18.10.11 | 12:23 | 0 Kommentare

Martin Luther King

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In seinem Interview mit dem Playboy von 1965 erzählt Martin Luther King, wie er seiner sechsjährigen Tochter die Rassentrennung erklären musste:

PLAYBOY: Dr. King, are your children old enough to be aware of the issues at stake in the civil rights movement, and of your role in it?
MARTIN LUTHER KING: Yes, they are—especially my oldest child, Yolanda. Two years ago, I remember, I returned home after serving one of my terms in the Albany, Georgia, jail, and she asked me, “Daddy, why do you have to go to jail so much?” I told her that I was involved in a struggle to make conditions better for the colored people, and thus for all people. I explained that because things are as they are, someone has to take a stand, that it is necessary for someone to go to jail, because many Southern officials seek to maintain the barriers that have historically been erected to exclude the colored people. I tried to make her understand that someone had to do this to make the world better–for all children. She was only six at that time, but she was already aware of segregation because of an experience that we had had.

PLAYBOY: Would you mind telling us about it?
MARTIN LUTHER KING: Not at all. The family often used to ride with me to the Atlanta airport, and on our way, we always passed Funtown, a sort of miniature Disneyland with mechanical rides and that sort of thing. Yolanda would inevitably say, “I want to go to Funtown,” and I would always evade a direct reply. I really didn’t know how to explain to her why she couldn’t go. Then one day at home, she ran downstairs exclaiming that a TV commercial was urging people to come to Funtown. Then my wife and I had to sit down with her between us and try to explain it. I have won some applause as a speaker, but my tongue twisted and my speech stammered seeking to explain to my six-year-old daughter why the public invitation on television didn’t include her, and others like her. One of the most painful experiences I have ever faced was to see her tears when I told her that Funtown was closed to colored children, for I realized that at that moment the first dark cloud of inferiority had floated into her little mental sky, that at that moment her personality had begun to warp with that first unconscious bitterness toward white people. It was the first time that prejudice based upon skin color had been explained to her. But it was of paramount importance to me that she not grow up bitter. So I told her that although many white people were against her going to Funtown, there were many others who did want colored children to go. It helped somewhat. Pleasantly, word came to me later that Funtown had quietly desegregated, so I took Yolanda. A number of white persons there asked, “Aren’t you Dr. King, and isn’t this your daughter?” I said we were, and she heard them say how glad they were to see us there.

Das komplette Interview - hier.

Foto: Die Obama-Familie bei der Einweihung des Martin-Luther-King-Memorials am vergangenen Sonntag/AP.

15.10.11 | 18:38 | 2 Kommentare

Alles wird gut


Der rationale Optimist Matt Ridley streitet gegen Pessimismus und sieht die letzten Bastionen traditioneller Macht in Politik, Kultur und Wirtschaft wanken

(Aus der Literaturbeilage der SZ im Oktober 2011, von Andrian Kreye) Gegen Ende seines gut 500 Seiten starken wissenschaftlichen Plädoyers für einen vernunftgesteuerten Optimismus gerät der britische Zoologe und Ökonom Matt Ridley kurz ins Anekdotische. Er besucht die Buchhandlung eines amerikanischen Flughafens, als ihn beim Anblick der Sachbuchbestseller der Zorn packt. „Die Generation, die so viel Frieden, Freiheit, Freizeit, Bildung, Medizin, Reisen, Filme, Mobiltelefone und Massagen genießt, wie keine andere Generation vor ihr, wittert bei jeder Gelegenheit den Untergang“, schreibt er da. „Ich sah die Regale durch. Ich fand Titel von Noam Chomsky, Barbara Ehrenreich, Al Franken, Al Gore, John Gray, Naomi Klein, George Monbiot und Michael Moore, die alle mehr oder weniger behaupteten, dass (a) die Welt ein schrecklicher Ort ist; (b) es noch schlimmer werden wird; (c) dies vor allem der Wirtschaft zu verdanken ist; und (d) wir vor einem Wendepunkt stehen. Ich habe kein einziges optimistisches Buch gesehen.“

Matt Ridley hat nun eines geschrieben. Er greift damit eine diffuse Stimmung auf, die noch kein rechtes Zentrum hat, und gibt ihr ein wissenschaftliches Fundament. „Wenn Ideen Sex haben“ lautete der Titel der deutschen Ausgabe. Man darf sich davon nicht irritieren lassen, denn was klingt wie eine kalauernde Filmkomödie aus den siebziger Jahren, ist in Wahrheit ein kluges Buch. Im Titel des Originals hat Ridley dies auf einen wunderbar schlüssigen Begriff reduziert: „The Rational Optimist“.

Ridleys rationaler Optimismus ist eine doppelte Kampfansage. Zum einen hält er Kulturpessimismus für einen gefährlichen Anachronismus. Die Welt sei im Verlauf der Menschheitsgeschichte eine immer bessere geworden. Und es gebe keinerlei Anzeichen dafür, dass sich das in Zukunft ändern sollte. Zum anderen erklärt er den klassischen Optimismus, der sich auf Emotionen, Glaube oder Utopien stützt, für ein weltfremdes Zerrbild. Denn die positive Entwicklung der Menschheit sei wissenschaftlich beweisbar. In seiner Argumentation folgt Matt Ridley der Methodik der Third Culture.

