16.06.10 | 23:20 | 4 Kommentare

Was Deutsche mögen (15): Neger

claudiablackface

Neger spielen in den Fantasien der Deutschen seit jeher eine prominente Rolle. Neger haben wahlweise "Rhythmus im Blut", "athletische Zauberkräfte", eine "Frohnatur" oder sind "Opfer" dieser oder jener historischer oder politischer Ereignisse. Gerade jetzt, während die Fussballweltmeisterschaften in Afrika stattfinden, findet man in Deutschland wieder öfter Zeit und Muße, die Rolle des Negers in der Welt und der Weltgeschichte zu kontemplieren. Dem Neger an sich wird in Deutschland allerdings auch eine außergewöhnliche erotische Qualität riefenstahlinafricazugesprochen, die sich schemenhaft aus den eingangs beschriebenen Rollenspezifika zusammensetzt. Prominente wie Gustav Gründgens, die späte Leni Riefenstahl oder Boris Becker sowie die Leser der Bestseller von Corinne Hofmann haben daraus eine regelrechte Obesssion entwickelt.

Eine besonders beliebte Methode, sich dem reizvollen Sujet zu nähern, ist es, sich als selbiges zu verkleiden. Dass die Methode des "Blackface", wenn also eine weissen Person mit dunklem Make-Up zum Schwarzen gemacht wird, eine Tradition des amerikanischen Rassismus ist, wird in Deutschland als "politisch korrekte Überempfindlichkeit" gesehen. Das zeigten erst neulich wieder die Fotos, die Karl Lagerfeld von seiner Muse Claudia Schiffer in Blackface in einer Sonderausgabe des Fotoheftes der Illustrierten Stern veröffentlichte. Ein anderer jüngerer Fall war die tragisch missglückte Aufdecker-Dokumentation "Schwarz auf Weiss", in der der legendäre Undercover-Journalist Günter Wallraff mit Afroperücke und dunkelbraunem Make-Up durch Deutschland reist und versucht, sogenannte Proleten zu rassistischen Ausschreitungen zu provozieren.

Dieser sorglose Umgang mit dem "Blackface" rührt daher, dass man sich längst ein etwas entspannteres Verhältnis zu Afrodeutschen, Afroamerikanern und Afrikanern zutraut, nachdem der Völkermord an den Herero von 1904 ja nicht nur über ein Jahrhundert zurückliegt und von zwei Weltkriegen sowie den Schrecken des NS-Regimes mit einem historisch viel gewichtigeren Völkermord längst in den historischen Schatten gestellt wurde. Doch auch das gute Verhältnis zu schwarzen GIs vom Frühjahr 1945 bis in die frühen neunziger Jahre hinein legte das Fundament für eine "gesunde Normalisierung".

Sollte das Gespräch in Deutschland nun auf die musikalische/animalische/athletische Begabung der Schwarzen oder auf die "Empfindlichkeite der Amis" in Bezug auf Blackface kommen, wechselt man am besten das Thema, da man als "politisch korrekter Spassfeind" schnell eine gesellschaftliche Pariarolle zugeschrieben bekommt. Die Sublimation deutschen Restunbehagen mit Menschen schwarzer Hautfarbe zum Beispiel über Diskussionen um die "nervigen Vuvuzelas" sollte man aus selbigem Grunde ebenfalls tunlichst ignorieren.

Abb.: Dom Perignon/Stern Fotografie, Taschen Verlag

15.06.10 | 12:22 | 0 Kommentare

TED Talk der Woche: Games can save the world

14.06.10 | 12:16 | 0 Kommentare

Spielplan

soccerplan

Bisher bester interaktiver WM-Spielpan, den ich im Netz gefunden habe - hier.

