1 KommentarDer 4. September 2009
Die Opfer von Kundus kommen zu Wort – nicht vor Gericht, aber in einer Ausstellung und einem Buch
Es gibt viele Gründe dafür, dass die Opfer der Angriffe in Afghanistan seit Beginn des Krieges am 7. Oktober 2001 nur selten zu Wort kamen. Die alliierten Streitkräfte behindern die Arbeit westlicher Journalisten genauso wie die afghanischen Behörden, viele Angriffe finden in Gebieten der Taliban statt, in denen Nachforschungen unmöglich sind, es fehlt an Korrespondenten vor Ort und am Willen der gespaltenen Bevölkerung, mit neutralen Beobachtern zusammenzuarbeiten. Deswegen ist es ein besonderer Glücksfall, dass der deutsche Journalist Christoph Reuter und der Fotograf Marcel Mettelsiefen den Luftschlag gegen eine Menschenmenge südlich von Kundus am 4. September 2009 mit einer Akribie und einem Aufwand aufgearbeitet haben, die einzigartig sind. Das Ergebnis sind eine Ausstellung und ein Buch, die weit über die reine journalistische Dokumentation hinaus die aktuellen Vokabel- und Mandatsdebatten buchstäblich auf den Boden der Tatsachen zurückholen.
Der Fall ist bekannt. Als sich zwei von den Taliban entführte Tanklaster an einer Furt festgefahren hatten, versammelte sich eine Menschenmenge aus Männern, Kindern und Greisen, die gratis Treibstoff abfüllen wollten. Oberst Georg Klein befürchtete, die Lastwagen könnten für einen Selbstmordanschlag auf das deutsche Feldlager benutzt werden und ordnete einen Luftschlag durch amerikanische Jets an. Nach Angaben der Nato kamen dabei zwischen „17 und 142 Menschen” ums Leben. Nach dem Ergebnis der vier Monate andauernden Recherchen von Reuter und Mettelsiefen waren es 91 Männer, Kinder und Greise aus fünf umliegenden Dörfern. Einige von ihnen waren Mitglieder der Taliban, einige Zivilisten.
„Uns geht es nicht darum, alle Opfer post mortem zu guten Menschen zu erklären”, heißt es im Vorwort. Ein kurz vor Drucklegung hinzugefügter Absatz weist darauf hin, dass am 2. April dieses Jahres drei Bundeswehrsoldaten in einem Hinterhalt in der Nähe des Dorfes Issa Khel ums Leben kamen, aus dem zehn der Opfer stammten, es sich also nicht nur um eine friedliche Gegend im Kriegsland handelt. „Aber Menschen, das waren sie. Ihnen gebührt der Respekt, als Individuen wahrgenommen zu werden.”
Christoph Reuter lebt seit 2008 in Afghanistan, von wo aus er für das Wochenmagazin Stern berichtet. Er stellt die aktuellen Debatten und Untersuchungen nicht in Frage. Doch er sagt: „Es ist wichtig, wie es dazu kam, aber es ist auch wichtig, wen es getroffen hat.” Das hatten bisher weder amerikanische noch britische Kollegen nach ähnlichen Angriffen recherchiert. Und doch ist der Angriff vom 4. September 2009 mehr als nur ein Fall, der das Grauen und die Ungerechtigkeit des Krieges dokumentiert. „Es ist das erste Mal seit dem 2. Weltkrieg, dass ein deutscher Offizier sagt, ich will, dass diese Menschenmenge ,vernichtet‘ wird”, sagt Reuter. „Vernichtet” war die Wortwahl des Oberst Klein.
