31.01.11 | 20:37 | 6 Kommentare

Hoffen auf das Web 3.0

InternetCairo
Das Netz wird als Mittel politischer Einflussnahme immer wichtiger. Deshalb ist es aber noch lange kein Allheilmittel

Geschichte lässt sich schwer planen oder voraussehen. Noch schwerer ist es, die Auswirkungen kleiner Schritte auf das große Ganze zu prognostizieren. So wundert es nicht, dass der deutsche Netzwerkingenieur Daniel Domscheit-Berg inmitten der vielen Internet-Euphoriker, die sich vergangene Woche bei der DLD-Konferenz in München trafen, so außergewöhnlich ernst und zurückhaltend wirkte. In den vergangenen drei Jahren war Domscheit-Berg neben Julian Assange und dem Isländer Kristinn Hrafnsson einer der drei Männer, die der Enthüllungsplattform Wikileaks in der Öffentlichkeit ein Gesicht gaben.

Nun bleibt abzuwarten, ob die Enthüllungen von Wikileaks wirklich weltgeschichtliche Auswirkungen haben. In der Kulturgeschichte des Internets aber markiert Wikileaks schon jetzt eine Zäsur. Bisher hat das Internet vor allem Technologie und Kommunikation verändert. In der aktuellen Phase verändert es auch Gesellschaft und Politik. Man könnte das nun auf die chic-technische Begrifflichkeit reduzieren, die Wirkungsmacht des Web 2.0 der digitalen Revolution setze sich nun in einem Web 3.0 der realen Revolutionen fort. In Wahrheit aber klaffen die Sehnsucht nach historischer Bedeutung und die Realität noch weit auseinander. Denn die eigentliche revolutionäre Kraft des Internets in Gesellschaft und Politik entlädt sich weniger in den Straßen von Teheran, Tunis und Kairo als im Alltag der Demokratie. Darüber macht sich Daniel Domscheit-Berg viele Gedanken. Und gerade deshalb ist er im September ja auch bei Wikileaks ausgestiegen.

Zu schnell sei bei Wikileaks gearbeitet worden, sagt er, zu viel habe man freigeschaltet, viel zu sehr habe man dabei auf den Sensationseffekt geschielt. Es sei nun an der Zeit, darüber nachzudenken, was die Transparenz bedeutet, die das Internet der Gesellschaft aufzwingt, und ein neues Verantwortungsgefühl dafür zu entwickeln, wie man mit den neuen Werkzeugen umgeht, die diese Transparenz ermöglichen. Der revolutionäre Gestus seines einstigen Weggefährten Assange liegt Domscheit-Berg nicht. Weshalb er bald seine eigene Plattform Openleaks freischalten wird.

Nun ist die Sehnsucht nach einer digitalen Revolution nachvollziehbar. In der Technologie und der Kommunikation hat das Internet ja durchaus ganz reale Revolutionen ausgelöst. Es hat den Einzelhandel, die Medienlandschaft und die Kulturwirtschaft durcheinandergebracht, die Urheberrechte unterspült und die Definition des Individuums aufgeweicht. Diese Veränderungen aber folgten aus neuen Kommunikationsstrukturen und Wirtschaftsabläufen.

Sicher findet man im Netz derzeit auch einige der wichtigsten Sub- und Popkulturphänomene. Der Schöpfungsdrang einer ganzen Generation entlädt sich momentan im Netz. Noch aber kopiert das Netz weiterhin die analoge Welt. Die unzähligen neuen Wege der Verbreitung und Vernetzung, die jederzeit verfügbaren und oft kostenfreien Produktionsmittel für Bilder, Musik und Filme haben vor allem neue Massen und nur wenig neue Formen hervorgebracht. Deswegen findet man im Gestus des Internets immer noch die gleichen Mechanismen und Attribute der Subkultur, wie sie die Hipster der fünfziger Jahre entwickelten, insbesondere eine Hierarchie der Eingeweihten mit ihren vielfältigen Stufen der Abstraktion und des Herrschaftswissens.

