
(Interview: Andrian Kreye für SZ) Julian Assange ist der Gründer des Webseitenverbundes Wikileaks, auf der heikle und geheime Dokumente im Internet veröffentlicht werden können (in Deutschland: http://wikileaks.de/). So kamen Beweise für die Korruption des ehemaligen Kenianischen Staatschef Daniel arap Moi ans Tageslicht, die Handlungsanweisungen für Verhöre in Guantanamo Bay, sowie der Email-Verkehr von Klimaforschern an der University of East Anglia. Zu Assanges Förderern gehören die Investigativlegende Seymour Hersh und der Entdecker der Pentagon Papers Daniel Ellsberg. Seit Wikileaks das Bordvideo eines amerikanischen Kampfhubschraubers veröffentlichte und bekannt wurde, dass die Organisation rund 260 000 diplomatische Depeschen hat, die quasi-kriminelle Aktivitäten amerikanischer Botschaften belegen, gibt es Spekulationen darüber, wie die amerikanischen Behörden dem Australier und seinen Mitarbeitern nachstellt. Das US Army Counterintelligence Center klassifizierte Wikileaks als ernsthaftes Sicherheitsrisiko für die amerikanischen Streitkräfte. Die amerikanische Radiosendung „Democracy Now“ sprach von einer „Menschenjagd“. Seither zeigt sich Julian Assange nur selten in der Öffentlichkeit. Auf der Ted-Konferenz in Oxford trat er als unangekündigter Überraschungsgast auf und wurde wie ein Revolutionsheld gefeiert. Am selben Tag fahndeten fünf Beamten des amerikanischen Department of Homeland Security nach Assange auf der Hackerkonferenz The Next Hope in New York. Nach seinem Ted-Auftritt gab er einem kleinen Kreis internationaler Journalisten ein Interview. Assange ist ein schmaler Mann, der mit seinem schlohweißen Haar älter wirkt, als seine 39 Jahre. Er spricht mit leiser Stimme, hält oft inne, um seine Worte zu wählen.
Gefährden die USA Ihre Sicherheit?
Assange: Die offiziellen Verlautbarungen waren eher gemäßigt. Es gab allerdings einige inoffizielle Bemerkungen von Mitgliedern der amerikanischen Regierung, die andeuteten, dass sie sich, was uns betrifft, nicht unbedingt an den Rahmen der Gesetzmäßigkeit halten wollen. Wir haben auch Ratschläge von bedeutenden Persönlichkeiten wie Seymour Hersh bekommen, dass wir das ernst nehmen und uns vorsehen sollten.
Was hatte das für Folgen für Sie?
Assange: Ich habe alle meine Auftritte in den USA abgesagt. Einen in Las Vegas und zwei in New York. Der Auftritt in Las Vegas wäre bei einer Podiumsdiskussion im Rahmen der Konferenz für investigativen Journalismus der IRE gewesen. Auf dem Podium wären auch James Risen (New-York-Times-Reporter und Autor eines CIA-Buches) und Valerie Plame (ehemalige CIA-Agentin) gewesen. Risen musste ebenfalls aus rechtlichen Gründen absagen, weil er sonst eine Vorladung bekommen hätte. Das ist also keineswegs ein Phänomen, das nur uns betrifft.
Haben Sie schon früher Sicherheitsvorkehrungen getroffen?
Assange: Über die Jahre kam es immer wieder zu Vorfällen. Bis hin zu physischen Bedrohungen. Dazu kam es zwar nicht im Westen, aber in anderen Ländern, meist Entwicklungsländern. Bis hin zur Ermordung von zwei Menschenrechtsanwälten in Kenia im März letzten Jahres.
Hatte das direkt mit Wikileaks zu tun?
Assange: Das waren Figuren des öffentlichen Lebens dort, äußerst mutige Aktivisten, die uns ganz offen mit Material versorgten. Sie wurden ermordet, weil sie Morde durch die Polizei aufdeckten.
Fühlen Sie sich in Europa sicher?
Assange: Wir stehen auch hier unter Beobachtung. Wir haben gerade in den letzten zwei Monaten einige Vorfälle entdeckt.
