16.05.10 | 19:34 | 5 Kommentare

Das Kapital des Vertrauens

streetviewzurich

 (Wirtschaftsleiter aus der SZ Mo 17/05/10) Der Datenschutzskandal um den Internetkonzern Google ist zunächst einmal ein Problem für Google. Bei den Aufnahmen ganzer Straßenzüge für die fotografischen Stadtpläne ihres „Street View“-Dienstes hat Google nicht nur die Standorte privater drahtloser Internetverbindungen aufgezeichnet, sondern durch einen Fehler auch Teile des privaten Internetverkehrs über diese W-Lan-Netze. Allerdings benutzt Google die Standortbestimmungen nur als Unterstützung von GPS-Daten. Außerdem sind die Datenmengen so gering und die Daten selbst so bruchstückhaft, dass man sie selbst dann nicht auswerten könnte, wenn man es wollte. Doch weil es bei dem Skandal nicht um die praktischen Auswirkungen geht, sondern um die Grundwerte der digitalen Wirtschaft und der digitalen Kultur, ist Google aus gutem Grund nervös geworden. Denn die Grundwerte, die der Konzern mit seiner Schlamperei gefährdet hat, sind auch sein Grundkapital.

Mindestens so wichtig wie Geld und Waren sind im Wirtschaftskreislauf des Internets Informationen und Daten. Kaufverhalten, Wohnort, Arbeitsplatz, persönliche Angaben – was man im Marketing Kundendaten nannte, ist heute eine Anhäufung persönlicher Detailinformationen aus denen im Internet so etwas wie eine digitalen Persönlichkeit entsteht. Dieses digitale Alter Ego ist Geld wert, weil man es an Werbekunden oder Umfrageinstitute verkaufen kann.Das ist die Geschäftsgrundlage von Firmen wie Google oder Facebook, denn die Gratiskultur des Internets kann kommerziell nur funktionieren, wenn jeder Nutzer mit persönlichen Daten bezahlt.

Daten sind aber auch Funktionsgrundlagen. Viele der neuesten und zukünftigen Funktionen des Internets basieren darauf, dass das Netz möglichst viel über den einzelnen Nutzer weiß. Gerade im mobilen Netz ist die Bestimmung des jeweiligen Aufenthaltsortes obligatorisch, um dem Nutzer Informationen über sein direktes Umfeld, Wegbeschreibungen oder Warnhinweise zu geben. Das führt natürlich auch dazu, dass der Nutzer jederzeit von anderen geortet werden kann, was hilfreich sein mag, um verlaufene Kinder aufzufinden. Wer Wert auf Diskretion legt, wird das Netz bald nicht mehr nutzen können, denn selbst das Ausklinken würde verdächtig wirken.

Je mehr Daten man jedoch preisgeben muss, um die Funktionen des Netzes zu nutzen, desto wichtiger ist das Vertrauen in die Anbieter dieser Funktionen. Nachdem sich im Netz mehr als in jedem anderen Medium Monopolisten von globaler Reichweite wie Google, Facebook, Apple oder Microsoft etabliert haben, ist es für diese Firmen ökonomisch lebenswichtig, diesen Vertrauensbonus nicht zu verspielen. Private Daten einfach ohne Ankündigung abzugreifen ist ungefähr so seriös, wie die Spielsender im Kabelfernsehen oder die dubiosen Handydienstleister, die ungefragt nebulöse Gebühren einstreichen.

Der Zukunftsmarkt medizinischer und genetischer Informationen, den zum Beispiel Dienste wie Google Health oder 123me derzeit erobern, wird die Vertrauensfrage noch verschärfen. Weil fast alle digitalen Monopolstellungen von US-Firmen gehalten werden, fehlt es jedoch an Problembewusstsein. Denn Datenschutz ist in den USA ein sekundärer Grundwert. Das hat einerseits damit zu tun, dass Amerika noch keine Diktatur erlebt hat. Zum anderen hat die Transparenz in der amerikanischen Gesellschaft und Kultur einen ungleich höheren Stellenwert. Das schlägt sich nicht zuletzt in der Gesetzgebung nieder. Gesetze wie der Freedom of Information Act helfen Wirtschaftsfahndern, die Praktiken von Konzernen und Banken zu durchleuchten und Journalisten, der Doppelmoral der Politiker auf die Schliche zu kommen. Andererseits ist die Überwachung der Bürger viel umfassender, als auf dem europäischen Kontinent.

