08.06.11 | 19:32 | 0 Kommentare

Der Facebooknutzer

FacebookUser(Profil des Tages auf der Meinungsseite der SZ am 9.6.11, von Andrian Kreye) Im Anfang war die Zahlenfolge – vier Nummern und drei Punkte, die sich scheinbar wahllos immer wieder neu gruppieren. Diese sogenannten IP-Adressen sind seit Mitte der siebziger Jahre so etwas wie die Urzelle des digitalen Menschen. Der war bisher ein zweidimensionales Wesen, der sich vor allem in Zahlen, Wörtern und Grafiken manifestierte. Nun aber bekommt er ein Gesicht, zumindest im sozialen Netzwerk Facebook. Dort kann ein Gesichtserkennungsprogramm Menschen auf Fotos ihren Namen zuordnen. Für den Facebooknutzer aber bringt diese Neuerung einen ganzen Katalog neuer Fragen mit sich, die immer wieder auf die große Frage hinauslaufen – wer bin ich im Netz?

  Betrachtet man die Evolution des digitalen Menschen, dann hat der Facebooknutzer die Entwicklungsstufen längst hinter sich gelassen, in denen die Zahlenfolgen der IP-Adressen, Online-Kennungen und Passwörter die konturlose Präsenz der frühen Internetnutzer bestimmten. Mit Hilfe von unzähligen Entscheidungen, die meist darauf hinauslaufen, dass einem ganz öffentlich irgendetwas oder irgendjemand gefällt, erarbeitet sich der Facebooknutzer nicht nur ein weltweit verzweigtes Netzwerk an Kommunikationspartnern, sondern auch so etwas wie ein Persönlichkeitsprofil.

 Über das kann man sich lustig machen und es mit den Selbstdarstellungen von Schulkindern vergleichen, die einst in Jahrbüchern oder Freundschaftsanzeigen ihre liebsten Hobbys, Filme und Bücher auflisteten, um sich selbst zu beschreiben. Man kann diese Schöpfung des digitalen Selbst auch misstrauisch beäugen. Das hat der Schriftsteller Jonathan Franzen in seiner Jahresansprache für das Kenyon College gerade getan. Da erklärte er das Leben im Netz zu einer öden Serie von Konsum-Entscheidungen und die Selbstdarstellung des Facebooknutzers zu einem narzisstischen Werben um Aufmerksamkeit. Man kann sich auch gut überlegen, was ein Konzern wie Facebook eigentlich so anstellt mit all diesen Daten, die man da freiwillig ins Netz gibt.

  Welche Auswirkungen die Facebook-Persönlichkeit auf die ganz reale Person hat, ist aber längst Forschungsgegenstand der Soziologie. Und die hat die neuen Netzwerke und Verhaltensweisen noch gar nicht richtig verstanden. Wie bei den meisten neuen Technologien wiegen sich Vor- und Nachteile noch auf. Die Verschmelzung der digitalen Persönlichkeit mit dem realen eigenen Gesicht ist aber in der Entwicklung des digitalen Menschen ein evolutionärer Schritt, der die Trennung der digitalen von der echten Person schwieriger macht.

  Wehren kann man sich dagegen nicht. Nicht einmal, wenn man gar nicht Mitglied des Netzwerks ist – wer auf einem Foto gekennzeichnet wird, ist automatisch im Netzwerk der Facebooknutzer. Damit aber verliert der digitale Mensch die Fähigkeit, sich im Netz neu zu erfinden. Bisher konnte sich der Facebooknutzer aus Grafiken und Neigungsbekundungen seine Persönlichkeit zwar nach Wunsch gestalten. Nun aber muss er sich mit etwas auseinandersetzen, das er nur bis zu einem gewissen Grad kontrollieren kann – dem eigenen Gesicht und damit der eigenen Person.

08.06.11 | 15:57 | 0 Kommentare

Facebookfotos

Peter Glasers Tweets zum neuen Gesichtserkennungsdienst bei Facebook:

@peterglaser

- Bibelarbyte: Theologin Käßmann schaltet Verzichtserkennung frei
- Weight Watchers starten ungefragt Gewichtserkennung
- Facebook plant neuen Button: "Hat mir grade noch gefällt"
- Wie man die Facebook-Gesichtserkennung abschaltet: http://bit.ly/l2p2BS
- "Hallo Peter, Danke, dass du das Facebook Foto Team kontaktiert hast. Deine Fotoinformationen wurden auf deine Anfrage hin entfernt."

Bonustweets:

- Germanys next Pottmodel ("Nächstes Topmodel aus NRW")

- Wenn dir Apple ein iCloud, dann musst du dir eins Lion.

