14.10.10 | 22:31 | 2 Kommentare

Pjönjang Internet

KimJongIl

Die Regierung von Nordkorea hat beschlossen, moderne Informationstechnologien nun auch für ihre Propaganda zu nutzen. Wie die Nachrichtenagentur AFP berichtet, gibt es seit heute, Donnerstag, eine offizielle Webseite der Korean Central News Agency in englischer und spanischer Sprache.

Die Webadresse der Seite lautet http://175.45.179.68/.

Das Titelbild (siehe oben) trägt die Bildunterschrift Kim Jong Il Sees Military Parade.

Die beiden Topstories in volle Länge waren soeben:

Gift to Kim Jong Il from Chairman of Hungarian Party

Pyongyang, October 14 (KCNA) -- Leader Kim Jong Il received a gift from Gyula Thurmer, chairman of the Hungarian Communist Workers' Party, on a visit to the DPRK.
The gift was conveyed to Kim Yong Il, alternate member of the Political Bureau and secretary of the Central Committee of the Workers' Party of Korea, by the chairman on Thursday.

Credentials of Indonesian Ambassador Accepted

Pyongyang, October 14 (KCNA) -- Kim Yong Nam, president of the Presidium of the DPRK Supreme People's Assembly, received credentials from Nasri Gustaman, Indonesian ambassador to the DPRK, at the Mansudae Assembly Hall Thursday.
After accepting the credentials Kim had a talk with the ambassador.

14.10.10 | 17:50 | 0 Kommentare

Katharsis

(Aus der SZ vom Freitag) War die Rettung der Bergarbeiter von Chile einer jener epochalen Momente, die der Schriftsteller Stefan Zweig ,,Sternstunden‘‘ taufte‘‘? Man muss kein Historiker sein, um solche Sternstunden zu erkennen. Es reicht ja der Stromstoß der Gefühle, der einen durchfährt, wenn man Zeuge eines solchen Moments wird, und sei es nur im Fernsehen. Zum Beispiel, als Florencio Ávalos nach 69 Tagen Gefangenschaft in der Tiefe des Minenschachts aus dem Käfigzylinder der Rettungskapsel steigt, als er seinen schluchzenden Sohn und seine Frau in die Arme schließt, begleitet vom Klatschen und Jubel der Rettungsarbeiter. Da fällt es schwer, sich gegen eigene Tränen zu wehren.

Doch warum hat uns das Schicksal der 33 Minenarbeiter so viel mehr bewegt als so viele Katastrophen, die mehr Leben gefährdeten oder kosteten, als Ereignisse, die uns viel näher sind als das Drama in der Atacama-Wüste?

Im Vorwort seiner ,,Sternstunden der Menschheit‘‘ schrieb Stefan Zweig: ,,Solche dramatisch geballten, solche schicksalsträchtigen Stunden, in denen eine zeitüberdauernde Entscheidung auf ein einziges Datum, eine einzige Stunde und oft nur eine Minute zusammengedrängt ist, sind selten im Leben eines Einzelnen und selten im Lauf der Geschichte.‘‘ Als normaler Erdenbürger erfährt man meist nur das Echo jener epochalen Momente. Man erlebt sie heute schneller, direkter. Denn das Live-Fernsehen ist ein fantastisches Medium, um Zeitgeschichte begreifbar zu machen. Hätte man sonst die Ausmaße der Fluten an Elbe und in New Orleans begriffen, der Erdbeben von Haiti und Pakistan, die Wucht der Unruhen von Paris, Seattle und Los Angeles? Die Kraft der Reden von Barack Obama?

Und ganz direkt kann einen selbst das späte Echo einer Sternstunde nachhaltig erschüttern. Wer einmal den Start einer Space Shuttle am Strand von Cape Canaveral erlebt hat, wer das Beben des Sandbodens spürte, vom Gleißen des Triebstrahls geblendet in den Himmel geblickt hat, wer die Erleichterung verspürte, wenn die monotone Lautsprecherstimme verkündet, dass die Raumfähre nun sicher gestartet ist, der kann ahnen, was die Menschheit bewegte, als die ersten Raumschiffe das All und schließlich sogar den Mond erreichten.

Doch die Ergriffenheit ist trügerisch. Viele Momente, die wir als Sternstunden empfinden, sind keineswegs solche Wendepunkte der Menschheitsgeschichte. Denn es macht einen großen Unterschied, ob uns ein Moment verändert oder ob er uns berührt. Das eine ergibt nicht zwangsläufig das andere. Auf Stefan Zweigs Liste der Sternstunden, die er 1927 in seinem Band veröffentlichte, finden sich so unterschiedliche Ereignisse wie Ciceros Wiederherstellung der Republik nach der Ermordung Cäsars, die Entstehung von Georg Friedrich Händels ,,Messias‘‘ und die ,,Weltminute von Waterloo‘‘. Allesamt Wendepunkte der politischen oder der Geistesgeschichte.