14.06.10 | 07:47 | 0 Kommentare

#musicmonday

11.06.10 | 17:54 | 1 Kommentar

Verklärung eines Sommers

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(Aus dem Wochenend-Feuilleton der SZ) Die Auserwählten, die dabei waren, erinnern sich noch heute an das Licht, das hinter der Villa Nellcôte aufs Mittelmeer fiel. ,,Morgens konnte es sanft und lieblich sein, wie geschmolzene Butter, doch bis zum späten Nachmittag wurde es grell wie geschmolzener Stahl, das die endlose Weite des azurblauen Ozeans hinter dem Haus in eine Schale schimmernder kubistischer Fragmente verwandelte, die im Auge schmerzten‘‘, schrieb der Schriftsteller Robert Greenfield. Der blumige Satz bringt den Sommer der Rolling Stones an der Côte d'Azur auf den Punkt, der heute als Schlüsselmoment der Rockgeschichte verklärt wird.

Keith Richards und sein Freundin Anita Pallenberg hatten die prächtige 16-Zimmer-Villa aus dem 19. Jahrhundert gemietet, die von Zypressen und Palmen verborgen mit ihren Marmortreppen, Flügeltüren und Zimmerfluchten in Villefranche-sur-Mer am Strand stand. Mick Jagger und seine zukünftige Ehefrau Bianca hatten sich in St. Tropez eingemietet. Die übrigen Musiker verteilten sich in Häuser über die Küste.

Die Rolling Stones waren auf der Flucht in diesem Sommer des Jahres 1971. Wie so viele britische Rockstars waren sie zwischen die Mühlen der englischen Steuergesetzgebung geraten. Ginger Baker hatte sich damals nach Nigeria abgesetzt, David Bowie in die Schweiz, John Lennon nach New York. Neunzig Prozent wollte der Staat von ihren Gagen und Tantiemen abziehen. Rückwirkend. Die Stones waren in diesem Sommer de facto pleite.

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Sie standen aber auch in der Pflicht, ein neues Album aufzunehmen. Lange hatten sie an der Côte d'Azur gesucht, doch nirgends gab es ein Studio, das eine Produktion wie ein Stones-Album hätte stemmen können. So ließen sie ein mobiles Aufnahmestudio aus England kommen, das sie im Garten der Villa parkten, und verkabelten die verschachtelten Kellerräume. Dort unten in der düsteren, dumpfen Schwüle spielten sie mit einer wechselnden Besetzung befreundeter Musiker ein Doppelalbum ein, das heute als eine der fünf wichtigsten Rockplatten aller Zeiten gilt.

,,Exile on Main Street‘‘ ist eines jener Alben, das jene Erweckungserlebnisse auslösen kann, von denen Leute sprechen, wenn sie davon erzählen, wie sie zum ersten Mal ,,Sergeant Pepper's‘‘ von den Beatles, ,,Dark Side of the Moon‘‘ von Pink Floyd oder ,,OK Computer‘‘ von Radiohead hörten. Es ist diese schockartige Einsicht, dass es Musik geben kann, die das eigene Lebensgefühl und alle großen Fragen auf wenige Minuten verdichten kann. Bruce Springsteen hat immer wieder gesagt, dass ,,Exile‘‘ sein Leben verändert habe. Und wenn man seine Musik durch die Jahre verfolgt, dann weiß man, dass das stimmt.

,,Exile‘‘ ist nicht unbedingt das beste Album, das die Stones je aufgenommen haben. Doch es steht für viel mehr, als nur für die achtzehn Songs, die es aus den vielen Stunden Material auf die vier Plattenseiten schafften. Mindestens so wichtig wie die Musik waren die Bilder, die aus diesem Sommer blieben. Es sind Bilder, auf denen die Stones und ihre Musiker halbnackt zwischen Instrumenten herumlungern, zwischen Flaschen, abgegessenen Tellern und Obstschalen, und das alles vor der überladenen Stuck- und Säulenkulisse der Villa. Die leicht benommene Trägheit des Sommers gerät in den Fotografien von Dominique Tarlé und den Hobbyfilmaufnahmen der Musiker und ihrer Freunde zum paradiesischen Schwebezustand.

