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0 KommentareR.I.P. Gil Scott-Heron
The Revolution Will Not Be Televised
by Gil Scott-Heron
You will not be able to stay home, brother.
You will not be able to plug in, turn on and cop out.
You will not be able to lose yourself on skag and skip,
Skip out for beer during commercials,
Because the revolution will not be televised.
The revolution will not be televised.
The revolution will not be brought to you by Xerox
In 4 parts without commercial interruptions.
The revolution will not show you pictures of Nixon
blowing a bugle and leading a charge by John
Mitchell, General Abrams and Spiro Agnew to eat
hog maws confiscated from a Harlem sanctuary.
The revolution will not be televised.
The revolution will not be brought to you by the
Schaefer Award Theatre and will not star Natalie
Woods and Steve McQueen or Bullwinkle and Julia.
The revolution will not give your mouth sex appeal.
The revolution will not get rid of the nubs.
The revolution will not make you look five pounds
thinner, because the revolution will not be televised, Brother.
There will be no pictures of you and Willie May
pushing that shopping cart down the block on the dead run,
or trying to slide that color television into a stolen ambulance.
NBC will not be able predict the winner at 8:32
or report from 29 districts.
The revolution will not be televised.
There will be no pictures of pigs shooting down
brothers in the instant replay.
There will be no pictures of pigs shooting down
brothers in the instant replay.
There will be no pictures of Whitney Young being
run out of Harlem on a rail with a brand new process.
There will be no slow motion or still life of Roy
Wilkens strolling through Watts in a Red, Black and
Green liberation jumpsuit that he had been saving
For just the proper occasion.
Green Acres, The Beverly Hillbillies, and Hooterville
Junction will no longer be so damned relevant, and
women will not care if Dick finally gets down with
Jane on Search for Tomorrow because Black people
will be in the street looking for a brighter day.
The revolution will not be televised.
There will be no highlights on the eleven o'clock
news and no pictures of hairy armed women
liberationists and Jackie Onassis blowing her nose.
The theme song will not be written by Jim Webb,
Francis Scott Key, nor sung by Glen Campbell, Tom
Jones, Johnny Cash, Englebert Humperdink, or the Rare Earth.
The revolution will not be televised.
The revolution will not be right back after a message
bbout a white tornado, white lightning, or white people.
You will not have to worry about a dove in your
bedroom, a tiger in your tank, or the giant in your toilet bowl.
The revolution will not go better with Coke.
The revolution will not fight the germs that may cause bad breath.
The revolution will put you in the driver's seat.
The revolution will not be televised, will not be televised,
will not be televised, will not be televised.
The revolution will be no re-run brothers;
The revolution will be live.
0 KommentareDie Fratze des Bösen

(Von Andrian Kreye, aus dem Feuilleton vom Wochenende) Kann ein Einzelner für ein Volk stehen? Als die Nachricht bekannt wurde, dass der mutmaßliche Kriegsverbrecher Ratko Mladic gefasst wurde und an das Tribunal in Den Haag ausgeliefert werden wird, tauchten plötzlich Fragen auf, die sich immer wieder stellen, wenn ein Einzelner für die Verbrechen von vielen zur Verantwortung gezogen wird. Fragen, die sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland stellten. Die erste Frage wäre: Ist es historisch noch wichtig, dass Ratko Mladic nach so vielen Jahren vor Gericht gestellt wird?
Eine Antwort findet man in der Erklärung der Nürnberger Prozesse, die nach dem Zweiten Weltkrieg die Grundlagen für den Umgang mit Kriegsverbrechern legten: 'Verbrechen gegen das Völkerrecht werden von Menschen begangen, nicht von abstrakten Einrichtungen. Nur wenn man diese Individuen bestraft, die solche Verbrechen begehen, können die Bestimmungen des Völkerrechts auch durchgesetzt werden.'
Doch es geht nicht nur um die juristischen Grundlagen. Der emeritierte Professor für Völkerrecht Michael Bothe findet für den Fall Mladic deutliche Worte: 'Gerade er. Mladic steht für das Massaker von Srebrenica. Das war in Europa das schlimmste Massaker seit dem Zweiten Weltkrieg. Dafür war er verantwortlich. Noch mehr als Karadzic, noch mehr als Milosevic. Mladic hat den Befehl gegeben, zu trennen, zu schießen, zu vergewaltigen.'