Beschränkt man sich auf die großen historischen Momente nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, dann haben nur wenige Ereignisse den Lauf der Welt so entscheidend verändert: Die Anschläge vom 11.September 2001, der Mauerfall, der Sieg der Bürgerrechtsbewegung. Es waren ähnlich wie bei Zweig sicherlich auch einige Momente der Kultur darunter - Alexander Solschenizyns ,,Archipel Gulag‘‘ hat den Verlauf des Kalten Krieges geprägt, Allen Ginsbergs Gedicht ,,Howl‘‘ und das Beatles-Album ,,Sgt. Pepper‘‘ haben die gesellschaftlichen Umwälzungen der späten sechziger Jahre markiert.

Doch weder die Rettung von Chile noch die Mondlandung, nicht einmal die Befreiung der Stadt Sarajewo haben die Menschheit verändert. Sie haben uns nur zutiefst berührt, weil hier die Urtexte der Menschheit umgedeutet wurden, Geschichten, die allesamt ihre Ursprünge in den antiken Sagen finden.

Was ist die Rettung von Chile anderes als die Orpheus-Sage mit Happy End? Bei der Mondlandung durfte Ikarus weiterleben. Die Befreiung Sarajewos zeigte, dass es einen wahren Sieg geben kann, nicht nur einen verfluchten wie in Troja. Solche Geschichten wirken umso stärker, als uns das Versprechen der Katharsis im Glauben längst verlorengegangen ist. Sie berühren uns aber auch so tief, weil die Veränderungen unserer Zeit nicht mehr direkt erfahrbar sind. Was die Menschheit heute zum Guten verändert, sind die Digitalisierung der Kultur, die biotechnische Eroberung der Natur und die Befriedung der Welt. Da aber fehlen uns große Ereignisse.

Stefan Zweig konnte noch ,,das erste Wort über den Ozean‘‘ als Wendepunkt der menschlichen Kommunikation festlegen. Wer kann heute sagen, wann die erste E-Mail verschickt, die erste Datei heruntergeladen, der erste Tweet geschickt wurde? In seiner ,,Flucht in die Unsterblichkeit‘‘ erblickt Núñez de Balboa als erster Europäer Atlantik und Pazifik zugleich. Heute weiß sich kaum einer zu erinnern, wann und von wem das menschliche Genom entschlüsselt wurde. Gedeutet ist es noch lange nicht. Und während Zweig die nahenden Katastrophen des 20. Jahrhunderts noch in Woodrow Wilsons Versagen bei den Verhandlungen um den Frieden von Versailles erspürte, fehlen heute die Momente, die den Lauf der Weltgeschichte bezeichnen.

So bleiben Momente wie die Rettungsnacht im Dunkel der Atacama-Wüste. Trügerisch oder nicht, es ist gar nicht so verkehrt, die Katharsis als epochalen Moment zu empfinden. Denn gerade bei der Rettung von Chile, bei der Mondlandung und der Befreiung von Sarajewo war es eben nicht göttliche Fügung, es waren keine metaphysischen Wunder, die zum Moment der Katharsis führten: Es war die menschlich Anstrengung, und es war ein unerschütterlicher Glaube - nicht an Gott, sondern an den Erfolg. Und somit an uns selbst.

13.10.10 | 10:20 | 0 Kommentare

Stuttgart 21

Stuttgart21

Schon nicht mehr nachvollziehbar, woher das kam (Holger Liebs Facebook page / nerdcore/ eye said it before).

Auch hübsch: Sim City 21.

12.10.10 | 17:01 | 0 Kommentare

Im Rausch der Mythen

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(Aus dem Feuilleton vom Mittwoch) Sicherlich muss man die Geschichte von Haiti nach dem Erdbeben am 12. Januar dieses Jahres neu erzählen. Nicht viel ist geblieben von den Städten des Landes auf der Westhälfte der Karibikinsel Hispaniola. Was blieb, ist vor allem ein diffuses Bild einer finsteren Welt, die von Voodoo, Diktatur und Aufständen geprägt ist. Schon deswegen ist Leah Gordons Fotoband ,,Kanaval‘‘ ein so wichtiges Buch. Die Fotografin fand in ihren streng formalistischen Bildern und ihren Aufzeichnungen den Kern der haitianischen Kultur im alljährlichen Karneval.