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Es sind aber auch die Aufnahmen, die der Schweizer Fotograf Robert Frank von der US-Tour im darauffolgenden Jahr machte, die Szenen, in denen die Stones im Taumel zwischen Drogen, Tourstress und einem bis dahin für Rockmusiker unerhörten Erfolg Musik spielen, die streckenweise so rudimentär und ungeplant klingt wie ein Bluesjam und dann wieder so opulent und exaltiert wie eine Operette.

,,Cocksucker Blues‘‘ funktionierte ähnlich wie sein legendärer Fotoband ,,The Americans‘‘, der die Melancholie des amerikanischen Traums entlarvte. Frank zeigte nun die Langeweile und die schäbige Dekadenz einer solchen Tournee. Da sitzen irgendwelche Trittbrettfahrer auf einem Hotelbett und setzen sich Spritzen. Während die Stones im Privatjet der Band benommen auf Percussion-Instrumenten herumklopfen, reißen die Roadies kreischenden Groupies die T-Shirts vom Leib. Das war die Antithese zum Glamour des Rock, der sich in dieser Zeit von der idealistischen Subkultur zum abgekochten Entertainmentgeschäft wandelte. Die Stones wollten nie, dass dieser Film gezeigt wird. Bis heute darf er nur vorgeführt werden, wenn Robert Frank persönlich ihn zeigen will.

Ein ganzer Schub von diesem Material kommt nun zum Sommer wieder auf den Markt. Da ist eine restaurierte Version des Doppelalbums mit zehn bisher unveröffentlichten Songs, die es in England kurfristig auf Platz eins der Pop-Charts schaffte. Da ist die Deluxe-Ausgabe im Schuber mit Vinylbeigaben, einem Fotoband mit Tarlés Bildern und einer DVD, die Ausschnitte aus drei Filmen zeigt, die in dieser Zeit gedreht wurden. Ein Ausschnitt aus Stephen Kijaks ,,Stones in Exile‘‘, der nächste Woche auch auf DVD erscheinen wird. Ein wenig aus Rollin Binzers ,,Ladies and Gentlemen, the Rolling Stones‘‘. Gute zehn Minuten aus ,,Cocksucker Blues‘‘ sind dort zu sehen. Es sind nur leise Ahnungen vom Original. Man sieht den angeödeten Richards beim Kartenspielen, wie er einen Fernseher durch ein Hotelzimmer schleppt und ihn matt über die Balustrade des Balkons in die Tiefe stürzt, die Band im Jet, die Obszönitäten dezent entfernt.

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Und doch packen diese Filme, Fotos und Aufnahmen eine solche Unmenge von Sehnsüchten übereinander, die nicht weniger sind, als die Quintessenz des Pop. Denn das wahre und einzige Leitmotiv des Pop ist die Nostalgie, die Suche nach der verlorenen Jugend, der verlorenen Liebe, der verlorenen Identität.

Heute verklären wir den Sommer von 1971 als einen Sommer der unbegrenzten Freiheiten. Die Dekadenz und die Genialität, mit der die Stones in der prunkvollen Villa dem Blues auf der Spur waren, verkörpern heute den Traum von einem Leben, das gerade in seiner Zügellosigkeit die großen Werke hervorbringt. In der Musik der Stones findet sich aber noch eine viel größere Nostalgie. Die Bonus-CD mit den unveröffentlichten Stücken ist sicher eine der besten Stonesplatte aller Zeiten. Songs wie ,,Pass The Wine‘‘ oder ,,Plundered My Soul‘‘ sind so grandios wie  ,,Tumbling Dice‘‘ oder ,,Shake Your Hips‘‘, die sie damals schon veröffentlichten. Sie ist aber auch ein entlarvendes Dokument. In den Versuchen Country, Blues und Gospel in den Griff zu bekommen, spiegelt sich die Sehnsucht der Nachkriegsgeneration, der öden Bequemlichkeit ihrer goldenen Jugend zu entkommen und etwas Wahrhaftiges zu finden. Was eignete sich dafür besser, als die Folklore der Vertriebenen und Verschleppten Amerikas. Und doch bleiben die Stones gerade in den schlichten Momenten so ungelenk wie unbeholfen. Richtig gut sind sie meist nur in ihren überarrangierten Momenten der Dekadenz. Da waren sie ganz bei sich und in ihrer Zeit.