Das Völkerrecht hat in so einem Fall gleich mehrere Funktionen. Zuallererst geht es um die moralische Entschädigung der Opfer. Michael Bothe hat aus seiner langjährigen beruflichen Praxis der Beobachtung internationaler Konflikte und Beteiligter in internationalen Prozessen gelernt, dass diese Aufgabe eines Kriegsverbrechertribunals über das rechtlich korrekte Finden einer Strafe hinausgeht. 'Ein moralischer Täter-Opfer-Ausgleich ist notwendig, damit eine geteilte Gesellschaft einen Prozess der Versöhnung beginnen und abschließen kann.' Das Völkerrecht kann damit auch einen Anstoß zum Wiederaufbau einer Zivilgesellschaft geben. In Deutschland ging es bei den Nürnberger Prozessen nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nur darum, die Mächtigen des Naziregimes zur Verantwortung zu ziehen und das Völkerrecht durchzusetzen.
Der amerikanische Hauptanklagevertreter bei den Nürnberger Prozessen, Robert Jackson, sagte: 'Wir dürfen niemals vergessen, dass der Prozess, mit dem wir die Angeklagten verurteilen, der Prozess ist, auf dessen Grundlage die Geschichte über uns urteilen wird. Reichen wir den Angeklagten nun einen vergifteten Kelch, so führen wir ihn gleichermaßen an unsere eigenen Lippen.' Eine Gesellschaft muss ihre mörderische Vergangenheit nach den strengsten Regeln des Rechts aufarbeiten.
Womit sich schon die nächste Frage aufdrängt, um die in Deutschland in historischen Aufarbeitungen und politischen Polemiken bis heute gestritten wird: Schafft man mit einer Verurteilung der Mächtigen nicht die Möglichkeit einer Gesellschaft, sich stellvertretend von ihren Verbrechen reinzuwaschen? Diese Frage brachte 1968 immerhin eine ganze Generation auf die Barrikaden.
Die Nürnberger Prozesse haben in Deutschland die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit jedenfalls nicht abgeschlossen, wohl aber angestoßen. Hat so ein Tribunal mit Prozessen gegen die Hauptverantwortlichen so etwas wie einen moralischen Präzedenzfall geschaffen, kann die Nation, in deren Namen sie ihre Verbrechen begingen, die Arbeit in den mittleren und unteren Ebenen des einst mörderischen Staatsapparates aufnehmen. So wird eine Verurteilung von Ratko Mladic die Gerichte in Bosnien-Herzegowina nicht davon entlasten, sich um die vielen tausend Fälle zu kümmern, die nach dem Kriege offen blieben.
Die Kammer des Obersten Gerichtshofs von Bosnien-Herzegowina in Sarajewo arbeitet seit Jahren an solchen Fällen. Und doch war die offene Akte Ratko Mladic ein Hemmschuh für diese Arbeit. Denn er war mehr als nur ein Kriegsverbrecher. Er war eine Schlüsselfigur für die Trotzhaltung der Unverbesserlichen und Revanchisten in Serbien und dem serbischen Bosnien. Auf der Flucht blieb ihm immer noch die Aura des Volkshelden, des Kriegers, der von den Häschern der ausländischen Mächte gejagt wird.
Der Fall Bin Laden hat gezeigt, was für Folgen es haben kann, wenn man die Jagd nach einem Massenmörder nicht polizeilich-juristisch, sondern militärisch zu Ende bringt. Bin Ladens Erschießung brachte der amerikanischen Gesellschaft und den Opfern der Anschläge vom 11. September einen hohlen Triumph. In den Augen großer Teile der islamischen Welt und auch der amerikanischen und europäischen Linken bleibt der Eindruck, Amerika habe da Gleiches mit Gleichem vergolten.
Man darf nicht unterschätzen, was Symbolfiguren wie Mladic und Bin Laden bedeuten. Im moralischen Blick der internationalen Gemeinschaft bleibt die Kollektivschuld ein diffuses Gefühl. 'Die Serben', 'die Islamisten' oder auch 'die Deutschen' mögen Zielscheibe von Vorurteilen sein. Eine handfeste Auseinandersetzung ist nur möglich, wenn ein Stellvertreter des kollektiven Verbrechens zur Rechenschaft gezogen wird. Auf welche Weise er zur Rechenschaft gezogen wird, bestimmt jede weitere Aufarbeitung des Verbrechens.
