28.10.11 | 06:47 | 0 Kommentare

Friday Night Live

Das kanadische Jazztrio Badbadnotgood wurde mit Jazz-Versionen von Tyler The Creator-Tracks auf Youtube bekannt. Tyler ewähnte die jungen Kanadier hin und wieder mal auf Twitter. Als er vor ein paar Wochen in Toronto gastierte, hat er sie in ihrem Studio besucht.

27.10.11 | 11:02 | 0 Kommentare

Data Journalism

IndiaSatteliteNASA

Derzeit macht ein hübsches Satellitenbild von Indien die Facebook-Runde, das angeblich den Subkontinent während des derzeitigen Lichtfestes Diwali zeigt.

In Wirklichkeit handelt es sich bei dem Bild um ein Data Journalism composite, das die zunehmnde Elektifizierung Indiens von 1992 bis 2003 darstellt. Weisse Beleuchtung ist die Beleuchtung, die es schon 1992 gab, blau die Beleuchtung die 1992 dazukam, grün 1998, rot 2003. Es handelt sich also keineswegs um Feuerwerke.

Originalquelle ist die sciencephotogallery - hier.

Ach der Schwarmgeist, würde eine aggressive Schwellenlandregion so gerne ethnozentrisch verniedlichen. Weil so ein Lichtfest natürlich sehr viel hübscher ist, als die rapide technische Entwicklung eines vormals unterentwickelten Landes.

Abb.: NOAA/SCIENCE PHOTO LIBRARY

26.10.11 | 16:00 | 0 Kommentare

TED Talk der Woche: Richard Wilkinson: How economic inequality harms societies

We feel instinctively that societies with huge income gaps are somehow going wrong. Richard Wilkinson charts the hard data on economic inequality, and shows what gets worse when rich and poor are too far apart: real effects on health, lifespan, even such basic values as trust.

26.10.11 | 10:42 | 0 Kommentare

Spike Jonze

Spike Jonze: Mourir Auprès de Toi on Nowness.com.

Kurzfilm von Spike Jonze und der Taschendesignerin Olympia Le-Tan.

25.10.11 | 16:06 | 3 Kommentare

The Robin Hood Tax

Campaign video by Richard Curtis and Bill Nighy, about the Robin Hood Tax, a tiny tax on bank transactions that could raise hundreds of billions for public services and to tackle poverty and climate change at home and around the world.

24.10.11 | 11:53 | 0 Kommentare

#musicmonday

21.10.11 | 17:20 | 0 Kommentare

Bobs bester Freund

Zum Tode von Barry Feinstein - ein Besuch in Woodstock im Sommer 2008

Feinstein(Von Andrian Kreye) Bob Dylan war ein komischer Kauz. Als Barry Feinstein ihn zum ersten Mal traf, im Büro seines Kumpels Albert Grossman in einem dieser Art-déco-Bürotürme oben an der 55. Straße, da war es ihm gleich klar. "Aus dem würde noch mal was werden", brummelt Feinstein, der sich heute in seinem Ohrensessel in seinem Haus in Woodstock an so einiges nicht mehr erinnert, nur an seine Freundschaft mit Dylan sehr gut.

"Er war einfach, nun ja - sonderbar." 1962 oder 1963 muss das gewesen sein. So ganz genau weiß Feinstein das nicht mehr, aber das kann man ja auch nicht verlangen von jemandem, der erst die großen Glamourjahre in Hollywood und dann den Aufstieg des Rock'n'Roll fotografiert hat.

Dylan war jedenfalls ein dürres, jüdisches Kerlchen aus Minnesota, der mit seiner näselnden Stimme den Dialekt der Bergdörfler aus den Appalachian Mountains imitierte. Das war damals so Mode in den New Yorker Folkmusikkreisen, in denen sich zwar in erster Linie Kids aus soliden Bürgerfamilien herumtrieben.

Aber weil die Songs von Woody Guthrie, den sie damals wie einen Gott verehrten, von den simplen Menschen in den Bergen und Ebenen des amerikanischen Hinterlandes erzählten, versuchte man damit Authentizität oder zumindest ein Gespür für eine ebensolche zu beweisen.