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Haiti war schon vor dem großen Erdbeben im Januar ein Ort, der einen auswärtigen Besucher innerhalb weniger Stunden hoffnungslos überfordern konnte. Wer in Port-au-Prince ankam, fand nur wenige Orte, die ein wenig Orientierung versprachen. Ein paar Straßen der Altstadt, der Präsidentenpalast, die Terrasse des legendären Hotel Oloffsson - ließ man die wenigen Koordinaten vertrauter Großstadtformen hinter sich, verlor man sich rasch in der anarchischen Geografie urbanen Wildwuchses. Die Reizüberflutung war überwältigend in den scheinbar unkoordinierten Gassen zwischen Betonmauern und Wellblechbauten, zwischen offenen Abwassergräben und klaustrophobischen Gehöften mit Aromawellen aus offenem Feuer, reifen Früchten, ungefiltertem Benzin und dem Dunst der Armut.

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Wer Glück hatte, der fand seinen Weg an die Südküste, nach Jacmel, das schon seit dem 18. Jahrhundert als intellektuelles und künstlerisches Zentrum von Haiti galt. Hier in den Straßen des Kolonialstädtchens fand Leah Gordon auch die Reinform des haitianischen Karnevals, der den Bürgern mehr also in jedem anderen Lande als Ventil diente. Am Mardi Gras und an den Tagen zuvor verwandelten sich die Straßen von Jacmel in eine Bühne für eine heftige, derbe Inszenierung allen Grolls, aller Ängste und einer tief im westafrikanischen Voudon verwurzelten Weltbildes.

 

,,Kanaval‘‘ ist weder Reportage noch Porträtband, eher ethnografische Spurensuche. Die britische Fotografin zeigt die Hauptfiguren der Paraden und Feiern mal in Pose, mal in Aktion. Sie stellt die Lansetkòds vor, die gehörnten Teufel mit ihren Peitschen und Tauen, die Chaloskas, die irrwütigen Soldatenfiguren mit ihren Tierzähnen und blutroten Flunschlippen, Papa Sida, das grausame Väterchen Aids, und die unzähligen Sagengestalten der haitianischen Mythen, die Zombies, Dämonen und Fabeltiere. Und sie spricht mit ihren Darstellern.

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Es sind dann auch gerade diese Erzählungen, die den Kontext aus politischer Subversion, gläubiger Ekstase, erotischer Spannung und der komplexen Mythenwelt Haitis herstellen. Mit dem vergnüglichen Eskapismus der Karnevalsfeiern in München, Köln oder Rio hat das nur wenig gemein. In einem der Essays beschreibt der Professor für afrikanische Sprachen und Literatur Donald John Cosentino das Ensemble der Karnevalsfiguren als ,,Charaktere einer Commedia dell’arte aus der Hölle‘‘.

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Und weil Leah Gordons Verlag eigentlich eine Plattenfirma ist, die sich auf die urbane Folklore anarchischer Metropolen von der Bronx über Kingston bis nach Lagos spezialisiert hat, gibt es auch eine begleitende CD dazu. Auf ,,Rara in Haiti‘‘ (Souljazz Records) bekommt man eine ungefähre Ahnung, was für eine hypnotische so ein haitianischer Karnevalsumzug entwickeln kann. Die scheinbar anarchischen, aber letztlich doch streng durchorganisierten Trommelchöre, die improvisierten Rhythmen auf Flaschen, Blech und Eisen, die Gesangsdialoge und Hornbläser zwingen den Rhythmus mit Vehemenz ins zentrale Nervensystem der Tänzer. Da scheint auch die vermeintlich magische Wirkung des Voodoo-Rituals auf, das Geist und Körper einem kollektiven Rauschzustand unterwerfen kann, in dem der Wille ausgeschaltete und die archaischen Geister des Urglaubens geweckt werden.

 Die große Qualität in Gordons Bildern liegt in ihrem Gespür für Grenzen. Sie lässt die Tänzer innehalten, doch sie zwingt sie nicht in die Pose des Objekts, sie begleitet sie ins Ritual, ohne den Blick des kulturellen Voyeurs. Der eigentliche Wert des Buches allerdings war nicht geplant. Zwei Wochen vor dem Erdbeben schrieb Leah Gordon das Vorwort, konnte nicht wissen, dass ihr Buch schon bald das Dokument einer Kultur sein würde, die vorerst unter den Plastikplanen der Flüchtlingsbehausungen und dem bürokratischen Chaos des Wiederaufbaus begraben liegt.

