julian Assange klagte zu Recht seine Rolle in den Aufständen ein. Die diplomatischen Depeschen, die er veröffentlicht hatte, lieferten den Volksbewegungen seltene Einblicke in die Strukturen ihrer Regierungen.

In den USA wiederum zeigte sich mit dem Machtkampf der digitalen Konzerne Google, Apple, Amazon und Facebook, dass sich die digitalen Machtbereiche längst der immer noch nationalstaatlichen Politik entzogen haben. Wenn Google seinen Algorithmus verändert, dann hat der Rest der Welt zu folgen.
In Deutschland zog die digitale Kultur mit der Piratenpartei zunächst ins Berliner Stadtparlament. Die Parteien reagierten nervös bis panisch. Hämisch amüsierte sich die digitale Welt über die Reaktionen der etablierten Parteien. Die schien sich im Auftritt der stellvertreten Fraktionsvorsitzenden der Grünen Bärbel Höhn in der Talkshow von Anne Will, die dem Piraten-Abgeordneten Christoph Lauer versicherte, auch sie„gucke Internet“.

Nun ist das Internet in der Politik keineswegs ein Novum. Schon während des amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfes 1992 hatte Vizekandidat Al Gore das Bild vom „Information Superhighway“ beschworen. Auch das war ein historisches Bild gewesen. Im Gegensatz zu Sarkozys Kolonialmetapher hatte Gore das Netz jedoch positiv besetzt. Immerhin hatte das neue Netz der Highways nach dem Zweiten Weltkrieg das amerikanische Wirtschaftswunder mitsamt seiner Demokratisierung des Wohlstandes begründet.
Was die Politik erst langsam begreift ist, dass das Internet keineswegs nur eine neue Technologie ist, sondern eine Kultur mit gewaltigen Auswirkungen auf die Gesellschaft. Als Medium entwickelt es eine ähnliche politische Kraft, wie der Buchdruck. Als Wirtschaftsfaktor stellt es traditionelle Geschäftsmodelle in Frage. Und für die Gesellschaft markiert es die Grenze zu einer Jugend, die das Internet als Sinn- und Identitätsstifter versteht.

Das hat nicht nur eine technisch versierte Generation geschaffen, sondern auch eine politische Avantgarde. Es sind weniger die Inhalte und Visionen, die diese Avantgarde so stark machen, als ihre Mittel und Formen. Denn wer sich eine gemeinsame Kultur geschaffen hat, die weit über die ideologischen Grenzen des vergangenen Jahrhunderts wirkt, der kann vieles bewegen. Ob am Ende ein Utopia oder eine Dystopie steht ist nicht abzusehen. Anzunehmen ist, dass es weder zu dem einen noch zum anderen kommt. Gesellschaftliche Umwälzungen sind viel zu komplex, um sie mit einem einfachen Werturteil einzuordnen. In der Politik hat kein neues Zeitalter begonnen. Es gibt nur ein neues Spielfeld, auf dem es bisher noch keine Regeln gibt.

Abb.: OH

23.12.11 | 13:56 | 0 Kommentare

Happy New Year

16.12.11 | 16:39 | 0 Kommentare

Der Gnadenlose




 

 

Christopher Hitchens war einer der brillantesten Polemiker und leidenschaftlichsten Atheisten – ein Nachruf

Die größte Stärke des Polemikers ist es, in der Debatte niemals zurückzustecken. Kaum einer beherrschte diese Kunst des rhetorischen Stellungskrieges so gut wie der Essayist und Journalist Christopher Hitchens, der am vergangenen Donnerstag im Krebszentrum der University of Texas gestorben ist. Was ihn von den Allerweltspolemikern unterschied, die den politischen Boulevard bevölkern, waren seine Bildung, sein Intellekt und seine Bereitschaft, sich harten Realitäten auch selbst zu stellen.

Um sich für ein großes Vanity-Fair-Essay über die Folter vorzubereiten, unterzog er sich vor zweieinhalb Jahren beispielsweise der umstrittenen Prozedur des Waterboarding, jener Simulation des Ertrinkens, mit der amerikanische Geheimdienste in Militärgefängnissen wie Guantanamo Bay Terrorverdächtige zum Reden bringen wollen. Er musste lange suchen, bis er zwei ehemalige Special-Forces-Soldaten fand, die einen 59-jährigen „keuchenden, schmerbäuchigen Schreiberling“ einer Verhörmethode unterziehen, die für „Ledernacken im Überlebenstraining gedacht ist und für junge Dschihadkämpfer, deren Zähne sich durch die Knorpel einer alten Ziege beißen können“.