Als er seine Thesen 2010 beim Ideenfestival der Ted Conference in Oxford vorstellte, brachte er diese Methodik auf eine schlichte Gleichung: „Als ich in den siebziger Jahren hier in Oxford studierte, sah es nicht gut aus für den Planeten Erde. Die Bevölkerungsexplosion war nicht aufzuhalten, weltweite Hungersnot war unvermeidbar, eine Krebsepidemie durch Chemikalien in der Umwelt sollte unsere Lebenserwartung verkürzen, saurer Regen fiel auf unsere Wälder, die Wüste breitete sich aus, Öl wurde knapp und ein nuklearer Winter sollte uns den Garaus bereiten. Nichts davon ist eingetreten. Das effektive Einkommen jedes Menschen auf der Erde hat sich verdreifacht, die Lebenserwartung ist um 30 Prozent gestiegen, Kindersterblichkeit um zwei Drittel gesunken und die Nahrungsmittelproduktion pro Kopf um ein Drittel gestiegen.“

Da führt also der kalte Blick des Naturwissenschaftlers auf komplexe Zusammenhänge, die bislang eher Domäne der Geisteswissenschaften waren, zu einem optimistischen Weltbild. Ridley ist nicht der einzige, der diese rhetorische Strategie derzeit verfolgt. Andere kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Der Harvard-Psychologe Steven Pinker hat soeben seine umfassende Untersuchung der Gewalt mit dem Titel „The better angels of our nature“ herausgebracht. Seit dem Mittelalter, so weist er nach, hat das Gesamtniveau der Gewalt auf diesem Planeten kontinuierlich abgenommen. Geoffrey West, Physiker am Los Alamos Institute, hat in diesem Jahr eine Theorie vorgestellt, die zeigt, dass alle Städte nach kalkulierbaren Gesetzmäßigkeiten wachsen, egal ob es sich um eine mitteleuropäische Kleinstadt oder eine tropische Megacity handelt. Demnach sei auch die Urbanisierung der Welt keine Bedrohung, sondern eine Chance.

Matt Ridley geht einen Schritt weiter. Er begreift die gesamte Menschheitsgeschichte als ein Kontinuum mit einer zunehmend positiven Entwicklung. Und er hat die Zahlen, die das beweisen. Zwar schöpft Ridley aus einer Unzahl von Quellen. Als versierter Autor (zwischen seinem Studium der Zoologie und seiner Karriere als Banker arbeitete er für die Zeitschrift Economist , seit einigen Jahren schreibt er Wissenschaftsbestseller) versteht er sich darauf, seine komplexe Theorie in einen Fluss der Erzählstränge zu stellen, die ineinander greifen wie die Szenen eines gelungenen Drehbuchs. Er geht bis zu den Hominiden vor 500 000 Jahren zurück, um seine Theorien zu untermauern, und kommt dann immer wieder auf die Zahlen zurück, die vor seinem naturwissenschaftlichen wie vor seinem ökonomischen Hintergrund der einzig gültige Beweis sein können.

Seine Beweisführung für die unaufhaltsam positive Entwicklung der Menschheit kreist um die Fähigkeit des Menschen zur Vernetzung. Nur so habe er seine Kräfte bündeln, vervielfachen und optimieren können. Gängige Zivilisationstheorien zweifelt er an: „Ein größeres Gehirn, Sprache und Nachahmung sind noch keine Erklärung für Wohlstand, Fortschritt und Armut.“ Und er kommt schon bald auf die ideale Form der Vernetzung, den Handel. Der sei der Motor für die soziale Evolution. Antrieb für die kulturelle Evolution und somit für den Fortschritt sei die grandiose Nebenwirkung der Vernetzung: „Damit eine Kultur kumulativ wird, müssen Ideen aufeinander treffen und sich verknüpfen.“

Matt Ridley macht keinen Hehl daraus, dass Charles Darwin und Adam Smith seine geistigen Väter sind. Deren Ideen ziehen sich wie zwei rote Fäden durch die Argumentation. Manchmal wirkt das redundant. Wenn er beispielsweise die Emanzipation der Frauen in den Industrienationen auf die Entwicklung moderner Haushaltsmaschinen zurückführt, die den Überschuss an Zeit schufen, der eine Befreiung erlaubte. Oder wenn er Naturkatastrophen der letzten Jahre vergleicht und aufzeigt, dass die Erdbeben in Haiti mit 250 000 Toten und in Chile mit 500 Toten bei gleicher Stärke vor allem die Schwächen und Stärken beider Länder aufzeigten. Sein Fazit: Wohlstand bedeutet Überleben, bedeutet Freiheit, bedeutet Fortschritt. Das mögen Binsenweisheiten sein, doch wirkt der ganzheitliche Blick auf die Zahlen unangenehm vereinfachend, wenn er die zivilisatorischen Kräfte auf Marktmechanismen reduziert.

In den letzten drei der elf Kapitel verbeißt er sich in den Antagonisten seines Weltbildes, den Pessimisten. Bis dahin hat er schon schlüssig nachgewiesen, warum genmodifizierte Nahrung ein Segen ist, er hat die Endlichkeitstheorien von Robert Malthus widerlegt und die kollektiven Ängste des 20. Jahrhunderts als gesellschaftliche Panikattacken entlarvt. Wissenschaftlich sind seine Ausführungen tadellos. Er streift im letzten Kapitel auch kurz die „Bottom-Up-Welt“ des 21. Jahrhunderts. In dieser Welt vollzieht sich eine Machtverschiebung, die dem Einzelnen eine Macht gibt, die er zuvor nicht hatte. Die letzten Bastionen traditioneller Macht in Kultur, Politik und Wirtschaft sieht Ridley wanken.