LEAH GORDON: Kanaval - Voudou, politics and revolution on the streets of Haiti. Soul Jazz Publishing, London, 2010. 192 Seiten, 29,90 Euro.

12.10.10 | 06:15 | 0 Kommentare

TED Talk der Woche: The good news of the decade




Von der TEDx Change-Konferenz in New York.

11.10.10 | 21:34 | 0 Kommentare

Radikaler Pessimismus

coupland_jpg_932006cl-3Douglas Couplands grandiose Einführung in den radikalen Pessimismus - 45 Hinweise, um die Zukunft zu überstehen. Aus seiner Kolumne für die kanadische Globe & Mail. Prognostische Expertise hat er als Schriftsteller ja schon hin und wieder bewiesen ("Generation X", "Microserfs" etc.). Und letztlich denkt er, wie auch in seinen Romanen, doch nur real existierende Strömungen und Phänomene zu Ende.

Hier die ersten 10 (die kompletten 45 stehen hier):

1) It's going to get worse

No silver linings and no lemonade. The elevator only goes down. The bright note is that the elevator will, at some point, sto

2) The future isn't going to feel futuristic

It's simply going to feel weird and out-of-control-ish, the way it does now, because too many things are changing too quickly. The reason the future feels odd is because of its unpredictability. If the future didn't feel weirdly unexpected, then something would be wrong.

3) The future is going to happen no matter what we do. The future will feel even faster than it does now

The next sets of triumphing technologies are going to happen, no matter who invents them or where or how. Not that technology alone dictates the future, but in the end it always leaves its mark. The only unknown factor is the pace at which new technologies will appear. This technological determinism, with its sense of constantly awaiting a new era-changing technology every day, is one of the hallmarks of the next decade.

4)Move to Vancouver, San Diego, Shannon or Liverpool

There'll be just as much freaky extreme weather in these west-coast cities, but at least the west coasts won't be broiling hot and cryogenically cold.

5) You'll spend a lot of your time feeling like a dog leashed to a pole outside the grocery store – separation anxiety will become your permanent state

6) The middle class is over. It's not coming back

Remember travel agents? Remember how they just kind of vanished one day?

That's where all the other jobs that once made us middle-class are going – to that same, magical, class-killing, job-sucking wormhole into which travel-agency jobs vanished, never to return. However, this won't stop people from self-identifying as middle-class, and as the years pass we'll be entering a replay of the antebellum South, when people defined themselves by the social status of their ancestors three generations back. Enjoy the new monoclass!

7) Retail will start to resemble Mexican drugstores

In Mexico, if one wishes to buy a toothbrush, one goes to a drugstore where one of every item for sale is on display inside a glass display case that circles the store. One selects the toothbrush and one of an obvious surplus of staff runs to the back to fetch the toothbrush. It's not very efficient, but it does offer otherwise unemployed people something to do during the day.

8.) Try to live near a subway entrance

In a world of crazy-expensive oil, it's the only real estate that will hold its value, if not increase.

9) The suburbs are doomed, especially thoseE.T. , California-style suburbs

This is a no-brainer, but the former homes will make amazing hangouts for gangs, weirdoes and people performing illegal activities. The pretend gates at the entranceways to gated communities will become real, and the charred stubs of previous white-collar homes will serve only to make the still-standing structures creepier and more exotic.

10) In the same way you can never go backward to a slower computer, you can never go backward to a lessened state of connectedness.
Text und Grafik: Globe & Mail

10.10.10 | 16:35 | 0 Kommentare

Solomon Burke R.I.P.

09.10.10 | 07:14 | 0 Kommentare

John Lennon

* 9. 10. 1940

06.10.10 | 17:41 | 2 Kommentare

Nobelpreiswetten

369489

 Update: Ah, und auch dieses Jahr wieder ein Außenseiterkandidat. Mit der Quote 25/1

Hier ist die aktuelle Rangliste inklusive Quoten des Wettbüros Ladbrokes, bei dem man auf den Literaturnobelpreis morgen wetten kann.

