3 KommentareDavid Remnick

(Von der SZ Medienseite, Interview gemeinsam mit Gerti Schön) David Remnick ist Chefredakteur des „New Yorker“, er hat gerade ein Buch über Barack Obama geschrieben, und er
hat eine klare Haltung zum gedruckten Journalismus. Ein Gespräch über amerikanische Politik und Medien im Wandel
Ein regnerischer Nachmittag in New York. Times Square Nummer Vier, der 13.-höchste Wolkenkratzer der Stadt, wie die Webseite des Bauträgers informiert. Mit der leicht verstaubten Geisteswelt im stuckverzierten Bürogebäude auf der 43. Straße hat das nichts mehr zu tun, dort wo Joseph Mitchell, A.J. Liebling und Pauline Kael arbeiteten, wo sich der Blattgründer Harold Ross im Algonquin Hotel um die Ecke mit Dorothy Parker, Harpo Marx und Tallulah Bankhead traf, wo Vladimir Nabokov, J.D. Salinger und Richard Yates ihre Kurzgeschichten ablieferten.
Times Square Nummer vier ist ein prächtiger Glasturm, der hoch über den meistfotografierten Platz der Welt ragt. Hauptquartier des Condé Nast-Konzerns. Im Aufzug die neuen Kollegen des New Yorker – Vanity Fair, Vogue, GQ . Die Zeiten ändern sich. David Remnick ist allerdings das Gegenstück zu seinen glamourösen Kollegen, zu Graydon Cater mit seiner Silbermähne und zu Anna Wintour mit ihren Haute-Couture-Mäntelchen. Er holt einen am Aufzug ab, trägt Tweed-Jackett, wirkt ruhig und schlagfertig. Wir sind verabredet, um mit ihm über sein Buch Barack Obama – Leben und Aufstieg zu sprechen, das gerade in Deutschland erscheint. Es wird dann aber rasch ein Gespräch über die Zukunft der Medien und des Schreibens. Denn wie gesagt, die Zeiten ändern sich.
Herr Remnick , der Erfinder der konservativen Revolution Newt Gingrich hat Obama gerade für seine angeblich ,kenianische, antikolonialistische Weltsicht’ beschimpft.
David Remnick : Das ist wohl der Beweis, dass mein Buch doch nicht die universale Bedeutung bekommen hat, auf die ich gehofft hatte. Jedes einzelne Wort dieses Zitates ist so absurd. Unser Land wurde als antikolonialistisches Projekt gegründet. Es ist schon obszön, dass ein kluger Mann wie Gingrich die Emotionen der Leute so aufwühlen kann.
Ist das eine neue, polemische Härte in der Debatte?
Remnick: Das einzig Neue ist, dass wir einen afroamerikanischen Präsidenten haben. Und das zu einer Zeit der wirtschaftlichen Unsicherheit, in der die Leute ihren Job verloren haben oder für die Hälfte des Geldes doppelt arbeiten.
Sind die derzeitigen amerikanischen Debatten rund um die Tea Party nicht ein Schulterschluss mit den Rechtspopulisten in Europa?
Remnick: Ich glaube, das sind keine absoluten Parallelen. Rassismus ist die Ursünde der amerikanischen Geschichte. Auch wenn die Situation unvergleichlich besser geworden ist. Weil die Bürgerrechtsbewegung eben die erfolgreichste und populärste Bewegung in unserer Geschichte war. Und Obama ist ein direktes Ergebnis dieser Bewegung. Ich habe das Buch im Original nicht nur „Die Brücke“ genannt, weil das ein schöner Titel ist. Vom Martin Luther Kings Marsch in Selma 1965 bis zu Obamas Wahl ist das ein geschlossenes Kapitel der amerikanischen Geschichte. Auch wenn die Wahlnacht wahrscheinlich der letzte Moment war, an dem wir es uns erlauben konnten, uns im warmen Schein der großartigen Fortschritte in Rassenfragen zu sonnen. Weil er eine Krise geerbt hat.
Sie nennen die Arbeit an solchen Büchern ,biografischen Journalismus‘. Warum haben Sie ausgerechnet jetzt ein Buch über Obama geschrieben?
Remnick: Ich habe mir gedacht, dass wir es hier mit einem Kandidaten zu tun haben, der seine politische Karriere unmöglich ins Zentrum seiner Kandidatur rücken kann. Also hat er seine Lebensgeschichte ins Zentrum gerückt. Und er hat es geschafft, seine eigene Erfahrung und die Geschichte unseres Landes zu verknüpfen. Das war eine sehr reizvolle Geschichte, die mit dem Wandel zu tun hat, den Amerika derzeit ethnisch und demografisch durchläuft. Deswegen hatte ich das Gefühl, dass das ein erfahrener Journalist aufarbeiten sollte, solange das noch politisch relevant ist. Ich verteidige ja keineswegs alle seine politischen Entscheidungen. Und in zehn Jahren werden wir uns sicherlich nur noch mit seiner Präsidentschaft beschäftigen.