Matt Ridleys rationaler Optimismus ist ein großartiger Impuls für einen Kulturwandel, in dem die Machbarkeit der Ideen mehr zählt als das theoretische Fundament, in der die Vernetzung einen Grad erreicht hat, den bisher nicht einmal die Wissenschaft verstanden hat. Er liegt richtig mit der Analyse, dass der gängige Pessimismus letztlich nichts anderes ist als eine Denkfaulheit. Selbst seine Anleihen beim Wirtschaftsliberalismus, beim „Libertarianism“ und bei Darwin haben in diesem Konstrukt eine berechtigte Funktion. „Wenn Ideen Sex haben“ ist also ein sehr lesenswertes Buch, das den Glauben an die Menschheit wissenschaftlich unterfüttert. Und doch verschenkt Matt Ridley die große Chance, das Grundlagenwerk eines neuen Zeitgeistes zu schreiben, der den Kulturpessimismus des 20. Jahrhunderts überwinden will. Ein Zeitgeist, der sich in den jungen Protestbewegungen des 21. Jahrhunderts ebenso findet wie in der Netzkultur der digitalen Welt. Da formiert sich ein neuer Intellektualismus, der prinzipiell sehr wohl eine optimistische Grundrichtung hat. Weil er vom Machbaren ausgeht und die Theorie ablehnt.

Doch es reicht nicht, Antagonismen zu zementieren. Matt Ridley bringt seinen großartigen Gedanken vom rationalen Optimismus letztlich doch nur gegen die Lähmung des Pessimismus ins Spiel. So aber vergrößert er die Kluft zwischen dem Pragmatismus der Natur- und Wirtschaftswissenschaften und den Theorien der Geisteswissenschaften. Ein solcher intellektueller Frontkampf wird aber letztlich nur zu einer Renaissance des Dogmas führen.

Dass es auch anders geht, führen Ridleys Kollegen ja gerade vor. Steven Pinker und Geoffrey West haben ihre Theorien nicht entwickelt, um intellektuelle Bilderstürmerei zu betreiben. Sie öffnen geisteswissenschaftliche Felder mit einem naturwissenschaftlichen Blick, der nicht nach den Fehlern im Bestehenden sucht, sondern um nach Mustern zu forschen, die positive Entwicklungen weiter vorantreiben können. Genau das aber ist nicht die Theorie des Optimismus, sondern seine Praxis.


14.10.11 | 06:06 | 0 Kommentare

Friday Night Live

13.10.11 | 17:35 | 0 Kommentare

Echo des Urknalls

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„Kraftwerk“ sind die Schöpfergötter des Elektropop – jetzt als 3D-Gesamtkunstwerk in München


(Von Andrian Kreye, aus dem SZ Feuilleton vom 14.10. 2011) Das Erstaunliche an den Elektroklängen von Kraftwerk ist, dass sie auch dreißig bis vierzig Jahre nach ihrer Konstruktion nichts von der ursprünglichen Wirkung verloren haben. Im Gegenteil – vieles klang beim ersten von drei Münchner Konzerten in dieser Woche sogar besser als auf den alten Platten. Das mag an den Fortschritten der Tontechnik liegen, oder an der überwältigenden Wirkung, die die neuen 3D-Projektionen während des Konzertes haben. Es hat aber auch etwas mit dem Hier und Jetzt zu tun. Spätestens als die Holzpaneele am Balkon der Alten Kongresshalle in München unter den Bassfrequenzen von „Trans Europa Express“ in hörbar seismische Schwingungen gerieten, erinnerte man sich jedenfalls daran, was es bedeutete, Mitte der siebziger Jahre ein Teenager in der deutschen Suburbia zu sein – und zum ersten Mal Kraftwerk zu hören.

Als „Radioaktivität“ im November 1975 erschien, war das erste Anhören ein popkulturelles Erweckungserlebnis, wie es die Elterngeneration mit dem ersten Jazzkonzert oder die etwas Älteren mit dem Erscheinen des Beatles-Wegweisers „Sgt. Pepper’s“ beschrieben. Die kristallklaren Elektroklänge waren in ihrer Schlichtheit ein akustischer Eisbrecher im Klangsumpf der damals gängigen Rockgenres mit den Vorsilben Prog-, Soft- oder Kraut-. Vor allem aber waren Kraftwerk das Gegengift für die latente Depression des Pop, weil der Blues Mitte der siebziger Jahre längst im larmoyanten Pathos erstickt war. Der Retrofuturismus der vier Klangingenieure aus Düsseldorf aber war vom strahlenden Optimismus einer vordigitalen Techno-Utopie getragen. Und der wirkte im beklemmenden Vorort-November des Jahres 1975 wie ein Befreiungsschlag.

Deswegen zündete „Trans Europa Express“ Ende der siebziger Jahre dann auch so gewaltig in der schwarzen Kultur Amerikas. Die war nach den Erfolgen der Bürgerrechtsära von Aufbruchsstimmung geprägt. Die Kinder der Bürgerrechtskämpfer aber suchten nach einer Alternative zum Erweckungsmodus des Gospel, der sich in der Musik von Earth, Wind & Fire oder den Commodores manifestiert hatte. In der Musik von Kraftwerk aber steckte ein sehr diesseitiges Heilsversprechen – das Techno-Utopia des frühen 20. Jahrhunderts.

Immerhin waren die Technologien, denen Kraftwerk seine Hymnen widmete, keine Scienc-Fiction, sondern die technischen Grundlagen für den unfassbar rapiden Fortschritt des 20. und 21. Jahrhunderts – Schnellzüge, Radiowellen, Autobahnen, Computer und Radioaktivität. Mitte der siebziger Jahre war das noch keineswegs selbstverständlich. So kurz nach dem Zweiten Weltkrieg war Technopositivismus eine Provokation. Auch wenn er sich auf so unverdächtige Ästhetikwelten wie den Konstruktivismus, Bauhaus und die Kybernetik bezog. Und auch wenn Kraftwerk letztlich nur vorführte, dass sich das Land der Dichter und Denker in ein Land der Techniker und Ingenieure verwandelt hatte.