.....und hier noch eine Infografik zum Thema:

FAcebookPhotoInfographic

Infografik: via Atlantic

08.06.11 | 15:29 | 0 Kommentare

Jonathan Franzen über die Liebe und das Internet

FranzenByMike Munden

Die „Commencement Speech“ ist eine Tradition amerikanischer Universitäten und Colleges, einen Prominenten für eine RedeAnsprache zur Zeugnisübergabe einzuladen, der dann eine Art Motivationsrede für den Rest des erwachsenen Lebens hält. Das Kenyon College in Gambier, Ohio konnte dieses Jahr den Schriftsteller Jonathan Franzen gewinnen.Dem wurde kurz vor seinem Vortrag auch gleich ein Ehrendoktor verliehen.  Eine Aufzeichnung der Rede kann man unter www.kenyon.edu/x57433.xml  anhören Ein Auszug:

„Ich möchte erst einmal klarstellen, wie ubiquitär das Wort ,sexy‘ verwendet wird, um die neuesten Elektrogeräte zu beschreiben; und wie diese äußerst coolen Dinge, die wir nun mit diesen Geräten tun – wenn wir sie mit Sprachbefehlen aktivieren, oder wenn wir dieses Spreizfinger-iPhone-Ding machen, damit Bilder größer werden – auf Menschen vor hundert Jahren wie die Beschwörungsformeln eines Magiers gewirkt hätten; und wie wir eine erotische Beziehung, die perfekt funktioniert, als magisch beschreiben.

Lassen Sie mich außerdem die Idee in den Raum stellen, dass unsere Märkte immer wieder herausfinden, was Konsumenten wollen, und darauf reagieren. Technologie ist extrem geschickt darin, Produkte hervorzubringen, die sich mit unserer Vorstellung vom Ideal einer erotischen Beziehung decken, in der das Objekt unserer Liebe nichts verlangt und alles gibt, und uns so das Gefühl der Allmächtigkeit verleiht, und keine grässlichen Szenen macht, wenn es gegen ein Objekt ausgetauscht wird, das noch sexier ist und in der Schublade landet. Um noch etwas allgemeiner zu werden – das ultimative Ziel der Technologie ist es, eine natürliche Welt, der unsere Wünsche egal sind– eine Welt voller Hurrikane und Entbehrungen und gebrochener Herzen und Widerstände –, durch eine Welt zu ersetzen, die auf unsere Wünsche eingeht und letztlich eine reine Erweiterung unseres Selbst ist.

Lassen Sie mich schließlich behaupten, dass die Welt des Technokonsums große Schwierigkeiten mit wahrer Liebe hat und umgekehrt gar nicht anders kann, als der wahren Liebe Schwierigkeiten zu machen.  Ein Phänomen in diesem Zusammenhang ist die Verwandlung des Verbs „gefallen“ von einem Gemütszustand in eine Handlung, die man mit der Computermaus vollzieht, von einem Gefühl in eine Konsumentscheidung. Das „gefallen“ ist allgemein der Ersatz der Konsumkultur für „lieben“. (...) Der Versuch, zu gefallen, verträgt sich nicht mit Liebesbeziehungen. Da ist das große Risiko natürlich die Zurückweisung. Doch Schmerz tut vielleicht weh, aber er tötet nicht. Wenn man die Alternative betrachtet – ein anästhesierender Traum der Selbstgenügsamkeit mit technischer Hilfe – , dann ist Schmerz der natürliche Gradmesser dafür, dass man am Leben ist.

(...) Wenn man in seinem Zimmer bleibt und wütet und spottet und mit den Schultern zuckt, wie ich es jahrelang getan habe, erscheinen einem die Welt und ihre Probleme unfassbar einschüchternd. Wenn man aber hinausgeht und sich einer echten Beziehung mit echten Menschen aussetzt, besteht die sehr reelle Gefahr, dass man einige von ihnen wirklich liebt. Und wer weiß? Vielleicht passiert das ja auch Ihnen?“

Foto: Mike Munden/Kenyon College

06.06.11 | 06:07 | 0 Kommentare

#musicmonday

05.06.11 | 14:45 | 0 Kommentare

R.I.P. Ray Bryant


Bryant

Es gibt ein paar Jazzsongs, die auch in Genre-fernen Clubs sofort zünden. „Up Above the Rock“ von dem Pianisten Ray Bryant gehört dazu, ein Rhythm’n’Blues-Monster, das mit einem furiosen Breakbeat beginnt und dann mit einem unwiderstehlichen Piano-Riff im Ohr bleibt. Am vergangenen Donnerstag ist Bryant nun in New York gestorben. Als 14-jähriger hatte er als Berufsmusiker angefangen. Mit 22 heuerte er in seiner Heimatstadt Philadelphia als Hauspianist im Club Blue Note an, wo er unter Charlie Parker, Miles Davis und Lester Young begleitete. 1959 übersiedelte er nach New York. Dort spielte er mit Coleman Hawkins, Art Blakey und Sonny Rollins. Es war jedoch sein eigenes Trio, mit dem er sein Gespür für Riffs und Motive perfektionierte, die ihm in den Sechziger Jahren sogar ein paar Jukebox-Hits bescherten. Und einen späten Poperfolg. 1988 entdeckte der Regisseur John Water Bryants Hit „The Madison Time“ und verewigte ihn in seinem Musicalfilm „Hairspray“. Ray Bryant wurde 79 Jahre alt.


Up Above the Rock (1968)



Foto: Atlantic Records

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