Diese Hierarchie muss man nicht gleich so pessimistisch sehen wie der New Yorker Literaturwissenschaftler Mark Greif, der schrieb: ,,Hipster existieren in einem Moment nach dem Ausverkauf, statt der Avantgarde stellen sie die Erstkäufer.‘‘ Und doch hat die Übertragung der Attribute des Hippen in eine technokratische Kultur wie dem Internet ihre Tücken. So ist auch die Sehnsucht nach einer Twitterrevolution in Iran, Tunesien oder Ägypten letztlich nichts anderes, als die Hoffnung der traditionellen Popkultur, noch einmal die historische Relevanz zu bekommen, die Pop als Mittel der Emanzipation der Jugend und der Minderheiten in der Spätphase der Bürgerrechts-Ära hatte.

In seinem Buch ,,The Net Delusion‘‘ (Der Netzwahn) entzaubert der weißrussische Internetkritiker Evgeny Morozov die Mär von der iranischen Twitterrevolution 2009. ,,Eine Analyse der Firma Sysomos ergab, dass am Vorabend der Wahlen nur 19235 Twitterkonten in Iran registriert waren, das entspricht einem Bevölkerungsanteil von 0,027 Prozent.‘‘ Auch in Tunesien und Ägypten spielten die sozialen Medien vor allem in der Vorstellungskraft des Auslands eine Rolle. Wahrscheinlich auch deshalb, weil die Struktur der sozialen Medien, der kollektive Liveticker, den Eindruck vermittelt, man sei Teil der Geschehnisse vor Ort.

Der amerikanische Dokumentarfilmer Michael Moore verbreitet momentan in Twittermeldungen Einwahlknoten, mit denen ägyptische Netzaktivisten über Frankreich oder die USA auch per Festnetz ins Internet gelangen könnten. Unzählige Twittermeldungen werden mit einem Mausklick weitergereicht. Solidaritätsbekundungen werden ins Netz gestellt und angeklickt. ,,Slacktivism‘‘ nennt Morozov diesen Aktionismus am heimischen Bildschirm, ein Wortspiel aus den Begriffen Slacker (Faulenzer) und Activism (Aktivismus). Für eine wirkliche Revolution muss mehr zusammenkommen - ein kollektiver Leidensdruck, nachvollziehbare Reformideen, Kampfwille, breite Organisationsstrukturen. In den Umwälzungen in Tunesien und Ägypten bleibt das Internet deswgen nur eines von vielen Werkzeugen.

Es bleibt abzuwarten, ob die Jasminrevolution auf die arabische Welt einen ähnlichen Effekt haben wird wie Glasnost seinerzeit auf die sozialistischen Länder hatte. Im Rest der Welt aber spielen sich die gewaltigen Umwälzungen derzeit viel langsamer ab als auf den Straßen des Maghreb. Die enormen gesellschaftlichen Entwicklungen in Asien, vor allem in Indien und China, entwickeln ihre Sprengkraft nicht über wenige Tage und Wochen, sondern über Jahre und Generationen hinweg. Und da spielt das Fernsehen derzeit noch eine viel größere Rolle als das Netz. Eine erfolgreiche Soap Opera oder Telenovela kann nachhaltiger neue Werte und neues Bewusstsein vermitteln als jeder Twitter- oder Facebooktrend. Der Beratungskonzern Deloitte bestätigte erst vor zwei Wochen den Status des Fernsehens als globalem ,,Supermedium‘‘, das mehr Menschen erreicht, als jedes andere Medium.

Doch gerade wenn man solche Zeitspannen betrachtet, wird das Internet seine Wirkung als Katalysator für gesellschaftliche und politische Veränderungen erst noch entfalten. In der Open-Government-Bewegung zum Beispiel. Da geht es um so unglamouröse Dinge wie öffentliche Statistiken oder zentrale Meldestellen für Straßenschäden. Im zurückhaltenden Transparenzmodell, wie es Domscheit-Berg mit Openleaks verwirklichen will, oder auf lokaler Ebene wie auf der amerikanischen Seite Localeaks.