Was für Vorfälle?
Assange: Wir sprechen nie darüber, was für Vorfälle wir entdeckt haben oder welche wir nicht entdeckt haben.
Stehen Sie hier in England unter Beobachtung der Behörden?
Assange: Wir haben Gründe, das anzunehmen. Soviel wir wissen, geht die Überwachung elektronischer Kommunikation hier in Großbritannien sehr weit.
Welche Vorkehrungen treffen Sie, dass Sie kein potentiell korrumpiertes Material veröffentlichen, das Ihrer Arbeit schaden könnte?
Assange: Wie überprüfen jedes Material, bevor wir es veröffentlichen. Soviel wir wissen, haben wir bisher kein korrumpiertes Material veröffentlicht. Aber es wird sicherlich ein erstes Mal geben.
Haben Sie schon korrumpiertes Material entdeckt?
Assange: Ja. Da gibt es zwei Sorten. Da gibt es Material, das reiner Müll ist. Das erkennt man sofort. Aber es gab auch schon schwerwiegende Fälschungen von Geheimdiensten.
Vor wenigen Wochen hat man den Mann verhaftet, der ihr Informant gewesen sein soll.
Assange: Bradley Manning ist ein 22-jähriger Geheimdienstanalyst für die US Army. Er wurde vor sechs Wochen in Bagdad festgenommen. Er ist angeblich die Quelle für das „Collateral Murder“-Video, das die Tötung von 18 bis 26 Menschen in einem Vorort von Bagdad zeigt, zu denen auch zwei Reuters-Journalisten gehörten. Er wurde nach Kuwait überführt, wo er derzeit in Haft gehalten wird. Es gibt keinen triftigen Grund dafür, dass er nicht in den USA in Haft gehalten wird. Sollten die Anschuldigungen wahr sein, dass er der Whistleblower war, der uns das Video zur Verfügung stellte, ist er ein politischer Gefangener der USA, der in Kuweit festgehalten wird, was ihm unmöglich macht, mit der Presse zu sprechen oder sich effektiv rechtlich vertreten zu lassen
Wird er ein gerechtes Verfahren bekommen?
Assange: Sein Fall wird von der Militärgerichtsbarkeit auf die selbe Art verhandelt werden, wie sie in den Fällen der Häftlinge von Guantanamo Bay verhandelt wurden. Er wird nur ein gerechtes Verfahren bekommen, wenn er vor ein reguläres Gericht kommt.
Würde es Wikileaks schaden, wenn Manning schuldig gesprochen würde und herauskäme, dass er Ihre Quelle war? Hätten dann nicht andere Hemmungen, ihre Dokumente über Wikileaks zu veröffentlichen?
Assange: Es wird angenommen, dass Manning mit einem Journalist gesprochen hat, der nicht mit Wikileaks affiliiert war. Dieser Journalist hat ihn angeblich verraten. Bis dato hat unsere Arbeitsweise, soweit uns das bekannt und bewusst ist, noch nie einer Quelle geschadet.
Hatten Sie Zugang zu Bradley Manning, seit er angezeigt und verhaftet wurde?
Assange: Ja, unsere Anwälte hatten Kontakt mit seinen Militäranwälten.
Werden diese Anwälte ihn vertreten?
Assange: Man wird ihm zivile Anwälte im Gerichtssaal erlauben.
Unterstützen Sie Manning?
Assange: Ja, wir leisten finanzielle Hilfe bei seinen Anwaltskosten.
Warum tun Sie das, wenn er angeblich nicht Ihre Quelle war?
Assange: Wir haben da keine andrer Wahl, das würde sonst den Eindruck erwecken, dass es ein großes Risiko ist, mit uns zu arbeiten. Deswegen müssen wir jedem helfen, der wegen uns Anschuldigungen ausgesetzt ist.
Und Sie können kategorisch ausschließen, dass Manning Ihre Quelle war?
Assange: Wir können mit absoluter Sicherheit sagen, dass wir den Namen Bradley Manning zuvor noch nie gehört hatten.