Hitchens überstand das Erstickungserlebnis. Und kam zu dem Schluss: „Glaubt mir, das ist Folter“. Weil es aber Christopher Hitchens war, der dieses Argument führte, war die eindringliche Beschreibung der Folter und das klare Urteil in eine differenzierte ethische politische Analyse eingebettet, mit der er die überhitzte amerikanische Debatte fast unumstößlich resümierte. Für Hitchens gab es keinen Zweifel, dass die Überschreitung der ethischen Grenze zur Folter ein politisches Desaster war.

Sein Wort wog schwer. Immerhin – der einstige Sozialist hatte nach den Anschlägen des 11. September die Seiten endgültig gewechselt und gehörte seit 2003 zu den eloquentesten Fürsprechern des Irakkrieges. Das wiederum hatte viele seiner Anhänger erstaunt. Immerhin hatte Hitchens sein Leben als politischer Mensch als Teenager in seiner englischen Heimat in der trotzkistischen Partei International Socialist begonnen. In den USA kannte man ihn später als Reporter und Kommentator der linken Wochenzeitung The Nation. Doch auch das zeichnete ihn als einen brillantesten Vertreter der Polemik aus – er wechselte während seines Lebens immer wieder die ideologischen Seiten. Treu blieb er sich trotzdem. Zurückstecken kam nie in Frage.

Geboren am 13. April 1949 zog er schon als Kind viel durch die Welt. Sein Vater war Offizier der britischen Kriegsmarine, seine Mutter arbeitete für den Women’s Royal Naval Service. Später studierte er Philosophie, Politik und Wirtschaft am Balliol College in Oxford. Nach dem Studium arbeitete er in London als Journalist für die Times, den Daily Express und den Evening Standard. 1982 übersiedelte er nach Washington DC. Amerika war dann auch der perfekte Nährboden für seine polemische Ader. Mit seinem manchmal geradezu zerstörerischen Witz nahm er sich die Gesellschaft und Politik seines Gastlandes vor. Zum klassischen Public Intellectual, also zu einer landesweit beachteten Stimme, entwickelte er sich erst später im Leben, als ihn Graydon Carter 1992 zum Zentralorgan der liberalen Eliten, der Condé-Nast-Illustrierten Vanity Fair holte.

Carter wusste genau, was er da tat. Hitchens hatte eine intellektuelle Angriffslust, die ihm bald schon den Ruf des Contrarians eintrug, des intellektuellen Provokateurs, der seine Brillanz erst dann entwickelt, wenn er gegen gültige Meinungen anschreibt. Es bereitete ihm unbändige Lust, die vorgefassten Sicherheiten des liberalen Amerikas zu zerlegen. Und er wusste sich zu inszenieren. Als Whisky-trinkender, kettenrauchender Atheist war er im Land der frommen Abstinenzler schon als Erscheinung eine Provokation.

Wie weit er da gehen würde, bewies Hitchens 1995 mit seinem Stück über Mutter Teresa. Da beschrieb er die Quasi-Heilige als fanatische Fundamentalistin und Scharlatanin. Damit gab er schon früh den Ton vor, der seine Texte und Bücher bestimmen sollte, mit denen er gegen Ende der Nullerjahre zu einem der „vier apokalyptischen Reiter“ des Neo-Atheismus wurde, zu denen neben ihm Richard Dawkins, Sam Harris und Daniel Dennett gehörten.

Beim Thema Religion schlug sein intellektueller Furor auch hin und wieder in nackte Wut um. Als er 2009 gemeinsam mit Richard Dawkins forderte, man solle den Papst wegen „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ während seines Englandbesuches verhaften, stieß die Aktion vor allem in Europa auf Unverständnis. Doch auch dieser Ausbruch war letztlich eine konsequente Fortführung der eigenen Biografie. Hatte er doch mit seinem Buch „Die Akte Kissinger“ 2001 schon einmal gefordert, eine noch lebende historische Figur vor Gericht zu bringen.

