10 KommentareMit Gott debattiert man nicht
(Von Andrian Kreye) Und wer respektiert eigentlich die Gefühle von Atheisten? Sind sie denn auch durch den Paragraph 166 des deutschen Strafgesetzbuches geschützt, der die „Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionsgesellschaften und Weltanschauungsvereinigungen“ mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren belegt? Wer als dezidiert Ungläubiger im katholischen Bayern lebt, könnte die alles übertönenden Kirchenglocken an einem Feiertagswochenende ja durchaus als Angriff auf seine Identität empfinden. Es soll hier aber nicht um spirituelle Ruhestörung gehen, sondern um Debattenkultur.
Liest man in der jüngsten Frankfurter Sonntagszeitung das Gespräch zwischen den beiden Journalisten Matthias Matussek, der sich mit seinem neuen Buch „Das katholische Abenteuer“ als leidenschaftlicher Rebell des Glaubens positioniert, und Claudius Seidl, dessen Leidenschaft eher die katholische Kultur als der katholische Glauben entfacht, so scheint es weniger die Frage nach dem Glauben an sich als die Frage nach dem richtigen Glauben zu sein, die den Diskurs bestimmt. Wenn aber lediglich die Ökumene zur Diskussion steht, ist der Weg von der Glaubensdebatte zur Glaubensfrage noch weit.
Glaubensdebatten haben in weltlichen Gesellschaften oft eine beruhigende Funktion, weil sie den Eindruck vermitteln, dass das eigentlich Endgültige offen verhandelt werden und so seinen Platz im demokratischen Diskurs finden kann. Dabei unterscheidet sich die Diskussion theologischer Wahrheiten von den Debatten um Politik und Wissenschaft doch in zwei Punkten ganz fundamental. Zum einen schließt der Diskurs die Grundsatzfrage aus, ob es einen Gott gibt oder nicht, er geht also von einer unbeweisbaren endgültigen Wahrheit aus. Zum anderen setzt er ein in sich geschlossenes Menschenbild voraus, wie es ja zuletzt die Kanzlerin selbst beschworen hat. Das schafft Sicherheiten in einer unsicheren Welt.
Doch kann man den Atheismus in einer Glaubensdebatte überhaupt verteidigen? Man könnte die Glaubensarbeit mit dem hohen Preis vergleichen, den das Nichtglauben fordert. Die schwere Krankheit, der Tod und der Schicksalsschlag sind beispielhafte Momente, in denen der Atheismus mit seinem Eingeständnis, auf vieles keine Antwort zu haben, eine Bürde ist. Es reicht auch schon, naseweise Dreijährige um sich zu haben, deren Fragen man mit der Unerschütterlichkeit des Glaubens leicht ins Metaphysische abdrängen könnte. So aber wird dem Ungläubigen mit einem vorwurfsvollen „wieso denn?“ viel zu früh die Fehlbarkeit attestiert.
Das Kernproblem ist, dass es mit jeder Verteidigung so aussieht, als wolle sich der Atheismus direkt mit dem Glauben vergleichen. Das aber ist ein Irrweg, der weniger in der theologischen, als in der politischen Debatte in die Sackgasse führt. Denn erlaubt man die Rückkehr des Glaubens in den politische Diskurs, lässt man sich letztlich auf eine Debatte mit Gott ein. Und da sind sich alle Religionen einig: Mit Gott debattiert man nicht.
Nun hat die Rückkehr der Religiosität in den politischen Diskurs eine Relevanz bekommen, die weit über theologische Debatten hinausgeht. Das liegt nicht zuletzt daran, dass der Bildersturm des 11. Septembers 2001 von den Terroristen der al Qaida ganz gezielt als Religionskonflikt inszeniert war. Ein Köder, den die westlichen Gesellschaften dankbarer angenommen haben, als ihnen bewusst ist. Nicht zuletzt, weil der inszenierte Kampf der Kulturen in Amerika auf fruchtbaren Boden fiel, wo George W. Bushs Chefstratege Karl Rove die fundamentalistischen Tendenzen der Evanglikalen manipulierte und so einen mächtigen Wählerblock mobilisierte. Der 11. September und seine Folgen zwangen die Agnostiker der laizistischen Welt in die Rolle der Atheisten. Glaube, so schien es, konnte nicht mehr von außen betrachtet werden. Mit einem Male waren so grundverschiedene Themen wie Geopolitik, Einwanderungsprobleme und nationale Identitätsfragen mit Glauben belastet. Da muss jedes säkulare Argument an seine Grenzen stoßen.
Sicher, es gab Versuche, den säkularen Humanismus zu einer Weltanschauung zu erklären. Die „Brights“ des angelsächsischen Neo-Atheismus um die „four horsemen“ Richard Dawkins, Daniel Dennett, Sam Harris und Christopher Hitchens gingen mit wissenschaftlichen Argumenten in radikale Opposition zu den neo-religiösen Strömungen, die nicht nur in den USA ein enorm wissenschaftsfeindliches Klima schufen. Auf dem europäischen Festland usupierte dagegen die rechtspopulistische Islamkritik den Atheismus und betrieb eine Fundamentalisierung des Humanismus.