Wie wichtig solche Symbolfiguren sind, kann man im Umkehrschluss sehen. In der Diskussion um den verhafteten chinesischen Künstler Ai Weiwei tauchte immer wieder die Frage auf, warum sich die Weltöffentlichkeit um einen einzigen politischen Aktivisten sorgen soll, nur weil er vom internationalen Kunstbetrieb wie ein Rockstar gefeiert wird. Ist das Schicksal der Tausenden Aktivsten, Blogger und Dissidenten, welche die chinesische Regierung in den letzten Monaten verhaften ließ, nicht genauso wichtig? Das aber würde einen schier übermenschlichen Gerechtigkeitssinn voraussetzen.
Niemand kann sich mit den Details eines großen Unrechts auseinandersetzen, kann zu Schlüssen und moralischen Urteilen kommen, wenn es sich nicht in seiner unmittelbaren Umgebung zugetragen hat. Das ist keine Frage der Medienwelt. Das Böse brauchte immer schon eine Fratze, egal ob es der Teufel war, Bin Laden oder Ratko Mladic. Genauso wie die Geschundenen ein Gesicht brauchten. Und wenn dieses Gesicht ein Künstler ist, der es geschafft hat, das Unrecht in seinem Lande auch Außenstehenden nahezubringen, dann wird die Misshandlung dieses Einzelnen zum Katalysator für das Verständnis des großen Unrechts.
Für die Weltgemeinschaft setzt ein Prozess gegen Ratko Mladic aber nicht nur einen moralischen Präzedenzfall. Wird er rechtskräftig verurteilt, so hat das Völkerrecht bewiesen, dass es kein Papiertiger ist. Es wird leichter sein, die Arbeit des Internationalen Strafgerichtshofes voranzutreiben und so die wertvolle Arbeit der ad hoc-Tribunale für das ehemalige Jugoslawien oder Ruanda Ad-hoc-Tribunale dauerhaft nutzbar zu machen. Nicht zuletzt aber wäre das Urteil ein Signal an alle anderen Verbrecher gegen die Menschlichkeit: Der Gerechtigkeit könnt ihr nicht entkommen.
Foto: Reuters
4 KommentareLederstrumpf im Internet (EG8 für Analoge)

(Leitartikel von Andrian Kreye am24.5.11) Betrachtet man das Internet als einen neuen, unbekannten Kontinent, dann beginnt dort gerade das Kolonialzeitalter. Die Pioniere haben das Land erobert und nutzbar gemacht. Nun folgen die Großgrundbesitzer, die Eisenbahngesellschaften und die Soldaten der Krone, um das Terrain zu erschließen. In dieser Woche lädt der französische Präsident Nicolas Sarkozy vor der G-8-Konferenz Vertreter der Wirtschaftsmächte und Internetkonzerne zu einem Digital-Gipfel mit dem Namen eG8-Forum. Und auch der eigentliche Gipfel in Deauville soll sich erstmals mit dem Internet beschäftigen.
Das ist ein längst überfälliger Schritt. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat das Internet Gesellschaft, Wirtschaft und Politik so gewaltig verändert wie zuletzt die industrielle Revolution. Viele der Pioniere, die sich als die wahren Netzbürger betrachten, sehen Sarkozys Internet-Gipfel allerdings als eine Art digitale Wiederkehr der Kongo-Konferenz, bei der die Kolonialmächte 1884 unter der Schirmherrschaft des Reichskanzlers Otto von Bismarck den afrikanischen Kontinent unter sich aufteilten.
Da aber hinkt der historische Vergleich. Denn auch wenn sich die meist jungen Netzbürger als 'digital natives' bezeichnen, als digitale Eingeborene, so sind sie keineswegs die machtlosen Subjekte grausamer Kolonialherren. Will man ihnen eine Rolle aus jener Zeit zuweisen, dann wäre es Lederstrumpf, der Trapper aus den Romanen von James Fenimore Cooper. Der kämpfte sich wacker durch die neue Welt, immer auf der Flucht vor den Kräften der Zivilisation, die das Idyll der Freiheit im wilden Grenzland mit ihren Regeln und vor allem ihrer Profitgier zerstören wollten - Kräften, denen er den Weg bereitete.
