02.08.11 | 16:01 | 3 Kommentare

Selbstwert

Klout

Neue Internetdienste ermitteln den Wert der Online-Persönlichkeit

(Von Andrian Kreye ) Es ist vorbei mit den egalitären Zeiten, als die Gleichheit vor dem Netz noch ungeschriebenes Grundrecht war. Ab sofort wird der Selbstwert der digitalen Persönlichkeit von Ratingagenturen ermittelt, die Klout heissen, Twitter Grader oder PeerIndex. Man muss sich nicht einmal anmelden. Wer auf Twitter, Facebook oder LinkedIn ein Konto unterhält, wird automatisch erfasst. Die Algorithmen der Agenturen ermitteln den Wert zwischen 1 und 100 automatisch. Das schafft Klarheit über den digitalen Selbstwert. Bewertet wird das Sozialverhalten im Web und die Reaktion der Netzgemeinde, im Jargon der Firmen: der digitale „Einfluss“. Wer viel twittert und verlinkt wird, bekommt viele Punkte. 100 hat bisher nur Justin Bieber. Selbst Lady Gaga schafft nur 93, Barack Obama 89.

Ein Selbstversuch ergibt – Klout hat den Persönlichkeitswert auf 47 und einen Status als „Experte“ festgelegt. Gar nicht so schlecht. Der Durchschnittswert liegt um die 20. Selbst Bestsellerautor Malcolm Gladwell hat mit 49 Punkten nicht allzuviel Vorsprung, allerdings den Status „Thought Leader“. Der Harvard-Intellektuelle Steven Pinker kommt auf 45, Bill Clintons intellektueller Berater Amitai Etzioni gar nur auf 18. Was wahrscheinlich nur bedeutet, dass die Herren anderes zu tun haben, als sich um ihre Twitter- und Facebookkonten zu kümmern. Nur die Fachgebiete, die Klout den eigenen 47 Punkten zugeordnet hat, irritieren etwas – Algorithmen, Saudi-Arabien und Steuern. Saudi-Arabien?

Nun könnte man die digitale Persönlichkeit als Tamagochi des 21. Jahrhunderts verwerfen. Wer will das Ding schon dauernd füttern. Die Gruppenzwänge der sozialen Netze sind sowieso schon so lästig und anstrengend wie die Regeln und Rituale auf einem hormonüberlasteten Oberschulhof. Wären da nicht die ganz realen Auswirkungen der Ratingagenturen auf das wirkliche Leben.

Die drei eingangs genannten Agenturen sind derzeit damit beschäftigt, das gesamte soziale Netz zu erfassen. Mehr als 2500 Firmen nutzen inzwischen den Datensatz von Klout. Wer weit oben rangiert, bekommt Urlaubsreisen und Konzertkarten geschenkt. Mit 47 Punkten sind derzeit ein Schweinebrötchen, ein Deostift und Vitaminsaft aus der Tüte im Angebot. Nein, das Internet hat nie versprochen, dass es online mit dem Selbstwertgefühl besser sein wird als im wirklichen Leben.

3 Kommentare »

  1. Wer soziale Netzwerke benutzt, um sich endlich auch im Netz den Zwängen der realen Welt zu unterwerfen, kann nicht viel Spaß im Leben haben und tut mir leid :) Reifung bedeutet, sich von der Beurteilung durch andere zu lösen.

    Comment by Bronie — August 2, 2011 @ 21:35

  2. Rating-Agenturen und -Profile sind nur ein Teil der versuchten Gehirnwäsche, der sich heute der gesamte Journalismus samt den wuchernden Prognostizierern und Profilierungsnetzwerken schuldig macht.

    Nämlich Vordenker und Analysten für andere Erwachsene zu sein. Mit der geheuchelten Unschuldsbehauptung, man bereite Meinung ja nur durch Informationen und Fakten vor, und assistiere bei ihrer Bildung, weiter nichts.

    Als wären alle erwachsenen Mitmenschen souverän in diesem Prozeß. Und als wären nur Erwachsene Nutzer von Medien; also reife Menschen, deren Position schon Grundfestigkeit hat. Und als wären alle freiwillige und bewußte Nutzer, und niemand gewohnheitsmäßiger Konsument, der sich berieseln und beeinflussen läßt.