Während Daniel Domscheit-Berg auf der Münchner DLD-Konferenz Verantwortung und Entschleunigung forderte, sprachen sich mit Stewart Brand und Kevin Kelly zwei der Urväter der digitalen Kultur vor allem für mehr Gelassenheit aus. ,,Jaja, Wikileaks‘‘, sagte Brand lächelnd, über den Steve Jobs einst schwärmte, er habe mit seinem Whole Earth Catalogue auf Papier eine Art Vorläufer von Google geschaffen. ,,Die diplomatischen Depeschen haben uns doch vor allem eines gezeigt - dass unsere Diplomaten gewissenhaft arbeiten und klug analysieren.‘‘

Kevin Kelly, der mit Brand zusammen eine der allerersten Netzgemeinschaften namens The Well gegründet hatte, sagte: ,,Das Netz ist eine der wunderbarsten Erfindungen in der Geschichte der Technologie. Es wird aber weder die destruktive Kraft entwickeln, die seine Kritiker befürchten, noch zum Heilsbringer werden, wie sich das so viele erhoffen.‘‘ So aber wäre das Web 3.0 vor allem ein Motor der Vernunft und der Demokratie. Die aber waren schon immer viel unglamouröser als die Revolution.

Foto: Internetcafe in Kairo; Mo Elnadi, Flickr/Creative Commons

31.01.11 | 13:01 | 0 Kommentare

#musicmonday

Nostalgischer Dreisprung. Zur der musikalischen Rückbesinnung auf Paradise Garage und Music Factory, den beiden wegweisenden House-Clubs im New York der späten 80er/frühen 90er nun also die Rückbesinnung auf veraltete Videotechnik - der Video Toaster war 1990 das erste Videoschnittsystem, das Special Effects auch für Amateuer möglich machte. Das wiederum bestimmte die Ästhetik der offenen Kanäle im amerikanschen Kabelfernsehen. Die Hercules & Love Affair hier ebenso authentisch zitieren, wie die Voguing-Bälle der frühen 90er.

22.01.11 | 06:08 | 1 Kommentar

Thriller mit offenem Ende

AssangeObamaPose

Die ersten beiden deutschen Bücher über die Enthüllungsplattform Wikileaks und ihren Gründer Julian Assange eröffnen die nächste Runde der Debatte 

(Aus dem SZ Feuilleton vom Wochenende) Kurz nachdem die Enthüllungsplattform Wikileaks Ende November letzten Jahres die ersten 220 der über 250000 diplomatischen Depeschen veröffentlichte, die ihr zugespielt wurden, klingelten bei Autoren, die sich mit Wikileaks beschäftigt hatten, die Telefone. Lektoren meldeten sich, die möglichst bald ein Buch zum Thema veröffentlichen wollten. In Deutschland war die Stoßrichtung vieler Anfragen deutlich. Um die Gefahren rund um Wikileaks sollte es gehen, vielleicht auch um die Gefahren des Internets an sich.

Nun wissen Lektoren in der Regel sehr gut, welche Bücher sich verkaufen. Sie kennen ihre Leser, und in Deutschland haben die so ihre Zweifel an der digitalen Wunderkammer des Internets. Nun steckt in der Debatte um Wikileaks jedoch so viel mehr als nur ein weiteres Feld kleingeistiger Entweder-Oder-Diskurse. Deswegen kann man nur hoffen, dass die ersten beiden deutschen Buchveröffentlichungen zum Thema wegweisend sind. Denn sowohl die Textsammlung ,,Wikileaks und die Folgen‘‘ in der Edition Suhrkamp als auch das Sachbuch ,,Staatsfeind Wikileaks‘‘ der beiden Spiegel-Redakteure Marcel Rosenbach und Holger Stark gehen mit dem Thema jeder für sich gewissenhaft und differenziert um.