Auch die Pioniere des Internets erkämpfen immer neue Gebiete im digitalen Unbekannten. Ihnen folgen dann meist die Siedler, die technisch halbgebildeten Durchschnittsnutzer. Und weil digitales Neuland oft gewaltige gesellschaftliche Auswirkungen mit sich bringt, treten kurz nach jeder Innovation jene mächtigen Männer und Frauen auf den Plan, die im Netz eine ähnliche Funktion haben wie die legendären 'Robber Barons', die Rohstoff- und Eisenbahnmagnaten des Wilden Westens.
Der Konflikt, der sich nun abzeichnet, wird die globale Gesellschaft noch auf Jahrzehnte hin beschäftigen. Im Gegensatz zur Eroberung der Kolonien in Afrika und Amerika werden diese Konflikte allerdings bisher weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit ausgetragen. Man muss nur die Schlagworte aus dem Konfliktfeld auflisten, die gerade beim eG8 in Paris verhandelt werden: Innovation, Urheberrecht, Wirtschaftstransformation, Netzneutralität. Wen wundert es, dass da vor allem Vertreter der Regierungen mit den Männern und Frauen debattieren, die längst als die neuen 'Robber Barons' gehandelt werden? Mit Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, Google-Chairman Eric Schmidt und Medienmagnat Rupert Murdoch zum Beispiel.
Nun gibt es längst Organisationen, welche die Rechte der Pioniere und freien Bürger im Netz wahrnehmen. In Deutschland ist das die Digitale Gesellschaft und der trotz seines Namens altehrwürdige Chaos Computer Club, in Frankreich ist es die Organisation Quadrature du Net, in den USA die Electronic Frontier Foundation. Deren Gründer John Perry Barlow ist der einzige Vertreter der digitalen Bürgerrechtler, der in Paris auf der offiziellen Teilnehmerliste steht. An diesem Mittwoch wird er mit Hillary Clintons Berater Alec Ross und dem Europachef von Twitter, Tony Wang, über neue Wege zur Freiheit sprechen. Es wird sicherlich um die Revolutionen des arabischen Frühlings gehen, die von den sozialen Medien angetrieben wurden, und um Wikileaks, die Enthüllungsplattform mit so gewaltiger Wirkung. Das werden während der beiden Konferenztage wohl auch die beiden einzigen Themen sein, die eine größere Öffentlichkeit bewegen könnten.
Doch es sind gerade die trocken wirkenden, vermeintlich technokratischen Konflikte, welche die Gesellschaft in wohlhabenden Demokratien verändern werden. Deshalb sollte man sich Sorgen machen, wenn diese Konflikte vor allem zwischen Wirtschaft und Politik ausgetragen werden. Das Problem der digitalen Bürgerrechtsbewegungen ist nicht nur, dass sie auf die Rolle der lästigen Zwischenrufer reduziert werden. Ihre größte Herausforderung wird sein, ein Gros der Bürger davon zu überzeugen, dass das wichtig ist, für was sie hier kämpfen.
Denn das Internet ist fester Bestandteil des beruflichen und privaten Alltags, deswegen betreffen Innovationen und Regelungen jeden Einzelnen. Gesteigerte Produktivität digitaler Technologien bringt mehr Nutzen, aber auch Arbeitsplätze in Gefahr. Mehr Kontrolle bedeutet mehr Schutz vor Online-Verbrechen, aber auch weniger Freiheit im Netz.
Es gehe um 'das zivilisierte Internet', ließ Sarkozy vor seiner Initiative wissen. Das trifft den Konflikt im Kern. Denn schon Lederstrumpf wusste, dass die Zivilisation das Ende der grenzenlosen Freiheit bedeutet. Doch er ahnte wohl auch, dass die Gesetzlosigkeit des Wilden Westens nicht ewig währen kann. Die Frage ist nur: Wer soll der Sheriff sein?
Foto: ZDF
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0 KommentareAi Weiwei “Never Sorry”
Ai Weiwei: Never Sorry TEASER from Ai Weiwei: Never Sorry on Vimeo.
