19.07.10 | 17:00 | 0 Kommentare

Botschafter der Krise (Queens-Bronx-Ausgabe)

Bronx

Nach seinem brillanten Essay über die verwaisten Werbetafeln von Brooklyn als Botschafter der Krise, setzt Richard Fleming seinen urbanen Wirtschaftsbarometer nun in Queens und in der Bronx fort.

Foto: Richard Fleming

19.07.10 | 14:13 | 0 Kommentare

#musicmonday

18.07.10 | 18:30 | 2 Kommentare

TED Global 2010: Interview mit Julian Assange von Wikileaks

Assange

(Interview: Andrian Kreye für SZ) Julian Assange ist der Gründer des Webseitenverbundes Wikileaks, auf der heikle und geheime Dokumente im Internet veröffentlicht werden können (in Deutschland: http://wikileaks.de/). So kamen Beweise für die Korruption des ehemaligen Kenianischen Staatschef Daniel arap Moi ans Tageslicht, die Handlungsanweisungen für Verhöre in Guantanamo Bay, sowie der Email-Verkehr von Klimaforschern an der University of East Anglia. Zu Assanges Förderern gehören die Investigativlegende Seymour Hersh und der Entdecker der Pentagon Papers Daniel Ellsberg. Seit Wikileaks das Bordvideo eines amerikanischen Kampfhubschraubers veröffentlichte und bekannt wurde, dass die Organisation rund 260 000 diplomatische Depeschen hat, die quasi-kriminelle Aktivitäten amerikanischer Botschaften belegen, gibt es Spekulationen darüber, wie die amerikanischen Behörden dem Australier und seinen Mitarbeitern nachstellt. Das US Army Counterintelligence Center klassifizierte Wikileaks als ernsthaftes Sicherheitsrisiko für die amerikanischen Streitkräfte. Die amerikanische Radiosendung „Democracy Now“ sprach von einer „Menschenjagd“. Seither zeigt sich Julian Assange nur selten in der Öffentlichkeit. Auf der Ted-Konferenz in Oxford trat er als unangekündigter Überraschungsgast auf und wurde wie ein Revolutionsheld gefeiert. Am selben Tag fahndeten fünf Beamten des amerikanischen Department of Homeland Security nach Assange auf der Hackerkonferenz The Next Hope in New York. Nach seinem Ted-Auftritt gab er einem kleinen Kreis internationaler Journalisten ein Interview. Assange ist ein schmaler Mann, der mit seinem schlohweißen Haar älter wirkt, als seine 39 Jahre. Er spricht mit leiser Stimme, hält oft inne, um seine Worte zu wählen.

Gefährden die USA Ihre Sicherheit?

Assange: Die offiziellen Verlautbarungen waren eher gemäßigt. Es gab allerdings einige inoffizielle Bemerkungen von Mitgliedern der amerikanischen Regierung, die andeuteten, dass sie sich, was uns betrifft, nicht unbedingt an den Rahmen der Gesetzmäßigkeit halten wollen. Wir haben auch Ratschläge von bedeutenden Persönlichkeiten wie Seymour Hersh bekommen, dass wir das ernst nehmen und uns vorsehen sollten.

Was hatte das für Folgen für Sie?

Assange: Ich habe alle meine Auftritte in den USA abgesagt. Einen in Las Vegas und zwei in New York. Der Auftritt in Las Vegas wäre bei einer Podiumsdiskussion im Rahmen der Konferenz für investigativen Journalismus der IRE gewesen. Auf dem Podium wären auch James Risen (New-York-Times-Reporter und Autor eines CIA-Buches) und Valerie Plame (ehemalige CIA-Agentin) gewesen. Risen musste ebenfalls aus rechtlichen Gründen absagen, weil er sonst eine Vorladung bekommen hätte. Das ist also keineswegs ein Phänomen, das nur uns betrifft.

Haben Sie schon früher Sicherheitsvorkehrungen getroffen?

Assange: Über die Jahre kam es immer wieder zu Vorfällen. Bis hin zu physischen Bedrohungen. Dazu kam es zwar nicht im Westen, aber in anderen Ländern, meist Entwicklungsländern. Bis hin zur Ermordung von zwei Menschenrechtsanwälten in Kenia im März letzten Jahres.

Hatte das direkt mit Wikileaks zu tun?

