21.01.11 | 20:46 | 1 Kommentar

Tu ihm weh!

In keinem anderen Sport findet man so gute Geschichten wie im Boxen. Der deutsche Fotograf Holger Keifel hat diese Geschichten in seinen Porträts auf den Punkt gebracht.

BOX.Cover.c

(Aus der Wochenendbeilage der SZ) Mein Trainer im ,,Gleason’s Boxing Gym‘‘ in Brooklyn, David ,,Awesome‘‘ Lawrence, hatte mich gleich durchschaut, ich war eben noch so einer aus der schreibenden Zunft, der glaubt, im Halbdunkel des Boxclubs finde er das wahre Leben. Und so jagte er mich in den Ring. Charlie hieß mein Gegner, ein drahtiger Kämpfer, nicht mehr ganz jung, gut einen Kopf kleiner als ich und dementsprechend leichter. Nach allen Gesetzen der Physik hätte ich im Vorteil sein müssen. Ein Irrtum, den Charlie mit zwei gezielten Schlägen auf mein Nasenbein gleich in der ersten Runde aufklärte. Nun ist Charlie ein Naturwunder. An einem guten Samstagvormittag bringt er es auf fünfzig, sechzig Runden, deshalb ist er auch einer der beliebtesten Sparringspartner im Gleason’s. Die Tatsache, dass er in jüngeren Jahren Sparringspartner des vierfachen Weltmeisters Robert Durán gewesen war, trägt zu seinem Ruf nur bei. Womit wir wieder beim Problem sind.

Es gibt keinen Sport, den Journalisten, Schriftsteller und wer sich sonst noch hauptberuflich damit beschäftigt, Geschichten zu erzählen, so lieben, wie das Boxen. Weil man nirgendwo sonst im Sport so gute Geschichten findet. Geschichten vom Aufstieg, die fast immer mit dem Fall enden. Und das macht auch Holger Keifels Buch ,,Box‘‘ (Cronicle Books, San Francisco, 2010. 220 Seiten, 23,99 Euro) so großartig, das sich nur wenig mit dem Boxen beschäftigt, aber die Geschichte der Männer und wenigen Frauen in diesem Sport mit der höchsten Kunst der Fotografie erzählt - mit dem Porträt, an dem die gesamte Lebensgeschichte des Porträtierten abzulesen ist. Und weil Boxer anders altern als normale Menschen, weil sich ihre Siege und Niederlagen, ihre schier übermenschlichen Anstrengungen so überdeutlich in ihre Gesichter einprägen, findet die Verlockung des Boxens für die Schreiber in Keifels Buch ihre kongeniale Übersetzung ins Bild.

 Tokunbo Olajide

Niemand weiß das so gut, wie David ,,Awesome‘‘ Lawrence. Es war ja kein Zufall, dass er mein Trainer war, denn seine Geschichte ist eine der besten im legendären Boxverein im Schatten der Brooklyn Bridge. Lawrence war Literaturwissenschaftler und Dichter. Irgendwann in den achtziger Jahren drängte es ihn zum Geldverdienen. Er ging ins Versicherungsgeschäft, wurde Millionär. Da entdeckte er auch das Boxen als Ausgleichsport für seinen adrenalingeschwängerten Job.

Damals fuhr er noch mit dem Rolls-Royce im Gleason’s vor. Und weil er ein guter Boxer war, wurde er Profi. Dann kam es zu Ungereimtheiten in der Buchhaltung seiner Firma. Er musste eine Weile ins Gefängnis. Nun schreibt er wieder Gedichte. Und trainiert Laien und Amateure im Gleason’s, zu denen immer wieder Autoren und Fotografen gehören, die sich in der Fabriketage mit den knallrot gestrichenen Wänden und den drei Boxringen zwischen den Betonsäulen an den schweren Sandsäcken abplagen.

 Mike Tyson

David weiß, wie groß die Verlockung für Schreiber ist, sich selbst in den Ring zu stellen, weil er das ,,White Collar Boxing‘‘ erfunden hat, das Feierabend-Boxen für Laien, benannt nach den weißen Hemdkragen der Jungs von der nahen Wall Street, die hierher kommen. Und er kennt auch die amerikanische Literaturgeschichte, die voll ist von Männern, die glaubten, man kann über das Boxen eigentlich nur schreiben, wenn man selbst erfahren hat, was es heißt, auszuteilen und einzustecken.

Wie sonst hätte Richard Ford sein furioses Essay ,,In The Face‘‘ mit dem Satz beginnen können: ,,Ich habe in meinem Leben vielen Leuten ins Gesicht geschlagen.‘‘ A.J. Liebling hat sich die Grundlagen für seinen Essayband ,,The Sweet Science‘‘ im Ring erarbeitet. George Plimpton hat die Selbsterfahrungsreportage beim Sparring gegen den Champ Archie Moore perfektioniert. Norman Mailer stand im Ring. Ernest Hemingway war seit der Zeit als Reporter beim Kansas City Star ein leidlicher Boxer. Und Jonathan Ames, auf dessen Erzählungen die Fernsehserie ,,Bored to Death‘‘ beruht, hat für eine Kurzgeschichte einen Amateurkampf durchgestanden.

