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So macht man das also. Man engagiert Roman Coppola und Jason Schwartzman, dann kann man als New Yorker auch mal vier Monate später als alle anderen mit seiner app auf den Markt.
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Es gibt in der Entwicklungshilfe nur zwei unschlagbare Argumente. Das eine ist Geld, das andere Erfolg. Geld lässt sich zählen. Erfolg zu bestimmen ist nicht ganz so einfach. Das ändert sich derzeit. Allerdings sollte man sich zunächst einmal vom Begriff der Wohltätigkeit verabschieden, der auf einer anachronistischen Gönnerhaftigkeit beruht, die immer noch vom Denken des Feudalismus und der Kolonialzeit geprägt wird. Der neue Ansatz geht davon aus, dass man Entwicklungshilfe genauso ergebnisorientiert behandeln sollte wie jedes andere Geschäft. Wer helfen will, soll das mit der kühlen Präzision eines Notfallchirurgen tun. Der kann sich auch kein Mitleid erlauben.
Im Englischen der internationalen Politik gibt es schon einen Ausdruck für die neue Haltung: 'Philantrocapitalism'. Das klingt in europäischen Ohren zunächst einmal nach einem unsympathischen Widerspruch. Aber gerade den will Melinda Gates nun auflösen. Melinda Gates ist eine resolute Dame, der man anmerkt, dass sie keine Widerrede gewohnt ist. Und sie weiß, dass sie beide Argumente auf ihrer Seite hat. Im schlichten, marineblauen Business-Anzug tritt sie im New Yorker Museum für Fernsehen und Radio auf die Bühne und stellt klar - Entwicklungshilfe funktioniert. '1,3 Milliarden Menschen haben sich in den letzten 23 Jahren aus der Armut herausgearbeitet', sagt sie.
Und sie funktioniert natürlich vor allem, wenn man sie so effektiv betreibt wie jene Einheit, die sie statt der ersten Person Singular benutzt: 'Bill und ich'. 'Bill' ist Bill Gates, ihr Ehemann, und mit dem zusammen verfügt sie über mehr Geld als jeder andere Mensch auf diesem Planeten. Fast jeder zumindest - mit 54 Milliarden US-Dollar Privatvermögen stehen die Gates derzeit auf Platz 2 der Liste der weltweit 973 Milliardäre.
Melinda Gates war auch die treibende Kraft, die nun dazu geführt hat, dass die Bill & Melinda Gates Stiftung mehr Geld in das afrikanische Gesundheitswesen investiert als die Weltgesundheitsorganisation. Dass die Gates vierzig andere Milliardäre davon überzeugten, so wie sie die Hälfte ihres Vermögens zu spenden. Und dass sich die Kräfteverhältnisse an der Spitze der digitalen Kultur umgekehrt haben. Während sich Microsoft-Gründer Bill Gates in den Augen der Öffentlichkeit vom finsteren Monopolisten zur treibenden Kraft des globalen guten Willens gewandelt hat, musste Apple-Chef Steve Jobs mit ansehen, wie sich sein Image vom progressiven Erneuerer der digitalen Welt zum Quasi-Diktator mit Kontrollwahn verdrehte.
Eine 'Tedx-Konferenz' hat Melinda Gates am Rande der UN-Generalversammlung in New York einberufen. Das ist einer jener unabhängigen Ableger der 'Ted Conference', jenes Ideen-Festivals, bei dem Vordenker aus Wissenschaft, Design und Aktivismus in Vorträgen von 18 Minuten ihre Arbeit auf den Punkt bringen. Und auch das ist ein Zeichen für den Wandel. Der übliche Weg an die Öffentlichkeit führte für Entwicklungs- und Hilfsorganisationen bisher über Presse, Funk und Fernsehen. Da aber stoßen die gut gemeinten Vorhaben schnell auf jenes Phänomen, das mit dem Begriff 'Donor Fatigue' die allgemeine Malaise bezeichnet, mit der die wohlhabende Öffentlichkeit seit einiger Zeit den inflationären Anliegen der unzähligen Hilfsorganisationen begegnet. Wer sich um Afghanistan, Haiti und Pakistan sorgen soll, der kann sich nicht auch noch Gedanken um Kindersterblichkeit, Aids und Malaria machen, geschweige denn um den Stand der Dinge in den Katastrophengebieten der Vergangenheit wie Sri Lanka, Iran und New Orleans.