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1971 hatten diese Nostalgien ihre Unschuld schon eingebüßt. Der Rock hatte in den vorhergehenden Monaten mit Jimi Hendrix, Janis Joplin und Jim Morrison drei seiner ganz Großen verloren. Watergate, Vietnam und die grassierende Drogenpest hatten die Jugend in einen Zustand der Verwirrung gestürzt. Robert Frank hatte bei den Stones eine tiefere Wahrheit gefunden. Eine Wahrheit, die Robert Greenfield später ausformulierte. Der nannte sein Buch über die Zeit in der Villa Nellcôte ,,Ein höllischer Sommer mit den Rolling Stones‘‘. Denn über der Freiheit und dem Genie lag in diesem Sommer schon der Schatten der Verzweiflung.

Trailer "Stones in Exile" - hier

Bootleg "Cocksucker Blues" (Teil 1 von 10) - hier

Alle Fotos Dominique Tarlé / Universal

11.06.10 | 06:56 | 0 Kommentare

Friday Night Live

10.06.10 | 17:45 | 4 Kommentare

Trailerpark (die Zweiminutenkritik)

Es gibt ja keinen Actionstar, der so souverän mit dem Thema Alter umgeht, wie Sylvester Stallone (auch wenn seine kosmetischen Eingriffe eigentlich etwas anderes signalisieren). Plumpe, aber prinzipiell sympathische Selbstironie eingebettet in sauber inszenierte Genre-Klischees. Kommt sicher nicht an seine melancholische Meditation über das Altern "Rocky Balboa" heran. Aber offensichtlich hat er ein neues Thema gefunden. Für das es sicherlich eine große Zielgruppe gibt.

10.06.10 | 07:20 | 2 Kommentare

Happy 100th

Chester Arthur "Howlin' Wolf" Burnett - 10. Juni 1910 – 10. Januar 1976

08.06.10 | 21:45 | 0 Kommentare

BP

bpstation

Macht gerade die Runde im Netz - Schild an einer BP-Tankstelle in Ohio

Vom Flick'r-stream der Rachel Maddow Show via Boing Boing

08.06.10 | 20:57 | 0 Kommentare

Unsere Familienministerin auf Twitter

KSchroeder01

Schwerer Gegenwind für unsere Familienministerin für ihr herbes Klassenbewusstsein auf ihrem Twitterfeed. Eigentlich klingt der ganze Twitterfeed, als hätte ihn die Redaktion von Titanic getextet, nicht zuletzt wegen dem Rücktrittssymbolschwangeren Nachnamen. Der allerdings ist ihr Mädchenname. Und das Konto ist "verified".

Ähnlich aufschlussreich sind auch ihre Anmerkungen zu Homosexuellen wenige tweets zuvor:

  1. Aber: Eine Familie in Hartz IV, 2 Kinder, erhält inkl. Elterngeld 1885 € vom Staat. Netto! Ist das gerecht gegenüber denen, die arbeiten? 10:11 PM Jun 7th
  2. Natürlich ist die Elterngeldstreichung für Hartz IV-Empfänger hart. 10:07 PM Jun 7th

  3. Eben war ich bei der Eröffnung der "Langen Tafel" am Alexanderplatz, bin Schirmherrin der "Tafeln" in Deutschland. 1:13 PM Jun 5th

  4. Jetzt dürfen nur nicht die schwulen Mannschaften auf den letzten Plätzen landen, schliesslich sollen ja Vorurteile widerlegt werden ;-) . 11:54 AM Jun 5th

  5. Komme gerade von der Eröffnung der "Respect-Gaymes", bei der Heterosexuelle gegen Homosexuelle Fussball spielen. 11:53 AM Jun 5th

Man sollte eigentlich alle Politiker verpflichten, sich auf Twitter zu äußern. So ungefiltert bekommt man solch reaktionäres Gedankengut ja sonst nicht zu hören/lesen.

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