0 KommentareDie Wurzeln des Bösen

Sayyid Qutb (rechts) 1949 mit College-Präsident William R. Ross in Greeley, Colorado.
Ekel und Hass prägten die islamistischen Grundsatztexte des ägyptischen Literaturwissenschaftlers Sayyid Qutb
Greeley ist ein hübsches Universitätsstädtchen im kargen Norden von Colorado, das mit seinen Verandahäusern und baumgesäumten Straßen genau dem amerikanischen Traum vom kleinstädtischen Wohlstand entspricht, der in unzähligen Romanen und Filmen idealisiert wurde. Ausgerechnet hier, inmitten des frommen Idylls der Gutbürgerlichkeit, formte sich im Sommer 1949 in den Notizen von Sayyid Qutb ein Hass auf Amerika, der Geschichte machen sollte: weil er das theoretische Fundament der al-Qaida legte.
Sayyid Qutb war ein ägyptischer Stipendiat, der am Colorado State College of Education ein Semester lang Kurse in Englisch und Pädagogik belegte. Mit seinen 43 Jahren war der ernste Herr aus Ägypten mit dem schmalen Oberlippenbart und dem schütteren Haar deutlich älter als die anderen Studenten. In seiner Heimat hatte er als Beamter für das Bildungsministerium gearbeitet. Vor allem aber hatte er sich als Literaturkritiker und Essayist profiliert. Er war kein besonders religiöser Mann gewesen. Sein Glaube war vor allem von seinem Antikommunismus geprägt. 'Entweder wir gehen den Weg des Islam oder den Weg des Kommunismus', hatte er geschrieben. Doch seine zwei Jahre in der amerikanischen Ferne verwandelten den kritischen Geist in einen leidenschaftlichen Verfechter eines radikalen Islam, der mit seinen Schriften die Bewegung prägen sollte, die in der al-Qaida ihren grausamen Höhepunkt fand.
'Das Amerika, das ich gesehen habe', lautete der Titel seines Buches, das er bei seiner Rückkehr verfasste. Darin beschrieb er das amerikanische Leben mit einem Ekel und Hass, der den Grundstein für seinen politischen Islamismus legte. So beschrieb er einen Tanzabend in einer Kirche: 'Tanzende nackte Beine wirbelten durch den Raum, Arme schlangen sich um Hüften, Brust drückte sich an Brust, Lippen fanden andere Lippen, und die Atmosphäre war aufgeheizt mit Sinneslust.'
Zu einem guten Teil waren Qutbs Ekel und Hass von seiner Biographie geprägt, von der Unfähigkeit, eine Familie zu gründen, von der Einsamkeit als Junggeselle, von der phobischen Haltung zum Sex. Doch aus seinem Ekel leitete er den Hass auf all die Grundwerte des Westens ab, auf den Individualismus und die Freizügigkeit, die säkularen Vernunftbegriffe und die Demokratie, auf den Materialismus und die Lust in all ihren Formen. Darin sah er die Wurzeln des Bösen, das die islamische Welt zu vergiften drohe.
Bei seiner Rückkehr schloss sich Qutb den strenggläubigen Muslimbrüdern an, die ihm die Leitung ihrer Propagandaabteilung übertrugen. Und er schrieb all jene Bücher, die später die theoretische Grundlage für den islamistischen Terror lieferten. Als er 1954 wie so viele andere Muslimbrüder nach einem gescheiterten Attentat auf Präsident Nasser verhaftet wurde, verfasste er im Gefängnis sein Schlüsselwerk mit dem Titel 'Meilensteine'. Darin besetzte er den arabischen Begriff 'Dschahiliyya' mit einer neuen Bedeutung. Was bis dahin die heidnische Zeit der Unwissenheit vor der Offenbarung Mohammeds bezeichnete, wurde nun zum Kampfbegriff für all jene Staatsformen und Gesellschaften, die sich nicht dem Diktat Gottes unterwarfen. 'Nur islamische Werte und Moral, islamische Lehren und Regeln sind des Menschen würdig', schrieb er da. 'Islam ist die wahre Zivilisation und die islamische Gesellschaft die einzig wahrhaftig zivilisierte.' Einzig die Scharia dürfe das Leben des wahren Menschen regeln, der alle anderen Systeme und Gesetze ablehnen müsse.
