1 KommentarGutes Geld
Es gibt in der Entwicklungshilfe nur zwei unschlagbare Argumente. Das eine ist Geld, das andere Erfolg. Geld lässt sich zählen. Erfolg zu bestimmen ist nicht ganz so einfach. Das ändert sich derzeit. Allerdings sollte man sich zunächst einmal vom Begriff der Wohltätigkeit verabschieden, der auf einer anachronistischen Gönnerhaftigkeit beruht, die immer noch vom Denken des Feudalismus und der Kolonialzeit geprägt wird. Der neue Ansatz geht davon aus, dass man Entwicklungshilfe genauso ergebnisorientiert behandeln sollte wie jedes andere Geschäft. Wer helfen will, soll das mit der kühlen Präzision eines Notfallchirurgen tun. Der kann sich auch kein Mitleid erlauben.
Im Englischen der internationalen Politik gibt es schon einen Ausdruck für die neue Haltung: 'Philantrocapitalism'. Das klingt in europäischen Ohren zunächst einmal nach einem unsympathischen Widerspruch. Aber gerade den will Melinda Gates nun auflösen. Melinda Gates ist eine resolute Dame, der man anmerkt, dass sie keine Widerrede gewohnt ist. Und sie weiß, dass sie beide Argumente auf ihrer Seite hat. Im schlichten, marineblauen Business-Anzug tritt sie im New Yorker Museum für Fernsehen und Radio auf die Bühne und stellt klar - Entwicklungshilfe funktioniert. '1,3 Milliarden Menschen haben sich in den letzten 23 Jahren aus der Armut herausgearbeitet', sagt sie.
Und sie funktioniert natürlich vor allem, wenn man sie so effektiv betreibt wie jene Einheit, die sie statt der ersten Person Singular benutzt: 'Bill und ich'. 'Bill' ist Bill Gates, ihr Ehemann, und mit dem zusammen verfügt sie über mehr Geld als jeder andere Mensch auf diesem Planeten. Fast jeder zumindest - mit 54 Milliarden US-Dollar Privatvermögen stehen die Gates derzeit auf Platz 2 der Liste der weltweit 973 Milliardäre.
Melinda Gates war auch die treibende Kraft, die nun dazu geführt hat, dass die Bill & Melinda Gates Stiftung mehr Geld in das afrikanische Gesundheitswesen investiert als die Weltgesundheitsorganisation. Dass die Gates vierzig andere Milliardäre davon überzeugten, so wie sie die Hälfte ihres Vermögens zu spenden. Und dass sich die Kräfteverhältnisse an der Spitze der digitalen Kultur umgekehrt haben. Während sich Microsoft-Gründer Bill Gates in den Augen der Öffentlichkeit vom finsteren Monopolisten zur treibenden Kraft des globalen guten Willens gewandelt hat, musste Apple-Chef Steve Jobs mit ansehen, wie sich sein Image vom progressiven Erneuerer der digitalen Welt zum Quasi-Diktator mit Kontrollwahn verdrehte.
Eine 'Tedx-Konferenz' hat Melinda Gates am Rande der UN-Generalversammlung in New York einberufen. Das ist einer jener unabhängigen Ableger der 'Ted Conference', jenes Ideen-Festivals, bei dem Vordenker aus Wissenschaft, Design und Aktivismus in Vorträgen von 18 Minuten ihre Arbeit auf den Punkt bringen. Und auch das ist ein Zeichen für den Wandel. Der übliche Weg an die Öffentlichkeit führte für Entwicklungs- und Hilfsorganisationen bisher über Presse, Funk und Fernsehen. Da aber stoßen die gut gemeinten Vorhaben schnell auf jenes Phänomen, das mit dem Begriff 'Donor Fatigue' die allgemeine Malaise bezeichnet, mit der die wohlhabende Öffentlichkeit seit einiger Zeit den inflationären Anliegen der unzähligen Hilfsorganisationen begegnet. Wer sich um Afghanistan, Haiti und Pakistan sorgen soll, der kann sich nicht auch noch Gedanken um Kindersterblichkeit, Aids und Malaria machen, geschweige denn um den Stand der Dinge in den Katastrophengebieten der Vergangenheit wie Sri Lanka, Iran und New Orleans.