Grossman und Feinstein hörten sich den jungen Sänger dann am selben Abend noch unten in einer dieser Folkkneipen im Greenwich Village an. Aber nicht nur Feinstein war angetan. Dylan mochte diesen grobschlächtigen Kumpel seines Managers, diesen Fotografen aus Hollywood mit seinem Walrossschnauzer und seinen dicken Koteletten. Er war nicht wie die anderen Fotografen, die einem gierig die Linse ins Gesicht hielten. Feinstein gehörte irgendwie dazu, hing rum, trank, soff, redete Zeug daher, wie alle eben, die dazugehörten. Und wenn er dann mal den Sucher ans Auge hob, hatte man nie das Gefühl, dass hier einer sein Privileg missbrauchte. Verdammt noch mal, das war eben Barry, und der war eben Fotograf.

Vielleicht half es ja, dass er den Umgang mit Stars als Standfotograf im Hollywood der fünfziger Jahre gelernt hatte, auf dem Höhepunkt des Glamours und der Macht der Filme. Da war er nie Paparazzo gewesen, sondern immer Teil des Teams, einer, der eben ab und zu abdrückte und den Stars höchstens einmal ins Auge fiel, wenn der Regisseur ihn bei einem Close-up näher an sie heranließ.

Ein Star war Dylan ja noch nicht. Es war ja auch Anfang der sechziger Jahre noch nicht abzusehen, dass so schlampig dahergelaufene Jungs wie er in einer Art Putsch Hollywoods Monopol der popkulturellen Macht brechen würden. Erst ein bisschen später, auf dem Schwarzweißfoto, das Barry von ihm für das Albumcover von "The Times They Are A-Changin'" machte, ahnt man, dass hier ein Fotograf ganz nah an einen Menschen herankam, der längst einen massiven Schutzwall um sich herum errichtet hatte, den nur noch die engsten Freunde überwinden. Wie Barry eben.

FeinsteinPortfolio

So richtig enge Freunde wurden sie auf einer Fahrt in Grossmans Rolls Royce. "Kreuz und quer sind wir damit durchs Land gefahren." Da hatte Dylan die streng gestutzten Haare schon längst wachsen lassen, und man kann nur ahnen, wie der dürre Langhaarige und der bullige Bärtige im Rolls auf die Menschen gewirkt haben müssen, denen sie in den Truck Stops und Kleinstädten zwangsläufig begegneten, wenn sie von Konzerthalle zu Konzerthalle fuhren. Viel mehr will Feinstein nicht erzählen, aber er sagt: "Dylan sagte immer, ich sei der Einzige, dem er wirklich vertrauen würde." Ausgerechnet einem mit Kamera. Aber Feinstein missbrauchte sein Privileg nie. Er schweigt auch mehr als vierzig Jahre danach noch höflich über die Details seiner Freundschaft.

Später war er ja nicht nur mit Dylan befreundet. Auch mit Mick Jagger und Keith Richards und mit George Harrison. Feinsteins Fotos waren intimer als die üblichen Starfotos. Nur wenige haben das so hingekriegt wie er. Später hat er dann nicht mehr für die Filmstudios, sondern für die Plattenfirmen gearbeitet. Man kennt seine Fotos von Plattencovern wie George Harrisons "All Things Must Pass", Janis Joplins "Pearl" oder auch von der CD des vielleicht besten Rolling-Stones-Albums "Beggars Banquet".

Das war 1968, und da führte Feinsteins allzu enge Freundschaft mit den Stars zu einem regelrechten Skandal. "Ich hing mit Mick in Hollywood herum und wir überlegten, was wir für das Album aufnehmen könnten", erinnert sich Feinstein. "Wir sind dann zu meinem Automechaniker in die Werkstatt. Ich musste da eh noch hin. Da haben wir dann auf dem Klo mit roter Farbe den Albumtitel auf die Wand geschmiert."

Feinstein schickt seine Frau Jude zum Schreibtisch, um einen Abzug aus einem Karton zu fischen. Er selbst ist ja gar nicht mehr gut zu Fuß. Auf dem Abzug ist das Bild von der verschmierten Wand, darunter der schmuddelige Spülkasten, der obere Rand der Klobrille. Die Plattenfirma weigerte sich damals, das Bild aufs Cover zu drucken. Als LP kam das Album deswegen mit einem kargen weißen Umschlag heraus. Erst als die CD neu aufgelegt wurde, wagte die Plattenfirma, das Bild zu verwenden.

Heute wirkt die Aufnahme harmlos. Aber das zeigt schon, was für ein Ruck damals durch die Kultur ging.