In den Frühzeiten des Internet galt die Kultur der Transparenz als eine Form der Freiheit. Erst seit Konzerne die Offenheit des Netzes kommerziell nutzen, regen sich auch in den USA erste Zweifel. Die Struktur des Netzes lässt sich jedoch nur noch im Detail ändern. Mit den immer neuen Funktionen und den immer größeren dafür benötigten Datenmengen wird es mittelfristig darauf hinauslaufen, dass man sich entscheiden muss, ob man sich seine Privatsphäre bewahrt oder das Internet nutzt. Philosophisch betrachtet mag das eine freie Entscheidung sein. Praktisch gesehen ist sie es nicht.

Foto: Google Streetview in Zürich von Peter Wolfs Blog für Cash

5 Kommentare »

  1. [...] Das Kapital des Vertrauens « Der Feuilletonist – (Tags: privacy GoogleStreetview ) [...]

    Pingback by Linkdump vom Sa, 15. Mai 2010 bis So, 16. Mai 2010 Links synapsenschnappsen — Mai 17, 2010 @ 00:03

  2. Wie Kevin Kelly mal so schön sagte: "Die digitale Wirtschaft beginnt mit Chips und endet mit Vertrauen." Friedrich Kittler meinte lapidar dazu (sinngemaess): "Dann ist unsere Kultur auf Sand gebaut - Silizium, daraus bestehen die Chips".
    Die Privatsphäre ist dahin - ob das die EC-Karte, das Mobile, Festnetz, das WLAN, die Ampelkameras, die Kreditkarte, das Surfen im Web, FB(I) sind - immer ist damit eine "Verortung" verbunden. Da gab es vor einigen Monaten die Wired Geschichte, in der Evan Ratcliff versuchte zu "verschwinden" - nach gut 3 Wochen hatten sie aufgetrieben. Vielleicht stellt sich daher auch eher die Frage: Wieviel Privatheit ist für mich nötig, damit ich mein Leben so leben kann, wie ich es für richtig halte?

    Comment by Stefan Becht — Mai 17, 2010 @ 00:34

  3. [...] und mehr tut als er ankündigt und dass es um Fragen der Ethik, der Unternehmenspolitik, um das Kapital des Vertrauens und nicht um Technik geht, diese Dimension fehlt in dem Text [...]

    Pingback by Technische Hintergründe zur WLAN-Datenerfassung bei Street View « Googlereport – Google-Experte Lars Reppesgaard — Mai 17, 2010 @ 10:05

  4. [...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Andrian Kreye und Stefan Mey, Thorstena erwähnt. Thorstena sagte: RT @akreye Reklame für mich selbst: Wie Google das Kapital des Vertrauens verjubelt http://bit.ly/a1YLjf [...]

    Pingback by Tweets die Das Kapital des Vertrauens « Der Feuilletonist erwähnt -- Topsy.com — Mai 17, 2010 @ 10:28

  5. Das Problem ist, dass hinter der Frage, wieviel Privatheit nötig ist, auch immer der Vorwurf lauert, dass niemand etwas zu befürchten hat, der die Normen seiner Gesellschaft befolgt. Das kann selbst in einer doch trotz aller Vorurteile sehr freizügigen Demokratie wie in den USA schnell kippen, wenn sich in Krisenzeiten die Normen verändern und die Sicherheit von einer Mehrheit als wichtiger erachtet wird als die Freiheit. Es reicht aber schon, dass in einer Welt ohne Privatsphäre die Fehlerquellen exponential steigen. Wovon beispielsweise Ted Kennedy ein Lied singen konnte, als er im Sommer 2004 auf einer No-Fly-Liste landete und Monate brauchte, da wieder gelöscht zu werden.

    http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/articles/A17073-2004Aug19.html

    Comment by akreye — Mai 17, 2010 @ 16:37

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