Hitchens begnügte sich selten mit der reinen Textarbeit. Gegen Kissinger führte er eine regelrechte Kampagne. Bei einem seiner New Yorker Auftritte damals zeigte er dann aber, wie souverän er seinen Zorn im Griff hatte. Wie immer präsentierte er sich auf dem Podium mit Whiskyglas und Zigarette. Er blieb gelassen und schlagfertig, auch wenn ihn die Frager aus dem Publikum als größenwahnsinnigen, europäischen Popanz beschimpften.

Kissinger war keineswegs das einzige Opfer seiner Angriffe. Die britische Monarchie, Bill Clinton und immer wieder die Glaubensgemeinschaften aller Himmelsrichtungen bediente er frei jeder ideologischen Ausrichtungen. In seinem Buch „Gott ist kein Hirte“ verdammte er das Alte Testament als Albtraum, das Neue Testament als bösartig, den Koran als Plagiat und die östlichen Religionen im Westen als feige Ausflucht.

Die Gnadenlosigkeit, mit der er andere attackierte, richtete Hitchens in seinen letzten Lebensmonaten auch gegen sich selbst. Im Sommer 2010 bekam er die Diagnose Speiseröhrenkrebs. Unermüdlich thematisierte er seine Krankheit daraufhin bei Fernsehauftritten und in Texten. In seinem letzten Essay, das in der aktuellen Januarausgabe von Vanity Fair erschien, stellt er über den Umweg einer philosophischen Kritik an Friedrich Nietzsche sich selbst in Frage. Das Credo, was uns nicht umbringe, mache uns stärker, zerteilte Hitchens im Angesicht eines qualvollen Todes mit der Präzision eines Chirurgen. Eindringlich beschrieb er die Qualen der Strahlentherapie. Und kam doch zum Schluss: „Hätte ich die erste Stufe abgelehnt, hätte ich die zweite und dritte vermeiden können und wäre jetzt schon tot. Das hat keinen Reiz.“

Und bis zuletzt steckte er nicht zurück. In einem seiner letzten Interviews mit Amerikas Fernseh-Intellektuellem Charlie Rose antwortete er auf die Frage, ob er sein Rauchen und Trinken bereue: „Das Schreiben ist es, was mir wichtig ist. Und alles, was mir dabei hilft, was es verbessert, verlängert oder vertieft, ist es mir wert.“ Christopher Hitchens wurde 62 Jahre alt.

12.12.11 | 06:30 | 1 Kommentar

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Occupy Kansas

OBAMA/


(Von Andrian Kreye)
Ausgerechnet in Kansas hielt Barack Obama am Dienstag eine seiner progressivsten Reden. Der Bundesstaat Kansas gilt als das Herzland Amerikas, ein mythischer Ort, den das Märchenbuch „Der Zauberer von Oz“ zum wahren Amerika verklärte. Seit 1846 stimmte Kansas in fast allen Wahlen für die Republikaner.

Im Turnsaal der Osawatomie High School sprach Obama nun vom Versagen der Regulatoren, das zur „atemberaubenden Gier einiger weniger und zur Verantwortungslosigkeit des gesamten Systems“ geführt habe. Er forderte Chancengleichheit für alle und die strenge Einhaltung der Regeln von allen. So näherte er sich der moralischen Rhetorik der Occupy-Wall-Street-Bewegung, die mit ihrem Protest innerhalb der letzten drei Monate den öffentlichen Diskurs deutlicher verändert haben, als es die Nation zunächst wahrhaben wollte. Obamas Kansas-Rede gilt als eine der ersten Salven im Kampf um seine Wiederwahl im nächsten Jahr. Und er trug die Protestbotschaft ganz bewusst ins Herzland, denn er hat die Gefahr erkannt. Nicht die Wall Street hat die Occupy-Bewegung zu fürchten, sondern der Präsident. Er war es doch, der das entfesselte Finanzsystem bändigen sollte.

Die Frustration des Mittelstandes, die sich da manifestierte, wird so schnell nicht verklingen. Kurzzeitig schien es, als ob der anbrechende Winter den Protesten ein Ende setzten würde. Doch die Bewegung ist schon einen Schritt weiter. Ebenfalls am vergangenen Dienstag passte Occupy seine Strategie der Jahreszeit an und besetzte in Brooklyn ein Wohnhaus, das von der Bank of America per Zwangsvollstreckung geräumt worden war. So kann der Protest bis ins Wahljahr hinein überleben.