Die Nachhaltigkeit des Engagements ist jedoch entscheidend, sagt Melinda Gates: 'Nächstes Jahr wird das Geld für Polio-Impfungen in der Dritten Welt zu Ende gehen. So kurz vor dem Ziel. Die Krankheit ist zu 99 Prozent besiegt. Doch die letzten Seuchenherde sind in den Slums der Dritten Welt, fernab der Weltöffentlichkeit. Das weiß kaum jemand. Nur - wenn wir jetzt aufhören, verpassen wir die Chance, eine Krankheit von dieser Erde zu verbannen.'
Ein Interview in einer der wichtigen Fernseh-Talkshows bei einem der großen Fernsehsender könnten Melinda Gates" Assistenten sicher mit einem Anruf lancieren. Doch eine Ted-Konferenz hat nicht nur den Effekt, dass man auf eine prinzipielle Bereitschaft zählen kann. Im Netz hat die Ted-Konferenz längst eine extreme Aura und damit eine enorme Verbreitungskraft entwickelt. So wird Melinda Gates" Konferenz mit den vier Sprechern an 82 Orten in 40 Ländern rund um den Globus als 'Livestream' übertragen. Das sitzen die Interessierten in einem Gemeindezentrum von Nairobi oder im Soho House Club in Berlin vor Leinwänden und verfolgen die Vorträge.
Das tun auch die Blogger im Nebenraum des Auditoriums, welche die Kernpunkte der Vorträge quasi in Echtzeit über ihre Blogs, über das soziale Netzwerk Facebook und den Kurznachrichtendienst Twitter verbreiten. Die Aufzeichnungen der Vorträge werden dann wiederum in wenigen Tagen auf der Webseite der Ted-Konferenz abrufbar, die man in jede beliebige Webseite, in jeden beliebigen Blog einbetten kann.
'Viral' heißt dieser Effekt, bei dem sich Ideen, Videos und Bilder wie Viren im Netz ausbreiten, und keiner beherrscht ihn so gut wie die Ted-Konferenz. Deren Motto heißt 'Ideas Worth Spreading'. Und weil Melinda Gates nicht nur Milliarden zu vergeben, sondern auch Überzeugungsarbeit für ihre Ideen zu leisten hat, ist dieser Weg sicherlich der effektivste.
Weil Erfolg eigentlich als unmoralische Angelegenheit verrufen ist, hat sie den schwedischen Arzt und Statistiker Hans Rosling als Eröffnungsredner engagiert. Rosling hat die Energie eines Fußballmoderators. Und wenn er dann seine Statistiken auf der Leinwand animiert, kommentiert er die bewegten Kurven der Erfolgsmodelle in der Entwicklungshilfe, als seien es Doppelpässe beim Endspiel. 'Millenniumsziele sind großartig', sagt er zu den ambitionierten Messwerten zum Wohlergehen der Menschheit, den sich die Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen vorgegeben haben. 'So wird Fortschritt messbar.'
Melinda Gates rezitiert dann noch eine Reihe neuer Ansätze. Sie orientiert sich eher an Coca-Cola als an Ärzten ohne Grenzen: 'Wenn Coca-Cola Limonade in den hintersten Winkel der Welt bringen kann, warum schaffen wir es dann nicht mit Kondomen und Medikamenten?' Sie will Erfolge in Echtzeit messen und nicht am Ende eines Projekts, die Hilfsempfänger als Kunden behandeln und lokale Kräfte als Vertreter einsetzen. Melinda Gates" Modell ist so kühl und effektiv wie ein Business-Plan. Und gerade da liegt ihre Stärke. Sie verkauft Ideen. Keine Moral.