    Ratings sind wie die nun schon penetranten Castings nur der Versuch, darin Autoritäten fest zu etablieren. Als wär's mathematische Wissenschaft mit kompetenten harten Fakten.
    Profis und Experten darin, die dir das Denken abnehmen, und fertige Analysen und Produkte reinreichen, die dann Standard werden.

    Was wissen denn schon die Normalos, diese Typen wie du und deine Freunde. Lass dich consulten und coachen von den Stylischen und Kreativen mit Vorzeigegeschmack. Präsentier dich richtig. Verkauf dich richtig.

    Wie? Vielleicht doch lieber raushalten? Du selbst bleiben?

    Mach besser mit, sonst werden dir die Gehirn gewaschenen Mitmenschen ohne verbliebenes Eigenurteil Ablehnung darreichen, weil es die Angesagten über dich so verhängen. Darüber befinden, wer peinlich ist. Oder sogar zu peinigen. Und alle naziehn mit. Und huldigen den Führern.

    Wie bereits in den Cliquenstrukturen der Schulklassen, mit zunehmendem Mobbing und begleitender Verhohlung und Verrohung der Umgangsformen und sozialen Grundlagen.

    Aggressionen, Prügel und Verhöhnung bis zu den Amokläufen, in denen die Opfer als Täter auch nur dieselben Strukturen offenbaren wie die vorherigen Täter, nun die Opfer. Alles nur konsequent zu Ende gebracht.

    Aber auch diese alle können als Ventil gegen noch Niedrigere treten.
    "Bist du behindert!" ist bereits ein Standardschimpfwort.
    Die sind ja auf jeden Fall peinlicher.
    Und in der Bewußtmachung "Bin ich nicht!" kann dann auch ein oft Geschmähter noch Trost finden.

    Ich war 14 Jahre lang Pfleger und Betreuer erwachsener Schwerbehinderter. Die Beschimpfer meistens nicht.

    Wann kommt eigentlich da mal ein allgemeines Sozialrating, damit solche Urteile nicht mehr laienhaft bleiben, und als Pöbelei diskreditiert werden können?

    Damit man weiß, mit wem sich abzugeben auch lohnt, und einen netzwerkend weiterbringt.
    Facebook und Co. bauen da schon mal was auf.

    Ausserdem:
    Du EEE! klingt doch vornehmer als "Menschlicher Abfall".

    Aldous Huxley läßt grüßen aus der "Schönen neuen Welt" der zukünftigen pränatalen Reparaturen mit vorhergehendem Expertenrating medizinischer Schwangerschaftsdiagnostik.

    Comment by Gernot Donner — August 6, 2011 @ 12:07

  3. Nur nicht übertreiben "Bronie", denn eines ist klar: Ohne die anderen Einen ist das eine Eine Nichts. So ist die Lebendigkeit aufgebaut. Und das Mensch (der + die = das) ist ein Mitglied davon. Der Komplex Leben-Tod, der die Lebendigkeit schöpft, ist eine soziale Veranstaltung: Lebendigkeit = viele!!! Eine; oder auch: DaSein = Eines + viele viele ... andere Eines. Und, ist die Netzwelt etwa nicht Teil der "realen" Welt? Denn ein zweites ist klar, die Wirklichkeit ist auch der Traum und jede Phantasie Jedes Wirklichen, Realen Lebewesens. Auch Harry Potter ist Wirklichkeit, denn er spukt in Millionen Köpfen herum und bewegt Gefühle und somit Handlungen. Das Auszublenden und Weggzuschieben ist für Eines nicht hilfreich. Sie merken: Lebendigkeit ist Beurteilung, ob Sie das wünschen oder nicht, es ist eine Grundkonstante: (jede) Handlung = Bewertung (durch die sie treffenden, berührenden). Reifung ist demnach die Förderung der Fähigkeit zu Lernen und zu Bewerten durch Offenhalten der Sinne und stete Erweiterung des Gefühls und des Wissens, statt einer Lösung. Wikipedia ist eines der Projekte die Erweiterung und Reifung zu fördern und es ist ein Bereich der Netzwelt. Geben Sie der Wirklichkeit eine reelle Chance, seien Sie gewiss, sie kommt weitestgehend ohne jeden Zwang aus; entdecken Sie es. Viel Freude dabei!

    Comment by Oliver-August Lützenich — August 21, 2011 @ 11:38

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