4 KommentareDie Daten sind frei
Mit Wikileaks betritt eine Subkultur die Weltbühne, die
fremd und undurchdringlich wirkt – die Hacker
Es ist nicht ganz einfach, die Frage zu klären, ob Wikileaks-Gründer Julian Assange nun ein Revolutionär ist, der mit Hilfe der digitalen Technologie ein neues Niveau der politischen Transparenz geschaffen hat. Oder ob er letztlich doch nur ein Anarchist ist, der mit dem selbstgerechten Gestus des Weltretters viel Schaden anrichtet. Beides stimmt>. Der Mann ist aber vor allem deswegen so schwer zu verstehen, weil er aus einer Kultur stammt, die bisher nur als Phantom durch das öffentliche Bewusstsein die Öffentlichkeit geisterte.
Assange ist eine der prominentesten Figuren der Hackerszene, einer Subkultur, die sich gerade deswegen dem allgemeinen Verständnis entzieht, weil sie sich nicht nur hermetisch vom analogen Rest der Welt abschottet, sondern weil sie eine Sprache spricht, die nur wenige beherrschen – die Codes und Algorithmen des Computers. Und weil sie mit dieser Sprache in jedes nur erdenkliche Computernetzwerk eindringen können, gelten Hacker als notorische Störenfriede, die einsam vor ihrem Computer Unheil anrichten, das immer bedrohlicher wird, je abhängiger Wirtschaft, Politik und Alltag von Computernetzwerken werden. Mit Wikileaks hat die Kultur der Hacker nun die Weltbühne betreten.
Es macht es natürlich nicht leichter, dass Assange kein sonderlich sympathischer Mann ist. Auf die Frage nach den Ermittlungen wegen Verdachts auf Vergewaltigung, die derzeit in Schweden laufen, antwortete der hochgewachsene Australier mit dem weißgrauen Haar in der Talkshow von Larry King auf CNN im Oktober lapidar, das seien doch Trivialitäten, King solle sich schämen, das überhaupt anzusprechen. Worauf ihn der Moderator anfuhr: „Vergewaltigung ist nicht trivial. Sie hätten antworten können, dass die Anschuldigungen falsch sind. Mehr wollten wir gar nicht hören.“
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Auch wenn man ihm persönlich begegnet, wird Assange einem nicht sympathischer. Da wirkt der 39-Jährige auf der einen Seite aufdringlich selbstherrlich, wenn er immer wieder betont, dass seine Arbeit den Lauf der Weltgeschichte verändere. Auf der anderen Seite spricht er mit seiner tiefen Stimme so leise und monoton, starrt er einem beim Gespräch so eindringlich in die Augen, dass sich der Eindruck aufdrängt, er leide unter Verfolgungswahn im fortgeschrittenen Stadium. Und spricht die Herausgabe der diplomatischen Dokumente nicht für seine Selbstherrlichkeit? Die liefern im Gegensatz zu den letzten Dokumenten nämlich keine Erkenntnisse über Unrecht oder Krieg. Doch Revolutionäre waren selten sympathische Menschen. Das ist wahrscheinlich das einzige, was Jassir Arafat, Robert Mugabe und Miles Davis gemeinsam haben.
Aber auch seine charakterlichen Mängel erklären sich aus einer Vergangenheit als Hacker. Julian Assange gehörte in seiner australischen Heimat schon früh zu jenen Jugendlichen, die mit geradezu autistischer Akribie Programmier- und Codierfähigkeiten entwickeln, mit denen sie sich im digitalen Gestrüpp der Computernetzwerke so leicht und behende bewegen können wie ein Pfadfinder im Mischwald. 1987 bekam Assange sein erstes Modem. Da war er 16 Jahre alt und lebte mit seiner Mutter seit Jahren auf der Flucht vor einem potentiell gefährlichen Stiefvater. Mit zwei anderen Hackern gründete er die Gruppe „International Subversives“. Die drang über internationale Datenleitungenin europäische und amerikanische Computernetzwerke ein, unter anderem in die Computernetzwerke des amerikanischen Verteidigungsministeriums und des Atomlabors in Los Alamos ein. Seit die australische Polizei bei einer Razzia Assanges komplette Ausrüstung beschlagnahmte, fühlt er sich, oft zu Recht, von Behörden beobachtet und verfolgt.
