0 KommentareTED Global 2011/4: Virtuose Reizüberflutung
(Von Andrian Kreye) Reizüberflutung hat etwas Verführerisches. Und es gibt kaum eine Veranstaltung, die so virtuos mit der Reizüberflutung operiert wie die Ted Conference, das kalifornische Ideenfestival, dessen europäischer Ableger nun seit Montag in Edinburgh stattfindet. Will man die großen Linien in der Flut der rund zwanzig Vorträge und Performances finden, die jeden Tag auf der Bühne des großen Theatersaals ganze Bücher, wissenschaftliche Arbeiten oder Lebenswerke auf eine gute Viertelstunde komprimieren, ist es oft nur eine beiläufige Anmerkung, die einen auf die Spur bringt.
Wie die Beobachtung des Mathematikers und Wirtschaftsexperten Chris Meyer beispielsweise, dass die meisten technischen Innovationen oft nicht an den Orten ihre volle Wirkung zeigen, an denen sie entwickelt wurden. Meyers Theorie ist, dass Wohlstand eine Entwicklungsbremse sein kann. Technik entsteht an reichen Orten, die sich nur noch langsam entwickeln. Die Errungenschaften der industriellen Revolution im England des 19. Jahrhunderts - wie etwa die Eisenbahn - waren letztlich die Bedingung für den Aufstieg der amerikanischen Gesellschaft zur Supermacht des 20. Jahrhunderts. Ähnlich wie die Errungenschaften der digitalen Revolution aus den USA und Europa ihre eigentliche Wirkung derzeit in Asien, Afrika und der arabischen Welt entfalten. Meyer zeigte dazu Statistiken und Schaubilder. Die Zeit drängt bei so einem Ted Talk, und man muss zumindest optisch beweisen, dass die Behauptungen auf solidem Fundament stehen.