Webseite "Free Ai Weiwei" - hier.
0 KommentareSehnsucht nach Europa

Der Eurovision Song Contest ist so kompliziert, weil der kontinentalen Popgeschichte das 20. Jahrhundert fehlt
(Von Andrian Kreye) Es ist relativ leicht, sich über einen Komponistenwettbewerb lustig zu machen, bei dem sich osteuropäische Schlagercombos mittleren Alters etwas ungelenk an Rock-Genres versuchen, die einst vom jugendlichen Ungestüm authentischer Subkulturen getrieben wurden, und Lokaldiven die Toleranzgrenzen des Modebewusstseins strapazieren. Nun rangierte das kulturtheoretische Interesse am Eurovision Song Contest schon immer irgendwo zwischen dem augenzwinkernden Kitschverständnis aus Susan Sontags Essay ,,Notes on Camp‘‘ und einer fundamentalen Verachtung für europäische Massenkultur, die mit dem Kanon der angelsächsischen Vorbilder nur selten mithalten kann.
Dabei ist der Schlagerwettbewerb natürlich gerade deswegen interessant, weil er sich eben nicht auf den angelsächsisch gefärbten Minderheitengeschmack gebildeter Stände einlässt. Die suchen im Pop immer noch die Relevanz eines Bob Dylan und die erzählerische Vielschichtigkeit von Hollywoodfilmen. Der Eurovision Song Contest bildet dagegen europäische Befindlichkeiten ab, die längst komplexer sind, als jeder amerikanische Actionfilm, der seine Effekte mit Anspielungen auf Philosophie und antike Sagenwelt durchwebt.
Sicherlich ist mit dem diesjährigen Sieg von Ell und Nikki aus Aserbaidschan erst einmal die Frage relevant geworden, ob die europäische Kontinentalplatte nun am Ural endet, oder doch erst hinter den vorderasiatischen Ölfeldern (siehe auch Kasten Seite 1). Diese Frage kann man entweder bürokratisch beantworten, weil jedes der 56 Mitgliedsländer der Europäischen Rundfunkunion EBU auch am Wettbewerb teilnehmen darf. Und zur EBU gehören inzwischen auch Teile Nordafrikas und Vorderasiens. Oder man wischt sie mit Bernard-Henri Lévys Zitat vom Tisch, Europa sei kein Ort, sondern eine Idee. Nimmt man den Eurovisions-Contest als populäres Abbild dieser Idee, dann wurde am Sonntag schon nach den ersten Beiträgen deutlich, wie es um den europäischen Pop des Jahres 2011 steht.
Prinzipiell steht es um den gar nicht so anders, wie 1956, als der Wettbewerb in Lugano mit sieben Teilnehmerländern zum ersten Mal ausgetragen wurden. Der europäische Schlager war damals schon ein regionales Phänomen, das letztlich immer der Versuch blieb, Volksmusik mit modernen Stilmitteln zu machen. Was dem europäischen Pop immer fehlte, war das solide Fundament des amerikanischen Vorbilds in der eigenen Geschichte. Denn dem europäischen Pop fehlt historisch gesehen die Frühphase der Entwicklung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Da war die europäische Popkultur vor allem ein stiefmütterlich behandeltes Mittel der Nazidiktatur, sich die Massen gewogen zu machen.
Mit der Osterweiterung der Europäischen Rundfunkunion im Jahre 1990 hat sich dieses Problem für den Eurovision Contest noch einmal verschärft. Nun fehlen dem europäischen Pop nicht nur die Jahre bis 1945, sondern einem großen Teil seiner Mitglieder auch noch die Jahre bis 1989. Im Sozialismus mag Rockmusik eine ähnliche Funktion gehabt haben wie Jazz unter den Nazis - sie war ein verbotenes Medium der Sehnsucht nach Freiheit. Nach dem Fall der Mauer aber blieb europäischer Pop im Osten genauso eine kulturelle Travestie, wie im Nachkriegswesten. Deswegen wird der Schlagerwettbewerb seit Jahren mit unbeholfenen Rock-Acts geflutet, die mit dem sympathischen Kitsch der frühen Eurovisionsjahre nur wenig zu tun haben. Dass die Veranstalter nun versuchen, mit Popgenres wie den Coldplay-Epigonen aus Dänemark oder einem Star von internationalem Format wie Lena auch jüngere Zuschauer zu gewinnen, verwässert das Bild vom europäischen Pop zusätzlich.