Es lohnt sich, beide zu lesen. Man sollte mit ,,Staatsfeind Wikileaks‘‘ beginnen. Denn die Geschichte des Plattformgründers Julian Assange und seiner Mitstreiter ist zunächst einmal ein politischer Thriller, der es mit Klassikern wie ,,Die Drei Tage des Kondor‘‘ oder den Büchern von John le Carré aufnehmen kann. Da ist die Geschichte von Julian Assange, der nach einer idyllischen Kindheit als Sohn einer Hippiemutter auf einer australischen Tropeninsel schon früh zum Flüchtling einer zerrütteten Familiengeschichte wird und sich in die Tiefen des digitalen Raumes zurückzieht. Er bleibt ein Getriebener, ein weltweit Heimatloser, dessen Leben das Wesen des Internet zu spiegeln scheint - ohne klares Zentrum, ohne klares Ziel.

Rosenbach und Stark schreiben diese Geschichte mit journalistischer Nüchternheit und einem guten Gespür für Dramaturgie auf. Da erinnert das Buch an ,,Der Tod wird euch finden‘‘, Lawrence Wrights furiose Geschichte der 9/11-Attentate. Sie schaffen es aber vor allem, eine erst einmal komplexe und fremde Welt der Hacker, Netzaktivisten und Computerexperten lebendig werden zu lassen. Und das ist in keinem erzählerischen Medium ein leichtes Unterfangen. Gerade, weil ihm dies gelang, wird der Drehbuchschreiber Aaron Sorkin ja für den Facebook-Film ,,The Social Network‘‘ so gefeiert.

Nun haben Rosenbach und Stark einen enormen Vorteil. Sie gehörten als Redakteure des Spiegel zum kleinen Kreis internationaler Journalisten, die mithalfen, die Dateien aus dem Irak- und Afghanistankrieg, sowie aus der amerikanischen Diplomatie auszuwerten. Sie haben über Monate hinweg immer wieder mit Julian Assange und seinem deutschen Mitstreiter Daniel Domscheit-Berg getroffen. Und sie haben die Zeit und die Möglichkeit gehabt, schon früh mit unzähligen Nebenfiguren der Wikileaks-Saga zu sprechen und Kontakte aufzubauen, noch bevor aus dem unbequemen Netz-Phänomen der späten Nullerjahre eine weltpolitische Kraft wurde.

So bekommt man in dem Buch einen Einblick in die internen Querelen bei Wikileaks und die ideologischen Verwerfungen innerhalb der Hackerszene. Da erfährt man beispielsweise, dass Wikileaks viele seiner ersten Datensätze von chinesischen Hackern bekamen. Man erlebt die Machtkämpfe um die Alleinherrschaft des egomanischen Assange.

Außerdem bekommt man mit diesem Buch einen ungewöhnlich präzisen Einblick in die bisher so hermetische Subkultur der Hacker. Das ist wichtig, denn nur wer diese Subkultur und ihren Wertekanon versteht, kann sich auch einen Reim auf Wikileaks machen. Es ist eben nicht der reine Anarchismus, der diese Szene umtreibt. Es ist genauso die wissenschaftliche Lust am Möglichen und der fundamentalistische Gerechtigkeitssinn einer Kultur, die ihre Wurzeln ja keineswegs in den Informatikabteilungen der Computerkonzerne hat, sondern in den Utopien der kalifornischen sechziger Jahre.

Bei allem Sinn für Dramaturgie stellen sich Rosenbach und Stark nicht eindeutig auf eine Seite. Zwar bezeichnen sie Julian Assange gleich im ersten Satz des Vorworts als ,,derzeit wichtigsten Politaktivisten der Welt‘‘. Doch sie halten deutlich Abstand. Was allerdings nicht nur im Subtext des Buches immer wieder aufkommt, ist der enorme gesellschaftliche und politische Konfliktstoff, der in der Geschichte von Wikileaks steckt. Es ist eben nicht nur ein Kampf um Transparenz, der sich im Streit um Wikileaks zuspitzt. Es ist ein Kampf der Generationen um Freiheit und Kontrolle im Netz, ein Konflikt, der gar dem Kampf um kulturelle und gesellschaftliche Befreiungen gar nicht so unähnlich ist, den Assanges Mutter und ihre Generation Ende der sechziger Jahre geführt haben.

