3 KommentareSalon der Optimisten
Der Evolutionspsychologe Steven Pinker gilt als wichtigster Intellektueller der USA, weil er Denkmuster in Frage stellt
(Von Andrian Kreye) New York ist eine aus tiefstem Herzen nostalgische Stadt. Hier werden die Steaks immer noch blutig serviert, die Subkulturen hängen dem Paris der Absinth-Trinker nach und neue Musik wird auf nierenförmigen elektrischen Gitarren gespielt. Es wundert einen also nicht, dass der Traum vom intellektuellen Diskurs immer noch der Traum vom literarischen Salon bleibt.
Im Manhattan des 21. Jahrhunderts findet man solche Salons allerdings seltener, als man glauben möchte. Deswegen war es eine kleine Sensation, als der Chef des Ideenfestivals Ted Conference, Chris Anderson, an einem lauen Herbstabend einen Kreis von sechzig Intellektuellen in sein Loft im Greenwich Village lud. Steven Pinker sollte dort sein Mammutwerk „Gewalt“ erläutern und sich auch gleich der Diskussion stellen.
Bei Gästen wie dem genialischen Wissenschaftstheoretiker Freeman Dyson, dem streitbaren Medientheoretiker Clay Shirky, dem neo-atheistischen Philosophen Daniel Dennett, dem Star-Essayisten Malcolm Gladwell oder dem Meeresforscher Bruce Parker und dessen Sohn, dem Facebook-Gründer Sean, ist das auch für einen geübten Redner wie Steven Pinker kein Routineauftritt. Obwohl der Evolutionspsychologe der Harvard University derzeit als der wichtigste „public intellectual“ Amerikas gilt. Immerhin stellt er schon seit rund zwei Jahrzehnten die traditionellen Denkmuster der Intellektuellen in Frage. Das tun allerdings auch die anderen Gäste, die sich da in den ausladenden Lofthallen versammelten.
Nun steht es nicht gut um den intellektuellen Diskurs in Amerika. Die Debatten haben sich längst in eine Flut von Formaten aufgelöst. Sie werden in den Ostküstenmagazinen wie dem New Yorker und Atlantic ausgetragen, in Internetforen wie edge oder Salon. Dazu kommt das Fernsehen, das die populistischen Debatten als preisgünstige Publikumsrenner entdeckt hat. Da wurden so manche Intellektuelle in den ideologischen Schlachten der vergangenen zehn Jahre aufgerieben und zu sogenannten „Pundits“ reduziert, zu multimedialen Meinungsmachern, die ihre sendefreundlichen Gedankenfetzen wieder und wieder durch die Debattenmühle drehen. Selbst die Ideenfestivals, die eine breitere Öffentlichkeit erreichen wie die Ted Conference, das New Yorker Festival oder das World Science Festival sind letztlich ideengeschichtliche Konfettiparaden. Wer sich dort präsentiert, hat seine Gedanken meist schon fertig ausgearbeitet.
Wer auf so einem Feld mit komplexen Ideenkonstrukten bestehen will, der muss das gesamte Instrumentarium beherrschen, von der Powerpoint-Präsentation über die Talkshow und den Essay bis hin zum Blog und Tweet. Es wirkte geradezu ketzerisch, als sich Steven Pinker an diesem Abend ganz ohne Hilfsmedien vor einem Auditorium auf asiatischen Sitzpolstern aufstellte.
Nun ist schon die Entstehungsgeschichte von Pinkers „Gewalt“ eine Ausnahmeerscheinung im Kreislauf der Ideenkultur. Sein Vortrag auf der kalifornischen Ted Conference im März 2007 war nicht der Endpunkt, sondern der Beginn einer monumentalen Arbeit an einem gewagten Gedanken – die Gewalt, so Pinker damals, habe im Verlauf der Menschheitsgeschichte kontinuierlich abgenommen. Es war dann vor allem die Geschichtswissenschaft, die auf die Videoaufzeichnung seines Vortrages im Internet reagierte und ihn mit Material versorgte. So wurde eine gewagte Hypothese zum perfekten Musterfall für den neuen Intellektualismus des 21. Jahrhunderts. Der Gedanke lässt sich auf vier Wörter komprimieren, wie den Untertitel der englischen Ausgabe: „Why violence has declined“. Die Beweisführung aber nimmt in der deutschen Ausgabe mehr als 1200 Seiten ein („Gewalt – Eine neue Geschichte der Menschheit“, S. Fischer Verlag, Frankfurt 2011. 1210 Seiten, 26 Euro).
Zwei entscheidende Phasen dieser Entwicklung identifizierte Pinker in seinem Vortrag. Von den Urmenschen bis zur Aufklärung war es vor allem die sukzessive Konzentration staatlicher Macht, die zu einer Ordnung der Gesellschaft und einer zunehmenden Kontrolle der Gewalt führte. Als aber der Humanismus ins Bewusstsein dringt und es Werte sind, und nicht Kontrolle, welche die Befriedung befördern, sind die Erklärungsmodelle nicht mehr ganz so einfach.