 

Cormac McCarthy 5/2
Ngugi wa Thiong'o 7/2
Haruki Murakami 6/1
Ko Un 12/1
Gerald Murnane 12/1
Tomas Transtromer 13/1
Adonis 13/1
Les Murray 15/1
Joyce Carol Oates 16/1
Juan Gelman 15/1
Alice Munro 16/1
Peter Nadas 15/1
Thomas Pynchon 22/1
E.L Doctorow 22/1
Claudio Magris 25/1
Amos Oz 25/1
Mario Vargas Llosa 25/1
Ulrich Holbein 25/1
John Ashbery 25/1
Adam Zagajewski 33/1
Assia Djebar 33/1
Philip Roth 33/1
Maya Angelou 33/1
Carlos Fuentes 33/1
Vaclav Havel 35/1
Yves Bonnefoy 40/1
Don DeLillo 40/1
Arno Lustig er 40/1
Javier Marias 40/1
Margaret Atwood 45/1
Peter Handke 45/1
Juan Marse 45/1
Shlomo Kalo 45/1
Chinua Achebe 45/1
Antonio Tabucchi 50/1
Milan Kundera 50/1
A.B. Yehoshua 50/1
David Malouf 50/1
Cees Nooteboom 55/1
Antonio Lobo Antunes 55/1
Eeva Kilpi 55/1
Elias Khoury 55/1
Anne Carson 55/1
Ian McEwan 55/1
Gitta Sereny 66/1
Ernesto Cardinal 66/1
Luis Goytisolo 66/1
Patrick Modiano 66/1
Bella Akhmadulina 66/1
Ismail Kadare 66/1
Jonathan Littell 66/1
Michael Ondaatje 66/1
Salman Rushdie 66/1
Eduardo Galeano 66/1
A.S. Byatt 75/1
Michel Tournier 75/1
Bei Dao 75/1
Per Petterson 75/1
Paul Auster 75/1
Jon Fosse 75/1
Harry Mulisch 75/1
Atiq Rahimi 75/1
William Trevor 100/1
Umberto Eco 100/1
Mahasweta Devi 100/1
Julian Barnes 100/1
F. Sionil Jose 100/1
Marge Piercy 100/1
Mary Gordon 100/1
Bob Dylan 100/1
John le Carre 100/1
John Banville 125/1
Kjell Askildsen 125/1
Peter Carey 125/1
William H. Gass 125/1
Vassilis Aleksaskis 125/1
Nestor Amarilla 150/1
Yevgeny Yevtushenko 150/1

 

Foto: Regina Schmeken/SZ

06.10.10 | 14:47 | 3 Kommentare

David Remnick

Remnick



(Von der SZ Medienseite, Interview gemeinsam mit Gerti Schön) David Remnick ist Chefredakteur des „New Yorker“, er hat gerade ein Buch über Barack Obama geschrieben, und er
hat eine klare Haltung zum gedruckten Journalismus. Ein Gespräch über amerikanische Politik und Medien im Wandel

Ein regnerischer Nachmittag in New York. Times Square Nummer Vier, der 13.-höchste Wolkenkratzer der Stadt, wie die Webseite des Bauträgers informiert. Mit der leicht verstaubten Geisteswelt im stuckverzierten Bürogebäude auf der 43. Straße hat das nichts mehr zu tun, dort wo Joseph Mitchell, A.J. Liebling und Pauline Kael arbeiteten, wo sich der Blattgründer Harold Ross im Algonquin Hotel um die Ecke mit Dorothy Parker, Harpo Marx und Tallulah Bankhead traf, wo Vladimir Nabokov, J.D. Salinger und Richard Yates ihre Kurzgeschichten ablieferten.

Times Square Nummer vier ist ein prächtiger Glasturm, der hoch über den meistfotografierten Platz der Welt ragt. Hauptquartier des Condé Nast-Konzerns. Im Aufzug die neuen Kollegen des New Yorker – Vanity Fair, Vogue, GQ . Die Zeiten ändern sich. David Remnick ist allerdings das Gegenstück zu seinen glamourösen Kollegen, zu Graydon Cater mit seiner Silbermähne und zu Anna Wintour mit ihren Haute-Couture-Mäntelchen. Er holt einen am Aufzug ab, trägt Tweed-Jackett, wirkt ruhig und schlagfertig. Wir sind verabredet, um mit ihm über sein Buch Barack Obama – Leben und Aufstieg zu sprechen, das gerade in Deutschland erscheint. Es wird dann aber rasch ein Gespräch über die Zukunft der Medien und des Schreibens. Denn wie gesagt, die Zeiten ändern sich.

Herr Remnick , der Erfinder der konservativen Revolution Newt Gingrich hat Obama gerade für seine angeblich ,kenianische, antikolonialistische Weltsicht’ beschimpft.

David Remnick : Das ist wohl der Beweis, dass mein Buch doch nicht die universale Bedeutung bekommen hat, auf die ich gehofft hatte. Jedes einzelne Wort dieses Zitates ist so absurd. Unser Land wurde als antikolonialistisches Projekt gegründet. Es ist schon obszön, dass ein kluger Mann wie Gingrich die Emotionen der Leute so aufwühlen kann.