,,Staatsfeind Wikileaks‘‘ hat das Zeug zum ersten deutschen Grundlagenwerk zu diesem Thema zu werden. Es liefert die Basis für eine Debatte, die schon bald über weitere Bücher geführt werden wird, allen voran den Autobiographien von Julian Assange selbst, die im April auf deutsche bei Kiepenheuer & Witsch erscheinen soll. Schon am 11. Februar soll ,,Inside Wikileaks‘‘ bei Econ herauskommen, verfasst von Daniel Domscheit-Berg, Assanges ehemaligem Mitstreiter, der aus guten Gründen bei Wikileaks ausgestiegen ist und demnächst mit seiner eigenen Enthüllungsplattform OpenLeaks ins Netz gehen will. Wie vielschichtig die Debatte bleiben wird, kann man erahnen, wenn man die Textsammlung ,,Wikileaks und die Folgen‘‘ liest. Sie hat aus den unzähligen Texten und Meinungen der letzten Monate einen repräsentativen Querschnitt der Argumente herausdestilliert. Für das Faktenmaterial sorgt gleich zu Beginn Raffi Katchadourians Assange-Profil aus der Zeitschrift New Yorker, das oft im Netz weitergereicht wurde und vielen Journalisten als Grundlage für Wikileaks-Geschichten diente.

Dann aber beleuchten schon erschienene und exklusiv für die Anthologie geschriebene Essays das Phänomen von allen Seiten. Die Lektoren haben sich bemüht, die Waage zwischen Möglichkeiten und Gefahren für Medien, Politik und digitale Kultur zu halten. Da finden sich Texte aus Frankfurter Rundschau, FAZ und SZ, aus New York Times und Guardian, Intellektuelle wie Jaron Lanier und Christoph Möllers kommen genauso zu Wort wie die Diplomaten Wolfgang Ischinger und John Kornblum.

Auf beiden Seiten sind die Argumente stichhaltig und stringent. Was nur zeigt, dass die Debatte mit dem Aufstieg von Wikileaks zu einer weltpolitischen Kraft erst angefangen hat. Nicht nur das. Wikileaks markiert vor allem den historischen Moment, an dem das Internet nicht nur Technologie und Kommunikation verändert, sondern auch die Gesellschaft und die Politik. Inzwischen koppelt sich die Idee von der Organisation ab. Wiki wird zur Utopie. Das Ende des Thrillers und der Debatten bleibt deswegen weiter offen.

MARCEL ROSENBACH, HOLGER STARK: Staatsfeind Wikileaks. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2011. 336 Seiten, 14,99 Euro.

HEINRICH GEISELBERGER (Redaktion): Wikileaks und die Folgen. Edition Suhrkamp, Frankfurt am Main 2011. 238 Seiten, 10 Euro.

Bild: Netz

21.01.11 | 20:46 | 1 Kommentar

Tu ihm weh!

In keinem anderen Sport findet man so gute Geschichten wie im Boxen. Der deutsche Fotograf Holger Keifel hat diese Geschichten in seinen Porträts auf den Punkt gebracht.

BOX.Cover.c

(Aus der Wochenendbeilage der SZ) Mein Trainer im ,,Gleason’s Boxing Gym‘‘ in Brooklyn, David ,,Awesome‘‘ Lawrence, hatte mich gleich durchschaut, ich war eben noch so einer aus der schreibenden Zunft, der glaubt, im Halbdunkel des Boxclubs finde er das wahre Leben. Und so jagte er mich in den Ring. Charlie hieß mein Gegner, ein drahtiger Kämpfer, nicht mehr ganz jung, gut einen Kopf kleiner als ich und dementsprechend leichter. Nach allen Gesetzen der Physik hätte ich im Vorteil sein müssen. Ein Irrtum, den Charlie mit zwei gezielten Schlägen auf mein Nasenbein gleich in der ersten Runde aufklärte. Nun ist Charlie ein Naturwunder. An einem guten Samstagvormittag bringt er es auf fünfzig, sechzig Runden, deshalb ist er auch einer der beliebtesten Sparringspartner im Gleason’s. Die Tatsache, dass er in jüngeren Jahren Sparringspartner des vierfachen Weltmeisters Robert Durán gewesen war, trägt zu seinem Ruf nur bei. Womit wir wieder beim Problem sind.