Assange: Das waren Figuren des öffentlichen Lebens dort, äußerst mutige Aktivisten, die uns ganz offen mit Material versorgten. Sie wurden ermordet, weil sie Morde durch die Polizei aufdeckten.

Fühlen Sie sich in Europa sicher?
Assange: Wir stehen auch hier unter Beobachtung. Wir haben gerade in den letzten zwei Monaten einige Vorfälle entdeckt.

Was für Vorfälle?
Assange: Wir sprechen nie darüber, was für Vorfälle wir entdeckt haben oder welche wir nicht entdeckt haben.

Stehen Sie hier in England unter Beobachtung der Behörden?
Assange: Wir haben Gründe, das anzunehmen. Soviel wir wissen, geht die Überwachung elektronischer Kommunikation hier in Großbritannien sehr weit.

Welche Vorkehrungen treffen Sie, dass Sie kein potentiell korrumpiertes Material veröffentlichen, das Ihrer Arbeit schaden könnte?

Assange: Wie überprüfen jedes Material, bevor wir es veröffentlichen. Soviel wir wissen, haben wir bisher kein korrumpiertes Material veröffentlicht. Aber es wird sicherlich ein erstes Mal geben.

Haben Sie schon korrumpiertes Material entdeckt?

Assange: Ja. Da gibt es zwei Sorten. Da gibt es Material, das reiner Müll ist. Das erkennt man sofort. Aber es gab auch schon schwerwiegende Fälschungen von Geheimdiensten.

Vor wenigen Wochen hat man den Mann verhaftet, der ihr Informant gewesen sein soll.

Assange: Bradley Manning ist ein 22-jähriger Geheimdienstanalyst für die US Army. Er wurde vor sechs Wochen in Bagdad festgenommen. Er ist angeblich die Quelle für das „Collateral Murder“-Video, das die Tötung von 18 bis 26 Menschen in einem Vorort von Bagdad zeigt, zu denen auch zwei Reuters-Journalisten gehörten. Er wurde nach Kuwait überführt, wo er derzeit in Haft gehalten wird. Es gibt keinen triftigen Grund dafür, dass er nicht in den USA in Haft gehalten wird. Sollten die Anschuldigungen wahr sein, dass er der Whistleblower war, der uns das Video zur Verfügung stellte, ist er ein politischer Gefangener der USA, der in Kuweit festgehalten wird, was ihm unmöglich macht, mit der Presse zu sprechen oder sich effektiv rechtlich vertreten zu lassen

Wird er ein gerechtes Verfahren bekommen?
Assange: Sein Fall wird von der Militärgerichtsbarkeit auf die selbe Art verhandelt werden, wie sie in den Fällen der Häftlinge von Guantanamo Bay verhandelt wurden. Er wird nur ein gerechtes Verfahren bekommen, wenn er vor ein reguläres Gericht kommt.

Würde es Wikileaks schaden, wenn Manning schuldig gesprochen würde und herauskäme, dass er Ihre Quelle war? Hätten dann nicht andere Hemmungen, ihre Dokumente über Wikileaks zu veröffentlichen?

Assange: Es wird angenommen, dass Manning mit einem Journalist gesprochen hat, der nicht mit Wikileaks affiliiert war. Dieser Journalist hat ihn angeblich verraten. Bis dato hat unsere Arbeitsweise, soweit uns das bekannt und bewusst ist, noch nie einer Quelle geschadet.

Hatten Sie Zugang zu Bradley Manning, seit er angezeigt und verhaftet wurde?

Assange: Ja, unsere Anwälte hatten Kontakt mit seinen Militäranwälten.

Werden diese Anwälte ihn vertreten?

Assange: Man wird ihm zivile Anwälte im Gerichtssaal erlauben.

Unterstützen Sie Manning?

Assange: Ja, wir leisten finanzielle Hilfe bei seinen Anwaltskosten.

Warum tun Sie das, wenn er angeblich nicht Ihre Quelle war?

Assange: Wir haben da keine andrer Wahl, das würde sonst den Eindruck erwecken, dass es ein großes Risiko ist, mit uns zu arbeiten. Deswegen müssen wir jedem helfen, der wegen uns Anschuldigungen ausgesetzt ist.

Und Sie können kategorisch ausschließen, dass Manning Ihre Quelle war?