In Europa prägen Bücher wieder zunehmend die politische Debatte. Wo sehen Sie die Rolle von Büchern?
Remnick: Es wäre albern und sentimental, zu glauben, dass vor 25 oder 50 Jahren jeder nach der Arbeit nach Hause ging und die Buddenbrooks oder Anna Karenina gelesen hat. Lesen war immer eine Angelegenheit der Eliten. Ich habe drei Kinder, die sind 20, 16 und elf Jahre alt. Da sehe ich den Reiz der verschiedenen Bildschirme, die natürlich mit dem Lesen konkurrieren. Ich bin aber im Geschäft des Schreibens und des Lesens. Für mich ist das immer noch ein unverbrüchlicher Teil menschlichen Lebens.
Im Umkehrschluss heißt das dann doch, dass der New Yorker ein elitäres Medium ist.
Remnick: Sicher gibt es viel Konkurrenz, wenn es um unsere Zeit, Kraft und Konzentration geht. Aber was kann ich da schon tun? Ich sage Ihnen, wenn das heißt, dass wir kürzer, dümmer, schneller, alberner werden sollen, dann ohne mich. Ich glaube fest daran, dass wir zwar nicht 300 Millionen Amerikaner dazu bringen, uns zu lesen. Ich kann vielleicht nicht die Aufmerksamkeit und die Gewohnheiten der ganzen Welt erobern. Aber ich kann meinen Teil dazu beitragen, etwas Großartiges, Schönes, Lustiges und Tiefschürfendes zu produzieren. Und sollte ich das je verraten, müsste man mich ins Gefängnis stecken.
Machen Sie sich denn über den Übergang von Print zu Online Gedanken?
Remnick: Die ganze Zeit. Wir haben eine sehr aktive und robuste Webseite, wir haben eine digitale Ausgabe, es gibt uns auf Papier. Und wir haben gerade eine App fürs iPad entwickelt – auch wenn es sich manchmal so anfühlt, als sei gerade 1947 und wir produzieren gerade Fernsehsendungen, obwohl es noch gar nicht so viele Fernsehgeräte gibt. Ich sehe außerdem noch gar nicht so viele iPads da draußen. Aber wir müssen flink und bereit sein, damit wir in jeder nur erdenklichen Form verfügbar sind, in der man uns lesen will.
Wie gehen Sie mit all den neuen Formen um, die neue Medien mit sich bringen?
Remnick: Ich will, dass sie uns lesen. Ich werde nicht irgend etwas veröffentlichen, das sich New Yorker nennt und dann bekommen Sie da einen Haufen kleiner, schlechter Filmchen zu sehen. Es muss ums Lesen gehen. Und die Qualität der Redaktion und der Faktenprüfung muss die gleiche sein.
Verliert nicht die lange Form der Texte durch die neuen Medien an Bedeutung?
Remnick: Das ist die vorherrschende Meinung. Aber wenn Sie auf unsere Webseite gehen, werden Sie sehen, dass die meistgelesenen Geschichten alle sehr lang sind. Die meistgelesene Geschichte, die wir je online veröffentlicht haben, war 17 000 Worte lang ( Das entspricht ungefähr sechs ganzen, bilderlosen Seiten der Süddeutschen Zeitu ng, A.d.Red ). Das war ein Stück von David Grann über einen Mann in Texas, der hingerichtet wurde, weil er angeblich seine Kinder umgebracht hat, indem er sein Haus in Brand steckte. David Granns Nachforschungen haben dann ergeben, dass er unschuldig war. Das war das erste Mal, dass ganz eindeutig bewiesen wurde, dass der Staat einen unschuldigen Menschen hingerichtet hat. Natürlich will uns nicht jeder lesen. Aber die, die uns lesen wollen, wollen das sehr intensiv. Wir würden uns als Land auch grob unterschätzen, wenn wir sagen würden, dass wir eine Nation von Idioten mit der Aufmerksamkeitsspanne einer Stechmücke sind.
Kostet diese Sorte Journalismus nicht sehr viel Geld?
Remnick: Das ist noch so ein weit verbreiteter Glaube, dass alles im Netz umsonst sein muss. Das klingt gut. Das klingt genauso gut wie die Idee, dass Hot Dogs umsonst sein müssen, die Miete, und Sex. Aber das sind Parolen. Wenn wir einen Reporter nach Afghanistan schicken, der sich dort auskennt und der ein hervorragender Journalist und Geschichtenerzähler ist, dann kostet das niemals nichts.
Werden Sie Bezahlinhalte einführen?
