27.04.10 | 22:52 | 11 Kommentare

Born Free

M.I.A, Born Free from ROMAIN-GAVRAS on Vimeo.

Romain Gavras, Sohn des Filmregisseur Constantinos Costa-Gavras, wurde mit seinem Video für den Justice-Song "Stress" bekannt, weil der wegen roher Gewalt und vermeintlichem Rassismus von französischen Fernsehsendern boykottiert wurde. Jetzt hat er für M.I.A.s nächste Single "Born Free" (einer Coverversion von Suicides "Ghost Rider") einen Kurzfilm gedreht, der von YouTube inzwischen aus dem Verkehr gezogen wurde (auf der Videoseite Vimeo und auf M.I.A.s eigener Webseite allerdings noch zu sehen ist).

Der ausführliche Artikel auf SZ.de - hier.

11 Kommentare »

  1. Nachdem ich Ihren Text aus dem Feuilleton vom Donnerstag gelesen habe, bin ich mir nicht sicher, ob ich Ihrer Diagnose von der Befreiung zustimmen kann. Denn ich glaube, dass der Pop für immer zur Gefangenschaft im Pop verdammt ist.
    Was die Zensur durch YouTube für M.I.A. sein mögen, war die Verhaftung am 1. Mai 1999 für Atari Teenage Riot (Stichwort Maikrawalle-Konzert). Ironischerweise ähneln sich die beiden Songs sogar.
    Nun mag man damals auch von Befreiung geredet haben, aber was davon blieb, war die Pose. Und viel mehr als eine Pose kann auch ein vermeintlicher Tabubruch (im Fall des M.I.A.-Videos) nicht mehr sein - denn der Tabubruch selbst ist ja in seinen verschiedenen Facetten längst Teil der Pop-Ikonographie. Sprich: Selbst eine ehrlich gemeinte, ironiefreie Rebellion wird im Kontext des Pop früher oder später zur Parodie ihrer selbst, zumal, wenn sie im choreographierten Videoformat stattfindet.
    Vielleicht bin ich zu zynisch, aber ich sehe jenseits der Ironie-Authentizitäts-Zyklen (die ja keine wirklichen Zyklen sind, weil sie koexistieren) keine wirkliche Neuerung des geistigen Überbaus des "Pop". Spannend ist für mich an dem Video, wie stilbildend hier War Porn und Filme wie The Hurt Locker gewesen sind. Aber über das Thema haben Sie ja jüngst auch geschrieben.

    Comment by joha — April 28, 2010 @ 22:51

  2. Die Videos von Romain Costa-Gavras scheinen mir nicht nur ein Akt der Befreiung zu sein, sondern zu aller Erst ein Akt der Gewalt. Schon der Begriff der Befreiung impliziert ja ein Verhältnis zwischen einer unterdrückenden und einer sich emanzipierenden Gewalt. Insoweit ließen sich die Videos in ein Frage/Antwort bzw. Aktion/Reaktion Schema einordnen: die Gewalt der Jugendlichen (Justice-Video) provoziert (oder reagiert auf) die Gewalt der Polizei (MIA-Video). Die Videos sind aber nicht neutral. Als Pop Artefakte sind sie notgedrungen tendenziös, d.h. pro Jugend, pro Rebellion, pro Provokation. Die Filme haben damit eine politische Fremdreferenz, die in dem Artikel von Andrian Kreye als Form der Kritik beschrieben wird.

    Letztere funktioniert wiederum auf zwei Ebenen: zum Einen ist da die ästhetisierende Darstellung von Gewalt, die einem vagen demokratischen Grundkonsens des Gewaltverzichts und –ächtung diametral zu wider läuft. Zum anderen wird die politische Kritik der Videos konkretisiert durch die Kontextualisierung der Gewalt, die über die ‚artifizielle’ Welt des Pop – Films hinausweist auf eine, wie auch immer geartete ‚echte’ Welt. Meines Erachtens funktioniert diese erste Ebene – die Stilisierung der Gewalt – relativ gut, während die zweite Ebene – die politische Kontextualisierung – auf zu plakativen und naiven Niveau verläuft.