Dieser Technopositivismus traf jedoch den Nerv einer schwarzen Jugend, die sich ihren Weg in die Mitte der Gesellschaft noch bahnen musste. Afrika Bambaatas Vision vom Ausbruch aus der Gewaltspirale der Ghettos in der South Bronx war da nur der Anfang. Er adaptierte Kraftwerks Pan-Europäismus und erweiterte ihn mit dem melodischen Muster von „Trans Europa Express“ auf seiner wegweisenden Single „Planet Rock“ zum Traum vom postethnischen Zeitalter. Das Motiv Kraftwerk zieht sich bis heute durch den Hip-Hop. So antwortete der Überproduzent Dr. Dre erst neulich bei einem Interview auf die Frage, was er sich während seiner Arbeit als Inspiration anhöre: „Kraftwerk“.

Als Provokation mag der offensive Technopositivismus in einer Zeit, in der eine digitale Subkultur gerade die Mitte der Gesellschaft erreicht, nicht mehr taugen. Aber er passt trotzdem ganz gut in einen Herbst 2011, in dem sich wieder einmal Larmoyanz und Pathos in einer Popkultur breitgemacht haben, die in Filmen von Miranda July und Noah Baumbach, oder in der Musik von Bon Iver und Coldplay den Teenage-Weltschmerz zum übermächtigen Credo erklärt. Ihr wollt Emotionen? Wir geben euch „Boing, Boom, Tschak!“

Die Trotzhaltung des Techno, sich dem wortreichen Gefühlsleben der Rock’n’Roll-Väter zu verweigern, hatte immer etwas Befreiendes. Und diese Haltung hat ihre Wurzeln eben in jenem November 1975, als Kraftwerk das erste ernstzunehmende Album ganz ohne traditionelle Instrumente veröffentlichte.

In München wurde aber auch deutlich, was für ein überschaubares Gesamtwerk das Düsseldorfer Kollektiv in diesen vierzig Jahren hervorgebracht hat. Der Parcours der Klassiker ist einem so vertraut wie der Katalog der Beatles: „Autobahn“, „Roboter“, „Menschmaschine“, „Radioaktivität“, „Computerwelt“. Und eben jener übermächtige Treiberrhythmus von „Trans Europa Express“, in dem 1977 schon alles enthalten war, was die Popmusik in den folgenden dreißig Jahren an Neuem hervorbrachte.
Genau wegen dieser Vertrautheit ist es ein solches Vergnügen, Kraftwerk mit dem Abstand von mehr als drei Jahrzehnten zu hören. Streng genommen haben Hip-Hop, House und Techno dem rhythmischen Urknall in Düsseldorf nur noch ein paar evolutionäre Volten hinzugefügt. Das schmale Repertoire erklärt sich dann auch mit der Musik selbst. Jeder Song ist so etwas wie ein musikalischer Nike Swoosh – die extreme Reduktion eines großen Moments auf eine Geste.

Mit seinen Wurzeln im Konstruktivismus, Modernismus, Minimalismus und den prädigitalen Technologien hat Kraftwerk auch optisch immer schon gespielt. Und weil niemand diese Mischung aus Reduktion und Populismus so meisterhaft beherrscht wie Kraftwerk, waren es auch die begleitenden 3D-Projektionen, die beim Münchner Konzert den Szenenapplaus bekamen.

In den Projektionen manifestiert sich das Konzept Kraftwerk in Perfektion. Ein großer Reiz ihrer Musik liegt darin, dass sie Technologie nie benutzten, um etwas zu simulieren. Während die Elektronik im Pop oft als Sparmaßnahme dient, um die Produktion ohne Schlagzeuger, ohne Orchester und hin und wieder auch ohne Gesangsvermögen zu verschlanken, ist sie bei Kraftwerk immer Selbstzweck.

So sind auch die 3D-Projektionen niemals der Versuch, einen Eindruck von Realität zu vermitteln. Im Konzertsaal vermitteln die schlichten Graphiken das Raumerlebnis als Abstraktion. Da löst sich der Saal bei „Nummern“ in ein digitales Zahlenfeld auf, zu „Vitamin“ perlen erst Sprudelbläschen durch den Raum, bevor sich eine Flut bunter Pillen über die Köpfe des Publikums ergießt, und zu „Trans Europa Express“ wird der Blick der Zuschauer rasant ein schematisches Schienennetz entlanggezogen. Zu „Menschmaschine“ pulsieren Mondrian-Muster in die dritte Dimension. Bei „Electric Café“ baut sich ein schwarzweißer op-Art-Raum auf. Das alles betont eher die gestaffelte Flächigkeit des 3D-Effektes, anstatt Raumwelten vorzuspiegeln.

Im Kunstbau des Lenbachhauses kann man in den nächsten vier Wochen gut die Hälfte dieser Projektionen sehen. Die Reduktion der visuellen Ebene auf Schemen, Linien und Matrixmuster funktioniert im Kontext des Ausstellungsraumes sogar noch besser. Ganz so neu, wie es das Museum ankündigt, ist die Installation aber nicht. Lediglich für „Roboter“ wurde eine Sequenz im Betonschlauch des Kunstbaus gefilmt. Fast alle 3D-Bilder sind Projektionen, die Kraftwerk zweidimensional auch schon auf seiner Mammuttournee zwischen den Jahren 2002 und 2005 zeigten. So fungieren Konzert und Installation eher als Retrospektive denn als Neuanfang. An Wucht verliert Kraftwerk jedoch in keinem Moment.

