30.12.10 | 19:00 | 0 Kommentare

Neuland (das digitale 2010)

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(Aus der Neujahrsausgabe der SZ) Selten wurde in Deutschland so viel über neue Medien und digitale Kultur diskutiert, wie im Jahr 2010. Das hatte weniger etwas mit neuen Technologien zu tun, als mit dem unaufhaltsamen Siegeszug der drei Weltkonzerne Apple, Facebook und Google. Alle drei Konzerne versuchen derzeit, im bisher offenen Internet in sich geschlossene Systeme zu schaffen. In Zukunft, so die Visionen der drei Konzerne, soll man all die Alltagsgeschäfte, die man bisher über Telefongesellschaften, Fernsehkabelanbieter, Internet-Provider, Buchhandlungen, Plattenläden, Videoverleihe, Versandhäuser und Post abwickelte, mit einer einzigen digitalen Firma tätigen. Entsprechend forsch gingen die drei Konzerne dieses Jahr vor.
Betrachtete man diese Debatten von außen, wurde man trotzdem den Eindruck nicht los, dass sich kein wohlhabendes Land so sehr gegen die digitalen Veränderungen sträubt wie Deutschland. Nirgendwo ließen so viele Menschen ihre Wohnstatt im digitalen Kartendienst Google Streetview verpixeln, nirgendwo führte eine Bundesministerin wie Ilse Aigner einen Feldzug gegen den laxen Datenschutz des sozialen Netzwerks Facebook, nirgendwo erregte man sich so darüber, dass die Iphones des Apple-Konzerns einen laufenden Datenstrom versenden, der auch an die Werbewirtschaft geleitet wird.
Einer der wichtigsten Gründe, warum die Debatten um das Internet in Deutschland leidenschaftlicher geführt werden als in anderen Wohlstandsländern, ist, dass mit den digitalen Konzernen und den deutschen Bürgern zwei unterschiedliche Weltsichten aufeinanderprallen. Auf der einen Seite steht da eine neue Generation amerikanischer Unternehmer. Die Männer und wenigen Frauen, welche die digitalen Konzerne prägen, sind durchweg jung und vom euphorischem Eifer getrieben, Neuland zu erobern, für das es weder Erfahrungen noch Regeln gibt. Das ist nichts anderes, als klassische amerikanische „Entrepreneurship“, ein Unternehmergeist, der sich im Internet in einer enormen Geschwindigkeit entfalten kann. Dabei darf man nicht vergessen –digitalen Medien haben zwar wie jede neue Technologie gute und schlechte Seiten. Doch bisher überwiegen die guten Seiten deutlich.

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Selbst der Streitfall Google Streetview ist keinesfalls der Versuch eines sinistren Konzerns, weltweit den öffentlichen Raum zu ursupieren. Google Streetview ist nichts anderes als eine neue technisch hochentwickelte Form der Kartographie. Die verwenden auch andere. Die deutsche Firma sightwalk.de hat beispielsweise ebenfalls ganze Städte mit Rundumkameras abfotografiert und diese dreidimensionalen Straßenkarten ins Netz gestellt. Allerdings verwirklicht niemand digitale Projekte mit einer solchen Konsequenz und Perfektion wie Google. Was nicht zuletzt daran liegt, dass die Firma erstens über die Mittel und zweitens über den euphorischen Unternehmergeist verfügt.

Doch es war vor allem das soziale Netzwerk Facebook, das deutlich machte, dass man im Internet als Individuum und Konsument eine neue, eine digitale Identität hat. Plattformen wie Facebook, Google, aber auch Apple oder der Internetversandhandel Amazon zerlegen jeden Menschen in unzählige Informationseinheiten, die als Datenpakete eine Art digitales Ich schaffen. Dieses Ich ist Ware und Währung, mit der man all die Dienste bezahlt, die im Internet bisher noch kostenfrei sind. Die moderne Kartographie aber auch die Suchmaschine bei Google etwa, die Struktur des sozialen Netzes von Facebook, unzählige Sonderfunktionen des Apple Iphones. Und je mehr man von sich preisgibt, desto besser funktionieren diese digitalen Netzwerke.

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Doch gerade diese Funktionalität weckte die kollektiven Ängste der Deutschen, die in den Katastrophen der Vergangenheit wurzeln. Es ist ja nur zwei Jahrzehnte her, dass die Einparteiendiktatur der DDR unterging und mit ihr ein Geheimdienst, der nicht nur jeden Winkel des Alltags, des Berufslebens und sogar der Freundeskreise und Familien durchdrang. Es waren ja gerade solch alltägliche Banalitäten, wie sie die digitalen Netzwerke sammeln, aus denen die Stasi ihre Profile erstellte.
Mal ganz zu schweigen vom Schreckensregime der Nationalsozialisten. Die bereiteten ihren Aufstieg zur mörderischen Diktatur genau mit jenen Dingen, die in der digitalen Kultur derzeit so gefeiert werden – mit neuen Medien, mit Populärwissenschaft, Hochtechnologie und Popkultur. Bei Apple, Google und Facebook gibt es jedoch keine Feineinstellung für unterschiedliche Kulturen und Mentalitäten. Im Internet sind alle Menschen gleich. Das hat viele Vorteile. Die Missverständnisse, die daraus entstehen, sind allerdings ebenfalls Neuland, das es zu erobern gilt.

Fotos: Google Street View Blog von Jon Rafman

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