Video und Text der Rede - hier.

Foto: Reuters

07.12.11 | 14:09 | 4 Kommentare

Der Erfinder der achtziger Jahre

NileRodgersByWowe
Nile Rodgers hat das Genre Disco revolutioniert, Madonna erfunden und die Achtziger geprägt – dass ihn trotzdem kaum einer kennt, liegt nicht an ihm, sondern an seiner Zeit

(7.12.'11, von Andrian Kreye) Es war sicherlich historisches Pech, dass der Gitarrist und Produzent Nile Rodgers mit Disco und den achtziger Jahren ausgerechnet die beiden Kapitel der Popgeschichte geprägt hat, mit denen es die Geschichtsschreibung gar nicht gut gemeint hat. Das Problem mit dem Pop der achtziger Jahre war vor allem ein technisches Problem, das auch gleich erläutert werden soll. Und dass Disco seinen Ruf als Kitschmusik sehr zu Unrecht hat, bewies Nile Rodgers gerade mit einem furiosen Konzert in London, das ebenfalls gleich zur Sprache kommt. Warum aber Disco so in Verruf geriet, ist längst vergessen. Dabei war es einer der gleichzeitig unrühmlichsten und nachhaltigsten Momente der Popgeschichte.

Eigentlich war die Aktion nur als Witz geplant. Weil der Rock-DJ Steve Dahl von seinem Radiosender gefeuert wurde, um einem neuen Disco-Format Platz zu machen, hatte er für die Pause eines Baseballspiels der White Sox am 12. Juli 1979 in Chicago die Fans dazu aufgerufen, Discoplatten mitzubringen, die er dann auf dem Spielfeld in die Luft jagen wollte. 90 000 Disco-Hasser kamen. Die stapelten Schallplatten in der Mitte des Comiskey-Park-Stadions in einen Container.

Dahl trat dann in Tarnanzug und Helm auf, ließ die Menge „Disco Sucks“ skandieren und zündete die Sprengladungen, die die Platten in Stücke und einen Krater in den Stadionboden rissen. So wurde aus dem Werbegag eines Radiosenders der größte Ausbruch von Rassismus und Schwulenfeindlichkeit in der Geschichte des Pop. Denn Disco war eben – schwarz, schwul und enorm erfolgreich. Grund genug für vorwiegend weiße, männliche Rockfans, ihren Hass auf den musikalischen Glamour als Distinktionsmerkmal zu feiern, das sich bis heute hält.

Nile Rodgers schreibt über die Anekdote in seiner Autobiografie „Le Freak“, die gerade erschienen ist. Er erinnert sich an die Wut, die ihn packte, als die Karriere seiner Band Chic nur zwei Jahre nach ihrem furiosen Start mit Songs wie „Le Freak“, „I Want Your Love“, „Good Times" und der Einigkeitshymne "We Are Family" mit den Sister Sledge zu Ende ging, weil sich ausgerechnet im sonst so toleranten Pop ein Ressentiment durchsetzen konnte, das eigentlich in die finsteren Vorkriegsjahre gehörte. Gerade weil er mit seinem musikalischen Partner und Bassisten Bernard Edwards den Weg zu einer neuen Stufe der kulturellen Integration gezündet hatte, die das rassistische Genredenken der Musikindustrie in den folgenden Jahren endgültig beenden sollte. „Für uns fühlte sich das wie die Bücherverbrennung der Nazis an“, sagte Rodgers in einem Interview. „Das war doch Amerika, die Heimat von Jazz und Rock und plötzlich hatten die Leute Scheu, das Wort ,Disco‘ auszusprechen.“

Da nutzte es auch nichts, dass Nile Rodgers zu jener Handvoll Gitarristen gehört, die mit ihrem rechten Handgelenk einen solch präzisen Druck erzeugen können, dass sie mit einem einzigen Akkord eine ganze Ära bestimmen. Bo Diddley war so einer, James Browns Weggefährte Jimmy Nolan und Prince. Neulich in London konnte man das bei einem der seltenen Auftritte von Chic erleben. Rodgers spielt da vornehmlich einen einzigen verminderten Jazzakkord, wie ihn Disco damals gegen das brachiale Power-Chord-Diktat des Punk in Stellung brachte. Ohne die Auflösung schafft so ein Akkord eine Spannung, die ein versierter Rhythmusgitarrist wie Rodgers über einen ganzen Song strecken kann, wenn er sie wohldosiert in den Refrains variiert.