Auf was sich die Ted-Kuratoren bei dieser Reizüberflutung verstehen, ist, die Konferenz als Gradmesser für aktuelle globale Debatten zu konstruieren. Die aber werden immer öfter ohne die traditionellen Zentren in Europa und den USA geführt. Wie Yasheng Huang zeigte, der Politologe und Gründer des China and India Lab am Massachusetts Institute of Technology. Er vergleicht die Aufstiege der beiden Wirtschaftsmächte China und Indien zu ökonomischen Supermächten. China entwickelte sich bislang zweimal so schnell wie Indien. Woraus Huang schließt, dass es weniger Demokratie und Bürgerrechte als Bildung und die sogenannte Shanghai Theory of Economic Growth sind, die das Wachstum antreiben. Die Shanghai-Theory besagt, dass die Infrastruktur in Shanghai gerade deswegen so rapide wachsen konnte, weil sie auch gegen den Willen der Bevölkerung und auf dem umfassenden staatlichen Landbesitz gebaut werden konnte.
Solche Überlegungen sind einem europäischen Humanisten instinktiv zuwider - selbst wenn man bei der Shanghai-Theorie nicht gleich an Stuttgart 21 denkt. Als Yasheng auch noch erklärt, dass sich China selbst während der grausamen Jahre der Kulturrevolution besser entwickelt habe als das immer schon demokratischere Indien, windet sich mancher angesichts eines so kalten Wirtschaftspragmatismus. Weswegen Huang rasch noch einen Zusatz anfügt: Das chinesische Modell stoße gerade an Grenzen. China sei jetzt an dem Punkt angelangt, an dem es sich auch politisch reformieren müsse, um konkurrenzfähig zu bleiben. Denn nicht Infrastruktur, sondern soziales Kapital gewinne an Wert. Und das könne sich nur in Freiheit entwickeln.
Es mag keine Neuigkeit sein, dass sich die Welt derzeit fast überall schneller entwickelt als in Europa und Amerika. Man muss die Lage dort allerdings nicht gleich so pessimistisch betrachten wie der Historiker Niall Ferguson. Der formuliert die sechs Wettbewerbsvorteile des Westens zielgruppengerecht als die sechs 'Killer Apps': Konkurrenz, wissenschaftliche Revolutionen, Besitzrecht, moderne Medizin, die Konsumgesellschaft und eine hohe Arbeitsmoral hätten Europa und Amerika seit 1500 an die Spitze der Welt gebracht. Das aber ändere sich gerade. Die Arbeitsmoral zum Beispiel sei keineswegs eine Domäne des Protestantismus, wie Max Weber festgestellt habe. Vielmehr könne jede Gesellschaft eine kollektive Arbeitsmoral entwickeln. So arbeite ein Südkoreaner derzeit durchschnittlich eintausend Arbeitsstunden mehr pro Jahr als das bisherige Sinnbild für Fleiß und Ehrgeiz, der durchschnittliche Deutsche. Das sei, so Ferguson, nur einer der sechs historischen Vorteile, die der Westen langsam aufgebe, die nun andere Weltregionen für sich nutzten.
Die Ted-Konferenz hat diese Entwicklung in diesem Jahr besonders offensiv aufgenommen. Mit der Erweiterung der einstigen Elitentagung zur globalen Plattform hat sich der Einzugsbereich vervielfacht. Teilnehmer aus rund siebzig Ländern sind diese Woche angereist. Vor allem die unabhängigen Ted-Konferenzen haben sich zu einem weltweit gültigen Format entwickelt. Dieses Jahr sind in Edinburgh mehr als 100 solcher unabhängigen Veranstalter eingeladen, aus Ländern wie Afghanistan, Sudan und Indien. Ein nicht mehr ganz so junger Mann erzählt, dass er demnächst zum ersten Mal seit 33 Jahren in seine Heimat Irak zurückkehren werde. Weil er im amerikanischen Exil zwar nicht reich geworden sei, er aber nicht mit leeren Händen zurückkehren wollte, will er nun Ted Bagdad veranstalten.
Sicher muss man relativieren. Bei der Ted-Konferenz präsentiert sich der globale Wandel keineswegs als alles erfassende Welle der Geschichte. Die historischen Ebenen, auf denen sich der Wandel vollzieht, könnten nicht unterschiedlicher sein. Der Agrar-Aktivist Alexander Petroff erzählte etwa davon, wie er in Kongo Kleinbauern dazu bringt, sich zu profitablen Kooperativen zusammenzuschließen und ihre Felder nicht mit Hacken, sondern mit Ochsenpflügen zu bestellen.

Der einzig deutliche rote Faden, der sich durch die Vorträge zieht, ist der grundsätzliche Optimismus, dass sich jeder Wandel auch zum Guten wenden lässt. Selbst in den finstersten Nischen der Zeitgeschichte finden sich noch Hoffnungsschimmer. Die brasilianische Filmemacherin Julia Bacha erzählt von der Arbeit an ihrem Dokumentarfilm über das palästinensische Bauerndorf Budrus im Westjordanland. Sie zeigt Momente, in denen sich die Bauern aller Fraktionen zusammenschließen, und eine Szene, in der Fatah und Hamas die Waffen niederlegen, um gemeinsam mit israelischen Aktivisten im zivilen Widerstand den Bau der israelischen Antiterror-Mauer zu verhindern, die einem Dorf die Lebensgrundlage entziehen würde.

Da ist aber auch die Geschichte des ehemaligen Fundamentalisten Maahid Nawaz - ein pakistanischstämmiger Brite, der als Teenager in die Führungsriege der Islamistenorganisation Hizb ut-Tahrir aufstieg, weltweit Zellen aufbaute, in Ägypten verhaftet und gefoltert wurde und dann ausstieg. Nun bekämpft er als Co-Direktor des Quiliam-Thinktanks der britischen Regierung den Extremismus auf allen Seiten - und reist als Hoffnungsträger durch die Welt.
Wo verläuft in all diesem Reden über den Wandel die Grenze zwischen Hoffnung und Utopie? Das ist manchmal nicht so genau zu bestimmen. Aber genau darum wird es morgen gehen.
Fotos: Yasheng Huang; Julia Bacha; Mahid Nawaz; by James Duncan Davidson / TED
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