Im Chaos der Metropolen formiert sich eine neue afrikanische Moderne

(Aus dem Feuilleton vom Wochenende) Es gibt auf diesem Planeten nur wenige Orte, an denen man die Orientierung so schnell verlieren kann, wie in einer afrikanischen Großstadt. Die euphorische Begeisterung für das Fremde und Neue weicht meist bald dem Gefühl, der Reizüberflutung nicht mehr Herr zu werden. Man verliert sich in den scheinbar planlosen Straßenknäueln, in denen sich Leben und Handel auf engstem Raum drängen. Buschtaxis schwärmen auf undurchschaubaren Strecken in die Slums aus. Aus unzähligen Lautsprechern tönen blechern die verzinkten Rhythmen des Afropop und die Rufe der Muezzins. Das Aroma der Marktstände und Garküchen vereint sich mit dem Gestank der Armut und der Hitze zum olfaktorischen Großangriff.
Egal ob in Lagos, Kinshasa, Johannesburg, Nairobi, Dakar oder Bamako, der europäische Besucher wird sich schon bald an die wenigen Strukturen klammern, die ihm vertraut sind, an die kolonialen Viertel in den Stadtkernen und an die hermetisch abgeriegelten Sektoren der Hotel- und Villenviertel. Dabei sind es die wuchernden Vororte und Außenbezirke, in den sich Afrika gerade mit seiner neuen Realität einer urbanen Moderne auseinandersetzt. Hier entsteht eine neue Kultur, die vom Rest der Welt kaum wahrgenommen wird. Es ist eine Kultur mit allen Genres und Insignien des Westens. Da gibt es neue Kunst und Fotografie, Film, Pop und Tanz, Mode und Literatur. Und doch ist diese Kultur ganz eigen und deswegen oft schwer zugänglich. Wenn man sie überhaupt findet.

Der niederländische Architekt und Urbanist Rem Koolhaas hat die afrikanische Megalopolis als Ort der Zukunft definiert. Lagos, schrieb er, sei eines von zwei Modellen der Großstadt des 21. Jahrhunderts. Lagos sei sich selbst überlassen gewesen und sei organisch zu einem System ungeplanter urbaner Strukturen gewachsen. Das Gegenmodell New York sei ein streng reglementiertes, überteuertes Konstrukt der Ordnung.
Die Kultur spielt in beiden Modellen eine Schlüsselrolle. Sie gibt der Stadt ihre Identität und ihre historische Kontinuität. In New York hat die kulturelle Moderne eine lange Geschichte von weltweiter Bedeutung. Die afrikanische Kultur aber war bis zum Ende der Kolonialzeiten fest in den Traditionen der Dörfer und des Hinterlandes verwurzelt. Zu mächtig war die kulturelle Präsenz der Kolonialmächte, als dass sich eine eigenständige afrikanische Metropolenkultur hätte entwickeln können. Was sich dort jedoch seit dem Ende der Kolonialzeit abgespielt hat, ist eine kulturgeschichtliche Emanzipation im Zeitraffer.
Vom kolonialen Erbe ist in der Kultur der afrikanischen Großstädte nur wenig geblieben. Es war vielmehr jene diffuse kulturelle Echokammer des „Black Atlantic“, aus der sich die neue afrikanische Kultur herauskristallisierte. Nicht London, Paris und New York waren die Bezugspunkte für die afrikanische Moderne, sondern Kingston, Havanna und Harlem. Was den kolonialisierten Afrikanern verwehrt blieb, konnte die Diaspora in den urbanen Zentren der Karibik und den Ghettos der süd- und nordamerikanischen Großstädte schon lange im Voraus erproben. Reggae, Blues und Rumba, die naive Malerei der Karibikinseln und die Literatur der Harlem Renaissance dienen schon seit den sechziger Jahren als Brücken über das kulturelle Loch zwischen dem Trauma der Verschleppung in die Sklaverei und der Befreiung von den Kolonialmächten. Später kamen Hip-Hop und Genrefilme dazu. So haben Namen wie Bob Marley, James Brown und W. E. B. Du Bois für die Kultur der afrikanischen Großstädte eine gewichtige Bedeutung.

