15.02.11 | 17:19 | 0 Kommentare

Die Wurzeln des digitalen Denkens

Brockman-Warhol-Dylan-by-Nat-FinkelsteinSM

(Aus dem Feuilleton der SZ vom Mittwoch) Neulich beim DLD, dem alljährlichen Kongress der digitalen Elite in München, gab es einen dieser Momente, die einen Menschen besser beschreiben als ihre offizielle Biografie. Kurz vor Beginn des Galadinners, am ersten Kongresstag, stand in einer kleinen Runde im Festsaal John Brockman, die Schlüsselfigur so vieler Wissenschaftsdebatten, die oft auf seiner Webseite edge.org stattfinden, und der selbst nicht halb so bekannt ist, wie die Stars, die er als Literaturagent vertritt: Der Evolutionsbiologe und Atheist Richard Dawkins zum Beispiel, oder der Genforscher Craig Venter, die Vorreiter der digitalen Debatten wie Clay Shirky, Jaron Lanier und David Gelernter.

Es fehlt in diesen Debatten ja so oft an Vergleichen, aber wenn man doch einen anstellen will, dann wäre John Brockman so etwas wie der Siegfried Unseld der Wissenschaften, ein Mann mit zielsicherem Gespür für die wichtigen Themen seiner Zeit und gleichzeitig einem ungeheuren kaufmännischen Geschick. Jedenfalls gesellte sich Sean Parker zu Brockman, der Jungmilliardär, der erst mit Napster die Musikindustrie revolutioniert hat und dann mit Facebook die sozialen Beziehungen. Parkers Arroganz ist legendär. Doch vor Brockman hat er Respekt. ,,Edge ist das einzige, was ich lese, wenn ich nichts mehr lese‘‘, sagte Parker linkisch lächelnd.

Brockman reagierte nicht auf das Kompliment, aber es war ja auch nicht als Kompliment gedacht, sondern als Anerkennung der Hackordnung in der großen Debatte darüber, wie sich unser Leben und unsere Gesellschaft verändert, weil digitale Technik und Naturwissenschaften sich derzeit in solch atemberaubender Geschwindigkeit entwickeln.

Brockman begann nicht erst mit dem Siegeszug des Internets über die digitale Kultur nachzudenken. Es fing 1965 an, an einem jener legendären Abende, an denen der Komponist John Cage in seiner Wohnung für Freunde und Bekannte kochte. John Brockman war 24 Jahre alt und während seines Betriebswissenschaftsstudiums wie so viele seiner Generation im Sog der Downtownkultur von New York hängengeblieben. Er veranstaltete Multimediaperformances und Filmfestivals, verdingte sich in den alternativen Theatern und gehörte zum großen Tross in Andy Warhols Factory.

Cage schenkte Brockman an diesem Abend ein Buch mit dem Titel ,,Cybernetics‘‘, das der Mathematiker Nobert Wiener geschrieben hatte. Wieners Kybernetik war eine der ersten umfassenden Theorien zu Steuerungssystemen von Maschinen, Organismen und sozialen Organisationen. In dem Buch findet man heute noch Antworten auf die vielen Fragen, die sich die digitale Gesellschaft so stellt. Brockman war überwältigt.

Zusammen mit seinem Freund Stewart Brand durchpflügte er das Buch in einem manischen Leserausch von zwei Tagen, getrieben von der Ahnung, dass da Dinge verhandelt wurden, deren Bedeutung weit über die mathematischen Gedankenspiele Wieners hinausgingen.

Beide Männer wurden von diesen beiden Tagen für immer geprägt. Brockman blieb in New York. Als das Massachusetts Institute of Technology ihn bat, Begegnungen zwischen Forschern und Künstlern zu organisieren, wurde er an der Ostküste zum Bindeglied zwischen den Künsten und den Wissenschaften. Brand ging nach Kalifornien und gründete dort den Whole Earth Catalog, einen Katalog für alternative Produkte und innovative Technologien, den Apple-Gründer Steve Jobs später als ,,Vorläufer von Google‘‘ beschreiben sollte.

Die Rolle des Vermittlers ist bis heute die wichtigste Funktion John Brockmans. Sicher, er hat zusammen mit seiner Frau Katinka Matson als Literaturagent viel Geld verdient. Nicht zuletzt, weil er ein neues Genre der Wissenschaftsliteratur förderte, das es oft genug in die Bestsellerlisten schaffte. ,,Third Culture‘‘ nannte er dieses Genre, die Dritte Kultur. Das hatte er sich von der legendären Vorlesung über die ,,Zwei Kulturen‘‘ entlehnt, die C. P. Snow 1959 in Cambridge gehalten hatte. Darin hatte der britische Physiker die Spaltung der Ideengeschichte in die Geistes- und Naturwissenschaften beklagt.

Brockman sah darin eine Chance. Mit dem Aufstieg der interdisziplinären Forschungen waren Wissenschaftler gezwungen, Bücher zu schreiben, die sich zwar nicht in die Niederungen der populärwissenschaftlichen Handbücher begaben, aber doch für ein fachfremdes Publikum geschrieben sind. Biologen mussten die Bücher von Informatikern verstehen und Informatiker mussten die Werke von Chemikern begreifen. Solche Bücher verstanden aber auch die gebildeten Leser in den amerikanischen Metropolen.

Brockman wollte mehr als gute Verträge auszuhandeln. Er wollte die intellektuelle Debattenhoheit für die Naturwissenschaften erobern. Nichts langweilte ihn mehr, als die endlosen Spitzfindigkeiten der Geisteswissenschaften, nichts stieß ihn mehr ab als das Hinterzimmergeklüngel der Politik. Und er traf einen Nerv. Die handfesten Thesen der Naturwissenschaftler zu so weitreichenden wie wolkigen Themen wie Glaube, Moral und Menschenbild stießen Debatten an, die oft mit enormer Härte geführt wurden.

Die Ideenkultur der letzten Jahre, wie man sie in Zeitschriften wie Atlantic und New Yorker oder in den unzähligen Inkarnationen der Ted Conference findet, hat Brockmans Motive längst für ein breites Publikum aufgenommen. Den Hype hat er allerdings nie mitgemacht. Er verdient sein Geld weiterhin mit jenem Medium, das in den letzten Jahren so oft totgesagt wurde, mit Büchern. Und er weigerte sich, seine Webseite edge.org den explosiven Wachstumsprozessen des Web 2.0 auszusetzen. Gemeinsam mit seinem Freund, dem Philosophen Dennis Dutton, der bis zu seinem Tode die Webseite Arts & Letters Daily betrieb, hielt er an den Ursprüngen des Web fest, in dem Texte für sich standen und Links nur Hinweise waren, keine Katapulte in unendliche Verästelungen.

Am heutigen Mittwoch wird John Brockman seinen 70. Geburtstag im New Yorker Lokal Le Cirque feiern. Auf der Liste der Eingeladenen stehen Freunde und Weggefährten, von denen es einige zu Nobelpreisen, Milliardenvermögen oder Oscars gebracht haben. Selbst wenn nur die Hälfte der Geladenen kommt, wird es einer jener Abende werden, die Brockman seit den Dinnerparties bei John Cage so oft veranstaltet hat - eine Vernetzung der Welten, die neue Ideen befeuert.

Edge.org

Foto: (von links) John Brockman, Andy Warhol und Bob Dylan 1966 in der "Factory", copyright Nat Finkelstein

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