Foto: Chris Anderson (TED Conference) und Melinda Gates, courtesy of Bill & Melinda Gates Foundation
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Grandiose Kartographie-Cartoons auf Christoph Niemanns prinzipiell genialischem NYT-Blog.
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Gehöre ja eher zu den Zweitanwendern. Jetzt habe ich mir aber doch einen der iPads geholt, die hier in der Redaktion zirkulieren. Nein, das ist schon großartig, wie souverän Apple das Nutzerverhalten verändert, wie lässig der iPad das Internet aus der Arbeits- in die Alltagswelt transportiert. Und ich ertappe mich bei diesen klassischen Doppelmoral-Reflexen.
Bleibt man mal bei dem neuen Bild, dass Handies die neuen Zigaretten sind (also Mittel, den schlechter verdienenden Mehrheiten mit Konsumzwang bei der Stange zu halten und ihnen dabei Kleinstbeträge aus der Tasche zu ziehen, die sich zu massiven Profiten summieren), dann ist der iPad Crack. Gerade wenn man das Gerät benutzt, wie das Browser-basiert Internet, bucht einem das Gerät einen gar nicht so kleinen Betrag nach dem anderen ab. Als Nutzer ist man genervt. Als Medienschaffender denkt man sich, ah, ja, richtig, das wollten wir doch immer. So könnte sich die Zukunft der Medien ja doch profitabel gestalten lassen.
Die amerikanischen Kollegen verkünden deswegen auch gleich mal den Tod des Browser-basierten Internets. Im Atlantic Monthly gehen Walter Isaacson und Michael Hirschhorn darauf ein, in Wired verkündet Chefredakteur Chris Anderson höchstpersönlich den Tod des World Wide Web. Die Zahlen (siehe Grafik) sprechen dort ja auch schon für sich.
Was mich an diesen ganzen iPad-Anwendungen noch irritiert ist die Tatsache, dass gerade bei den Printmedien-Apps ja letztlich ein anachronistisches Medienverhalten simuliert wird. Man blättert eben durch eine Zeitschrift, wie man das auch analog tun kann. Damit kann man vielleicht die "Generation Payback" binden, die vom anarchischen Internet bisher überfordert war. Die zahlt sicher gerne für Komfort und Übersichtlichkeit. Aber was ist mit der Generation @, die mit der multimedialen Anarchie aufgewachsen ist, die neue Formen sucht und fordert, die gewohnt ist, dass Inhalte gratis verfügbar sind? Und sind das überhaupt feste Größen? Gibt es nicht vielleicht in jedem Leben eine "Payback"- und eine "@"-Phase? Lebt man also vom ca. 10. bis 30. Lebensjahr als Digital Native und wird dann von der Familie und der eigenen Produktivität nicht automatisch zum "Digital Immigrant"?
Damit wäre die digitale Kultur eine Underground-geprägte Popkultur. Für die braucht man ja auch ein jugendliches Zeitkontingent und die entsprechende Energie, um sie zu leben und nicht nur periphär zu beobachten.
Grafik: Wired
0 KommentareA lecture by Steven Pinker - Johnstone Professor of Psychology at Harvard University. A recently widely publicized study claims that Ashkenazi Jews have been biologically selected for high intelligence and tend to suffer genetic diseases as a by-product. Steven Pinker will discuss this claim in the context of current debates on nature, nurture, intelligence and race.