Remnick: Bei mir bekommen Sie nichts umsonst. Ich will keine Generation dazu erziehen, dass sie glaubt, dass das, was wir mit enormem Aufwand und enormen Kosten produzieren, nichts wert ist. Wenn ich alle Zwanzigjährigen daran gewöhne, dass sie auf unserer Webseite alles umsonst bekommen, dann wird der New Yorker aufhören zu existieren: Weil die Erwartungshaltung dann dahin geht, dass alles umsonst ist und wenn ich dann Geld verlange, werden sie dagegen rebellieren. Tageszeitungen haben diesen Fehler bis ins Extrem gemacht. Und sie mussten zurückrudern.
Haben die amerikanischen Medien aus ihren Fehlern gelernt?
Remnick: Wir leben in einer Zeit des Wandels. Wir experimentieren. Und wenn wir etwas ausprobieren, machen wir auch Fehler. Die iPad App, die wir veröffentlichen, ist nicht perfekt. Aber diese Zeitschrift wurde 1925 erstmals veröffentlicht, da war sie auch noch nicht perfekt. Aber wir werden nicht bis 1953 warten, um sie zu perfektionieren. Wir werden konstant daran arbeiten.
Wie viele Ihrer Inhalte werden hinter so genannten Paywalls sein?
Remnick: So machen wir das nicht. Sie bezahlen unsere App und bekommen das ganze Ding. Online bekommen sie weniger, aber sie bekommen Extras.
Werden sich angesichts der sinkenden Preise für Onlinewerbung mittelfristig nicht weniger Geld für die redaktionelle Arbeit haben?
Remnick: Nein, weil ich von Anfang an nicht auf Online-Werbung als Einnahmequelle gesetzt habe. Online-Werbung hat sich nicht ausgezahlt. Schon gar nicht für die Tageszeitungen. Ich komme ja von einer Zeitung, von der Washington Post, ich kenne diese Dramen sehr gut.
Den Zeitungen macht aber doch vor allem der Einbruch der Rubrikenanzei gen zu schaffen.
Remnick: Dieses ganze „Information muss umsonst sein“-Problem ist für Zeitungen und Zeitschriften vor allem deswegen ein Problem, weil Schlagzeilen keine Domäne der Zeitungen mehr sind. Der New Yorker hat ja zum Glück einen einzigartigen Mehrwert. Was wir machen, macht sonst niemand.
Welchen Anteil der Einkünfte bestreiten Sie denn mit Anzeigen?
Remnick: Wir finanzieren uns zu zwei Dritteln über Anzeigen und zu einem Drittel über Abonnements und Verkauf. Die meisten Magazine finanzieren sich viel deutlicher über Anzeigen.
Werden Sie denn die Abopreise erhöhen? Im Abo kostet der New Yorker ja weniger als einen Dollar, am Kiosk dagegen fünf.
Remnick: Das war das alte Modell. Wir haben die Auflage nach oben gedrückt, indem wir die Abos sehr billig gemacht haben. Aber das ändert sich. Und zwar nicht erst seit drei Jahren. Es kann nicht sein, dass ich für ein Heft des New Yorkers im Abo weniger als einen Dollar bezahle und der einfachste Kaffee bei Starbucks schon teurer ist. Das erscheint mir doch als ein etwas seltsames Wertversprechen, wie es in der Wirtschaft heißt. Hier haben Sie ein Heft, an dem viele Leute auf höchstem Niveau arbeiten. Da ist eine Geschichte über John Updike, und George Packer geht für Sie nach Afghanistan, und sie haben Lyrik von Derek Walcott. Und das soll billiger sein, als eine Tasse Kaffee?
Aber ist es dafür amerikanische Printpublikationen nicht ähnlich, wie im Netz? Dass sie die Leser längst an billige Abos gewöhnt haben?
Remnick: Früher waren Amerikaner ja immer geschockt, wenn Sie in Europa gesehen haben, was Zeitungen kosten. Mein Gott, mehr als einen Dollar! Die New York Times kostet doch nur einen 25 Cents! Das hat sich geändert. Die New York Times kostet jetzt zwei Dollar. Da haben wir wenigstens einmal an Europa aufgeschlossen.
Sehen Sie das Internet denn als Bedrohung für die klassischen Medien?
Remnick: Ich setze große Hoffnungen in das Internet, seine Möglichkeiten, die neuen Formen des Journalismus. Aber es gibt eben auch ungewollte Folgen des technischen Fortschrittes. Schauen Sie doch mal hier auf die andere Seite des Flusses ( Remnick deutet aus dem Fenster über die Häuserschluchten und den Hudson River nach New Jersey ). Da gibt es eine große Stadt namens Newark. Als ich aufwuchs ist jeder einzelne Bürgermeister dort ins Gefängnis gewandert. Warum? Weil es dort eine aggressive Zeitung gibt. Die Lokalpresse bringt die ins Gefängnis. Nicht irgendwelche Blogger oder die Polizei. Sollte es keine Zeitungen mehr geben, würde ich mir als Staatsbürger wirklich Sorgen machen.