Die Aufzeichnungen des Chat-Programms lassen allerdings den Schluss zu, dass er in konstantem Kontakt mit Ihnen stand.
Assange: Die Aufzeichnungen des Chat-Programms, die veröffentlicht wurden, sind alle von dem Journalisten weitergegeben worden, der ihn angeblich verraten hat. Es gibt Anzeichen dafür, dass diese Aufzeichnungen manipuliert wurden. Wired Magazine hat selbst zugegeben, dass ein Viertel der Aufzeichnungen veröffentlicht wurden.
Die Aufzeichnungen, die veröffentlich wurden, deuten aber darauf hin, dass Bradley Manning zugegeben hat, dass er in regelmäßigem Kontakt mit Ihnen stand, er beschreibt Sie jedenfalls als den „weißhaarigen Australier“.
Assange: Es wäre ein Fehler, wenn wir Einzelheiten von Beweisstücken diskutieren würden. Vor allem Beweisstücke, die wahrscheinlich manipuliert wurden.
Bedeutet die Tatsache, das Reuters zwei Jahre lang versucht hat, das Video zu bekommen, das sie veröffentlich haben, dass der Freedom of Information Act FOIA ein wirkungsloses Gesetz ist?
Assange: Regierungsstellen finden immer häufiger Wege, den FOIA zu umgehen. Da gibt es die Tendenz Dokumente in einem ungeheuerlichen Masse zur Geheimsache zu erklären. Im vollen Bewusstsein, dass Geheimdokument im Rahmen des FOIA nicht, oder erst nach Jahren herausgegeben werden.
Gab es nicht die Hoffnung, dass die Obama-Regierung die Geheimniskrämerei-Politik der Bush-Jahre revidieren würde?
Assange: Die Obama-Regierung hat da keine klare Linie. Sie hat auf der einen Seite einiges an der Politik geändert, auch wenn sich viele Behörden da noch sträuben. Auf der anderen Seite hat in den letzten Jahren keine Regierung so aggressiv Whistleblowers verfolgt und vor Gericht gebracht, wie unter Obama. Alleine in den ersten 18 Monaten, die sie nun an der Regierung ist, hat sie die acht Jahre der Bush-Regierung schon übertroffen.
Sind technische Lösungen inzwischen der beste Weg, um heikle Dokumente zu veröffentlichen? Wikileaks wäre dafür doch das beste Beispiel.
Assange: Wikileaks ist nicht nur eine technische Lösung. Es ist eine kombinierte technische, rechtliche und politische Lösung. Wir haben jeden Hebel benutzt, den wir finden konnten. Sicher gibt es neuartige technische Lösungen, die sich abzeichnen.
Was wäre denn so eine technische Lösung?
Assange: Da gibt es die Magnetlinks, die eine Verbesserung der Bittorrent-Methode sind. Die prinzipielle Idee dahinter ist, das man Information nicht mehr mit einem URL, also nicht mehr über eine Webadresse aufruft, sondern über eine Zahlenkombination, die sich nicht mehr auf einen Webseite, sondern auf einen bestimmten Inhalt bezieht. Also inhaltsbasiertes Adressieren. Man kann das mit einem Buch vergleichen. Ein Buch hat einen Titel, der sich auf den Inhalt des Buches bezieht und nicht auf die Bücherei, in der das Buch steht. Das Problem mit dem Internet wie wir es heute kennen ist ja, dass jeder URL direkt mit der Organisation zusammenhängt, die den Inhalt ins Netz stellt. Und so eine Organisation kann man angreifen. So kann man Inhalte verschwinden lassen. Wenn Sie auf Wikileaks gehen werden Sie sehen, dass jedes unserer Dokumente inzwischen einen URL und einen solchen Magnetlink hat.
Verändert das die Situation?
Assange: Natürlich. Es wird leichter und schneller möglich sein, heikles Material zu veröffentlichen. Und es wird aufwändiger und teurer sein, solches Material zu zensieren.
Aber können Sie mit Wikileaks Dinge tun, welche die etablierten Medien nicht tun können oder wollen?