Ist das eine neue, polemische Härte in der Debatte?

Remnick: Das einzig Neue ist, dass wir einen afroamerikanischen Präsidenten haben. Und das zu einer Zeit der wirtschaftlichen Unsicherheit, in der die Leute ihren Job verloren haben oder für die Hälfte des Geldes doppelt arbeiten.

Sind die derzeitigen amerikanischen Debatten rund um die Tea Party nicht ein Schulterschluss mit den Rechtspopulisten in Europa?

Remnick: Ich glaube, das sind keine absoluten Parallelen. Rassismus ist die Ursünde der amerikanischen Geschichte. Auch wenn die Situation unvergleichlich besser geworden ist. Weil die Bürgerrechtsbewegung eben die erfolgreichste und populärste Bewegung in unserer Geschichte war. Und Obama ist ein direktes Ergebnis dieser Bewegung. Ich habe das Buch im Original nicht nur „Die Brücke“ genannt, weil das ein schöner Titel ist. Vom Martin Luther Kings Marsch in Selma 1965 bis zu Obamas Wahl ist das ein geschlossenes Kapitel der amerikanischen Geschichte. Auch wenn die Wahlnacht wahrscheinlich der letzte Moment war, an dem wir es uns erlauben konnten, uns im warmen Schein der großartigen Fortschritte in Rassenfragen zu sonnen. Weil er eine Krise geerbt hat.

Sie nennen die Arbeit an solchen Büchern ,biografischen Journalismus‘. Warum haben Sie ausgerechnet jetzt ein Buch über Obama geschrieben?

Remnick: Ich habe mir gedacht, dass wir es hier mit einem Kandidaten zu tun haben, der seine politische Karriere unmöglich ins Zentrum seiner Kandidatur rücken kann. Also hat er seine Lebensgeschichte ins Zentrum gerückt. Und er hat es geschafft, seine eigene Erfahrung und die Geschichte unseres Landes zu verknüpfen. Das war eine sehr reizvolle Geschichte, die mit dem Wandel zu tun hat, den Amerika derzeit ethnisch und demografisch durchläuft. Deswegen hatte ich das Gefühl, dass das ein erfahrener Journalist aufarbeiten sollte, solange das noch politisch relevant ist. Ich verteidige ja keineswegs alle seine politischen Entscheidungen. Und in zehn Jahren werden wir uns sicherlich nur noch mit seiner Präsidentschaft beschäftigen.

In Europa prägen Bücher wieder zunehmend die politische Debatte. Wo sehen Sie die Rolle von Büchern?

Remnick: Es wäre albern und sentimental, zu glauben, dass vor 25 oder 50 Jahren jeder nach der Arbeit nach Hause ging und die Buddenbrooks oder Anna Karenina gelesen hat. Lesen war immer eine Angelegenheit der Eliten. Ich habe drei Kinder, die sind 20, 16 und elf Jahre alt. Da sehe ich den Reiz der verschiedenen Bildschirme, die natürlich mit dem Lesen konkurrieren. Ich bin aber im Geschäft des Schreibens und des Lesens. Für mich ist das immer noch ein unverbrüchlicher Teil menschlichen Lebens.

Im Umkehrschluss heißt das dann doch, dass der New Yorker ein elitäres Medium ist.

Remnick: Sicher gibt es viel Konkurrenz, wenn es um unsere Zeit, Kraft und Konzentration geht. Aber was kann ich da schon tun? Ich sage Ihnen, wenn das heißt, dass wir kürzer, dümmer, schneller, alberner werden sollen, dann ohne mich. Ich glaube fest daran, dass wir zwar nicht 300 Millionen Amerikaner dazu bringen, uns zu lesen. Ich kann vielleicht nicht die Aufmerksamkeit und die Gewohnheiten der ganzen Welt erobern. Aber ich kann meinen Teil dazu beitragen, etwas Großartiges, Schönes, Lustiges und Tiefschürfendes zu produzieren. Und sollte ich das je verraten, müsste man mich ins Gefängnis stecken.

Machen Sie sich denn über den Übergang von Print zu Online Gedanken?

Remnick: Die ganze Zeit. Wir haben eine sehr aktive und robuste Webseite, wir haben eine digitale Ausgabe, es gibt uns auf Papier. Und wir haben gerade eine App fürs iPad entwickelt – auch wenn es sich manchmal so anfühlt, als sei gerade 1947 und wir produzieren gerade Fernsehsendungen, obwohl es noch gar nicht so viele Fernsehgeräte gibt. Ich sehe außerdem noch gar nicht so viele iPads da draußen. Aber wir müssen flink und bereit sein, damit wir in jeder nur erdenklichen Form verfügbar sind, in der man uns lesen will.