Der Effekt auf das ausverkaufte Art-Deco-Theater war an diesem Abend gewaltig. Jedes seiner Riffs bringt eine Menschenmenge egal jeder Größe auch ohne Rhythmusgruppe in Bewegung. Und so dienen der ebenso ostinate Bass und die changierenden Bläser- und Keyboard-Akkorde auch vor allem als Druckverstärker, über dem die Sängerinnen dann ihre Worthülsen setzen, die bei Chic meist aus nicht viel mehr bestehen als aus Aufforderungen zum Tanz. Und gerade weil Chic ihren Rhythmus mit geradezu schweizerischer Präzision halten, steigern sich Rhythmusdruck und Spannung vor allem im Gefühl des Publikums.

Solche Momente der Ekstase waren die Stärke von Disco, ein Genre, das nicht aus reinem Zufall zur selben Zeit entstand wie Punk. Das mögen Antipoden gewesen sein. Punk war reine Haltung, pure Wut. Disco war Euphorie und Sehnsucht. Beide waren Antworten auf eine Popkultur, die sich musikalisch in Pathos und Pomp verlaufen hatte. Beide mit sozialem Gewicht. Punk inszenierte den Klassenkampf, Disco die Integration. Wie prophetisch Chic damals war, sollte sich erst zwei Jahrzehnte später zeigen, als mit Techno wieder eine weitgehend wortlose Tanzmusik den Soundtrack zur Wiedervereinigung Deutschlands und Europas lieferte. Weil der kollektive Akt der Ekstase auf der Tanzfläche eben inhaltsfrei bleiben muss, um als Praxis zu taugen.

Nun hatte Rodgers nach dem Ende der Disco-Ära keine wirklichen Sorgen. Er machte aus dem Starlet Madonna und der australischen Band INXS Weltstars, produzierte für Diana Ross, David Bowie und Duran Duran ihre kommerziell größten Erfolge, arbeitete mit Mick Jagger, Bob Dylan und Michael Jackson. Selbst Chic wurde von der Musikgeschichte rehabilitiert, weil ihr Song „Good Times“ das Fundament des Hip-Hop bildete, als die Rapgruppe Sugarhill Gang ihre Single „Rapper’s Delight“ auf der Basslinie des Songs aufbaute und damit dann den ersten Welthit des Hip-Hop landete.

Viel von dem, was er mit Chic schon angelegt hatte, verwirklichte er nun in der ersten Liga des Pop. Die kristallinen, kantigen Riffs, die Rodgers und Edwards aus den Soulstrukturen der Disco entwickelten, trafen den Nerv und den Zeitgeist einer Popmusik, die sich zunächst einmal an den engen Grenzen einer neuen Musiktechnologie abarbeiten musste. Mit den Keyboard- und Drum-Computern entwickelte sich ein ungelenkes Rhythmusgefühl, das die gesamte Popgeschichte mit ihren Synkopen, Back- und Offbeats ins binäre Korsett der frühen Programmiersprachen quetschte. In Kombination mit den metallischen Klangbildern der unausgereiften Geräte geriet die Musik der achtziger Jahre so zu einem Genre, das sich selbst noch während seines Entstehens immer wieder aufs Neue überlebte. Rodgers verweigerte seinen Musikern und Stars zwar ihre Wünsche nach modischen Elektro-Arrangements, er zwang sie, Musiker anzuheuern. Doch das kantige Grundgefühl findet sich auch in seinem massiven Produktionskatalog immer stärker wieder.

Und doch war Rodgers’ Gespür für Zeitströmungen eine konsequente Umsetzung seiner eigenen Geschichte. So ist „Le Freak“ gerade im ersten Drittel eine brillante Historie des Hipstertums. 1952 als Sohn einer wunderhübschen, hippen 14-Jährigen ins New Yorker Subkulturzentrum des Greenwich Village hineingeboren, verlebte Rodgers eine Kindheit zwischen den Jazzmusikern, Junkies und Kriminellen einer Welt, in der die Popkultur des 20. Jahrhunderts fermentierte.