Assange: Ja. Wenn Sie sich die Analysen ansehen, dann haben wir mehr Geheimdokumente für die Öffentlichkeit und die Geschichtsschreibung veröffentlicht, als die gesamte Weltpresse. Das sagt weniger darüber aus, wie effektiv wir arbeiten, als vielmehr, wie begrenzt der Spielraum der regulären Medien ist.
Ist es gefährlich, dass es nur ein Wikileaks gibt?
Assange: Ganz so funktioniert es ja nicht. Wir sind in über 60 Ländern. Wikileaks basiert nicht auf einer zentralen Hierarchie, die von oben nach unten kontrolliert wird.
Sie arbeiten inzwischen auch von Island aus. Island versucht mit seinen neuen Mediengesetzen ein weltweit einzigartiger Schutzhafen für Medien zu werden. Kann man die ersten Auswirkungen dieser Gesetze im Land schon spüren?
Assange: Wir haben die Regierung ja bei dieser Gesetzgebung beraten. Wir haben auch einige internationalen Medien unterstützt, davon Gebrauch zu machen. Seltsamerweise sind wir die einzige Medienorganisation, die diese Initiative gar nicht so dringen braucht, weil wir unsere Strukturen rund um die Welt so angelegt haben, dass wir den Schutz von Gesetzen in Ländern wie Schweden und den Usa nutzen. Aber die isländische Gesetzgebung ist weltweit zweifellos die progressivste und weitest reichende Gesetzgebung dieser Art.
Nutzen die ersten Medien Island schon als Schutzhafen?
Assange: Ja. Wir wussten, dass es einen Markt für die Umsiedelung von Verlegern geben würde. Das spiegelt auch die schwedischen Erfahrungen, eine größere Anzahl von Verlegern ist ja schon nach Stockholm geflohen. Wir zum Beispiel, die American Homeowners Association, die in den Usa von verschiedenen Firmen verklagt wird, bis hin zu tschetschenischen Nachrichtenorganisationen, sowie das Rick Ross Institute, eine Organisation, die den Missbrauch in religiösen Gruppen und Kulten aufdeckt und von ihnen verklagt wird. Malaysia today wird in Singapur und den USA verlegt. Es handelt sich da wirklich um einen neuen Typus Flüchtling. Die Nationen, die solchen Medien Zuflucht gewähren, geben ihnen so etwas wie ein neue Form des Asyls.
Hat die isländische Linie denn schon einen Effekt auf andere Länder? So wurde die neue Gesetzgebung ja vorgestellt. Aber selbst in Europa scheint das Pendel doch noch gewaltig in eine andere Richtung zu schwingen. In Italien wurde beispielsweise gerade ein Gesetz erlassen, das die strafrechtliche Verfolgung nicht nur Geld- und Gefängnisstraffen für „Whistleblower“ vorsieht, sondern auch die der Journalisten, die solche Dokumente und Fakten veröffentlichen.
Assange: Darauf gibt es drei interessante Antworten. Zum einen hat das EU-Parlament vorvergangene Woche eine Resolution erlassen, welche die isländische Gesetzgebung unterstützt. Sollte sich Island der EU anschließen, würde diese Entwicklung noch verstärkt, weil seine eigene Gesetzgebung in einem EU-Kontext wirken würde. Dann sind mehrere italienische Zeitungen in Kontakt mit uns getreten, um ein „conduit“ für das Abhören von Telefonen zu schaffen. Dazu kommt, dass „libel tourism“, also Verleumdungsklagen-Tourismus eine internationele Wirkung entwickelt. Und es heißt, dass dieser Effekt wirklich funktioniert. Die Gesetze eines Landes können also wirklich die Praktiken in einem anderen Land verändern. Die isländische Gesetzgebung wurde ganz bewusst so gestaltet, dass sie solche Effekte auslösen kann.
Haben Sie die Situation in Deutschland im Blick?
Assange: Ja. Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum Datenschutz dieses Jahr war sehr aggressiv. Da hat ein Verfassungsgericht seine Verantwort ernst genommen.

Foto: James Duncan Davidson / TED