Formal sind weder Ausstellung noch Buch eine klassische Reportage. Marcel Mettelsiefen hat die Angehörigen der Opfer vor grauem Hintergrund platziert und Porträtaufnahmen von ihnen gemacht, die eher an die statischen Posen der spätmittelalterlichen Porträtmalerei erinnern als an die Gesichter des Krieges, mit denen Robert Capa oder W. Eugene Smith die moderne Bildreportage begründeten. Daneben stehen die wenigen Bildspuren, die Menschen in einer technisch unterversorgten Weltgegend eben so hinterlassen – Familienbilder, Ausweispapiere, Schnappschüsse. Die Texte dazu beschränken sich aufs Nötigste, auf die biografischen Angaben und die spärlichen Sätze der Angehörigen, die sich an jene Nacht erinnern.

Hamidullah, Sohn Mohammed Alis: "Ich war in der Nacht nicht da, hatte bei Freunden geschlafen. Als ich am Morgen nach Hause zurückkehrte, sah ich erst meinen toten Onkel, dann meinen toten Vater, dann meinen toten Bruder." (Bild links oben: Ibrahim, 25, Mohammed Ali, 40, Rahmatullah,15). Jetzt bin ich verantwortlich für beide Familien, denn ich bin der älteste Mann."
Aus dieser Spannung zwischen formaler Strenge, der Banalität rudimentärer Dokumente und der Nüchternheit des Protokolls kristallisiert sich die sprachlose Trauer von Menschen, die ihre Väter, Großväter, Onkel und Kinder verloren haben. Es sind würdevolle Porträts von Männern und Knaben, denen Stolz viel bedeutet. Doch Mettelsiefen hat die Schwäche herausgearbeitet, die solch ein Verlust hinterlässt, hat auf jenen Moment gewartet, wenn Würde und Stolz porös werden und sich die Trauer in Nuancen um Augen und Mund abzeichnet.
In den Texten erzählt Reuter nicht nur die Geschehnisse der Nacht minutiös nach. Das Buch setzt Kundus in einen historischen Kontext – die einst modernste Stadt Afghanistans, aus der ein so verlorener, trister Ort geworden ist. Er beschreibt die Geografie der Provinz Chardara als Hölle für die Bundeswehrsoldaten, deren schwere Fahrzeuge auf den lehmigen Wegen abrutschen, die überall und jederzeit mit Heckenschützen und Sprengfallen rechnen müssen, die mit afghanischen Truppen zusammenarbeiten, die oft genauso viel Angst vor den Taliban haben wie die eingeschüchterten Dörfler.
Geplant war die Arbeit nicht. Sie entstand fast zufällig aus der laufenden Berichterstattung. Gleich nach dem Luftangriff dokumentierten Reuter und Mettelsiefen die Folgen. Da kam schnell mehr zusammen, als in einer Magazinreportage Platz findet. Die ersten Porträts waren auch gar nicht für eine Veröffentlichung gedacht. Sie dienten den Reportern für die Dokumentation ihrer Gespräche und die Bestandsaufnahme. Doch die Fülle des Materials trieb die beiden an, weiterzumachen. Noch dazu, weil es ähnliche Arbeiten aus dem Krieg nicht gab. Die Redaktion gab den beiden Carte blanche. Das Ergebnis liegt nun vor.
Eine wichtige Stärke der Arbeit ist, dass Reuter und Mettelsiefen nur selten anklagen. Das Protokoll verstört mehr, als moralische Empörung es je könnte. Der Vollzug, ein Unteroffizier vermerkt: „,Tasks closed‘. Oberst Klein verlässt den Befehlsstand und geht ins Bett.” Die Identifizierung des Amir Gul: „Ein Bruder erkannte ihn später an den neuen Kleidungsstücken, an einer Hand und dem halben Gesicht.” Die Bestandsaufnahme der Feldjäger: „Es sind nur noch minimalste Spuren von Humanmaterial zu finden.”
MARCEL METTELSIEFEN, CHRISTOPH REUTER: Kunduz, 4. September 2009, Rogner & Bernhard, Berlin, 2010. 128 Seiten mit 109 Fotografien, 19,90 Euro. Ausstellung bis zum 13. Juni im Kunstraum Potsdam
Fotos: Marcel Mettelsiefen/Rogner & Bernhard
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