Aber es gibt doch gerade hier in den USA Politiker, die wirklich Macht und Einfluss haben. Huffington Post ist doch ein Beispiel dafür.
Remnick: Bei allem Respekt für Arianna Huffington, aber was bitte ist schon die Huffington Post? Ich finde ihre abwertenden und beleidigenden Bemerkungen über die New York Times vor allem arrogant. Wenn man sich ihre Webseite anschaut, dann sind das vor allem Blogger, deren Qualität von zweifelhaft bis mittelmäßig reicht. In der rechten Spalte gibt es Titten, Ärsche und Klatschnachrichten, wer gerade wieder am meisten abgenommen hat. Und in der Mitte sind Artikel aus der New York Times , dem Wall Street Jour nal und der Washington Post , denen sie liberalere Überschriften geben.
Ist Wikileaks nicht eine neue Form des Journalismus, die ohne das Internet nicht möglich gewesen wäre?
Remnick: Nicht alle Informationsquellen sind Heilige. Ich fand ja, dass die New York Times , der Guardian und der Spiegel da sehr gut damit umgegangen sind. Sie haben die Information eben aufgearbeitet und sie nicht einfach rausgepfeffert. Die Quelle war ja offensichtlich ein einzelner, verärgerter Mensch. Es gehört eben zu den verantwortungsvollen Aufgaben einer Publikation, genau einzuschätzen, was man veröffentlich und was nicht, Erklärungen zu liefern und Kontexte zu schaffen. Dazu braucht man professionelle Erfahrung. Genauso wie ich annehme, dass Sie wissen was Sie tun, wenn Sie mein Auto reparieren.
Foto: wowe
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"Als ich aufwuchs ist jeder einzelne Bürgermeister dort ins Gefängnis gewandert. Warum? Weil es dort eine aggressive Zeitung gibt. Die Lokalpresse bringt die ins Gefängnis. Nicht irgendwelche Blogger oder die Polizei."
Hm. Bei aller Hochachtung, ein kleiner Einwand muss sein: Als er aufwuchs, gab's keine Blogger.
Und: normalerweise bringen Richter Kriminelle ins Gefängnis.
"Es gehört eben zu den verantwortungsvollen Aufgaben einer Publikation, genau einzuschätzen, was man veröffentlich und was nicht, Erklärungen zu liefern und Kontexte zu schaffen."
...und die Anzeigenkunden nicht zu vergessen...
Comment by Jeeves — Oktober 7, 2010 @ 11:36
Ein sehr interessantes Interview.
Ich habe Remnicks Buch gelesen (und verstehe nicht, warum der englische Titel derart schlecht übersetzt wurde), und seine Thesen zu Obama sind wirklich lesenswert. Ich würde mir allerdings wünschen, dass sich Leute wie Remnick noch viel stärker in die aktuelle Debatte einmischen. In meinen Augen lassen Amerikas (liberale) Intellektuelle den Präsidenten im Moment viel zu oft allein: Man darf doch den Wahnsinn der "Tea Party" nicht unbeantwortet lassen! Warum kämpft niemand für den Mann, der in zwei Jahren mehr erreicht hat, als sein Vorgänger in acht?
Die Einlassungen zu Onlinemedien finde ich absolut zutreffend. Ich besuche täglich die "HuffPo", und Remnick hat schon Recht: Mehr Verpackung als Inhalt, eine Art Infotainment mit politischen Ambitionen. Hinzu kommt Mrs. Huffingtons persönlicher Populismus, gekoppelt an ihr jeweils aktuellestes Buchprojekt (momentan "Middle Class").
Die Seite des New Yorker ist sehr gelungen, teilweise regelrecht grandios. Die sind auf einem richtig guten Weg, und für solche Inhalte zahle ich auch gerne. Jetzt müssten Sie nur noch ein Android-App rausbringen.
Besonders die Podcasts, speziell "The Political Scene", sind echte Mehrwerte. Gerade die langen Artikel, besonders die Stücke von Packer und Hersh, sind ein Muss.
Dem Journalismus geht es gut, solange Leute wie David Remnick damit ihr Geld verdienen.
Comment by Sebastian Schöbel — Oktober 10, 2010 @ 10:08
[...] teurer sei als das eigene Magazin, sagte der amerikanische Journalist David Remnick mal in einem Interview. So wurde sein eigenes Blatt lange Zeit im Abo für einen Dollar verscherbelt (immerhin, wird [...]
Pingback by Carapetyan & Krämer – International Marketing Communications » Blog Archive » Seltsame Wertversprechen — August 5, 2011 @ 14:33