Beide Positionen ließen sich oft in die rhetorische Ecke drängen. Menschen- und Bürgerrechte mögen universal gültig sein, doch im Kern sind sie keine Absolutismen. Sie sind zwar ethisch begründet, doch sie sind Produkt einer juristischen Begriffsfindung und Ausformulierung und nicht das Wort einer Gottheit. Doch die Trennung von Ethik und Glauben funktioniert nur in der Theorie. Weil sich der Atheismus weltanschaulich, wie schon erwähnt, nicht mit dem Glauben vergleichen kann.
Die kurze Antwort auf die selbstgestellte Frage, wer denn nun die Gefühle von Atheisten respektiert, muss also lauten: niemand. Die Rolle des Atheisten in der Gesellschaften muss eine politische sein. In der Politik darf kein Platz sein für Gefühle. Die theologische Debatte wird sich immer um das Allerinnerste eines in sich geschlossenen Weltbildes und seiner Anhänger drehen. Da aber ist der Atheismus kein Antipode, sondern ein Fremdkörper. Er vertritt Unsicherheiten, lässt Zweifel und Widersprüche bestehen. Vernunft ist da nur ein schwacher Trost.
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Wenn es das christliche "Die Würde des Menschen ist unantastbar" als Kern des Grundgesetzes nicht gäbe, und zwar als nicht verhandelbares religiöses Tabu, sähen wir alle blaß aus. So blaß wie im 20.Jahrhundert die Opfer der verschiedenen "wissenschaftlichen Weltanschauungen".
ansonsten:_ kluger Kommentar
Gruß´
MM
Comment by matussek — Juni 13, 2011 @ 17:30
Hallo Herr Kreye,
betrachten Sie doch mal die alttestamentarischen Debatten des Volkes Israel mit ihrem Gott Jahwe, dann haben Sie die Antwort auf Ihre These, dass man "mit Gott nicht debatieren" könne. Mit Gott zu debattieren ist in vielen Religionen üblich. Man könnte auch sagen angesichts der Theodizee ist das sowieso nötig: Wie kann ein Gott Übel+Elend zulassen, wenn er doch allwissend ist und das Übel abstellen könnte!
Guck mal die Griechen kannten bereits das Problem. Epikur:Über den Zorn Gottes:
„Entweder will Gott die Übel in der Welt abschaffen und kann es nicht, dann ist er schwach;
oder er kann es und will es nicht, dann ist er schlecht; oder er kann es nicht und will es nicht,
dann ist er schwach und schlecht und in keinem Fall ein Gott; oder er kann es und will es, woher kommen dann die Übel? Und warum beseitigt er sie nicht?“
Freundklicher Gruß
Robert Gunderlach
Comment by Robert Gunderlach — Juni 14, 2011 @ 10:07
Wobei die wissenschaftlichen Weltanschauungen der Völkermörder zu den Wissenschaften das gleiche Verhältnis hatten, wie der Glaube zu den mörderischen Fundamentalismen des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts, die streng genommen nicht mit 9/11, sondern mit Srebrenica begannen - sie kamen genausowenig aus den Wissenschaften wie Mladic und bin Laden aus dem Glauben, sie missbrauchten die Wissenschaften...
Comment by akreye — Juni 14, 2011 @ 11:39
Matussek kann man zu denen zählen, die das Rad der Geschichte zurückdrehen wollen. Solche Menschen hat es nach einer Zeit der Reformen schon immer gegeben – etwa nach Luther, nach der französischen Revolution.
Es scheint, dass nach der Umwälzungen unserer Zeit, die die 68er Generation maßgeblich mitgestaltete, sich Menschen wieder nach etwas Stabilerem sehnen. Sie wollen keine Welt, in der alles möglich ist, sondern eine, in der Ordnung herrscht und wo die sogenannten Sekundärtugenden wieder zur Primärtugenden werden.
Auf die katholische Kirche bezogen sind das laut Matussek: „in die Messe und zur Beichte gehen, die Zehn Gebote, das Ritual.“ Natürlich hat die Messe eine lateinische zu sein. Wegen des damit verbundenen Mysterium. Man will nicht so genau wissen, was da geschieht, Hauptsache es ist feierlich und geheimnisvoll.
Das ist nichts anderes als Flucht vor Realität. Die Kirchenglocken, der Weihrauch und die Prozessionen, all das Brimborium sind nichts anderes als Blendung. Aber wir Menschen lassen uns gern blenden. Nur nicht genauer hinschauen – Gott wird’s schon für uns richten. Religion wird wieder zu dem, was sie schon immer war und was Matussek, Marx zitierend, unterschlagen hat – das ganze Zitat lautet: „Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüth einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks.“
Comment by Dion — Juni 14, 2011 @ 13:48
Hallo Herr Kreye,
für ihren heutigen Artikel möchte ich Ihnen danken.
Er ist für mich geradezu ein Befreiungsschlag.
Ihr Artikel hat in Worte gefaßt, was ich (leider) nicht formulieren kann. Ich bin Atheistin und das ist auch gut so.
