05.11.10 | 16:48 | 0 Kommentare

Paradies der Basketballer

 

sneakers

Wenn nach dem Turnier die Schüsse fallen – ein Drehbericht aus Brooklyn

(Aus dem Feuilleton vom Wochenende) Man braucht Geduld für Geschichten, die sich selbst erzählen sollen. Man braucht noch mehr Geduld, wenn diese Geschichten für so viel mehr stehen müssen als die Inhaltsangabe. Wie eben: Die Wiener Dokumentarfilmerin Katharina Weingartner drehte in Wien, Brooklyn und Ghana mit ,,Sneaker Stories‘‘ einen Film über das weltweite Phänomen der Basketballturniere auf der Straße und entlarvte dabei die Marketingmechanismen der Turnschuh-Industrie. (Der Film läuft derzeit in mehreren deutschen Städten, unter anderem im Werkstattkino in München.)

Als sie mit ihrem Team in der Schwüle eines Sommernachmittags in den Housing Projects von Red Hook in Brooklyn steht, bleibt sowieso keine Zeit für Drehpläne. Da bekommt der Lauf der Dinge einen Schwung, der nicht zu kontrollieren ist. Die Mannschaften der Streetball-Amateure marschieren im Innenhof der Sozialbaublöcke auf, deren fünf- bis zwölfstöckige Türme mit ihren rotbraunen Klinkerwänden und den gedrängten Fensteröffnungen ein wenig so wirken wie die sadistische Phantasie eines stalinistischen Bauministers. Ein DJ spielt Hip-Hop, Nachbarn verkaufen auf Klapptischen Hot Dogs und Burger. Der Ball gibt den Rhythmus des Nachmittags vor, das rasende Dribbling, die Dynamik der Angriffe und Verteidigungen. Katharina Weingartner und ihr Team halten auf die Spieler, hetzen für eine Totale auf das Dach eines Wohnblocks. Die Interviews werden sie nachdrehen müssen, so richtig kommt heute niemand auf den Punkt hier. Die Stimmung steigt mit jedem Sieg, und die Siege kommen innerhalb von Minuten. Näher kommt man dem ursprünglichen Ideal des Direct Cinema nur selten.

Red Hook ist kein einfacher Ort. In den Siebzigern und Achtzigern gehörten die Red Hook Projects zu den symbolischen Orten für die urbane Katastrophe - Watts in Los Angeles, die Cabrini-Green Projects in Chicago, Newark in New Jersey und eben Red Hook. Der Reportagefotograf Eugene Richards fand hier seine Motive, als er die Crack-Epidemie der Achtziger dokumentierte. Die Zeiten mögen besser geworden sein, der Ruf nicht. Als die New Yorker Polizei vor ein paar Jahren einen Copkiller suchte, fand sie ihn hier, und als sie wenig später einen Brooklyner Drogenring zerschlug, verhaftete man hier Hunderte Verdächtige.

Das ,,Paradise Classic‘‘-Basketballturnier ist einer der wenigen Höhepunkte im Jahreskalender der Red Hook Projects. In der Streetball-Szene gilt es als eines der besten. An diesem Nachmittag gibt es nur wenige Zitate, die belegen, was Katharina Weingartner beim Dreh ihrer Doku über Markenfälscher ,,Knock Off‘‘ herausgefunden hat.

Seit Mitte der Achtziger haben sich die Umsätze der Sportartikelhersteller und Hip-Hop-Produzenten verdreifacht. Im selben Zeitraum hat sich auch die Zahl der jungen Schwarzen und Latinos in den Gefängnissen verdreifacht. So ein Teufelskreislauf aus Marketingmethoden und sozialen Zündstoffen lässt sich nicht einfach abfilmen. Da funktioniert Weingartners Technik am besten - mitfilmen, die Geschichte sich entwickeln lassen, auch im Schnitt keine Formalismen, keine Kommentare, Einspieler, Trickbilder, nicht einmal die üblichen Experten kommen zu Wort. Ganz nach dem Credo des Direct Cinema eben.

Es ist schon dunkel, als Drehtag und Turnier dem Ende zugehen. Die fahlgelben Straßenlampen und der Dunst des Sommertages tauchen die Szenerie in jenes warme Nachtlicht, das es nur auf amerikanischen Straßen gibt. Katharina Weingartner und ihr Team beginnen, Taschen und Geräte in den Kleinbus zu räumen. Die Anrainer sind begeistert. Das Turnier lief hervorragend. Das Kamerateam kann da die Siegerlaune der Nachbarschaft nur steigern. Die Geduld hat sich gelohnt. Und doch lassen sich manche Wendungen im Film nicht erzählen.

Es dauert nicht einmal eine Sekunde, bis aus dem freundlich energiegeladenen Nachmittag ein finsterer Abend wird. Die Teams haben ihre Sportkleidung schon wieder ausgezogen, die Nachbarn stehen noch beieinander. Es sollte eigentlich einer jener Abende werden, die nicht zu Ende gehen wollen. Da beendet das trockene Bellen einer halbautomatischen Pistole das Reden und Lachen und Feixen. Drei Schüsse gehen in den Nachthimmel, nicht gezielt, wie die Spurensicherung später herausfinden wird.

Die Reaktion ist einmütig. Die Menge stiebt auseinander, wer kann, duckt sich hinter einen Mauervorsprung, hetzt um eine Ecke. Es ist ja nicht das erste Mal, dass so ein Abend auf diese Weise zu Ende geht. Dann blinken schon die roten Lichter der Polizeiautos am Ende der Straße, die Sirenen nähern sich. Katharina Weingartners Team berät kurz, packt schließlich weiter ein. Die letzten Minuten waren eben doch eine andere Geschichte.

Trailer und Info - hier

Foto: pooldoks

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