Der Erzählstrom, den er da entwickelt, hat die unwiderstehliche Anziehungskraft, die solche Biografien nur selten entwickeln. Anekdotisch ist das oft furios. Wie er als Siebenjähriger seinen manisch-depressiven Vater auf der Feuertreppe des Hotel Greenwich vor dem Selbstmord rettet. Die romantischen Gefühle, mit denen ein Auftragskiller namens Bang seine Mutter verfolgte. Seine Zeit als Hippie und Black Panther in den wilden Jahren des East Village. Und immer wieder die omnipräsenten Drogen als roter Faden einer Kulturgeschichte des amerikanischen Untergrunds.

Nun kann man die Geschichte des Pop vielleicht nicht ohne eine Geschichte der Drogen schreiben. Im Fall Nile Rodgers endet diese Geschichte im August 1996 nach Madonnas 36. Geburtstagsparty im Einbauschrank seines Hotelzimmers, in dem er sich mit einem Samuraischwert und einer Handfeuerwaffe verschanzt. Stimmen in seinem Kopf haben ihn da hineingejagt, die ihn im Tonfall des Mafiafilmdarstellers Chazz Palminteri den Tod androhen. Vier Tage und Nächte hatte er schon vor der Party nicht mehr geschlafen, beim Sushi-Dinner dann noch sechs Portionen Sake getrunken, während der Party auf Madonnas Klo mit Mickey Rourke ewige Koksbrüderschaft geschworen, bevor ihn in der Schwüle des frühmorgendlichen Miami die Kokainpsychose erwischt.

Für Nile Rodgers war der Zusammenbruch das Ende seiner eigenen Drogengeschichte. Sie war aber auch der persönliche Schlusspunkt einer Ära, die schon viel früher zu Ende gegangen war. Sein manischer Arbeitseifer, mit dem er Millionenhits fabrizierte, die mit einer unerhörten Zielsicherheit in den Top 10 landeten, wäre wohl auch ohne die Drogen die treibende Kraft seiner Musikerlaufbahn gewesen. Die endlosen Nächte in den New Yorker Clubs wie dem Studio 54, dem Limelight und dem Area wären ohne solche Exzesse vielleicht nicht denkbar gewesen. Entscheidend waren sie nicht. Seit einem Kinderheimaufenthalt mit fünf leidet Rodgers an chronischer Schlaflosigkeit. Koks war da eher Ausdruck als Ursache einer hochproduktiven Unruhe.

Inzwischen verläuft Nile Rodgers’ Leben in ruhigeren Bahnen. Er produziert immer noch, spielt hin und wieder mit Chic, auch wenn die Band nur noch als Konzept existiert, seit Bernard Edwards im Frühjahr 1996 nach einem Konzert in Tokio an einer Lungenentzündung starb. Derzeit touren Rodgers und die Chic-Sängerinnen mit der „Aida Night of the Proms“ durch Deutschland, einer Nostalgie-Revue, die fast vergessene Stars wie Seal, Alison Moyet und John Miles mit einem Symphonieorchester zusammenspannt. Mit seiner Autobiografie sind die epochalen ersten fünf Chic-Alben in einer Box herausgekommen. Immerhin, die Revue-Show füllt am kommenden Wochenende die Münchner Olympiahalle drei Mal hintereinander.

„Le Freak“ wurde von der angelsächsischen Literaturkritik als Popvergnügen gefeiert. Und er hätte ein grandioses Finale seiner musikalischen Laufbahn verdient. Eines, das nie endet, wie die Finales von George Clinton oder Prince. Oder wie die New Yorker Nächte des 20. Jahrhunderts. Rodgers selbst sieht das gelassen. Er gibt sich in seinem Buch – auch das ist selten für einen Popstar – vor allem dankbar.

Videos:

Chic "I Want Your Love" - live at the Budokan 1996 (das letzte Konzert mit Bernard Edwards)

Chic "Good Times" (italienischer Fernsehauftritt 1979)

Sister Sledge "We Are Family" (Englischer Fernsehauftritt 1979)

Diana Ross "I'm Coming Out"

Madonna "Like A Virgin"

David Bowie "Let's Dance"

Duran Duran "Hungry Like The Wolf"

Foto: wowe

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