 Hector Rocca

Trainiert hat Ames dafür im Gleason’s bei Grant Seligson, der seinen Spind gleich neben David Lawrences Kammer hat. Man könnte die Liste endlos fortsetzen. Auch in Deutschland - Moritz von Uslar boxt und machte daraus ein zentrales Thema in seinem Roman ,,Deutschboden‘‘, David Pfeifer boxt und hat ein Buch über Max Schmeling geschrieben. Noch viele mehr haben am Rand des Rings gesessen - Bertolt Brecht, Josef Roth, Wolf Wondratschek. Dort haben sie die griffigsten Allegorien aufs Leben gefunden, und das grausamste aller Versprechen - es kann nur Sieg oder Niederlage geben. Wobei sich der Zugang genau an jenen Seilen teilt, die Ring und Halle trennen. Wer drin steht, der muss seine Instinkte und seine Erziehung überwinden. Der muss in die Schläge hineinlaufen, sie einstecken, austeilen, parieren. Wenn das Kommando ,,Tu ihm weh!‘‘ aus der Ecke kommt, dann ist das zu befolgen. Und wehe, man entschuldigt sich.

Weil das Gleason’s aber nicht nur die Geburtstätte des ,,White Collar Boxing‘‘ ist, sondern auch legendärer Trainingsort, an dem 124 Weltmeister seit 1937 gearbeitet haben, begegnet man den großen Geschichten nicht nur am Rande des Rings. Hector Roca arbeitet hier ja noch, der legendäre Trainer, der auch Filmstars auf ihre Rollen vorbereitet, wie Hilary Swank auf ,,Million Dollar Baby‘‘. Der jedes noch so banale Sparring mit einem Blick erfasst und mit einem kurzen Zuruf ,,Turn left!‘‘ die Runde für einen entscheiden kann. Da kann es aber auch passieren, dass Mike Tyson mit einem Haufen Kindern im Ring steht. Der leistet seine Sozialstunden ab, die ihm ein Gericht aufgebrummt hat, weil er sich zwei aufdringliche Betrunkene mit seiner legendären Rechten vom Leib gehalten hatte. So zeigt er den Stöpseln nun, wie man eine Gerade platziert. Und kriegt bei den Erwachsenen im Gym kaum den Mund auf. Depressionen plagen ihn, seit er Evander Holyfield ein Stück Ohr abgebissen hat und lange gesperrt war. Er sagt, er mag nicht mehr, will nichts mehr wissen vom Boxen, vom Leben, von der Welt.

 Jake LaMotta

So viele echte Siegergeschichten kennt der Boxsport ja nicht. Selbst Jake LaMotta wirkt tragisch - der legendäre ,,Raging Bull‘‘ aus der Bronx, den Robert De Niro gespielt hat, der sich früher im Gleason’s auf seine Kämpfe vorbereitete, der erste Boxer, der ,,Sugar‘‘ Ray Robinson besiegte - wenn er nun, fast neunzigjährig, um ein paar hundert Dollar für eine Fotosession feilscht.

Sicher liegt viel daran, dass das Gleason’s längst aus der Zeit gefallen ist. Die Geschichte vom Jungen aus dem Ghetto, der sich bis zur Weltmeisterschaft hocharbeitet, gibt es nur noch selten. Wer sportliche Begabung zeigt, wird in den USA früh von den Talentscouts der Mannschaftsportarten entdeckt. Im Baseball, Football, Basketball gibt es auch viel mehr zu verdienen. Die Champs des 21. Jahrhunderts kommen entweder aus den Kaderschmieden des ehemaligen Ostblocks oder aus den Entwicklungsländern. Für die interessiert sich Amerika nicht mehr. Vorbei die Zeit, als ein Match zwischen Max Schmeling und Joe Louis oder zwischen Ali und George Foreman noch als Allegorie auf den Lauf der Geschichte von aller Welt verfolgt wurde.

 Shannon Briggs

Sicher, auch Wladimir Klitschko kam im Gleason’s vorbei. Um sich atmosphärisch korrekt fotografieren zu lassen und dann wieder zu verschwinden. Es gibt derzeit keine besseren und langweiligeren Kämpfer als die Klitschkos. Die gewinnen immer. Auch wenn die Geschichte von Vitali Klitschkos letztem Gegner so viel besser ist. Shannon Briggs aus Brooklyn, Kind einer alleinstehenden, drogensüchtigen Mutter, eine Kindheit in der Obdachlosigkeit, später der ,,K.o. King‘‘, weil er wegen seines Asthmas in den ersten drei Runden gewinnen muss.

Holger Keifel hat die Geschichten nun auf den Punkt gebracht, wie vor ihm höchstens A.J. Liebling und Norman Mailer. Wie fremd wirken da die paar Sieger in seiner Reihe von Fotos. ,,Sugar Ray‘‘ Leonard, der erste Boxer, der sich selbst managte. James Toney, der in vier Gewichtsklassen Meister war. Toney wagte dann den Anschluss an die neue Zeit. Er verpflichtet sich für Ultimate-Fighting-Kämpfe, den neuen Publikumsrenner. Sein erster Kampf dauerte nur wenige Sekunden. Da gab selbst Toney auf.

Fotos  (von oben nach unten): Evander Holyfields Ohr auf dem Buchtitel, Tokunbo Olajides Hand, Mike Tyson, Hector Roca, Jake LaMotta "The Raging Bull", Shannon Briggs. Alle Fotos copyright Holger Keifel.

1 Kommentar »

  1. when u gonna put my friend willfredo morales up on ya page?

    Comment by remzo krantz — Januar 22, 2011 @ 22:04

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