Foto: Peter Boettcher, © Kraftwerk, 2011

10.10.11 | 14:40 | 2 Kommentare

Down on Wall Street


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(Seite 3 der SZ am 8.10.2011, von Andrian Kreye) Irgendetwas geschieht hier gleich. Was genau, ist nicht ganz klar. Aber die Menschenmenge im Schatten der Bankentürme und der 54 Lederhülsenbäume auf der Liberty Plaza weiß meist besser, wo etwas geschieht, als die Veranstalter der Protestbesetzung selbst. In Wellenbewegungen zieht sich der Kern der Menge um den Ort des Geschehens zusammen.

Um Naomi Klein etwa, die jetzt gleich auf einen der polierten Granitblöcke steigen wird, um vor den Demonstranten der „Occupy Wall Street“-Bewegung die in diesen drei Wochen der Proteste bisher meistbejubelte Rede zu halten. Naomi Klein gilt als das Postergirl der amerikanischen Linken, ein etwas paternalistisches Etikett für die 41-jährige Aktivistin, die mit ihrem Bestseller „No Logo“ zur Leitfigur der Antiglobalisierungsbewegung wurde. Die Medien lieben sie, weil sie mit ihrem Fassonschnitt und stilsicheren Modegeschmack vor jeder Kamera eine gute Figur macht. Wie auch am Donnerstagabend, an dem sie unter der kurzen schwarzen Lederjacke eine rote Bluse trägt, was eher nach Bergdorf & Goodman als nach Straßenkampf aussieht.

Die Bewegung aber liebt sie, weil sie sich kluge Gedanken macht, die sie in mitreißende Texte fassen kann. Derzeit macht sie sich Gedanken über die Besetzung dieses gut dreitausend Quadratmeter großen Parks im Süden von Manhattan, der nach 9/11 in Liberty Square umbenannt wurde und 2006 in Ziccotti Park, und auf dem je nach Tageszeit derzeit ein paar hundert oder ein paar tausend Demonstranten in einer Lagerstadt hausen. Von hier aus protestieren sie gegen ein Finanzsystem, das die meisten von ihnen um Job, Häuser oder Zukunftsperspektiven gebracht hat, und dessen Gravitationszentrum nur zwei Straßenecken weiter im neoklassizistischen Prachtbau der New Yorker Börse liegt.

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Was am 17. September als Spaßguerilla-Aktion der kanadischen Konsumkritikzeitschrift Adbusters begann, ist zu einer landesweiten Bewegung angeschwollen, die viele Kommentatoren der Einfachheit halber die „Tea Party der Linken“ nennen: Weil sich hier eine Volkswut sammelt, die sich von den etablierten Parteien und Organisationen nicht mehr bändigen lässt. Aber da hören die Parallelen auch schon wieder auf, weil die Tea Party sich bald nach ihrem Aufkeimen in den ultrarechten Block der Republikaner verwandelte – die Proteste rund um die Wall Street sind hingegen das Epizentrum einer neuen Gegenkultur, die sich nicht ganz so einfach definieren lässt. Weil sie eben keine Ideologien transportiert. Auch wenn die Prominenten, die hier regelmäßig auftauchen, um mit ihren Solidaritätsbesuchen die bisher noch zögerlichen Medien aufmerksam zu machen, eher zur amerikanischen Linken gehören: der Regisseur Michael Moore, der Princeton-Theologe Cornel West, Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz, Hollywoodstar Susan Sarandon, Rapstar Talib Kweli und nun eben Naomi Klein. Auch der harte Kern der Demonstranten, die die Nächte in Schlafsäcken und unter Plastikplanen im Park verbringen, rekrutiert sich eher aus dem linken Vielerlei der Antiglobalisierungs- und neo-anarchistischen Protestbewegung.

Die Masse aber, die sich oft erst nach Büroschluss bildet, besteht aus Leuten, die man bei so einem Protest nicht erwartet. Da trifft man den Webdesigner aus Kalifornien, die Barkeeperin aus Brooklyn, den hochverschuldeten Doktoratsanwärter, den arbeitslosen Investmentbanker, die Anwältin, den Apple-Programmierer, die Modestudentin, den Maurer, die Lehrerin. Und ja, den freischaffenden Journalisten, was den Identifikationsgrad als Reporter noch verschärft, denn nach zwei Tagen und Nächten im Park hat sich ein Gedanke zementiert: Das ist keine jugendliche Protestbewegung, das sind keine Aufständischen aus dem Mittelmeerraum, die gegen ein politisches oder wirtschaftliches System kämpfen, das einem als Mitteleuropäer mit solider bürgerlicher Existenz eher fremd ist.