Assange: Wir können mit absoluter Sicherheit sagen, dass wir den Namen Bradley Manning zuvor noch nie gehört hatten.

Die Aufzeichnungen des Chat-Programms lassen allerdings den Schluss zu, dass er in konstantem Kontakt mit Ihnen stand.

Assange: Die Aufzeichnungen des Chat-Programms, die veröffentlicht wurden, sind alle von dem Journalisten weitergegeben worden, der ihn angeblich verraten hat. Es gibt Anzeichen dafür, dass diese Aufzeichnungen manipuliert wurden. Wired Magazine hat selbst zugegeben, dass ein Viertel der Aufzeichnungen veröffentlicht wurden.

Die Aufzeichnungen, die veröffentlich wurden, deuten aber darauf hin, dass Bradley Manning zugegeben hat, dass er in regelmäßigem Kontakt mit Ihnen stand, er beschreibt Sie jedenfalls als den „weißhaarigen Australier“.

Assange: Es wäre ein Fehler, wenn wir Einzelheiten von  Beweisstücken diskutieren würden. Vor allem Beweisstücke, die wahrscheinlich manipuliert wurden.

Bedeutet die Tatsache, das Reuters zwei Jahre lang versucht hat, das Video zu bekommen, das sie veröffentlich haben, dass der Freedom of Information Act FOIA ein wirkungsloses Gesetz ist?
Assange: Regierungsstellen finden immer häufiger Wege, den FOIA zu umgehen. Da gibt es die Tendenz Dokumente in einem ungeheuerlichen Masse zur Geheimsache zu erklären. Im vollen Bewusstsein, dass Geheimdokument im Rahmen des FOIA nicht, oder erst nach Jahren herausgegeben werden.

Gab es nicht die Hoffnung, dass die Obama-Regierung die Geheimniskrämerei-Politik der Bush-Jahre revidieren würde?

Assange: Die Obama-Regierung hat da keine klare Linie. Sie hat auf der einen Seite einiges an der Politik geändert, auch wenn sich viele Behörden da noch sträuben. Auf der anderen Seite hat in den letzten Jahren keine Regierung so aggressiv Whistleblowers verfolgt und vor Gericht gebracht, wie unter Obama. Alleine in den ersten 18 Monaten, die sie nun an der Regierung ist, hat sie die acht Jahre der Bush-Regierung schon übertroffen.

Sind technische Lösungen inzwischen der beste Weg, um heikle Dokumente zu veröffentlichen? Wikileaks wäre dafür doch das beste Beispiel.

Assange: Wikileaks ist nicht nur eine technische Lösung. Es ist eine kombinierte technische, rechtliche und politische Lösung. Wir haben jeden Hebel benutzt, den wir finden konnten. Sicher gibt es neuartige technische Lösungen, die sich abzeichnen.

Was wäre denn so eine technische Lösung?

Assange: Da gibt es die Magnetlinks, die eine Verbesserung der Bittorrent-Methode sind. Die prinzipielle Idee dahinter ist, das man Information nicht mehr mit einem URL, also nicht mehr über eine Webadresse aufruft, sondern über eine Zahlenkombination, die sich nicht mehr auf einen Webseite, sondern auf einen bestimmten Inhalt bezieht. Also inhaltsbasiertes Adressieren. Man kann das mit einem Buch vergleichen. Ein Buch hat einen Titel, der sich auf den Inhalt des Buches bezieht und nicht auf die Bücherei, in der das Buch steht.  Das Problem mit dem Internet wie wir es heute kennen ist ja, dass jeder URL direkt mit der Organisation  zusammenhängt, die den Inhalt ins Netz stellt. Und so eine Organisation kann man angreifen. So kann man Inhalte verschwinden lassen. Wenn Sie auf Wikileaks gehen werden Sie sehen, dass jedes unserer Dokumente inzwischen einen URL und einen solchen Magnetlink hat.

Verändert das die Situation?

Assange: Natürlich. Es wird leichter und schneller möglich sein, heikles Material zu veröffentlichen. Und es wird aufwändiger und teurer sein, solches Material zu zensieren.

Aber können Sie mit Wikileaks Dinge tun, welche die etablierten Medien nicht tun können oder wollen?