FeinsteinDylan

Für Dylan hatte sich dieser Ruck schon ein paar Jahre zuvor vollzogen. 1965 auf dem Folkfestial in Newport, als er zum ersten Mal mit elektrisch verstärkter Gitarre und Band spielte. Auch da war Feinstein dabei. "Es war natürlich großartig", sagt er. "Das waren die Folkspießer, die da herumbrüllten. Die nicht wahrhaben wollten, dass die Musik gerade durch eine der phantastischsten Verwandlungen aller Zeiten ging."

Ein Jahr später begleitete Barry Feinstein Bob Dylan dann auf seiner epochalen Englandtournee. Auf dieser Tour zeigt sich der Bruch zwischen Dylans Persönlichkeit und seiner Wirkung deutlicher als jemals zuvor und danach. Feinstein hat diese Fotos jetzt noch einmal editiert und in einem Bildband mit dem Titel "Real Moments" veröffentlicht.

Die Intimität, mit der man Dylan auf diesen Seiten begegnet, wird jeden verblüffen, der D.A. Pennebakers fahrigen Dokumentarfilm "Don't Look Back" gesehen hat mit der Aufzeichnung der Englandtournee im Jahr davor. Da nähert sich der Dokumentarist nur der spröden Oberfläche Dylans, der sich so unwirsch scheu und menschenfeindlich gibt.

Ganz anders Feinsteins Fotos, obwohl Dylan sich noch weiter in die Persona des Rockstars zurückgezogen hatte, mit der pechschwarzen Sonnenbrille, dem wirren Haarschopf, den etwas zu grellen gestreiften Hosen und den etwas zu dunklen Jacketts. Da sieht man ihn dann nur selten so locker wie mit den Zimmermädchen in einer Hotelküche, selten so verloren wie im Halbschlaf auf einem halb abgeräumten Restauranttisch.

Wirklich einzigartig aber ist der Bruch zwischen Dylan und der spröden Wirklichkeit des britischen Alltags, der aus diesem Band so viel mehr macht als die Starmonographie und das Zeugnis einer tiefen Freundschaft. Da landet diese wahnwitzig eigentümliche Figur im grauen Einerlei einer Gesellschaft, die noch weit entfernt ist von den tektonischen Verschiebungen der amerikanischen Befreiungsbewegungen. Das macht "Real Moments" zum gesellschaftsgeschichtlichen Dokument, mit den Bildern von der 1974er-Tour wie eine Koda, in der das Motiv des Aufbruchs als Selbstverständlichkeit wiederholt wird.

Es fällt Barry Feinstein nicht ganz leicht, sich an all das zu erinnern. Sein mächtiger Schädel ist knochig geworden, sein Walrosschnauzer zum Fu-Manchu-Bärtchen zerfasert. Abgemagert sitzt er in seinem Sessel. Ein hübsches Häuschen in Woodstock bewohnt er. Von seinem Sessel aus blickt er in einen gepflegten Garten mit Teich und Blumenbeeten. Dahinter beginnt der Wald.

Zehn Jahre älter als Dylan ist er. Und noch mal ein Stück älter als seine Frau Jude. Die hatte einen legendären Nachtclub in Woodstock, damals in den siebziger Jahren, als Barry sie zu seiner zweiten Frau nahm und all die Rockstars ihn so beneideten, die bei ihr herumhingen. Das Alter kann so ungerecht sein. Ein neues Hüftgelenk hat Barry Feinstein bekommen. Neun Monate Reha hat er hinter sich. Vor drei Tagen erst ist er nach Hause gekommen. Jetzt jagt der Schmerz durch seine Glieder, wenn ihn Jude aus dem Sessel hinter den Rollator hievt. Und ihr entgleitet ein Seufzer: "Das ist kein Spaß."

Doch dann blüht Feinstein noch einmal auf. Jude bringt einen schweren Karton mit großformatigen Schwarzweißabzügen. Seine Hollywoodbilder. Keine Starporträts, sondern morbide Details einer Ära in den letzten Zügen. Studios beim Abriss, Requisiten, Kartons mit Kostümen, auf denen Judy Garland, Kim Novak und Lucille Ball gekritzelt ist, Charlton Hestons Hände, die einen Oscar umklammern, Marilyn Monroes Pillendose.