Die Kulturschleifen zwischen den afrikanischen Großstädten und der Diaspora auf den amerikanischen Kontinenten funktionieren noch heute. Erst letzte Woche hat der senegalesische Superstar Youssou N’Dour ein Album mit Reggae veröffentlicht, das er als Hommage an Bob Marley versteht. An der nordkolumbianischen Küste schuf die DJ-Kultur der Picoteros aus westafrikanischen Schallplatten den Musikstil Champeta. In der Filmschule im haitianischen Kulturstädtchen Jacmel dient Nollywood als Vorbild, jene Filmindustrie, die in den Hinterhöfen von Lagos billige Action- und Horrorstreifen für ganz Afrika produziert und nach dem indischen Bollywood inzwischen die zweitproduktivste Filmindustrie der Welt ist. Es gibt aber auch den afrikanischen Kunstfilm, der sich die Erzählformen der afrikanischen Überlieferungen zu eigen gemacht hat und im bedächtigen Tempo und voller Allegorien westliche Sehgewohnheiten auf die Probe stellt.
Noch viel komplexer als in der Musik und im Film sind jedoch die Kulturschleifen innerhalb des Kontinents, die sich vor allem in der neuen afrikanischen Fotografie finden. Da überlagern sich die Brüche zwischen den französisch-, englisch-, arabisch- und portugiesischsprachigen Ländern, die vorkolonialen Kulturgemeinschaften mit ihren Sprachräumen, die Isolation des industrialisierten Südafrika und die Dynamik der innerafrikanischen Migration. Es war vor allem die afrikanische Foto-Biennale in Bamako, der Hauptstadt von Mali, welche die Grundlage schuf, damit eine neue Generation afrikanischer Fotografen eine eigene Bildsprache finden konnte. Da entdeckte die westliche Galerienwelt zunächst die genialischen Arbeiten aus den Passfotostudios von Malick Sidibé, Seydou Keita und Cornelius Augustt, die aus der bürokratischen Gebrauchsfotografie der Jahre nach der Befreiung einen zunächst noch naiven, doch sehr eigenen Blick entwickelten.

Die Hochpreise für diese erste Welle afrikanischer Fotografen kreierten über die Fotomesse in Bamako plötzlich einen Markt für afrikanische Fotografie. Das brachte Geld, und ohne Geld kann Kultur nicht blühen. Der nigerianische Kurator und ehemalige Documenta-Chef Okwui Enwezor brachte die neue Generation afrikanischer Fotografen Anfang der Nullerjahre in den Norden. Da tauchten mit Boubacar Touré Mandémory, Mahamed Canara, Alan de Souza und Guy Tillim neue Namen auf, die ihre Heimat ohne jenen postkolonialen Blick auf den „schwarzen Kontinent“ zeigten, den Enwezor als „Afropessimismus“ bezeichnete.
Afrika ist sicherlich nicht der einzige Ort, an dem sich diese neuen urbanen Kulturen formieren. Egal ob in Rio, Shanghai oder Kairo, in den wild wuchernden Metropolen der Schwellen- und Entwicklungsländer entstehen derzeit Gesellschaftsformen, die ohne die Strukturen und Wirtschaftskreisläufe der Wohlstandsländer gezwungen sind, neue Wege zu finden. Zwangsläufig wird da auch die Kultur neue Wege gehen. Wer diese Metropolen und ihre Menschen verstehen will, der muss sich mit arabischer Lyrik, mit indischem Film, brasilianischem Baile Funk, aber eben auch mit der Literatur aus Nairobi, mit den Hits aus Kinshasa, den Moderitualen in Brazzaville und den Horrorfilmen aus Lagos beschäftigen. Das alles sind keine Kulturen, die sich dem Westen anbiedern. Doch gerade deswegen gewinnen sie an Bedeutung. Denn sie finden ihre eigenen Sprachen.
Alle Fotos: Guy Tillim, courtesy of Michael Stevenson, Cape Town & Extraspazio, Rome. Das Buch "Avenue Patrice Lumumba“ (Prestel Verlag) machte den Südafrikaner Guy Tillim berühmt. Die Fotos auf dieser Seite stammen aus seiner Serie „Jo’burg“, die vom 11. Juni an im Centre du Patrimoine Arménien in Valence zu sehen ist.