Comment by Juli — Juni 14, 2011 @ 20:32
Lieber Herr Kreye,
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Sie sind der Meinung:
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"Denn erlaubt man die Rückkehr des Glaubens in den politische Diskurs, lässt man sich letztlich auf eine Debatte mit Gott ein. Und da sind sich alle Religionen einig:
Mit Gott debattiert man nicht."
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Das ist nicht wahr.
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Der Mensch lebt in Auseinandersetzung mit GOTT, seinem VATER.
Der Mensch ist nicht zu seinem Vergnügen auf der Welt.
Der Mensch ist auf der Welt um seine von GOTT, dem VATER gegebene Willensfreiheit durch Erleben der wohltuenden und üblen Konsequenzen seines Wollens und Tuns kennenzulernen und aus freier Einsicht dem Mißbrauch seines Willens zu widersagen.
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Fortwährend debattiert der Mensch mit GOTT, der hier und heute anwesend ist in der Person des HEILIGEN GEISTES um dem Menschen mittels Eingebungen und Erleuchtungen zu antworten.
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Diese Debatte wird als "Beten zu GOTT" bezeichnet.
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# Wenn eine Mutter das Leid ihres krebskranken Kindes beweint und schreit: "Warum GOTT, tust Du mir und dem Kind das an?", dann hat sie den HEILIGEN GEIST GOTTES um Antwort gebeten.
Und der HEILIGE GEIST GOTTES gibt Antwort - die ER der Mutter direkt eingibt.
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Der politische Diskurs ist die gemeinschaftliche Debatte der Menschen mit dem HEILIGEN GEIST GOTTES was denn für die Gesellschaft gerecht sei zu wollen und zu tun.
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Wie konnten die Kirchenbeamten,gemeinhin "Priester"genannt, in den Irrtum verfallen, mit GOTT debattiert man nicht?
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Das kommt, weil:
- Nichtchristen, einschließlich der Atheisten
GOTT, Mensch geworden in der Person JESU CHRISTI nicht kennen,
- und Christen sich vom HEILIGEN GEIST GOTTES nichts sagen lassen.
"Komm' HEILIGER GEIST bleib uns fern damit wir das tun können was wir wollen und nicht das was DU willst."
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Gruß
josef
Comment by josef — Juni 15, 2011 @ 10:00
...also dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.
Comment by Jan — Juni 15, 2011 @ 13:26
höchstens, dass hier völlig verschiedene Debattenbegriffe verwendet werden.
Guck mal, Theodizee und heiliger Geist haben mit dem Thema so wenig zu tun, wie der Teufel mit dem Weihwasser.
Comment by Michael — Juni 17, 2011 @ 01:39
Klar, für Menschen wie josef kommt aller Übel der Welt von Ungläubigen bzw. nicht richtig an Christus Gläubigen. Dabei hat schon James Madison, wie die Süddeutsche heute erwähnt, Folgendes gesagt: „Wenn die Menschen Engel wären, wäre keine Regierung notwendig. Wenn Engel die Menschen regierten, wären weder äußere noch innere Kontrollen der Regierungen notwendig.“
Man könnte auch sagen: Wenn alle Menschen richtig an Christus glaubten, wären sie Engel und das Ganze nur noch langweilig. Dies vor allem für Gott. Aber glücklicherweise bestünde die Hoffnung, dass nicht alle zu Engeln gewordenen Menschen diese rigide Gebote und Verbote wirklich befolgen würden, denn schon die Bibel lehrt uns: Auch die ursprünglichen, von Gott persönlich geschaffenen Engel haben damit ihre Schwierigkeit gehabt und sind zu Abtrünnigen geworden. Oder: Das Ganze ist nichts anderes als ein perfides Spiel, damit es Gott nicht langweilig wird.
Comment by Dion — Juni 17, 2011 @ 13:10
Lieber Dion,
Sie sind schwer im Irrtum mit Ihrer Meinung:
"Das Ganze ist nichts anderes als ein perfides Spiel, damit es Gott nicht langweilig wird."
Unvernünftig, sich GOTT klein zu denken.
Jesaja 55,8-9
".8 MEINE Gedanken sind nicht eure Gedanken /
und eure Wege sind nicht MEINE Wege - /
Spruch des HERRN.
.9 So hoch der Himmel über der Erde ist, /
so hoch erhaben sind MEINE Wege über eure Wege /
und MEINE Gedanken über eure Gedanken."
GOTT der VATER verlangt vom Menschen nur, daß der Mensch aus freier Einsicht in die wohltuenden und üblen Konsequenzen seines Tuns dem Mißbrauch seiner Willensfreiheit ein Ende mache auf daß er, seine Mitmenschen und die Welt nicht kaputt gehe.
...Weil GOTT nicht in alle Ewigkeit die Schäden die der Mensch anrichtet andauernd reparieren will.
Und weil SICH GOTT an den guten Früchten menschlichen Tuns erfreuen will.
Gruß
josef
Comment by josef — Juli 21, 2011 @ 08:44