Das wird sein nächstes Buch werden. Mit Gedichten, die Dylan vor vielen Jahren zu den Fotos schrieb. Die letzte Aufnahme zeigt zwei altmodische Medikamentenfläschchen. "Cocaine, Hydrochlorid. Warning - May Be Habit Forming. Poison", steht auf den Etiketten. Daneben ein Häufchen Pulver, ein schmaler Silberlöffel. Wo er das Bild aufgenommen habe? Da blitzt ein schelmisches Lächeln auf in seinem Gesicht. "Zu Hause", sagt er betont beiläufig, als sei dies die dümmste Frage an diesem Sommernachmittag in Woodstock gewesen.

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Abbildungen: Feinstein Photography

20.10.11 | 17:35 | 3 Kommentare

Salon der Optimisten

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Der Evolutionspsychologe Steven Pinker gilt als wichtigster Intellektueller der USA, weil er Denkmuster in Frage stellt

(Von Andrian Kreye) New York ist eine aus tiefstem Herzen nostalgische Stadt. Hier werden die Steaks immer noch blutig serviert, die Subkulturen hängen dem Paris der Absinth-Trinker nach und neue Musik wird auf nierenförmigen elektrischen Gitarren gespielt. Es wundert einen also nicht, dass der Traum vom intellektuellen Diskurs immer noch der Traum vom literarischen Salon bleibt.

Im Manhattan des 21. Jahrhunderts findet man solche Salons allerdings seltener, als man glauben möchte. Deswegen war es eine kleine Sensation, als der Chef des Ideenfestivals Ted Conference, Chris Anderson, an einem lauen Herbstabend einen Kreis von sechzig Intellektuellen in sein Loft im Greenwich Village lud. Steven Pinker sollte dort sein Mammutwerk „Gewalt“ erläutern und sich auch gleich der Diskussion stellen.

Bei Gästen wie dem genialischen Wissenschaftstheoretiker Freeman Dyson, dem streitbaren Medientheoretiker Clay Shirky, dem neo-atheistischen Philosophen Daniel Dennett, dem Star-Essayisten Malcolm Gladwell oder dem Meeresforscher Bruce Parker und dessen Sohn, dem Facebook-Gründer Sean, ist das auch für einen geübten Redner wie Steven Pinker kein Routineauftritt. Obwohl der Evolutionspsychologe der Harvard University derzeit als der wichtigste „public intellectual“ Amerikas gilt. Immerhin stellt er schon seit rund zwei Jahrzehnten die traditionellen Denkmuster der Intellektuellen in Frage. Das tun allerdings auch die anderen Gäste, die sich da in den ausladenden Lofthallen versammelten.

Nun steht es nicht gut um den intellektuellen Diskurs in Amerika. Die Debatten haben sich längst in eine Flut von Formaten aufgelöst. Sie werden in den Ostküstenmagazinen wie dem New Yorker und Atlantic ausgetragen, in Internetforen wie edge oder Salon. Dazu kommt das Fernsehen, das die populistischen Debatten als preisgünstige Publikumsrenner entdeckt hat. Da wurden so manche Intellektuelle in den ideologischen Schlachten der vergangenen zehn Jahre aufgerieben und zu sogenannten „Pundits“ reduziert, zu multimedialen Meinungsmachern, die ihre sendefreundlichen Gedankenfetzen wieder und wieder durch die Debattenmühle drehen. Selbst die Ideenfestivals, die eine breitere Öffentlichkeit erreichen wie die Ted Conference, das New Yorker Festival oder das World Science Festival sind letztlich ideengeschichtliche Konfettiparaden. Wer sich dort präsentiert, hat seine Gedanken meist schon fertig ausgearbeitet.

Wer auf so einem Feld mit komplexen Ideenkonstrukten bestehen will, der muss das gesamte Instrumentarium beherrschen, von der Powerpoint-Präsentation über die Talkshow und den Essay bis hin zum Blog und Tweet. Es wirkte geradezu ketzerisch, als sich Steven Pinker an diesem Abend ganz ohne Hilfsmedien vor einem Auditorium auf asiatischen Sitzpolstern aufstellte.