Die Nachhaltigkeit des Engagements ist jedoch entscheidend, sagt Melinda Gates: 'Nächstes Jahr wird das Geld für Polio-Impfungen in der Dritten Welt zu Ende gehen. So kurz vor dem Ziel. Die Krankheit ist zu 99 Prozent besiegt. Doch die letzten Seuchenherde sind in den Slums der Dritten Welt, fernab der Weltöffentlichkeit. Das weiß kaum jemand. Nur - wenn wir jetzt aufhören, verpassen wir die Chance, eine Krankheit von dieser Erde zu verbannen.'
Ein Interview in einer der wichtigen Fernseh-Talkshows bei einem der großen Fernsehsender könnten Melinda Gates" Assistenten sicher mit einem Anruf lancieren. Doch eine Ted-Konferenz hat nicht nur den Effekt, dass man auf eine prinzipielle Bereitschaft zählen kann. Im Netz hat die Ted-Konferenz längst eine extreme Aura und damit eine enorme Verbreitungskraft entwickelt. So wird Melinda Gates" Konferenz mit den vier Sprechern an 82 Orten in 40 Ländern rund um den Globus als 'Livestream' übertragen. Das sitzen die Interessierten in einem Gemeindezentrum von Nairobi oder im Soho House Club in Berlin vor Leinwänden und verfolgen die Vorträge.
Das tun auch die Blogger im Nebenraum des Auditoriums, welche die Kernpunkte der Vorträge quasi in Echtzeit über ihre Blogs, über das soziale Netzwerk Facebook und den Kurznachrichtendienst Twitter verbreiten. Die Aufzeichnungen der Vorträge werden dann wiederum in wenigen Tagen auf der Webseite der Ted-Konferenz abrufbar, die man in jede beliebige Webseite, in jeden beliebigen Blog einbetten kann.
'Viral' heißt dieser Effekt, bei dem sich Ideen, Videos und Bilder wie Viren im Netz ausbreiten, und keiner beherrscht ihn so gut wie die Ted-Konferenz. Deren Motto heißt 'Ideas Worth Spreading'. Und weil Melinda Gates nicht nur Milliarden zu vergeben, sondern auch Überzeugungsarbeit für ihre Ideen zu leisten hat, ist dieser Weg sicherlich der effektivste.
Weil Erfolg eigentlich als unmoralische Angelegenheit verrufen ist, hat sie den schwedischen Arzt und Statistiker Hans Rosling als Eröffnungsredner engagiert. Rosling hat die Energie eines Fußballmoderators. Und wenn er dann seine Statistiken auf der Leinwand animiert, kommentiert er die bewegten Kurven der Erfolgsmodelle in der Entwicklungshilfe, als seien es Doppelpässe beim Endspiel. 'Millenniumsziele sind großartig', sagt er zu den ambitionierten Messwerten zum Wohlergehen der Menschheit, den sich die Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen vorgegeben haben. 'So wird Fortschritt messbar.'
Melinda Gates rezitiert dann noch eine Reihe neuer Ansätze. Sie orientiert sich eher an Coca-Cola als an Ärzten ohne Grenzen: 'Wenn Coca-Cola Limonade in den hintersten Winkel der Welt bringen kann, warum schaffen wir es dann nicht mit Kondomen und Medikamenten?' Sie will Erfolge in Echtzeit messen und nicht am Ende eines Projekts, die Hilfsempfänger als Kunden behandeln und lokale Kräfte als Vertreter einsetzen. Melinda Gates" Modell ist so kühl und effektiv wie ein Business-Plan. Und gerade da liegt ihre Stärke. Sie verkauft Ideen. Keine Moral.
Foto: Chris Anderson (TED Conference) und Melinda Gates, courtesy of Bill & Melinda Gates Foundation
1 Kommentar »
RSS Feed für Kommentare zu diesem Artikel. TrackBack URL




"Wenn Coca-Cola Limonade in den hintersten Winkel der Welt bringen kann, warum schaffen wir es dann nicht mit Kondomen und Medikamenten?'"
Hm...vielleicht sollte man Coca-Cola einfach mal damit beauftragen, vielleicht kommt ja was bei rum.
Comment by Werbeagentur — Oktober 1, 2010 @ 13:04