Assange: Ja. Wenn Sie sich die Analysen ansehen, dann haben wir mehr Geheimdokumente für die Öffentlichkeit und die Geschichtsschreibung veröffentlicht, als die gesamte Weltpresse. Das sagt weniger darüber aus, wie effektiv wir arbeiten, als vielmehr, wie begrenzt der Spielraum der regulären Medien ist.

Ist es gefährlich, dass es nur ein Wikileaks gibt?

Assange: Ganz so funktioniert es ja nicht. Wir sind in über 60 Ländern. Wikileaks basiert nicht auf einer zentralen Hierarchie, die von oben nach unten kontrolliert wird.

Sie arbeiten inzwischen auch von Island aus. Island versucht mit seinen neuen Mediengesetzen ein weltweit einzigartiger Schutzhafen für Medien zu werden. Kann man die ersten Auswirkungen dieser Gesetze im Land schon spüren?

Assange: Wir haben die Regierung ja bei dieser Gesetzgebung beraten. Wir haben auch einige internationalen Medien unterstützt, davon Gebrauch zu machen. Seltsamerweise sind wir die einzige Medienorganisation, die diese Initiative gar nicht so dringen braucht, weil wir unsere Strukturen rund um die Welt so angelegt haben, dass wir den Schutz von Gesetzen in Ländern wie Schweden und den Usa nutzen. Aber die isländische Gesetzgebung ist weltweit zweifellos die progressivste und weitest reichende Gesetzgebung dieser Art.

Nutzen die ersten Medien Island schon als Schutzhafen?

Assange: Ja. Wir wussten, dass es einen Markt für die Umsiedelung von Verlegern geben würde. Das spiegelt auch die schwedischen Erfahrungen, eine größere Anzahl von Verlegern ist ja schon nach Stockholm geflohen. Wir zum Beispiel, die American Homeowners Association, die in den Usa von verschiedenen Firmen verklagt wird, bis hin zu tschetschenischen Nachrichtenorganisationen, sowie das Rick Ross Institute, eine Organisation, die den Missbrauch in religiösen Gruppen und Kulten aufdeckt und von ihnen verklagt wird. Malaysia today wird in Singapur und den USA verlegt. Es handelt sich da wirklich um einen neuen Typus Flüchtling. Die Nationen, die solchen Medien Zuflucht gewähren, geben ihnen so etwas wie ein neue Form des Asyls.

Hat die isländische Linie denn schon einen Effekt auf andere Länder? So wurde die neue Gesetzgebung ja vorgestellt. Aber selbst in Europa scheint das Pendel doch noch gewaltig in eine andere Richtung zu schwingen. In Italien wurde beispielsweise gerade ein Gesetz erlassen, das die strafrechtliche Verfolgung nicht nur Geld- und Gefängnisstraffen für „Whistleblower“ vorsieht, sondern auch die der Journalisten, die solche Dokumente und Fakten veröffentlichen.

Assange: Darauf gibt es drei interessante Antworten. Zum einen hat das EU-Parlament vorvergangene Woche eine Resolution erlassen, welche die isländische Gesetzgebung unterstützt. Sollte sich Island der EU anschließen, würde diese Entwicklung noch verstärkt, weil seine eigene Gesetzgebung in einem EU-Kontext wirken würde. Dann sind mehrere italienische Zeitungen in Kontakt mit uns getreten, um ein „conduit“ für das Abhören von Telefonen zu schaffen. Dazu kommt, dass „libel tourism“, also Verleumdungsklagen-Tourismus eine internationele Wirkung entwickelt. Und es heißt, dass dieser Effekt wirklich funktioniert. Die Gesetze eines Landes können also wirklich die Praktiken in einem anderen Land verändern. Die isländische Gesetzgebung wurde ganz bewusst so gestaltet, dass sie solche Effekte auslösen kann.

Haben Sie die Situation in Deutschland im Blick?

Assange: Ja. Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum Datenschutz dieses Jahr war sehr aggressiv. Da hat ein Verfassungsgericht seine Verantwort ernst genommen.

