06.09.10 | 06:46 | 0 Kommentare

#musicmonday

ipanema

Jenseits von Ipanema

Kaum ein Pop-Genre war über die Jahrzehnte so resistent gegen Erneuerungen wie Bossa Nova. Was als leise Rebellion Jazz-begeisterter Bildungsbürger in Rio de Janeiro gegen den allgegenwärtigen Sambarhythmus begann, wurde schon bald zum staatstragenden Soundtrack für ein erotisiertes Brasilienklischee. Das liegt zum einen daran, dass die lässige Melancholie der Bossa Nova von einer dichten Harmonik und einer reduzierten Rhythmik getragen wird, die kaum einen Ausbruch zulassen. Selbst Frank Sinatra, das Idol der Bossa-Bewegung, sagte nach einer Aufnahme mit Antonio Carlos Jobim: „Das letzte Mal, dass ich so leise gesungen habe, war, als ich eine Kehlkopfentzündung hatte.“

Es liegt aber auch am großen musikgeschichtlichen Schatten, den Jobim über sein Land geworfen hat. Drei neue CDs führen nun vor, dass der Bossa sehr wohl für Neuerungen durchlässig ist. Wenn man sie so behutsam verwendet, wie es die fragile Musik erfordert.

Auf seinem neuen Album „Senhoras Do Amazonas“ (yellowbird) führt Jobims musikalischer Ziehsohn Joao Bosco zu Wurzeln der Bossa-Bewegung zurück, als brasilianische Liedermacher und Jazzmusiker aus dem Norden einen so enormen Gefallen aneinander fanden. Gemeinsam mit der NDR Big Band erzeugt er zwischen den brasilianischen Harmonien, der geballten Wucht einer modern arrangierten Big Band und den inspirierten Solisten eine Spannung, die das Behutsame ohne bilderstürmerischen Ehrgeiz immer wieder gelungen aushebelt.

Viel vorsichtiger geht Vinicius Cantuaria auf „Samba Carioca“ (naive) vor. Das Album ist vordergründig puristisch von seiner Stimme und seiner akustischen Gitarre geprägt. Produziert hat jedoch der in Brasilien aufgewachsene New Yorker No-Wave-Avantgardist Arto Lindsay. Der hat sich schon bei seiner Arbeit mit Caetano Veloso und Bebel Gilberto mit einem Gespür für neue Zwischentöne im Bossa profiliert. Wenn der amerikanische Jazzstar Brad Mehldau, die Bossa-Legenden Marcos Valle und Joao Donato ihre Klavierakzente setzen oder der Gitarrist Bill Frisell seine Klangsphären dazumischt, beziehen sich diese Zwischentöne auf einen Minimalismus, der im Avantgarde-Jazz zu Hause ist und nicht im puristischen Dogma des Bossa.

Ähnlich raffiniert arbeitet Paula Morelenbaum. Auch sie entkommt dem Schatten ihres einstigen Förderers Jobim nicht. Doch auf ihren letzten Alben schuf sie mit ihrem Ehemann, dem Cellisten Jacques Morelenbaum, und dem japanischen Pianisten und Popstar Ryuichi Sakamoto einen kammermusikalischen Kontext, in dem sich das Dogma elegant aufbrechen ließ. Auf ihrem neuen Album „Telecoteco“ (Q-rious) zeigt sie, dass Bossa Nova auch Hip-Hop und House verträgt. Wenn auch nur als Klangtupfer.

Es ist kein Zufall, dass alle drei Alben auf europäischen Labels erschienen sind. Mit der brasilianischen Wirklichkeit hat Bossa Nova heute weniger zu tun denn je. Die begleitet der Baile Funk. Doch für eine Musik mit statischer Geschichte sind diese drei Alben sicherlich Beispiel dafür, wie sich Bossa im ursprünglichen Geist einer transkontinentalen Avantgarde erneuern lässt.

Foto: Kurt Hutton/Getty Image

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