Das hier sind: wir. Der Mittelstand, das Bürgertum, deren Abstieg bislang eher theoretisches Menetekel war. Auch hier in New York, wo man im Kielwasser der aufbrausenden Weltwirtschaft immer einen Weg gefunden hat, zumindest ein anständiges Auskommen abzuschöpfen. Naomi Klein lächelt unsicher. In regelmäßigen Abständen brüllt jemand „mike check!“, wie es die Bühnenarbeiter vor Rockkonzerten beim Mikrofontest tun. Dann antwortet die Menge im Chor „mike check!“. „Human microphone“ heißt diese Technik, menschliches Mikrofon. Nur so können die Tausende im Park verstehen, was Naomi Klein sagen wird. Die Demonstranten dürfen zwar ihre Besetzung fortsetzen, das hat der New Yorker Polizeichef Ray Kelly tags zuvor bestätigt, aber die Regeln sind streng: keine Tonanlagen, keine Dieselgeneratoren, keine Zelte, keine Hütten, keine Klohäuschen. Es gibt eine Gratisküche, Ausgabestellen für Schlafsack- und Kleiderspenden, ein Medienzentrum mit Laptops und W-Lan-Netz, das von Gasgeneratoren betrieben wird, eine Bibliothek und sogar einen Friseur. Es ist allerdings nicht leicht, eine Lagerstadt zu unterhalten, wenn die wirklich elementaren Strukturen fehlen. Doch rund um den Platz und in den umliegenden Straßen stehen ganze Phalanxen der Polizei, die darauf warten, dass irgendein Demonstrant eine der unzähligen New Yorker Regeln und Gesetze für das Benehmen im öffentlichen Raum verletzt, um dem Regelbruch mit Plastikhandschellen, Knüppeln und Pfefferspray eine Ende zu setzen. Sie haben sogar mobile Wachtürme aufgestellt, mit Spiegelscheiben und Funkanlagen.

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Ein grober Regelverstoß der Besetzer wäre der willkommene Grund, den Park zu räumen. Deswegen sind die Freiwilligen vom Organisationsteam bedacht darauf, dass jede der Regeln penibel eingehalten wird. Deswegen wird Naomi Klein ihre Rede gleich in Bruchstücken von nicht mehr als sechs Wörtern hintereinander halten müssen, weil die menschliche Mikrofonkette während ihres Auftritts in zwei, später sogar drei Wellen ihre Sätze bis hinüber zur benachbarten Baustelle von Ground Zero tragen wird und mehr Wörter die Kette überfordern.

Wie schnell es gehen kann, dass der bedrohliche Tanz der Polizisten und Demonstranten um das komplexe Regelwerk der Stadt in einen handfesten Straßenkampf kippt, hat man erst am Tag zuvor erlebt. Die Seiten können ja den ganzen Tag über den Atem der anderen buchstäblich im Nacken spüren. Da filmt zum Beispiel ein Demonstrant eine Gruppe Polizisten für einen der vielen Blogs der Bewegung, als sich ein Polizist direkt hinter ihn stellt und mit in den Sucher schaut. Für einen Moment starren sich die beiden in die Augen, bis der Polizist mit einem triumphierenden Schmunzeln wieder abdreht. Oder eine Polizistin starrt einen der Demonstranten, der sich kurz auf eine der Bänke gelegt hat, so lange an, bis er grummelnd den Platz wechselt.

Die Frustration ist auf beiden Seiten groß. Die Polizisten sind entnervt, weil sie die ganze Nacht in Einsatzgruppenstärke und Habachtstellung in einem der umliegenden Vestibüle oder den Seitenstraßen stehen, ohne sich vom Fleck rühren zu können. Die Demonstranten wiederum stehen unter Dauerspannung, weil die ständige Bewachung zum einen so viele ihrer Vorurteile von der feindseligen Staatsmacht bestätigt, und sie andererseits plötzliche Zugriffe fürchten, die dann oft damit enden, dass man 48 Stunden in irgendeiner Sammelzelle verbringt und ein lästiges Gerichtsverfahren wegen eines Regelverstoßes am Hals hat.

Und doch ist es wichtig, dass die Demonstranten bis an die legalen Grenzen gehen – und hin und wieder etwas darüber. Das sagt jedenfalls Bill Dobbs, einer der Sprecher der eigentlich führer- und strukturlosen Bewegung. Man sollte auch die psychologische Wirkung nicht unterschätzen, dass es weder für die dauerhafte Besetzung des Parks noch für die regelmäßigen Protestmärsche Genehmigungen gibt. Der Vorteil einer Menge, die kaum Erfahrung mit Protestaktionen hat, ist, dass es leichter ist, zur Vorsicht aufzurufen. Niemand will seine ersten Demonstrationserfahrungen mit einer ersten Nacht im Gefängnis krönen. Wenn sich die Spannung doch einmal in einem Stoß von Gewalt entlädt, kann man oft nicht mehr sagen, wer angefangen hat, selbst wenn man direkt daneben steht.

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Wie eben am Mittwochabend, nach dem bisher größten Marsch, der auch ein Durchbruch der Bewegung war, weil fast alle der großen Gewerkschaften Flagge zeigten und ihre Mitglieder zu Tausenden aus den umliegenden Bundesstaaten mit Bussen herankarrten. Die United Auto Workers kamen, die Gewerkschaften der Stahlarbeiter, der Lehrer, der Krankenpfleger, der Dachverband AFL-CIO gab seinen Segen. Viele der Gewerkschaftler markierten ihre Grüppchen mit einheitlichen T-Shirts. Es gab sogar Genehmigungen, weil 20 000 Menschen nicht mehr im Gänsemarsch auf dem Bürgersteig marschieren können, was per Gesetz nicht genehmigungspflichtig ist, selbst wenn man Transparente trägt und Slogans skandiert. Allen war klar, dass diese Allianz für beide Seiten wichtig ist: für die Gewerkschaften, weil die neue Protestgeneration mit ihren digitalen Netzwerken und ihren übergreifenden Demografien mehr Relevanz und Wirkung hat als die verkrusteten Arbeiterzünfte. Für die Protestler, weil die Gewerkschaften Gelder und Massen mobilisieren können. Und weil sie Macht haben. Richtige Macht. Die hat der Vorsitzende der Transportgewerkschaft, John Samuelson, bewiesen, als er diese Woche verkündete, die New Yorker Nahverkehrsbetriebe würden in Zukunft bei Massenverhaftungen wie am Samstag auf der Brooklyn Bridge keine Verhafteten mehr für die Polizei transportieren. Die Gewerkschaftler waren noch kaum in ihre Busse und Hotels zurückgekehrt, da sammelte sich an der Straßenecke Wall Street und Broadway ein harter Kern von ein paar hundert Demonstranten, die lautstark forderten: „Lasst uns auf der Wall Street demonstrieren!“

