0 KommentareDer Außerirdische

Zu seinem 70. Geburtstag eine Erinnerung an eine Angeltour mit der P-Funk-Ikone George Clinton
George Clinton wollte sich an jenem Sommertag in einem Barbershop in Detroit treffen, was natürlich eine hervorragende Idee war. Zum einen weil die Barbershops in den amerikanischen Innenstädten traditionell das soziale Zentrum der Schwarzenviertel sind. Immerhin galt George Clinton schon seit Beginn der Siebziger als Schlüsselfigur der schwarzen Kultur. Zum anderen, weil er sich dort seinen neonfarbenen Strähnenberg neu einfärben wollte, mit dem er immer ein wenig so aussah wie ein Außerirdischer.
Als Außerirdischer hatte er sich seit Mitte der Siebziger verstanden, als er begann, die Shows seines furiosen Musikerkollektivs Parliament/Funkadelic als monumentale Science-Fiction-Opern zu inszenieren. Damit galt er bald als der wahre Gralshüter der schwarzen Musik, weil er es geschafft hatte, den revolutionären Funk von James Brown und Sly Stone von der Kampflaune der späten Sechziger zu befreien und als „pure and uncut“, kurz „P-Funk“ in die Siebziger zu transportieren. Da übersteigerte er das ganze esoterische Gehabe vom Zeitalter des Wassermanns und die Selbstverwirklichungsmanie der „Me Decade“ mit hysterischen Gospelchören, überdrehten Kollektivimprovisationen und Bassläufen. Er landete in silbernen Raumschiffen auf der Bühne, und die unübersichtliche Zahl der Musiker verkleidete sich mit viel Glitter und Plastik zu einem Ensemble von Comicfiguren. Clinton war die Vaterfigur seines persönlichen Kosmos, der von lauter weiteren Stars besiedelt wurde. Vom Bassisten Bootsy Collins etwa, dem Keyboarder Bernie Worrell oder dem Gitarristen Eddie Hazel.
George Clintons große Zeiten waren an jenem Sommertag längst vorüber. Er versteckte sich vor der Steuerfahndung auf seiner Farm in Michigan, hatte kein Telefon und keine Arbeit. Vor den Fahndern konnten ihn nicht einmal die Tantiemen für die unzähligen Hits wie „Flashlight“, „Mothership Connection“ oder „Atomic Dog“ retten. Sein Glück war das Geschichtsbewusstsein der schwarzen Musik, die sich schon viel früher historisierte, als es der Rock und der Pop später taten. So hatten in den späten achtziger Jahren junge Hip-Hop-Stars Clintons breitflächige Rhythmuskonstrukte als Rohmaterial entdeckt. Und der neue Gralshüter des Funk, Prince, beschloss gerade, George Clintons Steuerschulden zu bezahlen und ihn ins Plattenstudio zu holen, damit er nicht als weitere verarmte Legende in den Tiefen der Musikgeschichte verschwände.
Das Treffen mit der Legende war aber zunächst einmal schwierig. Irgendjemand hatte angerufen, das mit dem Barbershop klappe wohl nicht. Danach folgte kein Lebenszeichen mehr. Weil aber das Ticket nach Detroit schon gebucht war, gab es eigentlich keinen Grund, es nicht doch zu versuchen. Da stand er dann am Gate, die neonfarbenen Haare hoch auf seinem Schädel aufgerichtet. Er packte den Besuch in seinen Wagen und so ging es eine Stunde über Land. Den Rückflug sollte man doch lieber stornieren. Man gehe jetzt angeln.
Die Farm entpuppte sich als gepflegter Bauernhof mit Wald und Teich. Auf dem verging der Nachmittag dann auch in freundlicher Ruhe. Geduldig saß George Clinton im Ruderboot. Hier im pastoralen Idyll am Rande der großen Seen wirkten seine Neonfrisur und seine grell-orangenen Stiefeln mindestens so stark, wie seine kostümierten Auftritte im Science-Fiction-Bühnenbild.
Die Fische wollten an diesem Tag nicht anbeißen. So gab es den Fang vergangener Tage aus dem Tiefkühler. Seine Frau verabschiedete sich nach dem Dessert. Denn dann verlor sich George Clinton im Gestern. Große Kartons mit Tonbändern holte er hervor, spielte bis zum Morgengrauen Produktionen vor, die niemals erschienen. Große Musik lagerte da in seinen Schränken. Und die war auch der Grund, warum er pleite war. Die besten Bühnenbildner des Broadways hätte er engagiert, noch jedem Hilfsmusiker ein Album produziert. Seine Kreativität war sein finanzielles Ende gewesen.
Ein paar Monate später erschien dann das Album "Cinderella Theory", das Prince produzierte. Die Rapper begannen, Lizenzgebühren zu zahlen. Die alten Mitstreiter kamen zurück. Prince erreichte, was er wollte. Die Kreativität des Genies George Clinton war wieder entfesselt und seither nicht zu bremsen. Am heutigen Freitag wird er 70 Jahre alt.
Foto: Andrian Kreye und George Clinton in Brooklyn/Michigan, Sommer 1989 (Privat OH)
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