    Die sinnlich schöne Stilisierung von Gewalt ist natürlich nicht neu. Sie findet sich bekanntlicher Weise schon bei Sam Peckinpah, bei Tarantino, aber auch in weniger anspruchsvollen Filmen wie Rambo IV, auf den der Minenlauf der Jugendlichen im Video von M.I.A. anspielt. Schon seit jeher entzünden sich daran Debatten über die gesellschaftliche Wirkung einer solch moralisch ambivalenten Darstellung von Gewalt. Hier wiederholen die Massenmedien gebetsmühlenartig angeblich pädagogische, politische oder moralische Gefahren. Letztlich wird oft übersehen, dass sich hier der Film auf Film bezieht und damit zunächst keine moralisch oder politisch erbaulichen Ziele hat. Wie schon Tarantino auf die Frage einer Kritikerin antworte, warum er immer so viel Gewalt zeige: „Because it’s fun, Margret, because it’s fun.“ (Siehe Video auf Youtube). Dies ist ein wichtiger Schritt im Sinne der Emanzipation der Künste: Das Medium Film kennt eben zunächst keine übergeordnete moralische oder religiöse Instanz. Insoweit müsste man die Filme von Romain Costa-Gravas gegen politische Übergriffe eigentlich verteidigen, würden sie sich nicht selbst auf eine solche übergeordnete normative Instanz beziehen.

    Das interessante und problematische an den Videos von Costa-Gavras ist somit, dass sie – anders als etwa die Filme von Tarantino - einen klaren politisch-normativen Bezugspunkt haben und damit über ihr eigenes Mediums des Pop hinaus verweisen: Sie sind nicht nur ein mannigfaltiges Zitat von Pop Kultur, sondern auch politische Pamphlete. Denn: zu eindeutig – aus künstlerischer Sicht müsste man kritisieren: zu plakativ - sind die Referenzen auf eine gewaltbereit-faschistische Polizei (MIA Video) bzw. auf eine doch irgendwie berechtigte Gewaltbereitschaft der Hooligans im Justice Video: Wenn etwa die Jugendlichen eine Hippie Band am Straßenrand belästigen (Justice Video) und ihre Instrumente zertrümmern - eine nebenbei eher harmlose und damit tendenziell lächerliche bzw. unglaubwürdige Szene - dann wird hier eben auch angedeutet, dass ein Gewaltverzicht im Sinne des Pazifismus so mancher 68ger letztlich purer Eskapismus ist, der die Realitäten einer sich verhärtenden Gesellschaft nicht nur nicht erkennt sondern auch hilft zu verschleiern.

    Damit haben die Filme ein starkes normatives Fundament (so wie auch so mancher Haneke Film: etwa ‚Funny Games’), der meines Erachtens einen unanangenehmen Nachgeschmack bei dem Zuschauer hinterlässt: Nicht in der Filmwelt – so die Aussage der Videos - sondern in der echten Welt gibt es ein irgendwie doch ‚schlechtes’ Gewaltpotential, das bekämpft werden muss. Das Problem hierbei ist natürlich: Der Musikclip selbst ist ein Gewaltakt - und zwar ohne Ironie und letztlich ohne moralische Ambivalenz (und dadurch – so ließe sich einwenden – verlieren die Videos an künstlerischem Wert, zumindest dann, wenn man als ein Kriterium für ‚gute’ Kunst ihre Offenheit für den Blick und die Interpretation des Beobachters gelten lässt.)