Es gibt keinen Sport, den Journalisten, Schriftsteller und wer sich sonst noch hauptberuflich damit beschäftigt, Geschichten zu erzählen, so lieben, wie das Boxen. Weil man nirgendwo sonst im Sport so gute Geschichten findet. Geschichten vom Aufstieg, die fast immer mit dem Fall enden. Und das macht auch Holger Keifels Buch ,,Box‘‘ (Cronicle Books, San Francisco, 2010. 220 Seiten, 23,99 Euro) so großartig, das sich nur wenig mit dem Boxen beschäftigt, aber die Geschichte der Männer und wenigen Frauen in diesem Sport mit der höchsten Kunst der Fotografie erzählt - mit dem Porträt, an dem die gesamte Lebensgeschichte des Porträtierten abzulesen ist. Und weil Boxer anders altern als normale Menschen, weil sich ihre Siege und Niederlagen, ihre schier übermenschlichen Anstrengungen so überdeutlich in ihre Gesichter einprägen, findet die Verlockung des Boxens für die Schreiber in Keifels Buch ihre kongeniale Übersetzung ins Bild.

 Tokunbo Olajide

Niemand weiß das so gut, wie David ,,Awesome‘‘ Lawrence. Es war ja kein Zufall, dass er mein Trainer war, denn seine Geschichte ist eine der besten im legendären Boxverein im Schatten der Brooklyn Bridge. Lawrence war Literaturwissenschaftler und Dichter. Irgendwann in den achtziger Jahren drängte es ihn zum Geldverdienen. Er ging ins Versicherungsgeschäft, wurde Millionär. Da entdeckte er auch das Boxen als Ausgleichsport für seinen adrenalingeschwängerten Job.

Damals fuhr er noch mit dem Rolls-Royce im Gleason’s vor. Und weil er ein guter Boxer war, wurde er Profi. Dann kam es zu Ungereimtheiten in der Buchhaltung seiner Firma. Er musste eine Weile ins Gefängnis. Nun schreibt er wieder Gedichte. Und trainiert Laien und Amateure im Gleason’s, zu denen immer wieder Autoren und Fotografen gehören, die sich in der Fabriketage mit den knallrot gestrichenen Wänden und den drei Boxringen zwischen den Betonsäulen an den schweren Sandsäcken abplagen.

 Mike Tyson

David weiß, wie groß die Verlockung für Schreiber ist, sich selbst in den Ring zu stellen, weil er das ,,White Collar Boxing‘‘ erfunden hat, das Feierabend-Boxen für Laien, benannt nach den weißen Hemdkragen der Jungs von der nahen Wall Street, die hierher kommen. Und er kennt auch die amerikanische Literaturgeschichte, die voll ist von Männern, die glaubten, man kann über das Boxen eigentlich nur schreiben, wenn man selbst erfahren hat, was es heißt, auszuteilen und einzustecken.

Wie sonst hätte Richard Ford sein furioses Essay ,,In The Face‘‘ mit dem Satz beginnen können: ,,Ich habe in meinem Leben vielen Leuten ins Gesicht geschlagen.‘‘ A.J. Liebling hat sich die Grundlagen für seinen Essayband ,,The Sweet Science‘‘ im Ring erarbeitet. George Plimpton hat die Selbsterfahrungsreportage beim Sparring gegen den Champ Archie Moore perfektioniert. Norman Mailer stand im Ring. Ernest Hemingway war seit der Zeit als Reporter beim Kansas City Star ein leidlicher Boxer. Und Jonathan Ames, auf dessen Erzählungen die Fernsehserie ,,Bored to Death‘‘ beruht, hat für eine Kurzgeschichte einen Amateurkampf durchgestanden.