Was bleibt ist eine Popkultur, die vor allem als Eskapismus aus der eigenen Geschichte fungieren soll. Was die mediterranen Lieder der fünfziger Jahre für das befreite Westeuropa waren, ist der Rock für die ehemaligen Ostblockländer - eine Pose ohne kulturelles Fundament und somit nicht mehr als ein Spiel mit Genres.
Richtig interessant wird es aber erst im zähen Teil der Veranstaltung, wenn alle Lieder gesungen und alle Publikumsstimmen abgegeben sind. Da vollzieht sich vor den Augen der Fernsehzuschauer ein Abstimmungsprozedere, das schwieriger nachzuvollziehen ist, als amerikanische Präsidentschaftswahlen. Da vermischen sich Geopolitik, die Last der Geschichte und die kulturellen Missverständnisse zu einer undurchsichtigen Rangliste, die sich im Laufe der 43 Stimmabgaben so dramatisch oft neu mischt, dass es mit der Musik nur wenig zu tun haben kann.
Dass der griechische Teil Zyperns regelmäßig viele Punkte für Griechenland vergibt, gilt als ausgemachte Sache, genauso wie die osteuropäischen Länder prinzipiell zu ihren Nachbarn stehen. Aber ist zum Beispiel die Tatsache, dass Weißrussland dieses Jahr nur fünf von zwölf Punkten an Russland vergeben hat nicht eine Versöhnungsgeste für den gar so nationalistisch gesinnten Diktator Lukaschenko? Waren die vielen Punkte Hollands für Bosnien Herzogevina eine späte Rüge für die europäische Balkanpolitik? Sollten die Null Punkte Israels für Lena nicht Grund zur Sorge um die deutsche Nahostpolitik sein? Und ist der dritte Platz für den schwachen Schweden nicht letztlich nur Ausdruck der Sehnsucht nach einem Staat, der so oft als Vorbild für eine funktionierende soziale Marktwirtschaft gehandelt wird?
Eines bleibt - Europa ist ein vielschichtiger und in sich widersprüchlicher Kontinent, dem auch ein gut gemeinter Schlagerwettbewerb nicht zu einer Identität verhelfen kann. Die Feinheiten der Einzelabstimmungen beim Eurovision Song Contest könnten den Lehrstuhl einer politologischen Fakultät bis zum nächsten Jahr beschäftigen. Da wird dann in Baku gesungen. Das gehört nun kulturell offiziell zu Europa, ob es dem Rest des Kontinents passt oder nicht. An der Musik lag es wie gesagt nicht. Die Dame und der Jüngling konnten ebenso wenig intonieren, wie der Song überzeugte. Rumänien, Italien und Lena waren musikalisch mit Abstand besser. Im Sinne der Nouvelle Philosophie Bernard-Henri Lévys war es aber kein Sieg für Ell und Nikki, sondern ein Sieg für den europäischen Traum, der sich im Osten schon lange vom American Dream emanzipierte. Und aus dem muss ja nicht gleich eine gemeinsame Identität werden.
Foto: Eventpress Adolph
2 KommentareUnser Müll in Afrika

(Von Andrian Kreye) Unter den afrikanischen Fotografen, die seit gut eineinhalb Jahrzehnten in den europäischen und amerikanischen Kunstmetropolen gefeiert werden, ist der Südafrikaner Pieter Hugo derzeit sicher der bekannteste. Das liegt nicht zuletzt daran, dass er seine Porträtstudien mit einem formal anachronistischen europäischen Gestus inszeniert. Egal, ob er Gaukler fotografiert, die mit gezähmten Hyänen durch Lagos ziehen, Schauspieler aus Nigerias Filmfabriken oder Behinderte, mit seinen klassischen Bildschnitten und dem unjournalistischen Blick des Porträtisten verlieh er seinen Subjekten eine altertümliche Würde, die den konservativen Erwartungshaltungen des europäischen und amerikanischen Publikums entgegenkam.