Foto: James Duncan Davidson / TED

16.07.10 | 15:00 | 0 Kommentare

TED Global 2010: Viel Spaß beim Weltgeist

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(Aus dem SZ-Feuilleton vom Samstag) „Viel Spaß beim Weltgeist“, lautete die SMS. Nun wurde bei der Ted Global Conference in Oxford diese Woche vielleicht nicht der Weltgeist verhandelt, der Zeitgeist allemal. Ein Zeitgeist der, nach der Herkunft der Gäste zu schließen, von den Küstenstädten Amerikas aus Australien und Skandinavien, der die Metropolen in Asien, Lateinamerika, Afrika und im Nahen Osten erreicht hat, der die globale Aktivistenbewegung prägt und die Diskurse in den Middlebrow-Medien bestimmt. Kontinental- und Osteuropa hinken da noch ein wenig hinterher, was historisch verständlich ist. Wissenschaft, Pop und neue Medien, die drei wichtigsten Säulen der neuen Ideenkultur, waren Domänen der Diktaturen des 20. Jahrhunderts.

Ein Füllhorn wie die Ideenmaschine der Ted-Konferenz in den Flaschenhals eines Fazits zu pressen ist allerdings schwierig, weil Ted die Interessen und den Wertekanon einer progressiv gesinnten, globalen oberen Mittelschicht widerspiegelt, die trotz der engen Vernetzung durch die Ideenkultur und die digitale Medien enorm heterogen geblieben ist. Da landet man bei der Suche nach den gemeinsamen Nennern schnell im Gestrüpp veralteter Bezugspunkte.

Der Wissenschaftsautor Matt Ridley brachte die Grundstimmung auf der diesjährigen Ted-Global-Konferenz auf den Punkt, als er seinen Vortrag wie folgt begann: „Als ich in den siebziger Jahren hier in Oxford studierte, sah es nicht gut aus für den Planeten Erde. Die Bevölkerungsexplosion war nicht aufzuhalten, weltweite Hungersnot war unvermeidbar, eine Krebsepidemie durch Chemikalien in der Umwelt sollte unsere Lebenserwartung verkürzen, saurer Regen fiel auf unsere Wälder, die Wüste breitete sich aus, Öl wurde knapp und ein nuklearer Winter sollte uns den Garaus bereiten. Nichts davon ist eingetreten. Das  effektive Einkommen jedes Menschen auf der Erde hat sich  statistisch verdreifacht, die Lebenserwartung ist alleine in meiner Lebenszeit um 30 Prozent gestiegen, Kindersterblichkeit um zwei Drittel gesunken und die Nahrungsmittelproduktion pro Kopf um ein Drittel gestiegen.“ „Rationaler Optimist“ nennt sich Ridley. Und definiert so den Zeitgeist mit der Fähigkeit, komplexe Probleme zu erkennen und  auch in überwältigenden Krisenstimmungen den Glaube daran zu bewahren, dass diese Probleme lösbar sind.

Das funktioniert bei Ted so gut, weil fast alle Vorträge die Arbeit von Jahren oder Jahrzehnten auf die vorgeschriebenen 18 Minuten verdichten. Der Astronom Dimitar Sasselov untermauert seine These, dass es Leben im All geben kann, mit einer Arbeit, die er seit zwanzig Jahren an der University of Harvard betreibt. Vor drei Wochen bekam er die Datensätze vom neuen Kepler-Teleskop, das für sie im All nach Planeten fahndete, die der Erde gleichen – kleine Planeten mit Gesteinsformationen und bestimmten chemischen Vorraussetzungen. Die Zahl der potentiell bewohnbaren Planeten alleine in unserer Galaxie: rund 100 Millionen.

Politologe Stefan Wolff weist präzise nach, warum die Zahl der Bürgerkriegstoten weltweit sinkt. Ökonom Tim Jackson beschreibt wissenschaftlich haltbare Alternativen zur freien Marktwirtschaft. Doch auch der Skeptizismus ist fundiert. Wenn Johan Rockström vom Umweltinstitut in Stockholm von den „Tipping Points“, den unumkehrbaren Wendepunkten spricht, an denen der Amazonas versteppt und die Pole abschmelzen, dann sind das wissenschaftliche Projektionen und keine ideologischen Dystopien.