 Hector Rocca

Trainiert hat Ames dafür im Gleason’s bei Grant Seligson, der seinen Spind gleich neben David Lawrences Kammer hat. Man könnte die Liste endlos fortsetzen. Auch in Deutschland - Moritz von Uslar boxt und machte daraus ein zentrales Thema in seinem Roman ,,Deutschboden‘‘, David Pfeifer boxt und hat ein Buch über Max Schmeling geschrieben. Noch viele mehr haben am Rand des Rings gesessen - Bertolt Brecht, Josef Roth, Wolf Wondratschek. Dort haben sie die griffigsten Allegorien aufs Leben gefunden, und das grausamste aller Versprechen - es kann nur Sieg oder Niederlage geben. Wobei sich der Zugang genau an jenen Seilen teilt, die Ring und Halle trennen. Wer drin steht, der muss seine Instinkte und seine Erziehung überwinden. Der muss in die Schläge hineinlaufen, sie einstecken, austeilen, parieren. Wenn das Kommando ,,Tu ihm weh!‘‘ aus der Ecke kommt, dann ist das zu befolgen. Und wehe, man entschuldigt sich.

Weil das Gleason’s aber nicht nur die Geburtstätte des ,,White Collar Boxing‘‘ ist, sondern auch legendärer Trainingsort, an dem 124 Weltmeister seit 1937 gearbeitet haben, begegnet man den großen Geschichten nicht nur am Rande des Rings. Hector Roca arbeitet hier ja noch, der legendäre Trainer, der auch Filmstars auf ihre Rollen vorbereitet, wie Hilary Swank auf ,,Million Dollar Baby‘‘. Der jedes noch so banale Sparring mit einem Blick erfasst und mit einem kurzen Zuruf ,,Turn left!‘‘ die Runde für einen entscheiden kann. Da kann es aber auch passieren, dass Mike Tyson mit einem Haufen Kindern im Ring steht. Der leistet seine Sozialstunden ab, die ihm ein Gericht aufgebrummt hat, weil er sich zwei aufdringliche Betrunkene mit seiner legendären Rechten vom Leib gehalten hatte. So zeigt er den Stöpseln nun, wie man eine Gerade platziert. Und kriegt bei den Erwachsenen im Gym kaum den Mund auf. Depressionen plagen ihn, seit er Evander Holyfield ein Stück Ohr abgebissen hat und lange gesperrt war. Er sagt, er mag nicht mehr, will nichts mehr wissen vom Boxen, vom Leben, von der Welt.

 Jake LaMotta

So viele echte Siegergeschichten kennt der Boxsport ja nicht. Selbst Jake LaMotta wirkt tragisch - der legendäre ,,Raging Bull‘‘ aus der Bronx, den Robert De Niro gespielt hat, der sich früher im Gleason’s auf seine Kämpfe vorbereitete, der erste Boxer, der ,,Sugar‘‘ Ray Robinson besiegte - wenn er nun, fast neunzigjährig, um ein paar hundert Dollar für eine Fotosession feilscht.

Sicher liegt viel daran, dass das Gleason’s längst aus der Zeit gefallen ist. Die Geschichte vom Jungen aus dem Ghetto, der sich bis zur Weltmeisterschaft hocharbeitet, gibt es nur noch selten. Wer sportliche Begabung zeigt, wird in den USA früh von den Talentscouts der Mannschaftsportarten entdeckt. Im Baseball, Football, Basketball gibt es auch viel mehr zu verdienen. Die Champs des 21. Jahrhunderts kommen entweder aus den Kaderschmieden des ehemaligen Ostblocks oder aus den Entwicklungsländern. Für die interessiert sich Amerika nicht mehr. Vorbei die Zeit, als ein Match zwischen Max Schmeling und Joe Louis oder zwischen Ali und George Foreman noch als Allegorie auf den Lauf der Geschichte von aller Welt verfolgt wurde.