    Damit schließt sich dann der selbstreferentielle Zirkel: die Videos sind sowohl Gewaltkritik als auch Gewaltakt. Als ein Sprechakt mit visueller Schlagkraft verschaffen sie sich in Form einer selbst erfüllenden Prophezeiung die nötige Aufmerksamkeit eben durch die provozierte Zensur und deren massenmedialen Reflektion. Damit ist die von Regisseur intendierte politische Dimension erreicht, denn es entstehen Fragen wie: Ist dieses Video noch eine Form der demokratischen Meinungsäußerung? Oder überschreitet sie diese Grenze, indem sie physische Gewalt als politischen Widerstand verherrlicht? Oder aus Sicht der politisierenden Kunst: Ist die Zensur ein Beweis für das Fehlen von Demokratie bzw. für ein diffuses Machtkonglomerat von globalen Korporationen, die den Bürger/Jugendlichen unterdrücken?

    Es steht aber zu befürchten, dass die Videos doch eher spätpubertär-narzistische Phantasien einer Jugend zu sein scheinen, die eigentlich in politischer Bedeutungslosigkeit versinkt. Denn: Interessiert sich die Politik bzw. die Polizei wirklich für irgendwelche Jugendlichen in den ‚Banlieus’ der ‚working class’? Das System der Politik rezipiert vielleicht Störgeräusche in Form brennender Autos oder diffuser Gewaltbereitschaft. Aber letztlich sind heutzutage weder die ‚Jungen’ noch die ‚Alten’ des Staats antagonistische Kräfte. Zynisch fomuliert: Schön wäre es ja, wenn es solche kollektiven Identitäten gäbe: auf der einen Seite ein gewaltbereiter Staat, der rothaarige (langhaarige?) Jugendliche als Bedrohung sieht, und auf der anderen Seite eine verfolgte Jugend, die sich zur Wehr setzen muß. Anders als aber zur Zeit der 68’ger funktioniert das Schema des Generationenkonflikts heute wohl nicht mehr. Vielmehr erscheinen die Videos als ein Schrei nach Aufmerksamkeit, der sowohl auf ihren Regisseur und die Musiker verweist, die sich im Medium des Pop Geschäfts durchzusetzen haben. Ob hier die Türen offen stehen für eine Re-Politisierung von Pop und Mode, die scheint mir dann aber doch irgendwie zweifelhaft.

    Comment by Till Funke — April 29, 2010 @ 13:43

  3. Also ich kann in dem Vidoe keinen Aufruf zur Rebellion entdecken. Eher erscheint es mir wie ein beängstigender und fatalistische Blick in die Zukunft. Unabhängig von der Verwendung einer bekannter Bildsprache erscheint mir das Drehbuch aus der Verschmelzung von zwei Hauptkomponenten zu bestehen. Dem wirken Lateinamerikanischer Todesschwadrone die "Asoziale" (Jugendliche, Prostituierte etc.) killen und den westlichen Gewaltapparaten die sich gegenwärtig in Ländern wie Irak oder Afghanistan austoben. Wie werden diese reagieren wenn die Lebensbedingungen der Bevölkerung auch in ihren eigenen Ländern immer verzweifelter werden?

    Comment by gata — April 29, 2010 @ 14:28

  4. Das Musikvideo ist gut, ist eben der Ausdruck der Jugend. In Zeiten wo Krieg, vor kurzem undenkbar, bei uns zum Alltag wird, dringt die Gewalt ins Bewußtsein und Unbewußte. Die Rothaarigen, als Symbol einer Minderheit, werden unterdrückt mit Null Toleranz, als Symbol, wenn Recht und Ordnung als Selbstzweck sich erhebt, und der Krieg dann auch im Inneren geführt wird. In Deutschland tun wir ja so, als uns das nichts angeht, wenn Razzien in Irak oder Afghanistan für die Freiheit unseres Staates Menschen treffen können, die wir hier, nichts getan haben, als ihren Unmut über die Ungerechtigkeit auszudrücken.