So erfüllen fast alle Redner bei Ted die Forderung einer New Yorker Konferenz, die sich als Gegenmodell zu den inflationären Ideenfluten versteht, die sich im Kielwasser des Ted-Erfolges formieren. „99 Percent“ heißt die Konferenz und erklärt die Bedeutung mit einem Zitat von Thomas Edison Untertitel: „Genialität besteht aus einem Prozent Inspiration und 99 Prozent Schweiß.“

16.07.10 | 13:15 | 0 Kommentare

TED Global 2010: Wikileaks-Gründer Julian Assange

AssangeTED

Auf jeder TED-Konferenz gibt es einen Überraschungsgast. Dieses Jahr war es wohl der erste, der von den US-Behörden gesucht wird: Wikileaks-Gründer Julian Assange. Seit seine Webseite Wikileaks das Video von einem Hubschrauberangriff auf eine Gruppe Journalisten und Zivilisten und den Folgeangriff auf die Ersthelfer veröffentlichte, sind die US-Geheimdienste und Behörden extrem verschnupft, wenn es um Wikileaks geht.

TED-Chef Chris Anderson führte ein langes Gespräch über die neuen Möglichkeiten im Web, investigativen Journalismus zu betreiben und vor allem Dokumente an die Öffentlichkeit zu bringen. Assange arbeitet aus Schweden, England und auch Island, das sich nach der Bankenkrise entschlossen hat, mit extrem liberalen Mediengesetzen zu einer Art Medienparadies nach dem Vorbild der Steuerparadiese in der Karibik zu werden. Wobei Island eben nicht dabei hilft, Steuern zu hinterziehen, sondern investigativen Journalismus zu verbreiten.

Foto: Chris Anderson und Julian Assange, copyright James Duncan Davidson / TED

15.07.10 | 18:36 | 0 Kommentare

TED Global 2010: Analoge Welt

JessicaJackley

(Aus dem SZ-Feuilleton vom Freitag) Es ist von höchstem Unterhaltungswert, einen Abend damit zu verbringen, sich von Harvard-Astronom Dimitar Sasselov die chemische Beschaffenheit Erd-gleicher Planeten erklären zu lassen, mit Korruptionsbekämpfer Peter Eigen über Jazz zu plaudern und mit der Fotografin Molly Bingham über die Verantwortung der neuen Medien zu streiten. Die Tage der Ted-Konferenz sind straff durchgeplant mit gemeinsamen Mittagessen, Empfängen und Parties. Dabei trägt man ganz kalifornisch ein Schild um den Hals, auf dem der Vorname in Lettern aufgedruckt ist, die auch im Halbdunkel eines Pubs noch gut zu lesen sind.

Manch zurückhaltendem Kontinentaleuropäer mag die formalisierte Freundlichkeit der Ted-Konferenzen etwas forciert erscheinen. Aber spätestens nach dem ersten Abend wird einem klar, dass auf dem Rasen des Keble College und im  Theatersaal des Oxford Playhouse die oft so hohlen Versprechen des Web 2.0 mit seinen offenen sozialen Netzwerken und seinen Ideenfluten eingelöst werden. Da vereinten sich die unübersichtlich komplexen Themenfluten der neuen Kulturen zu einem nachvollziehbaren Gesamtbild.

Das Bedürfnis, das, was in der digitalen Welt entsteht in die analoge Wirklichkeit zurückzuholen ist nicht neu. Als der Ökologe Stewart Brand und der Mediziner Larry Brillant 1985 im frühen Internet mit The Well einen Vorläufer von Myspace und Facebook gründeten, begannen sie schon bald, auf monatlichen Parties in San Francisco aus der virtuellen eine echte  Gemeinschaft zu schaffen.

Spätestens mit seiner Transformation vom Konferenzbetrieb zur Marke und Plattform für die wild wuchernde Ideenkultur des 21. Jahrhunderts ist Ted für die globale Konversation der digitalen Welt so ein Anker in der analogen Wirklichkeit geworden. Das funktioniert, weil der frei gehaltene Vortrag und das ungeplante Gespräch seit der Agora der Antike die beiden wirksamsten Medien geblieben sind, um andere von den eigenen Ideen zu überzeugen.

Das kann für die Protagonisten der digitalen Kultur eine überwältigende Erfahrung sein. Die Mitbegründerin der Mikrokreditseite Kiva.org Jessica Jackley bricht in Tränen aus, als sie merkt, dass sie hier nicht zu einem abstrakten Online- oder Fernsehpublikum spricht, sondern zu einem Saal voll potentiell Gleichgesinnter. Die gilt es zu überzeugen. Wenn das gelingt, kann das Ted-Publikum mit einer ähnlichen Sympathiewelle reagieren, wie bei einem Jazzkonzert, wenn der Solist sich in Höchstform steigert.