Mit zwanzig drangen die „International Subversives“ in den Zentralserver der kanadischen Telefonfirma Nortel ein, der in Melbourne stand. Assange wurde verhaftet, angeklagt und verlor das Sorgerecht für seinen Sohn und bald darauf seine Haarfarbe. Er kam mit einer Geldstrafe davon. Doch die drei Jahre hinterließen schwere Spuren. Er fühlte sich zutiefst missverstanden. Denn Assange teilte das Credo der meisten Hacker – das reine Herumschnüffeln und Experimentieren ist kein Verbrechen. Meist hilft es ja sogar, Sicherheitslücken aufzudecken.
Dieses Grundgefühl der Verfolgung teilen die meisten Hacker. Ebenso wie die Auffassung, letztlich vielleicht nichts Erlaubtes, aber jedenfalls nichts Böses zu tun. Die Mentalität des Hackens wurzelt tief in der Lust der Naturwissenschaften am Experiment und am Nervenkitzel der mathematischen Problemlösung. Und dazu gehört auch der Spaß, Dinge zu tun, nur weil sie technisch möglich sind. Das sind Reizschemen, die nur wenige Menschen in Euphorie versetzen. Auch deshalb ist die Subkultur der Hacker so schwer verständlich. Das Selbstverständnis der Hacker aber gründete sich in einem Credo, das letztlich ein mathematisches Pendant zum Grundsatz der Aufklärung ist: Alle Daten sind frei.
Von den Hackern, die wirklichen Schaden anrichten, die Viren freisetzen, Netzwerke lahmlegen oder Webseiten einfrieden, distanziert sich die Hackerszene in der Regel. Für die gibt es sogar einen eigenen Begriff – die Cracker. Denn der Wertekanon der Hacker ist streng. Keinen Schaden anzurichten, Informationen gratis zu teilen, für die Freiheit der Daten, aber gegen Angriffe auf die Privatsphäre zu kämpfen, gehört zu den Grundsätzen. Aber auch die Herausforderung ist Teil ihres „Berufsethos“. Jede digitale Sicherheitsvorrichtung, jede Ankündigung, ein Netz oder Gerät sei nicht zu hacken, ein Code nicht zu entschlüsseln, interpretieren sie als Aufforderung, solche Hindernisse zu überwinden.
In der digitalen Welt gelten Hacker deswegen auch nicht als Störenfriede, sondern als besonders kreative Problemlöser. Einige von ihnen haben es auch zu beträchtlichem Ruhm und Reichtum gebracht. Steve Jobs und Steve Wozniak, die Apple-Gründer, waren frühe Hacker, ebenso wie Linus Torvalds, der Schöpfer des offenen Betriebssystems Linux. Und gerade weil Steve Jobs die Kultur der Hacker so gut versteht, ist er so genial darin, Computerwelten zu erschaffen, die in sich abgeschlossen sind.
Der deutsche Digitalvisionär Lars Hnirichs hat dagegen das kreative Potential der Hacker als Wertschöpfungsmaschine erkannt, und in diesem Sommer den Investemntfonds HackFwd gegründet. Der will laut Firmenseite die Ideen von „Europe’s most passionate geeks“ finanzieren, also von Europas leidenschaftlichsten Computerfreaks.
Julian Assange gehörte schon früh zu den radikalsten Verfechtern eines de facto fundamentalistischen Hacker-Ethos. Vor allem die Forderung, dass alle Netze offen und alle Informationen frei sein sollten, vertritt er mit missionarischem Eifer. Dieses Hacker-Ethos, verbunden mit einem missionarischen politischen Bewusstsein, führte zu Wikileaks, jenem Netzwerk, in dem die Freiheit der Information mit einer Radikalität umgesetzt wird, die bisher einzigartig ist.