Nun ist schon die Entstehungsgeschichte von Pinkers „Gewalt“ eine Ausnahmeerscheinung im Kreislauf der Ideenkultur. Sein Vortrag auf der kalifornischen Ted Conference im März 2007 war nicht der Endpunkt, sondern der Beginn einer monumentalen Arbeit an einem gewagten Gedanken – die Gewalt, so Pinker damals, habe im Verlauf der Menschheitsgeschichte kontinuierlich abgenommen. Es war dann vor allem die Geschichtswissenschaft, die auf die Videoaufzeichnung seines Vortrages im Internet reagierte und ihn mit Material versorgte. So wurde eine gewagte Hypothese zum perfekten Musterfall für den neuen Intellektualismus des 21. Jahrhunderts. Der Gedanke lässt sich auf vier Wörter komprimieren, wie den Untertitel der englischen Ausgabe: „Why violence has declined“. Die Beweisführung aber nimmt in der deutschen Ausgabe mehr als 1200 Seiten ein („Gewalt – Eine neue Geschichte der Menschheit“, S. Fischer Verlag, Frankfurt 2011. 1210 Seiten, 26 Euro).

Zwei entscheidende Phasen dieser Entwicklung identifizierte Pinker in seinem Vortrag. Von den Urmenschen bis zur Aufklärung war es vor allem die sukzessive Konzentration staatlicher Macht, die zu einer Ordnung der Gesellschaft und einer zunehmenden Kontrolle der Gewalt führte. Als aber der Humanismus ins Bewusstsein dringt und es Werte sind, und nicht Kontrolle, welche die Befriedung befördern, sind die Erklärungsmodelle nicht mehr ganz so einfach.

Pinker ist jedoch viel zu sehr Naturwissenschaftler, um seine Theorie als absolut zu begreifen. Weltkriege, Völkermorde und Terrorismus sind für ihn ernstzunehmende Anomalien auf dem absteigenden Vektor der tödlichen Gewalt. Doch Menschen- und Bürgerrechte sind für ihn evolutionäre Faktoren, die kumulativ die vermeintlich vorgegebenen Charakterzüge der Grausamkeit und Tötungsbereitschaft reduzieren. Allein die Entwicklung des Welthandels ist aus der Sicht der Evolutionstheoretikers ein stichhaltiger Beweis dafür, dass die Menschheit begriffen hat, dass nur die friedliche Auseinandersetzung ihr Überleben sichern kann.

Wie schwierig es ist, mit geisteswissenschaftlichen Argumenten gegen eine Arbeit wie Pinkers „Gewalt“ anzugehen, zeigt sich dann schon gleich nach dem Vortrag. Dem Weichendilemma der Philosophie, das die Aufrechnung von Menschenleben verbietet, entzieht er sich mit mathematischer Rhetorik. Sicher seien die Weltkriege das 20. Jahrhunderts von unfassbarer Grausamkeit. Doch man müsse die Zahl der gewaltsamen Todesfälle ins Verhältnis zu einhunderttausend Köpfen der jeweiligen Weltbevölkerung setzen, um das stetige Abnehmen der Gewaltkurve nachzuzeichnen.

„Was aber ist mit den demografischen Verschiebungen von so dynamischen Gesellschaften wie China und Indien?“, warf der Medienwissenschaftler Clay Shirky ein. Da zeigte sich Pinker ganz als Naturwissenschaftler. Eine Garantie für ein fortwährendes Abnehmen der Gewalt könne man aus seinen Forschungen nicht ableiten. Er wolle auch nicht einfach nur Recht behalten. Er sehe seine Arbeit als Anstoß, um die Mechanismen zu untersuchen, die zu diesem Absteigen führten, um daraus Methoden zu entwickeln, die diesen Prozess unterstützen.

Es ist spät, als sich die Runde zerstreut. Was vom Abend bleibt, ist das Gefühl, dass die anachronistischen Formen der freien Rede und direkten Debatte letztlich der Kern des Diskurses bleiben. Es ist nicht unbedingt der europäische Salon, der da Pate stand, auch wenn Chris Andersons Einladung formal dem Vorbild Anna Schopenhauers gefolgt war, deren Einladungen zum Tee der reife Goethe meist mit der Handlaterne ins nächtliche Weimar verließ.

Doch der naturwissenschaftliche Zugang zu großen philosophischen Fragen und der fundamentale Optimismus der neuen Intellektuellen erinnert an eine ganz andere Runde, die sich im amerikanischen Cambridge gut sechzig Jahre nach den Weimarer Salons zusammenfand. Es war der Metaphysical Club rund um die John Hopkins Univeristy. Da entwarfen amerikanische Wissenschaftler ein positivistisches Gegenmodell zur europäischen Philosophie und ihren metaphysischen Strömungen. Der Pragmatismus wurde damals geboren. Einen Begriff für den optimistischen Intellektualismus des 21. Jahrhunderts gibt es noch nicht.

Foto: Max Gerber

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