0 KommentareDer Facebooknutzer
(Profil des Tages auf der Meinungsseite der SZ am 9.6.11, von Andrian Kreye) Im Anfang war die Zahlenfolge – vier Nummern und drei Punkte, die sich scheinbar wahllos immer wieder neu gruppieren. Diese sogenannten IP-Adressen sind seit Mitte der siebziger Jahre so etwas wie die Urzelle des digitalen Menschen. Der war bisher ein zweidimensionales Wesen, der sich vor allem in Zahlen, Wörtern und Grafiken manifestierte. Nun aber bekommt er ein Gesicht, zumindest im sozialen Netzwerk Facebook. Dort kann ein Gesichtserkennungsprogramm Menschen auf Fotos ihren Namen zuordnen. Für den Facebooknutzer aber bringt diese Neuerung einen ganzen Katalog neuer Fragen mit sich, die immer wieder auf die große Frage hinauslaufen – wer bin ich im Netz?
Betrachtet man die Evolution des digitalen Menschen, dann hat der Facebooknutzer die Entwicklungsstufen längst hinter sich gelassen, in denen die Zahlenfolgen der IP-Adressen, Online-Kennungen und Passwörter die konturlose Präsenz der frühen Internetnutzer bestimmten. Mit Hilfe von unzähligen Entscheidungen, die meist darauf hinauslaufen, dass einem ganz öffentlich irgendetwas oder irgendjemand gefällt, erarbeitet sich der Facebooknutzer nicht nur ein weltweit verzweigtes Netzwerk an Kommunikationspartnern, sondern auch so etwas wie ein Persönlichkeitsprofil.
Über das kann man sich lustig machen und es mit den Selbstdarstellungen von Schulkindern vergleichen, die einst in Jahrbüchern oder Freundschaftsanzeigen ihre liebsten Hobbys, Filme und Bücher auflisteten, um sich selbst zu beschreiben. Man kann diese Schöpfung des digitalen Selbst auch misstrauisch beäugen. Das hat der Schriftsteller Jonathan Franzen in seiner Jahresansprache für das Kenyon College gerade getan. Da erklärte er das Leben im Netz zu einer öden Serie von Konsum-Entscheidungen und die Selbstdarstellung des Facebooknutzers zu einem narzisstischen Werben um Aufmerksamkeit. Man kann sich auch gut überlegen, was ein Konzern wie Facebook eigentlich so anstellt mit all diesen Daten, die man da freiwillig ins Netz gibt.
Welche Auswirkungen die Facebook-Persönlichkeit auf die ganz reale Person hat, ist aber längst Forschungsgegenstand der Soziologie. Und die hat die neuen Netzwerke und Verhaltensweisen noch gar nicht richtig verstanden. Wie bei den meisten neuen Technologien wiegen sich Vor- und Nachteile noch auf. Die Verschmelzung der digitalen Persönlichkeit mit dem realen eigenen Gesicht ist aber in der Entwicklung des digitalen Menschen ein evolutionärer Schritt, der die Trennung der digitalen von der echten Person schwieriger macht.
Wehren kann man sich dagegen nicht. Nicht einmal, wenn man gar nicht Mitglied des Netzwerks ist – wer auf einem Foto gekennzeichnet wird, ist automatisch im Netzwerk der Facebooknutzer. Damit aber verliert der digitale Mensch die Fähigkeit, sich im Netz neu zu erfinden. Bisher konnte sich der Facebooknutzer aus Grafiken und Neigungsbekundungen seine Persönlichkeit zwar nach Wunsch gestalten. Nun aber muss er sich mit etwas auseinandersetzen, das er nur bis zu einem gewissen Grad kontrollieren kann – dem eigenen Gesicht und damit der eigenen Person.