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Jenseits von Ipanema
Kaum ein Pop-Genre war über die Jahrzehnte so resistent gegen Erneuerungen wie Bossa Nova. Was als leise Rebellion Jazz-begeisterter Bildungsbürger in Rio de Janeiro gegen den allgegenwärtigen Sambarhythmus begann, wurde schon bald zum staatstragenden Soundtrack für ein erotisiertes Brasilienklischee. Das liegt zum einen daran, dass die lässige Melancholie der Bossa Nova von einer dichten Harmonik und einer reduzierten Rhythmik getragen wird, die kaum einen Ausbruch zulassen. Selbst Frank Sinatra, das Idol der Bossa-Bewegung, sagte nach einer Aufnahme mit Antonio Carlos Jobim: „Das letzte Mal, dass ich so leise gesungen habe, war, als ich eine Kehlkopfentzündung hatte.“
Es liegt aber auch am großen musikgeschichtlichen Schatten, den Jobim über sein Land geworfen hat. Drei neue CDs führen nun vor, dass der Bossa sehr wohl für Neuerungen durchlässig ist. Wenn man sie so behutsam verwendet, wie es die fragile Musik erfordert.
Auf seinem neuen Album „Senhoras Do Amazonas“ (yellowbird) führt Jobims musikalischer Ziehsohn Joao Bosco zu Wurzeln der Bossa-Bewegung zurück, als brasilianische Liedermacher und Jazzmusiker aus dem Norden einen so enormen Gefallen aneinander fanden. Gemeinsam mit der NDR Big Band erzeugt er zwischen den brasilianischen Harmonien, der geballten Wucht einer modern arrangierten Big Band und den inspirierten Solisten eine Spannung, die das Behutsame ohne bilderstürmerischen Ehrgeiz immer wieder gelungen aushebelt.
Viel vorsichtiger geht Vinicius Cantuaria auf „Samba Carioca“ (naive) vor. Das Album ist vordergründig puristisch von seiner Stimme und seiner akustischen Gitarre geprägt. Produziert hat jedoch der in Brasilien aufgewachsene New Yorker No-Wave-Avantgardist Arto Lindsay. Der hat sich schon bei seiner Arbeit mit Caetano Veloso und Bebel Gilberto mit einem Gespür für neue Zwischentöne im Bossa profiliert. Wenn der amerikanische Jazzstar Brad Mehldau, die Bossa-Legenden Marcos Valle und Joao Donato ihre Klavierakzente setzen oder der Gitarrist Bill Frisell seine Klangsphären dazumischt, beziehen sich diese Zwischentöne auf einen Minimalismus, der im Avantgarde-Jazz zu Hause ist und nicht im puristischen Dogma des Bossa.
Ähnlich raffiniert arbeitet Paula Morelenbaum. Auch sie entkommt dem Schatten ihres einstigen Förderers Jobim nicht. Doch auf ihren letzten Alben schuf sie mit ihrem Ehemann, dem Cellisten Jacques Morelenbaum, und dem japanischen Pianisten und Popstar Ryuichi Sakamoto einen kammermusikalischen Kontext, in dem sich das Dogma elegant aufbrechen ließ. Auf ihrem neuen Album „Telecoteco“ (Q-rious) zeigt sie, dass Bossa Nova auch Hip-Hop und House verträgt. Wenn auch nur als Klangtupfer.
Es ist kein Zufall, dass alle drei Alben auf europäischen Labels erschienen sind. Mit der brasilianischen Wirklichkeit hat Bossa Nova heute weniger zu tun denn je. Die begleitet der Baile Funk. Doch für eine Musik mit statischer Geschichte sind diese drei Alben sicherlich Beispiel dafür, wie sich Bossa im ursprünglichen Geist einer transkontinentalen Avantgarde erneuern lässt.
Foto: Kurt Hutton/Getty Image
0 Kommentare(Aus dem Feuilleton vom Freitag) Das Gütesiegel für jede populistische Debatte ist der Satz: "Endlich sagt's mal einer." Hat man nun oft gehört und gelesen im Zusammenhang mit der Sarrazin-Debatte. Keineswegs an einem jener ominösen Stammtische, die man immer dann heraufbeschwört, wenn man eine Debatte diskreditieren will, sondern etwa im Parkett des Münchner Gasteigs vor einem Konzert der Münchner Philharmoniker. Und das auch nicht in diesen Tagen, sondern schon vor mehreren Monaten. Der Nerv, den Thilo Sarrazin mit seinem inzwischen legendären Interview in der Zeitschrift Lettre getroffen hat, spiegelt keineswegs ein untergründiges rechtes Raunen in den Abgründen des kollektiven Unterbewusstseins.