Weil Assange aber schon als Teenager einer der besten Hacker der Welt war, sind es – zumindest bislang – weniger die Behörden, die ihm gefährlich werden. Denen war er stets über. Als im Juni fünf Beamte des amerikanischen Sicherheitsministeriums bei einer Hackerkonferenz auftauchten, wo er als Gast angekündigt war, um ihn festzunehmen, sprach er gerade vor der Ted Conference in Oxford.
Nein, gefährlich wurde ihm ein Kollege, der prominente Hacker Adrian Lamo. Der stieß auf den US-Gefreiten Bradley Manning, die mutmaßliche Quelle für Wikileaks-Dokumente aus dem Irak und der nun veröffentlichten diplomatischen Depeschen, und verriet Manning an die Behörden. Und es ist der Hacker „Jester“, ein Ex-Soldat, der sonst Islamisten-Webseiten lahmlegt und damit über sein Twitter-Konto @th3j35t3r prahlt. Der verkündete am Sonntag, kurz vor Wikileaks’ neuem Coup: „Wikileaks – Tango Down“ (wie es im Militärjargon heißt, wenn eine Spezialeinheit einen Terroristen abgeschossen hat). Daraufhin war Wikileaks stundenlang nicht erreichbar.„Weil die das Leben unserer Truppen gefährden, unsere Verbindungsleute und unsere außenpolitischen Beziehungen.
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Ich halte es für ebenso überheblich, aufgrund einer oberflächlichen Begegnung von Charaktermängeln zu sprechen...
Comment by Eine kritische Meinung — Dezember 4, 2010 @ 16:27
Nun in den Nachrichten und Zeitungen war ja sehr viel von Wikileaks zu lesen und zu hören. Jedoch ist die Frage die ich mir immer wieder dabei stelle die, ob und in wie weit gefärdet mich als Nutzer des Internets die Hackerszene und Veröffentlichungen dieser Art.
Schon sehr häufig haben Autoren aller Medien Szenarien beschrieben die in die SciFi Abteilung gehören und dort auch bleiben sollten. Aber wenn es Hacker schaffen in die Datenbanken des US Außenministerium einzudringen und dort Daten zu entwenden ohne das die US Regierung dies bemerkt hat oder fähig wäre diesen Angriff zurückzuverfolgen, dann ist das Internet eigentlich nicht mehr Sicher.
Natürlich können fast alle Daten im Internet abgefangen oder gelesen werden. Aber dies sollte nicht für solch geheime Dokumente wie die einer Regierung möglich sein. Denn wenn die Regierung nicht mehr sicher ist wer ist es dann?
Comment by Gammler14 — Dezember 5, 2010 @ 01:38
Nein, das Internet ist nicht sicher. Persönliche Informationen werden abgefangen und für sogenannten "Identity Theft" missbraucht, Handycodes werden gehackt, Mails, Chats, alles was je auf einem Computer getippt wurde, ist auch nach aufwendigen Löschverfahren rekonstruierbar. Aber das ist schon lange bekannt. Auf der Straße kann man ja auch überfallen, angepöbelt, von einem Bus/Moped/Fahrrad überfahren werden, in der U-Bahn tödlich verunglücken oder ausgeraubt werden. Man kann auf der Straße aber auch Geld finden, einen Job, eine brillante Idee haben, sich verlieben, Freunde finden, gute Laune bekommen, all das passiert einem mit Sicherheit öfter, als das ganze erst erwähnte Unglück, und ganz genau so ist es auch mit dem Internet.
Comment by akreye — Dezember 5, 2010 @ 23:02
[...] German version here: http://blogs.sueddeutsche.de/feuilletonist/2010/11/29/die-daten-sind-frei/ ← Groupon CEO says exploring IPO; no [...]
Pingback by All Data is Free — Januar 24, 2011 @ 18:57