In einer fragmentierten Medienkultur, die sich mit Ironie gegen emotionale Erlebnisse absichert, wirken solche Gemeinschaftsgefühle anachronistisch. Ein Teilnehmer wundert sich dann auch über „eine leicht kultische Kollektivstimmung“. Da aber klafft ein digitaler Graben in der Wahrnehmung, ist doch weder Sehnsucht nach der Kollektivstimmung in Onlinenetzwerken, noch bei Konferenzen wie Ted und ihren hunderten von Ablegern und Kopien das Bedürfnis nach einer kultischen Gemeinschaft oder nach ideologischem Halt. Ted ist nur der Rahmen, nicht der Kern. Wenn sich die Anhänger Tedster nennen, dann sind sie höchstens die Rotarier, nicht die Hippies des 21. Jahrhunderts.

Foto: Jessica Jackley, copyright James Duncan, TED

15.07.10 | 00:41 | 0 Kommentare

TED Global 2010: The Rational Optimist

Matt Ridley, der "rationale Optimist" bringt das Konferenzthema "and now the good news" auf den Punkt.

14.07.10 | 18:30 | 0 Kommentare

TED Global 2010: Ein Bluesschema für Vorlesungen

JobraniTed

(Aus dem SZ-Feuilleton vom Donnerstag) Manche Geschichten erzählen sich von selbst. Zum Beispiel wenn die Psychoanalytikerin Inge Missmahl erklärt, warum es so wichtig ist, in Kriegs- und Katastrophengebieten nicht nur erste, sondern auch psychologische Hilfe zu leisten. Wenn sie von den Fischern in Sri Lanka erzählt, die der Hilfsorganisation das neue Boot zurückgaben, weil die traumatisierten Männer sich nur noch stritten. Wenn sie von ihren Reisen nach Kabul berichtet, wo sie versucht, einem traumatisierten Land über das Trauma der Kriege hinwegzukommen.

Humanitäre Aktivisten haben es leicht bei der Ted-Konferenz, das Publikum zu fesseln, weil sie letztlich Drama und Tragödie leben. Ebenso leicht haben es die Standup Comedians, die hin und wieder auftreten, um die intellektuelle Reizüberflutung von zehn bis zwanzig Vorträgen pro Tag abzufedern. Maz Jobrani zu Beispiel, der iranisch-amerikanische Komiker von der Axis of Evil Comedy Tour, der das Problem mit den Vorurteilen gegen Araber, Perser und Palästinenser in sarkastische Einzeiler verpackt: „Warum hat sich die pakistanische Al Qaida zum missglückten Anschlag auf den Times Square bekannt? Weil es der Gedanke ist der zählt?"

Dabei sind es oft die Vorträge über soziologische Makroentwicklungen, Neurochemische Prozesse oder Quantenphysik, die das Publikum zu Begeisterungsstürmen hinreißen. David Deutsch, Physiker an der Oxford University, der den entscheidenden Algorithmus für Quantencomputer geschrieben hat, ist beispielsweise seit seinem ersten Ted-Vortrag vor vier Jahren einer der Stars der Ted-Fans. Der trockene Humor, mit dem er Realität und Rezeption in Frage stellt, ist exemplarisches Beispiel, wie die Formel der Ted Talks funktioniert.

Die Ted-Konferenz hat so etwas wie das Bluesschema für populärwissenschaftliche Vorträge und Vorlesungen gefunden. 18 Minuten muss ein „Ted Talk“ dauern. Nicht länger. Nicht kürzer. Ted-Chef Chris Anderson kokettiert mit dem Offensichtlichen: „Lang genug, um etwas fundiert zu erklären, kurz genug, um die Konzentrationsfähigkeit eines gemischten Publikums nicht zu strapazieren.“ Ganz so schlicht ist das Modell nicht. Die Konferenz ist in Segmente von fünf Vorträgen unterteilt, was exakt der Länge eines Kinofilmes entspricht. 18 Minuten gleichen wiederum mit sechs mal drei Minuten zwei Spannungsbögen im Set eines DJs oder der Nettolänge einer Fernsehserienfolge. 18 Minuten sind aber ein grobes Drittel eines regulären wissenschaftlichen Vortrages, der die meisten Teilnehmer der Ted-Konferenzen und Nutzer der Videowebseite überfordern würde.