Sieht man genau hin, hat es Hugo seinen Betrachtern nie so leicht gemacht. Letztlich sind seine Porträts in mehreren Ebenen gebrochene Studien eben dieser Erwartungshaltungen. Dass sich ein weißer südafrikanischer Fotograf, der bei Nelson Mandelas Amtsantritt im Jahre 1994 18 Jahre alt war, nicht einfach darauf einlassen würde, Erwartungshaltungen zu bedienen, die letztlich im neokolonialen Moralgeheuchel liberaler Schuldgefühle in den Wohlstandsländern wurzeln, war zu erwarten. So deutlich wie mit seinem neuen Band ,,Permanent Error‘‘ hat Hugo diese Erwartungen allerdings noch nie angegriffen.

Die Bilder entstanden auf der Mülldeponie Agbogbloshie Market in Accra, der Hauptstadt von Ghana. Auf Agbogbloshie landet all jener Wohlstandsmüll, der das Wirtschaftswunder der digitalen Revolution antreibt, all jene Produkte also, deren Haltbarkeit mit Systemerneuerungen und Sollbruchstellen auf wenige Jahre begrenzt wird - Handies, Computer, Unterhaltungselektronik. Zwischen den giftigen Schwaden der Müllfeuer versuchen die Lumpensammler von Agbogbloshie, Rohstoffe aus dem verseuchten Müll zu retten. Eine dreiseitige Liste mit den chemischen Kürzeln dieser Gifte und Rohstoffe schafft zu Beginn des Buches den Kontext der Anklage.
Hugo kehrt mit dieser Arbeit zu seinen Wurzeln zurück. In seinen ersten Studien über Opfer der Aids-Seuche und über Behinderte hinterfragte er ganz direkt die Gesellschaft seiner eigenen Heimat. Dann erst entwickelte er jenen Blick, der die eigentliche Qualität und die Vielschichtigkeit seiner Arbeit ausmacht. Als weißer Südafrikaner, für den der Kampf gegen die Apartheid vor allem eine Kindheitserinnerung ist, gehört Pieter Hugo jener Zwischengeneration an, die zu Beginn der Ära Mandela erstmals den Blick aus dem einst hermetischen Schurkenstaat am Kap auf den eigenen Kontinent zu richten begann.

Dieser Blick war eigen, weil er eine Außenansicht des Kontinents zeigte, die eben nicht aus der kolonialen Perspektive hervorgeht, sondern auf der einzigartigen Geschichte Südafrikas fußt. Das liefert auch die komplexen Ebenen, hinter der Sozialkritik der Müllkippenbilder. Doch bleibt letztlich die Sozialkritik der Kern der Arbeit. Und gerade in der politischen Direktheit entwickelt Pieter Hugo neue Wucht.
Fotos: Pieter Hugo aus PIETER HUGO: Permanent Error. Prestel Verlag, München, 2011. 128 Seiten, 39,95 Euro.
1 KommentarWoodstock war keine Revolution
Aus dem Text über Woodstock in dem soeben erschienenen grandiosen Sammelband "Out Of The Vinyl Deeps" mit den Popkulturtexten von Ellen Willis, die 1968 erstmals in der Geschichte der Wochenzeitschrift New Yorker den Posten eines Popkritikers bekam:
Abbie Hoffman interrupted the Who's set on Saturday night to berate the crowd for listening to music when John Sinclair, a Michigan activist, had just been sentenced to a long prison term for giving some marijuana to a cop. Pete Townshend hit Hoffman with his guitar, and that is more of a commentary on the relation of rock to politics than all of (the subculture magazine) Rat's fuzzy moralizing.
What cultural revolutionaries do not seem to grasp is that, far from being a grass-roots art form that has been taken over by businessmen, rock itself comes from the commercial exploitation of blues. It is bourgeois at its core, a mass-produced commodity, dependent on advanced technology and therefore on the money controlled by those in power. Its rebelliousness does not imply specific political content; it can be - and has been - criminal, fascistic, and coolly individualistic as well as revolutionary. Nor is the hip lifestyle inherently radical. It can simply be a more pleasurable way of surviving within the system which is what the pop sensibility has always been about. Certainly that was what Woodstock was about: ignore the bad, groove on the good, hang loose, and let things happen. The truth is that there can't be a revolutionary culture until there is a revolution.
Ellen Willis, September 1969
Foto: University of Minnessota Press