Wie gehen Sie mit all den neuen Formen um, die neue Medien mit sich bringen?

Remnick: Ich will, dass sie uns lesen. Ich werde nicht irgend etwas veröffentlichen, das sich New Yorker nennt und dann bekommen Sie da einen Haufen kleiner, schlechter Filmchen zu sehen. Es muss ums Lesen gehen. Und die Qualität der Redaktion und der Faktenprüfung muss die gleiche sein.

Verliert nicht die lange Form der Texte durch die neuen Medien an Bedeutung?

Remnick: Das ist die vorherrschende Meinung. Aber wenn Sie auf unsere Webseite gehen, werden Sie sehen, dass die meistgelesenen Geschichten alle sehr lang sind. Die meistgelesene Geschichte, die wir je online veröffentlicht haben, war 17 000 Worte lang ( Das entspricht ungefähr sechs ganzen, bilderlosen Seiten der Süddeutschen Zeitu ng, A.d.Red ). Das war ein Stück von David Grann über einen Mann in Texas, der hingerichtet wurde, weil er angeblich seine Kinder umgebracht hat, indem er sein Haus in Brand steckte. David Granns Nachforschungen haben dann ergeben, dass er unschuldig war. Das war das erste Mal, dass ganz eindeutig bewiesen wurde, dass der Staat einen unschuldigen Menschen hingerichtet hat. Natürlich will uns nicht jeder lesen. Aber die, die uns lesen wollen, wollen das sehr intensiv. Wir würden uns als Land auch grob unterschätzen, wenn wir sagen würden, dass wir eine Nation von Idioten mit der Aufmerksamkeitsspanne einer Stechmücke sind.

Kostet diese Sorte Journalismus nicht sehr viel Geld?

Remnick: Das ist noch so ein weit verbreiteter Glaube, dass alles im Netz umsonst sein muss. Das klingt gut. Das klingt genauso gut wie die Idee, dass Hot Dogs umsonst sein müssen, die Miete, und Sex. Aber das sind Parolen. Wenn wir einen Reporter nach Afghanistan schicken, der sich dort auskennt und der ein hervorragender Journalist und Geschichtenerzähler ist, dann kostet das niemals nichts.

Werden Sie Bezahlinhalte einführen?

Remnick: Bei mir bekommen Sie nichts umsonst. Ich will keine Generation dazu erziehen, dass sie glaubt, dass das, was wir mit enormem Aufwand und enormen Kosten produzieren, nichts wert ist. Wenn ich alle Zwanzigjährigen daran gewöhne, dass sie auf unserer Webseite alles umsonst bekommen, dann wird der New Yorker aufhören zu existieren: Weil die Erwartungshaltung dann dahin geht, dass alles umsonst ist und wenn ich dann Geld verlange, werden sie dagegen rebellieren. Tageszeitungen haben diesen Fehler bis ins Extrem gemacht. Und sie mussten zurückrudern.

Haben die amerikanischen Medien aus ihren Fehlern gelernt?

Remnick: Wir leben in einer Zeit des Wandels. Wir experimentieren. Und wenn wir etwas ausprobieren, machen wir auch Fehler. Die iPad App, die wir veröffentlichen, ist nicht perfekt. Aber diese Zeitschrift wurde 1925 erstmals veröffentlicht, da war sie auch noch nicht perfekt. Aber wir werden nicht bis 1953 warten, um sie zu perfektionieren. Wir werden konstant daran arbeiten.

Wie viele Ihrer Inhalte werden hinter so genannten Paywalls sein?

Remnick: So machen wir das nicht. Sie bezahlen unsere App und bekommen das ganze Ding. Online bekommen sie weniger, aber sie bekommen Extras.

Werden sich angesichts der sinkenden Preise für Onlinewerbung mittelfristig nicht weniger Geld für die redaktionelle Arbeit haben?

Remnick: Nein, weil ich von Anfang an nicht auf Online-Werbung als Einnahmequelle gesetzt habe. Online-Werbung hat sich nicht ausgezahlt. Schon gar nicht für die Tageszeitungen. Ich komme ja von einer Zeitung, von der Washington Post, ich kenne diese Dramen sehr gut.

Den Zeitungen macht aber doch vor allem der Einbruch der Rubrikenanzei gen zu schaffen.