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Was Sarrazin anspricht sind die Ängste des Bildungsbürgertums. Er ist auch keineswegs der erste, der diese Ängste anspricht. "Deutschland schafft sich ab" führt letztlich die Debatte fort, die der Philosoph Peter Sloterdijk im vergangen Jahr mit seinem Essay "Aufbruch der Leistungsträger" angestoßen hat. Der entscheidende Unterschied zwischen Sloterdijk und Sarrazin liegt in der Rhetorik und im Denken. Sloterdijk ist ein Meister des analytischen Denkens. Sarrazin ist ein meisterhafter Analytiker Analyst. Der eine sucht nach größeren Zusammenhängen und ihren Ursachen, der andere sucht nach dem Kontext für ein mögliches Ergebnis.
Momentan konzentriert sich die Debatte auf die drei großen Schwachpunkte in Sarrazins Text: die Ethnisierung eines Klassenproblems; die eugenische Betrachtung eines Bildungsproblems; und die segregationistische Behandlung des Integrationsproblems. Man kann aber die inhaltlichen Schwierigkeiten des Buches auch außen vor lassen, die all jenen liberalen Widerwillen auslösen, mit dem man ihm in diesen Tagen begegnet. Untersucht man die Gründe für den furiosen Erfolg seiner Thesen und seines Buches, so stößt man rasch auf ein rhetorisches Muster, das man in den Debatten anderer Länder häufig, hierzulande aber noch selten findet.
Was Thilo Sarrazin in seinem Buch konstruiert, ist ein in sich stimmiges Weltbild, das von der verführerischen Logik der Demagogie getragen wird. Das ist als solches keine ideologische Domäne der Rechten. Der dezidiert linke amerikanische Dokumentarfilmer und Buchautor Michael Moore beherrscht diese Technik beispielsweise wie nur wenige. Was solch eine Logik zunächst einmal schafft, ist eine unumstößliche Souveränität, denn es zwingt jeden Debattengegner, in diese Logik von außen hinein zu sticheln. Wer souverän ist, der kann sich dazu noch den Luxus des Humors leisten. Da mag Sarrazin seine Defizite haben, doch wer Souveränität und Humor gegen Moral und differenzierte Argumentation ins Feld führen kann, ist rhetorisch im Vorteil. Kein Wunder, dass die moralische Seite der Debatte als Gegenargumente nur Ausschluss und Rauswurf ins Feld führt.
Die Grundlage derartiger Suggestionen ist entweder eine enzyklopädisch-eklektische Ideensammlung oder die eigene Erfahrung. Aus den eigenen Erfahrungen an den Frontlinien der Integrationsproblematik hat beispielsweise die verstorbene Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig ihr Buch "Das Ende der Geduld - Konsequent gegen jugendliche Gewalttäter" gemacht, das in dieser Woche auf Platz eins der Spiegel-Bestsellerliste steht, auf der Sarrazin den zweiten Platz belegt. Auch Heisig wurde eine rechts-autoritäre Position vorgeworfen, da sie einen harten Umgang mit straffälligen Jugendlichen vor allem in den Einwanderergemeinden der Republik forderte. Weil sie ihre Schlussfolgerungen jedoch mit einer so geballten Empirie untermauerte, gilt ihr Urteil als unanfechtbar. Und wie Sarrazin sprach sie eine diffuse Angst in Deutschland an, die hier eine Antwort findet.