    Comment by Hans — April 29, 2010 @ 20:50

  5. Ich finde es einfach grausig, aber Krieg ist grausig!

    Comment by silvia — April 30, 2010 @ 16:12

  6. Wer die Vorgänge in den Banlieus von Paris kennt, für den ist das Justice-Video nichts als mit Musik unterlegte Realität. Und wer die Vorgänge in El Salvador (Erschießung von Bischof Romero durch Todesschwadronen) oder auch die um Heiligendamm kennt (siehe die Dokumentation im Deutschlandfunk http://www.dradio.de/download/79922/), dem erscheint auch das Born Free-Video als nicht übertrieben – in naher Zukunft auch in Europa möglich.

    Insofern geht hier Romain Gavras mit Mitteln seiner Generation den gleichen Weg, den schon sein Vater gegangen ist: Sich politisch engagieren, wo immer es möglich ist. Ich wünschte, es gäbe mehr solch mutige Filmemacher.

    Comment by Dion — April 30, 2010 @ 16:43

  7. Ich finde es ist zuviel des Guten.

    Wer sich so einen für die Augen unverträglichen Film ausdenkt muss echt einen an der Klatsche haben.

    Diesen Romain Gavras sollte man einsperren und nie wieder rauslassen, der hat doch echt einen an der Klatsche

    Comment by MrN — Mai 1, 2010 @ 13:35

  8. Die Wahrheit ist leider: Alles was der Mensch sich vorstellen kann, wird er auch vollbringen (in diesem Falle verbrechen). Diese "Vision" ist schon Geschichte und Realität zugleich: Vgl. Khmer Rouge (Kambodscha), Amerikaner vs. Vietcong, Nigeria, Angola, Kongo um nur einige der Grauen zu nennen.

    Comment by Tara — Mai 1, 2010 @ 22:56

  9. Ich finde es zynisch, dass von Seiten bestimmter Medien M.I.A. unterstellt wird, das Mittel der Provokation gezielt einzusetzen, um den Abverkauf ihrer Veröffentlichung zu fördern. Das Video ist eine treffende Alliteration auf das, was uns umgibt: seien es Kriege in Afghanistan und Irak, sei es Diskriminierung von Minderheiten, Militär- und Polizei-Brutalität, der Israel/ Palästina-Konflikt oder Widerstand gegen "die Mächtigen des Systems". M.I.A. ist mit ihrer Art des Ausdrucks, des Sound und der Bilder "gefährlich" für Jene, die von all diesen Dingen profitieren, deshalb werden ihre Anliegen auch auf das Reduziert, was den meisten der Kritiker vorzuwerfen ist: Gier nach Erfolg und Geld.

    M.I.A. ist als Tamilin während des Bürgerkriegs in Sri Lanka geboren und aufgewachsen, auch diese Tatsache sollte man bei der Bewertung der bewegten Bilder und dem aggressiven, sicher nicht kommerziellen Sound, berücksichtigen.

    Comment by lacasafiesta — Mai 2, 2010 @ 21:47

  10. Es stimmt sicher, dass der Pop keine längerfristig keine politischen Gültigkeiten hervorbringt. Aber "langfristig" ist sowieso nur politisches Ideal. Dem Pop per se die politische Wirkungskraft abzusprechen ist allerdings doch sehr im Europa des späten 20. Jahrhunderts verhaftet, in dem die akademische Wahrhaftigkeit vielleicht notwendige Reaktion auf die Geschichte, aber letztlich auch nur ein extremer Pendelschlag war. Siehe auch Adorno:

    http://blogs.sueddeutsche.de/feuilletonist/2010/05/06/20th-century-fox/

    Comment by akreye — Mai 6, 2010 @ 14:13

  11. [...] und -teams, die ebenda mit sehr wenig Geld Großes vollbringen, zum Beispiel Sean Metelerkamp, Romain Gavras,  Nez Khammal, und natürlich OK [...]

    Pingback by #musicmonday « Der Feuilletonist — Mai 10, 2010 @ 07:29

RSS Feed für Kommentare zu diesem Artikel. TrackBack URL

Hinterlasse einen Kommentar