Pinker ist jedoch viel zu sehr Naturwissenschaftler, um seine Theorie als absolut zu begreifen. Weltkriege, Völkermorde und Terrorismus sind für ihn ernstzunehmende Anomalien auf dem absteigenden Vektor der tödlichen Gewalt. Doch Menschen- und Bürgerrechte sind für ihn evolutionäre Faktoren, die kumulativ die vermeintlich vorgegebenen Charakterzüge der Grausamkeit und Tötungsbereitschaft reduzieren. Allein die Entwicklung des Welthandels ist aus der Sicht der Evolutionstheoretikers ein stichhaltiger Beweis dafür, dass die Menschheit begriffen hat, dass nur die friedliche Auseinandersetzung ihr Überleben sichern kann.
Wie schwierig es ist, mit geisteswissenschaftlichen Argumenten gegen eine Arbeit wie Pinkers „Gewalt“ anzugehen, zeigt sich dann schon gleich nach dem Vortrag. Dem Weichendilemma der Philosophie, das die Aufrechnung von Menschenleben verbietet, entzieht er sich mit mathematischer Rhetorik. Sicher seien die Weltkriege das 20. Jahrhunderts von unfassbarer Grausamkeit. Doch man müsse die Zahl der gewaltsamen Todesfälle ins Verhältnis zu einhunderttausend Köpfen der jeweiligen Weltbevölkerung setzen, um das stetige Abnehmen der Gewaltkurve nachzuzeichnen.
„Was aber ist mit den demografischen Verschiebungen von so dynamischen Gesellschaften wie China und Indien?“, warf der Medienwissenschaftler Clay Shirky ein. Da zeigte sich Pinker ganz als Naturwissenschaftler. Eine Garantie für ein fortwährendes Abnehmen der Gewalt könne man aus seinen Forschungen nicht ableiten. Er wolle auch nicht einfach nur Recht behalten. Er sehe seine Arbeit als Anstoß, um die Mechanismen zu untersuchen, die zu diesem Absteigen führten, um daraus Methoden zu entwickeln, die diesen Prozess unterstützen.
Es ist spät, als sich die Runde zerstreut. Was vom Abend bleibt, ist das Gefühl, dass die anachronistischen Formen der freien Rede und direkten Debatte letztlich der Kern des Diskurses bleiben. Es ist nicht unbedingt der europäische Salon, der da Pate stand, auch wenn Chris Andersons Einladung formal dem Vorbild Anna Schopenhauers gefolgt war, deren Einladungen zum Tee der reife Goethe meist mit der Handlaterne ins nächtliche Weimar verließ.
Doch der naturwissenschaftliche Zugang zu großen philosophischen Fragen und der fundamentale Optimismus der neuen Intellektuellen erinnert an eine ganz andere Runde, die sich im amerikanischen Cambridge gut sechzig Jahre nach den Weimarer Salons zusammenfand. Es war der Metaphysical Club rund um die John Hopkins Univeristy. Da entwarfen amerikanische Wissenschaftler ein positivistisches Gegenmodell zur europäischen Philosophie und ihren metaphysischen Strömungen. Der Pragmatismus wurde damals geboren. Einen Begriff für den optimistischen Intellektualismus des 21. Jahrhunderts gibt es noch nicht.
Foto: Max Gerber
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Doch: Optimismus. Wenn Sie schon einen ...ismus brauchen, der einen offenen und freundlichen Blick in eine Zukunft, nah oder fern, benennt. Das ist es seit Leibnitz Theodizee: "die beste aller Welten", warum etwas Neues erfinden, gerade da wir diese Einsicht/Erkenntnis, auf eine Befriedung und Verbesserung der Lebendigkeit, aus den Ergebnissen der Vergangenheit gewinnen.
Aber, wenn es etwas Neues sein soll, wie wäre "SinguEqualismus", ist ein schöner latenglischer Mischmach, kommt also momentan gut an und enthält eine Entwicklung auf die Wir, gestaltet von der Natur (Evolution), bereits zusteuern, die Befreiung des Einzelwesens aus den Zwängen der Masse (Hierarchien, Abhängigkeiten, Vorbestimmung u.a.). Ist aber nur ein Angebot. Guten Abend.
Comment by Oliver-August Lützenich — Oktober 20, 2011 @ 21:28
Steven Pinker stellt eine wenig gewagte These auf, deren Bestätigung mindestens als naheliegend erscheint. Sorgfältig geht er ihr wissenschaftlich auf den Grund, sieht sich bestätigt und trifft sich anschließend mit Männern großer Namen zum Diskurs. Nebenher ist er stets für Kritik offen und bevorzugt die Unmittelbarkeit des einfachen Vortrags. Inhaltlich gibt das alles wenig her. Die infragegestellten Denkmuster, denen Pinker schließlich seinen Ruhm verdankt, werden im Artikel nicht genannt. Ist die Bezeichnung fundamentaler Optimismus für eine solche Banalität nicht etwas überzogen?
Außerdem kommt hier der Eindruck auf, Gewalt würde sich lediglich in Todesfällen manifestieren. Wie steht es mit der psychischen Gewalt? Wurden diesbezüglich keine Fragen gestellt? Zum Beispiel von Daniel Dennett oder vielleicht von Sean Parker?
Comment by Michael — Oktober 21, 2011 @ 17:40
Es geht in Pinkers Arbeit ausschließlich um gewaltsame Todesfälle. Die psychische Gewalt wäre sicherlich viel schwieriger statistisch zu erfassen, weil sie ja auch von kulturellen Rahmenbedingungen abhängt, die eine klare Statistik wie gewaltsame Todesfälle nicht zulassen.
Comment by akreye — Oktober 27, 2011 @ 08:59