Sarrazins Buch ist dagegen eine jener Ideensammlungen, aus denen auch Michael Moore seine Bücher und Filme konstruiert. Das Modell liefern die Bestseller der angelsächsischen Ideenkultur. Diese teilen sich in die populären Bücher angesehener Wissenschaftler, wie des Evolutionsbiologen Jared Diamond oder des Anthropologen Richard Wrangham und die Gedankenspiele von Autoren wie Malcolm Gladwell, Steven Levitt und Stephen Dubner. Die Bücher funktionieren nach einer Methodik, die man eigentlich aus dem Kino kennt. Sie zielen auf ein Aha-Erlebnis. Im Film sind solche "Twists" und Pointen festgesetzte Standards, die in einem Drehbuch auf die Minute genau der Handlung eine neue Wendung geben müssen.
In den Ideenbüchern sind es die unerwarteten, aber sofort nachvollziehbaren Gedanken, die beim Lesen einen unwiderstehlichen Sog entwickeln. Solche Ideen schaffen einen überschaubaren Kontext für komplexe Zusammenhänge. So erklärt Jared Diamond in "Untergang" die Gefahren für unsere Zivilisation am Beispiel untergegangener Gesellschaften wie des Mayareiches und der Osterinsel. Richard Wrangham betrachtet in "Feuer fangen" die Zivilisationsgeschichte über die Evolution der Ernährung.
Malcolm Gladwell beleuchtet in "Tipping Point" die Massenpsychologie der Konsumgesellschaft über Pop-Phänomene. Am erfolgreichsten spielen der Ökonom Steven Levitt und der Journalist Stephen Dubner mit diesem Prinzip in ihren Kolumnen und Büchern ("Freakonomics"), in denen sie aus zwei scheinbar unzusammenhängenden Phänomenen einen Schluss ziehen, der komplexe Zusammenhänge vereinfacht. So vergleichen sie eine Prostituierte mit einem Kaufhausnikolaus oder erklären, warum ein Selbstmordbomber eine Lebensversicherung abschließen sollte.
Es sind genau solche Vereinfachungen, mit denen Sarrazin arbeitet. So beschrieb er seine Methodik im Interview mit der Zeit als Dreisatz: "Unter Dreisatz versteht man, dass man aus zwei Tatsachen, die man nicht hinterfragt, eine logische Schlussfolgerung zieht: Die Intelligenz ist zu 50 bis 80 Prozent erblich. Die weniger Intelligenten vermehren sich schneller als der Durchschnitt. Das bedeutet in der Konsequenz, dass die Intelligenz der Grundgesamtheit sinkt."
Doch gerade da greift sein Buch zu kurz. Zum einen, weil man die komplexen Probleme eines Landes nicht auf einen Dreisatz reduzieren kann. Zum anderen, weil sein Text nicht von der intellektuellen Lust am Gedankenspiel getrieben ist, sondern vom populistischen Instinkt, verborgene Ängste anzusprechen.
Es gehört zu seinen Aufgaben als Ökonom, solche Ängste aufzuspüren und sie zu definieren, sind es doch gerade Ängste, die den Markt beeinflussen. Ein guter Banker hat auch gelernt, Kontexte zu schaffen, um die Unwägbarkeiten des Marktes einzuschätzen. Doch wer nur Ergebnisse betrachtet, so wie Sarrazin die sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Statistiken in seinem Buch; wer also vollkommen antihistorisch argumentiert und zugleich meint, über Gewissheiten über die Zukunft zu verfügen, der verliert letztlich die Ursachen und komplexen Zusammenhänge aus dem Auge.
Die Aufregung um Sarrazin ist nach der Sloterdijk-Debatte und dem Streit um die Islamkritik nun schon der dritte Diskurs in jüngster Zeit, in dem sich Deutschland mit den gesellschaftlichen Veränderungen und ihren Problemen auseinandersetzt, die sich so viel schneller vollziehen, als Politik und Gesellschaft es wahrhaben wollen. Die Polemik wird in den nächsten Wochen auf beiden Seiten verschwinden. Die Probleme werden es nicht.