Die Polizei reagierte mit einer in den Jahren unter Bürgermeister Rudy Giuliani einstudierten und während der Bush-Jahre perfektionierten Choreographie der sogenannten crowd control . Rund um die Wall Street erinnern die Straßen zwar seit dem Beginn der Proteste mit den Labyrinthen aus Stahlgattern, mit den Straßensperren, den Taschendurchsuchungen auf den Trottoirs, den Reihen der Einsatzfahrzeuge und den unzähligen Wachposten an die Wochen nach den Anschlägen des 11. September. Doch der Belagerungszustand kann innerhalb von Minuten in eine Gegenoffensive verwandelt werden. Also marschierten die Schlachtreihen auf. Die erste Reihe verriegelte die Westseite des Broadway mit orangefarbenen Plastiknetzen, die zweite Reihe postierte sich auf der Ostseite. Dann trabte die berüchtigte berittene Polizei die Straße hinunter, jene Ritter der Großstadt, die mit ihren Rössern im Gemenge eines Protestes immer wieder Angst auslösen und leichte bis schwere Verletzungen verursachen. Die stellte sich hinter den Schlachtreihen quer über die Wall Street in Formation. Das Gedränge rund um die Ecke nahm zu. Eine Gruppe Polizisten fand sich eingekesselt, plötzlich holte einer der Einsatzleiter mit seinem Schlagstock aus, seine Kollegen zogen ebenfalls ihre Knüppel aus dem Holster und innerhalb von Sekunden haben sie mit kräftigen Hieben eine Schneise um sich geschlagen.



Nun ist so ein kurzer Ausbruch der Gewalt im Vergleich zu den Massenverhaftungen, den Schlagstock- und Pfefferspray-Angriffen auf der Brooklyn Bridge am Wochenende eine Lappalie. Doch kaum hatte das Prügeln auf dem Broadway angefangen, wallte die Menge in einem Schwung um die Szene. Eine Batterie von Handyschirmen und Kameralampen flackerte auf. Minuten später schon war die Szene auf Youtube geladen, kurz darauf in den Fernsehnachrichten. Das sah nicht gut aus. So bekommt ein kleiner Vorfall maximale Wirkung.

Was die Polizei zusätzlich frustriert – die Proteste haben keine klare Organisationsstruktur. Es gibt kein Rädelsführer, die man isolieren und aus dem Verkehr ziehen könnte. Sicher, es gibt ein paar Knotenpunkte. Die befinden sich aber entweder im Internet. Oder abseits des Parks. Zum Beispiel in den Hinterzimmern eines Off-Off-Broadway-Theater im West Village. Da produziert eine Gruppe junger Journalisten und Aktivisten eine Zeitung, den Occupied Wall Street Journal. Und da laufen auch die Nachrichten von der Strasse zusammen. „Das Medienzentrum wurde verhaftet“ (ein paar Kameraleute der Proteswebseiten hatten sich zu weit in die Schlachtreihen der Polizei vorgewagt). „Zizek kommt!“ (Der Philosoph wird allerdings erst nächste Woche erwartet). Hier formiert sich auch der Geist, der an eine Bewegung glaubt, die revolutinäre Kraft entwickeln könnte. So wie am Tahrirplatz in Kairo, der so vielen Protestierenden als Vorbild dient. Oder wie in Griechenland, wo der Chefredakteur der Protestzeitung Jeb Brandt gerade die Strategien der Proteste dort studierte.
Eine leichte Paranoia gehört wie selbstverständlich zum Gestus der Revolution. Und Übergriffe wie auf dem Broadway wirken da wie Zunder.

Für Naomi Klein gehören solche Vorfälle zu den unangenehmen Begleiterscheinungen, die man vermeiden muss. Genau solche Szenen seien zwar für die Demonstranten Beweis für die Übergriffe der Polizei, für die bürgerlichen Medien aber meist das Bildmaterial, mit dem sie illustrieren können, dass ein Protest eine Bedrohung der öffentlichen Ordnung ist. Viel wichtiger sei die neue Strategie, den Protest zu einer dauerhaften Einrichtung zu machen.

„Vor zehn Jahren waren die Gipfeltreffen der Weltwirtschaft unser Ziel“, sagt sie. Sie meint die Konferenz der Welthandelsorganisation in Seattle 1999, das Globalisierungsforum der Weltbank in Washington 2000, den G-8-Gipfel in Genua 2002. „Das sind flüchtige Ereignisse. Und das hat auch die Bewegung flüchtig gemacht.“ Die Strategie, sich ein klares, unbewegliches Ziel wie die Wall Street zu suchen, sei ein kluger, neuer Weg. Nur so könne die Bewegung Wurzeln schlagen. Denn so effektiv die sozialen Medien seien, um einen Protest zu organisieren, so hätten sie doch für einen inflationären Anstieg irgendwelcher Bewegungen gesorgt, die beim ersten Anzeichen von Schwierigkeiten wieder verschwänden. Wurzeln seien aber wichtig, denn es hätten sich nicht nur die Strategien verändert, sondern auch die Auslöser des Protests.