Remnick: Dieses ganze „Information muss umsonst sein“-Problem ist für Zeitungen und Zeitschriften vor allem deswegen ein Problem, weil Schlagzeilen keine Domäne der Zeitungen mehr sind. Der New Yorker hat ja zum Glück einen einzigartigen Mehrwert. Was wir machen, macht sonst niemand.

Welchen Anteil der Einkünfte bestreiten Sie denn mit Anzeigen?

Remnick: Wir finanzieren uns zu zwei Dritteln über Anzeigen und zu einem Drittel über Abonnements und Verkauf. Die meisten Magazine finanzieren sich viel deutlicher über Anzeigen.

Werden Sie denn die Abopreise erhöhen? Im Abo kostet der New Yorker ja weniger als einen Dollar, am Kiosk dagegen fünf.

Remnick: Das war das alte Modell. Wir haben die Auflage nach oben gedrückt, indem wir die Abos sehr billig gemacht haben. Aber das ändert sich. Und zwar nicht erst seit drei Jahren. Es kann nicht sein, dass ich für ein Heft des New Yorkers im Abo weniger als einen Dollar bezahle und der einfachste Kaffee bei Starbucks schon teurer ist. Das erscheint mir doch als ein etwas seltsames Wertversprechen, wie es in der Wirtschaft heißt. Hier haben Sie ein Heft, an dem viele Leute auf höchstem Niveau arbeiten. Da ist eine Geschichte über John Updike, und George Packer geht für Sie nach Afghanistan, und sie haben Lyrik von Derek Walcott. Und das soll billiger sein, als eine Tasse Kaffee?

Aber ist es dafür amerikanische Printpublikationen nicht ähnlich, wie im Netz? Dass sie die Leser längst an billige Abos gewöhnt haben?

Remnick: Früher waren Amerikaner ja immer geschockt, wenn Sie in Europa gesehen haben, was Zeitungen kosten. Mein Gott, mehr als einen Dollar! Die New York Times kostet doch nur einen 25 Cents! Das hat sich geändert. Die New York Times kostet jetzt zwei Dollar. Da haben wir wenigstens einmal an Europa aufgeschlossen.

Sehen Sie das Internet denn als Bedrohung für die klassischen Medien?

Remnick: Ich setze große Hoffnungen in das Internet, seine Möglichkeiten, die neuen Formen des Journalismus. Aber es gibt eben auch ungewollte Folgen des technischen Fortschrittes. Schauen Sie doch mal hier auf die andere Seite des Flusses ( Remnick deutet aus dem Fenster über die Häuserschluchten und den Hudson River nach New Jersey ). Da gibt es eine große Stadt namens Newark. Als ich aufwuchs ist jeder einzelne Bürgermeister dort ins Gefängnis gewandert. Warum? Weil es dort eine aggressive Zeitung gibt. Die Lokalpresse bringt die ins Gefängnis. Nicht irgendwelche Blogger oder die Polizei. Sollte es keine Zeitungen mehr geben, würde ich mir als Staatsbürger wirklich Sorgen machen.

Aber es gibt doch gerade hier in den USA Politiker, die wirklich Macht und Einfluss haben. Huffington Post ist doch ein Beispiel dafür.

Remnick: Bei allem Respekt für Arianna Huffington, aber was bitte ist schon die Huffington Post? Ich finde ihre abwertenden und beleidigenden Bemerkungen über die New York Times vor allem arrogant. Wenn man sich ihre Webseite anschaut, dann sind das vor allem Blogger, deren Qualität von zweifelhaft bis mittelmäßig reicht. In der rechten Spalte gibt es Titten, Ärsche und Klatschnachrichten, wer gerade wieder am meisten abgenommen hat. Und in der Mitte sind Artikel aus der New York Times , dem Wall Street Jour nal und der Washington Post , denen sie liberalere Überschriften geben.

Ist Wikileaks nicht eine neue Form des Journalismus, die ohne das Internet nicht möglich gewesen wäre?

Remnick: Nicht alle Informationsquellen sind Heilige. Ich fand ja, dass die New York Times , der Guardian und der Spiegel da sehr gut damit umgegangen sind. Sie haben die Information eben aufgearbeitet und sie nicht einfach rausgepfeffert. Die Quelle war ja offensichtlich ein einzelner, verärgerter Mensch. Es gehört eben zu den verantwortungsvollen Aufgaben einer Publikation, genau einzuschätzen, was man veröffentlich und was nicht, Erklärungen zu liefern und Kontexte zu schaffen. Dazu braucht man professionelle Erfahrung. Genauso wie ich annehme, dass Sie wissen was Sie tun, wenn Sie mein Auto reparieren.

Foto: wowe

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