 Shannon Briggs

Sicher, auch Wladimir Klitschko kam im Gleason’s vorbei. Um sich atmosphärisch korrekt fotografieren zu lassen und dann wieder zu verschwinden. Es gibt derzeit keine besseren und langweiligeren Kämpfer als die Klitschkos. Die gewinnen immer. Auch wenn die Geschichte von Vitali Klitschkos letztem Gegner so viel besser ist. Shannon Briggs aus Brooklyn, Kind einer alleinstehenden, drogensüchtigen Mutter, eine Kindheit in der Obdachlosigkeit, später der ,,K.o. King‘‘, weil er wegen seines Asthmas in den ersten drei Runden gewinnen muss.

Holger Keifel hat die Geschichten nun auf den Punkt gebracht, wie vor ihm höchstens A.J. Liebling und Norman Mailer. Wie fremd wirken da die paar Sieger in seiner Reihe von Fotos. ,,Sugar Ray‘‘ Leonard, der erste Boxer, der sich selbst managte. James Toney, der in vier Gewichtsklassen Meister war. Toney wagte dann den Anschluss an die neue Zeit. Er verpflichtet sich für Ultimate-Fighting-Kämpfe, den neuen Publikumsrenner. Sein erster Kampf dauerte nur wenige Sekunden. Da gab selbst Toney auf.

Fotos  (von oben nach unten): Evander Holyfields Ohr auf dem Buchtitel, Tokunbo Olajides Hand, Mike Tyson, Hector Roca, Jake LaMotta "The Raging Bull", Shannon Briggs. Alle Fotos copyright Holger Keifel.

21.01.11 | 12:58 | 0 Kommentare

The History of Clubbing

BWsinatrafarrow

 

Truman Capote's Black and White Ball, 1966, Oral History - hier

 

Fotos: Netzfunde

21.01.11 | 07:01 | 0 Kommentare

Friday Night Live

18.01.11 | 16:23 | 0 Kommentare

Infographics Rock Pt. 2

Via Glaserei

18.01.11 | 11:15 | 0 Kommentare

Tilt-Shift

Little Big Berlin from pilpop on Vimeo.

Tilt-Shift-Objektive sind die Fischaugen des 21. Jahrhunderts. Selten eine Optik gesehen, die erst so beeindruckt und dann so schnell zur Marotte wird. Wobei man sicherlich mal die popkulturellen Parallelen zwischen der plumpen Psychedelik des Fischauges und der Verniedlichung der Welt zur Märklin-Miniatur durch Tilt-Shift ziehen sollte. Liegt ein wenig auf der Hand...

- Hippies - Fischauge, Ölprojektionen, Jam-Rock, LSD, angebliche Bewußtseinserweiterung letztlich doch nur Weltflucht vor einem konservativen Backlash gegen die Errungenschaften der Sechiger Jahre.
- Hipster - Tilt-Shift, Kinder-T-Shirts, Twee-Folk, Sophia-Coppola-Filme und Flucht vor einer überkomplexen, bedrohlichen Welt durch Regression in die eigene Vorpubertät.

18.01.11 | 06:45 | 0 Kommentare

TED Talk der Woche: Naomi Klein on the addiction to risk

17.01.11 | 16:25 | 0 Kommentare

Beatnik Baby

suzukibeane


Großartige Wiederentdeckung auf Boing Boing - Louise Fitzhughs Beatnik-Kinderbuch "Suzuki Beane" von 1961, eine Satire auf den amerikanischen Kinderbuchklassiker "Eloise", dem kleinen Mädchen, das im Plaza Hotel wohnt. Suzuki Beane lebt mit ihren existentialistischen Beatnik-Eltern auf der Coffe-House-Meile Bleecker Street im New Yorker Greenwich Village und spricht authentische Beatnik Lingo ("She's a real swingin' chick. She's my mother" ... "I dig life the most, I mean it really swings"). Antiquarisch ist das Buch nur schwer zu haben zu haben. Aber Boing Boing hat auf Youtube einen Pilot für eine Fernsehserie aufgestöbert, die mal geplant war. Und mindestens so charmant ist, wie das Buch. Und man kann das Buch mangels Verfügbarkeit auch auf Scribd lesen.


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