„Die Finanzkrise unterscheidet sich deutlich von den Finanzkrisen der letzten Jahrzehnte“, sagt Naomi Klein: „Die Rettungspläne haben den Staat verändert, aber sie haben vor allem unser Wirtschaftssystem auf den Kopf gestellt. Deswegen sind diese Leute heute hier, um vor der Zitadelle des Überflusses zu protestieren. Wir haben nämlich keineswegs eine Krise der Wirtschaft, sondern eine Krise der Verteilung.“

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Die Zahlen der letzten Jahre, nicht nur in den USA, bestätigen den leicht marxistischen Unterton. Die Umverteilung des öffentlichen und allgemeinen Wohlstandes in den Finanzsektor hat mit den Rettungsschirmen der Finanzkrise vor drei Jahren eine Entwicklung beschleunigt, in deren Rahmen sich globale Wirtschaftseliten in einem Maße vom Rest der Gesellschaft isolieren konnten wie seit der Abschaffung des Feudalismus nicht mehr. So verstehen sich auch die Demonstranten vom Liberty Park quer durch alle ideologischen Färbungen – als die 99 Prozent der Bevölkerung, die nicht zum magischen einen Prozent der Reichen und Superreichen gehören. Es war jedoch nicht nur die Umverteilung, sondern auch die rasche Abfolge sogenannter jobless recoveries nach den Rezessionen der letzten zwanzig Jahre.

Überall im Park hört man Geschichten von Leuten jeden Alters, die seit dem Begin der Krise ihren Job, ihr Haus, ihre Firma verloren haben. Ian Williams zum Beispiel, 27 Jahre alt, ein freundlicher junger Mann, der eine Titaniumbrille trägt und eine Holzfällerjacke. Er hat alles richtig gemacht. Stammt aus einer soliden Bürgerfamilie in Vermont, hat an der McGill University in Montreal studiert, seinen Abschluss in ostasiatischen Studien gemacht. Kaum war er mit dem College fertig, brach die Lehman Brothers Bank zusammen. Da war er fucked , wie es hier so schön heißt. Seit drei Jahren schlägt sich Ian mit Gelegenheitsjobs durch. Er hat für ein Regierungsprogramm gearbeitet, das Einwanderern hilft. Das Gehalt lag allerdings unterhalb der Armutsgrenze von 11 000 Dollar pro Jahr, weil das Programm niemanden anstellen kann, sondern nur „bezahlte Freiwillige“ beschäftigt. Es folgten Jobs als Barkeeper, Skilehrer, Lagerarbeiter. Die Abzahlung seines Studienkredits darf er zum Glück stunden. Aussichten: finster. Pläne: irgendwie weiterstudieren.

Nicht alle Geschichten sind gleich so hoffnungslos. Das ändert nichts am Zorn. Debbi McCulloch verdient als Krankenschwester in Cape Cod beispielsweise immerhin 90 000 Dollar im Jahr. Ihr Lebensgefährte John Hopkins hat eine gut gehende Baufirma, die im Jahr 250 000 Dollar abwirft. Doch das Gesundheitswesen baut überall Stellen ab. Hopkins erhöht seit Jahren die Leistung mit schwindendem Ertrag. „Alles was ich will, ist, dass die Konzerne und die Superreichen Steuern bezahlen wie ich“, sagt er.

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Das müssen sie seit den Bush-Jahren nicht mehr. Und Obama hat es nicht geändert. Niemand weiß, wohin sich die Bewegung entwickeln wird. Alle sind sich einig, dass es noch zu früh ist, um eine klare Linie festzulegen. Als Naomi Klein dann auf einer der Granitbänke steht und ihre Rede langsam deklamiert, die von der Menge nachskandiert wird, sagt sie gleich zu Beginn: „Lasst euch nicht darauf ein, medienfreundliche Forderungen zu stellen. Warum wollt ihr euch jetzt schon eingrenzen lassen? Schaut lieber, wie weit ihr noch wachsen könnt!“

Wenige Stunden vor Naomi Kleins Auftritt hat Präsident Obama erstmals zugegeben, dass die Protestierenden vom Liberty Park „den Frustrationen mit dem Finanzsystem“ eine Stimme geben. Überall im Land formieren sich jetzt Zentren des Protests. Und für den 15. Oktober haben Protestgruppen in aller Welt einen globalen Aktionstag ausgerufen. Die New York Times hat den Protest mit dem Marsch der Gewerkschaften am Donnerstag zum ersten Mal zur Titelgeschichte gemacht. Und am Freitagmorgen beginnt der Starautor der New York Times , Paul Krugman, seine Kolumne über die Proteste mit den ersten beiden Zeilen des Protestsongs „For What It’s Worth“, den die Gruppe Buffalo Springfield 1967 herausbrachte: „There’s something happening here. What it is ain’t exactly clear.“

Irgendetwas geschieht hier. Was genau, ist nicht ganz klar. Kaum jemand zweifelt daran, dass sich im Liberty Park von New York gerade eine Gegenkultur formiert, die Bestand haben könnte. Wenn der Wind in den nächsten Wochen auf Nordwest dreht und aus den kanadischen Ebenen die Kälte in die Stadt bläst, wird die Besetzung des Parks ein Ende finden. Doch es geht ein Schauer der Bestätigung durch die Menge, als Naomi Klein ihre Rede mit den Worten beschließt: „Lasst uns diesen wunderbaren Moment so behandeln, als sei er das Wichtigste der Welt. Denn das ist er. Das ist er wirklich.“

iPhone-Fotos: Kens Schles (5), Foto Naomi Klein: A. Kreye


04.10.11 | 11:29 | 0 Kommentare

Revolution Zeitgeist

03.10.11 | 06:42 | 0 Kommentare

#musicmonday

Gregory Porter, "1960 What" Music Video from Shawn Peters on Vimeo.

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