Der einzig mögliche Weg war für Qutb der Dschihad. Nun hat der Dschihad in der Kultur des Islam vielfache Bedeutung. Schon im inneren Ringen um den Glauben manifestiert sich Dschihad. Doch Qutb ließ keine Zweifel offen. In seinem Buch 'Im Schatten des Koran' schrieb er: 'Wir begreifen, dass es unumgänglich ist, dass Dschihad nicht nur die Form der Predigt, sondern auch eine militärische Form annimmt.' Und er nahm den terroristischen Kampf vorweg, als er folgende Sure zitiert: 'Ihr wart stolz auf eure große Zahl, doch ihr habt nichts damit erreicht.'
Es gibt nur wenige westliche Übersetzungen der Texte von Qutb, und sie sind eine freudlose Lektüre. Im Ton des Predigers treibt er seine Tiraden durch theologische Windungen und Referenzen. Doch die Freudlosigkeit und der Subtext des Selbsthasses und Ekels haben der islamistischen Ideologie eine Kraft verliehen, mit der sie gerade junge Muslims im weltlichen Ausland begeistern kann. Liest man die Biographien der Attentäter, sei es der Hamburger Zelle vom 11. September, der britischen Dschihadis oder der meist gescheiterten amerikanischen Attentäter, so waren Ausschweifungen in Diskotheken und Striplokalen oft so etwas wie Initiationsrituale.
Die Linie von Sayyid Qutb zu Osama bin Laden bestand nicht aus einer theoretischen Verbindung. 1965 wurden Sayyid Qutb und sein jüngerer Bruder als Verschwörer verhaftet. Sayyid Qutb wurde eine Jahr später hingerichtet. Mohammed Qutb wurde 1972 freigelassen und ging ins Exil nach Saudi-Arabien. Dort unterrichtete er Islamwissenschaften und propagierte in seinen Vorlesungen die Schriften seines Bruders. Zu seinen Schülern gehörte ein weiterer Exilant aus Ägypten - Ayman al-Zawahiri, der spätere Vizechef der al-Qaida. Und er traf auf den palästinensischen Theologen Abdallah Yusuf Azzam, ebenfalls ein Anhänger der Lehren Sayyid Qutbs.
Azzams Rolle in Bin Ladens Biographie sollte zunächst viel wichtiger sein als die seines späteren Vizes al-Zawahiri. Azzam ging nach seiner Ausweisung aus Saudi-Arabien 1979 nach Pakistan. In Peschawar gründete der Theologe ein Rekrutierungsbüro für Dschihad-Kämpfer aus aller Welt, die im benachbarten Afghanistan die sowjetischen Besatzer bekämpfen sollten. Mit dem Namen Maktab Khadamat al-Mujahidin al-"Arab hieß das Büro zu Deutsch etwa 'Servicebüro für arabische Dschihadkämpfer'. Azzams Schützling und operativer Vize war ein junger ehrgeiziger Spross einer saudischen Baunternehmerfamilie namens Osama bin Laden.
Das Maktab Khadamat unterhielt Außenbüros in Europa und den USA, über die es Spenden sammelte und Rekruten ins afghanische Grenzgebiet schleuste. Azzam war aber nicht nur der militärische Pate des jungen Bin Laden, sondern vor allem sein spiritueller Mentor. Es dauerte nicht lange, bis sich Bin Laden als treibende Kraft des Maktab Khadamat profiliert hatte. Mit seinen Verbindungen in der saudischen Heimat brachte er Millionen an Spendengeld auf.
Azzam konzentrierte sich neben seiner Rekrutierungsarbeit auf seine Schriften. 1984 verfasste er einen Schlüsseltext, der Qutbs Lehren entscheidend radikalisierte und als Fatwa formulierte: 'Die Verteidigung der muslimischen Gebiete ist die oberste Pflicht des Einzelnen.' Und er prägte den Satz, der als Motto des Islamismus von Afghanistan bis zu den Anschlägen in Europa und Amerika lange nachwirken sollte: 'Der Dschihad und das Gewehr sind alles: Keine Verhandlung, keine Konferenz, kein Dialog.'
Azzam kam bei einem rätselhaften Anschlag 1989 ums Leben. Bin Laden übernahm das Maktab Khadamat, aus dem er gemeinsam mit Ayman al-Zawahiri al-Qaida formierte. Mit al-Zawahiri hatte Bin Laden einen weiteren Schüler Sayyid Qutbs an seiner Seite. Qutbs Ziel, eine islamische Zivilisation unter Gottesherrschaft zu errichten, haben sie nicht einmal in Ansätzen erreicht. Seinen Ekel und seinen Hass aber haben sie zu grausamer, historischer Größe geführt.
Foto: Greeley Tribune Archive
Keine Kommentare »
Noch keine Kommentare
RSS Feed für Kommentare zu diesem Artikel. TrackBack URL