Mit solchen Formalismen ist es natürlich nicht getan. Dramaturgie, Argumentationslinie, Pointen und die multimediale Begleitung müssen stimmen. Im Universitätsbetrieb des angelsächsischen Raums sind das Selbstverständlichkeiten. Weil die Professoren wissen, dass sie mit einer Medienwelt um die Aufmerksamkeit konkurrieren, die beim Dozieren keine Routine zulässt. Pointen, im Rahmen einer akademischen Vorlesung lange verpönt, sind längst bewährtes Mittel, um die Konzentrationsfähigkeit der Zuhörer  aufzufrischen und zwischen thetischen Elementen Akzente zu setzen. Das Präsentationsprogramm Powerpoint gilt da nicht als Tod der Vortragskultur, sondern als Standardwerkzeug. Sicher würde es niemand wagen, seinen Vortrage mit überblendenden „Talking Points“ zu begleiten, doch Videos, Fotos und Karikaturen sind auch an den Universitäten von Oxford und Harvard längst probates Mittel, um wissenschaftliche Inhalte zu illustrieren.

So baut der Informatiksoziologe Ethan Zuckerman vom Berkman Center for Internet and Society an der Harvard Law School seinen Vortrag über die regionale Wahrnehmung der vermeintlich global gesinnten Internetnutzer wie ein Unterhaltungsprogramm. Geschickt leitete er von der ausführlichen Anfangspointe, wie er auf einen brasilianischen Internetstreich hereinfiel, auf die empirischen Untersuchungen hin. Jeder Datensatz, jede Erkenntnis unterfüttert er mit anekdotischen Beweisen. Als das Publikum ihm am Ende seines Vortrages zujubelt, hat er ein Grundproblem des Internets in all seiner Komplexität mit der Leichtigkeit eines Komikers erläutert: Der vermeintliche offene, aktive Austausch mit der Welt im Netz ist in Wahrheit nur die einseitige Suche nach Unterhaltungsprodukten, Meinungen und Gesprächspartnern, die sich mit den eigenen, längst vorgefassten Geschmacksmustern decken. Der Horizont wird enger.

Foto: Maz Jobrani, copyrigth James Duncan Davidson / TED

14.07.10 | 17:42 | 0 Kommentare

TED Global 2010: Data Journalism

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Wirklich großartiger, wegweisender Vortrag - David McCandless über "Data Journalism". Schafft mit grafischen Darstellungen von Datensätzen Kontexte, die so klar sind wie sonst nur wenige Formen. Zum Beispiel mit obigem "Milliardogram", das die Verhältnisse der Milliardensummen klärt, die derzeit im Gespräch sind.

Abb.: Information Is Beautiful

14.07.10 | 12:56 | 3 Kommentare

TED Global 2010, Opening Sessions

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Es war sicherlich mutig, gestern den Direktor der Kennedy School of Government an der Harvard University Joseph Nye als ersten Sprecher zu buchen. Kein Powerpoint, keine Videos, keine Witze. War dann letztlich der Modellfall, dass klares Denken alleine fesselnd genug ist, um einen Theatersaal zu begeistern.

Nyes These in drei Sätzen - die globalen Machtstrukturen ändern sich. Vor allem durch die Verschiebung des globalen Machtzentrums von West nach Ost (wiedererstarkte Mächte China und Indien) und die Diffusion staatlicher Macht mit dem Aufstieg nichtstaatlicher Kräfte (egal ob konstruktiv wie Oxfam oder destruktiv wie Al Qaida). Der positive Aspekt ist, dass Nationen ihre Größe nicht mehr dadurch beweisen, dass sie Kriege gewinnen, sondern durch ihre "Soft Power", ihre Überzeugungskraft.

Brillant  - der "rationale Optimist" Matt Ridley (Video folgt).

Höhepunkt heute bisher - Ethan Zuckerman vom Berkman Center for Internet and Society an der Harvard Law School, der die These widerlegt, dass das Internet wirklich den Blick auf die Welt öffnet.

ZuckermanChart

Foto: Joseph Nye, TED, Abb.: Ethan Zuckermans blog "My heart's in Accra"

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