28.02.10 | 21:45 | 3 Kommentare

Kapuscinski


KapuscinskiAngolaDPA

Es ist nie angenehm, persönliche Helden fallen zu sehen. Die Vorwürfe, dass der polnische Reporter, Pionier des literarischen Journalismus und einer der besten Autoren des 20. Jahrhunderts Ryszard Kapuscinski die Wahrheit verzerrt hat und auf den polnischen Geheimdienst mit Informationen belieferte, sind nicht neu. Neu ist eine Biografie mit dem Titel "Kapuscinski - non fiction", deren Autor Artur Domoslawski  das nun alles akribisch nachrecherchiert und nachgewiesen hat. Das Buch ist nicht das einzige, das zu Kapuscinski seit dessen Tod vor zwei Jahren erschienen ist. Jede Debatte muss ins Leere führen, weil sich ein literarischer Journalist nicht post factum zum Literat erklären, und auch nicht zu einem solchen erklärt werden kann. An der NYU gab es letzten Herbst ein ausführliches Symposium mit dem Titel "After Kapuscinski - the art of reportage in the 21st century" (Podcasts der Podien hier von Teil 1 , hier von Teil 2, und hier ein Video von Teil 3).

Nun haben Plagiats- und Fälschungsdebatten zwei Kerne. Der eine ist der faktische Kern. Plagiat und Verfälschung sind nichts anderes als Plagiat und Verfälschung, die sich durch kein Argument von der künstlerischen oder literarischen Freiheit schönreden lassen. Da nutzt es auch nicht viel, dass Werner Herzog sich im Dezember im Rahmen eines Interviews mit Slate in die Debatte eingeschaltet hat, die Debatte "sehr dumm und sehr fad" nennt und sagt, dass er "Dinge tut, die die Buchhalter der Wahrheit nie tun würden". Letztlich wärmt Herzog da nur eine vier Jahrzehnte alte Debatte über Objektivität und Subjektivität auf, die im Dokumentarfilm eine ganz andere Bedeutung und Konsequenz hat, als im Printjournalismus. Film unterliegt anderen Zwängen, anderen Erzählformen und Produktionsbedigungen. Objektivität im Film ist um ein vielfaches schwieriger zu erzielen, als im Text. Alleine die Anwesenheit einer Kamera verfälscht jede Situation um soviel mehr, als die Anwesenheit eines Autoren. Weswegen für den Film nicht die gleichen Regeln gelten können, als für den Text.

Meist bleibt es dann bei der Klärung dieser handwerklichen Fragen, doch der andere ist der ideologische, weil solche Debatten gerne benutzt werden, um Rechnungen zu begleichen. Seien es alte Konkurrenzkämpfe, neue Revierkämpfe, verspätete Generationenkonflikte, oder wie im Fall Kapuscinski ein Aufräumen mit der kommunistischen Vergangenheit.

Die langfristig gefährliche Nebenwirkung beim Fall Kapuscinski wird sein, dass hier mit der literarischen Reportage eines der besten und wichtigsten Genres des Journalismus weiter demontiert wird. Es gibt keine andere Form, die komplexe Zusammenhänge so effektiv und nachhaltig vermitteln kann. Die Gegner der literarischen Reportage sind zahlreich, von den Verlagen, die sie nicht mehr finanzieren wollen, über die Mittelfeldspieler des Journalismus, die den literarischen Journalisten ihre schreiberischen Fähigkeiten und ihre Bereitschaft, viel Zeit und Kraft in eine Geschicht zu investieren neiden. Es wird ihnen eine Freude sein, mit dem Fall eines der wichtigsten Vertreter über das Genre per se herzufallen. Verstärkt wird dieser Effekt werden, wenn sich dann die minder- und mittelbegabten Fälscher und Plagiatoren zu Wort melden, um sich rasch auf Kapuscinskis Seite zu schlagen, in der Hoffnung ein wenig von der Aura seines Ruhms aus der Debatte und ein wenig Legitimierung ihres Pfuschs von seinen Verteidigern abzuschöpfen.

Update: In der NZZ erklärt der Autor und Übersetzer Martin Pollack, warum er Domoslawskis Enthülltungsbiografie nicht übersetzen will. Weil sie letztlich eine hämische, spekulative Verdachtsaufreihung ist, die ihrerseits Legenden aufbaut, die nur dem Ziel des Autors dienen, Kapuscinski zu demontieren.

Foto: Kapuscinski in Angola/DPA

3 Kommentare »

  1. [...] Hier zwei interessante Blog-Verweise zum Thema. Zum einen erklärt der Kollege Andrian Kreye als Der Feuilletonist anhand des Falls des Reporters Ryszard Kapuscinski: Nun haben Plagiats- und Fälschungsdebatten [...]

    Pingback by Digitale Notizen » Blog Archive » Remix-Referenzkultur! — März 1, 2010 @ 17:32

  2. wieso ist niemand dem Mann früher auf die Schliche gekommen ? (Aber Hans-Magnus E. hatte ihn ja eingesegnet!)

    Ich bin ihm nur auf ... einen Schlich gekommen, weil ich damals (1965) Student an der Uni Ibadan in Nigeria war und später lesen durfte, was er dort angeblich erlebt hatte.

    Ich hätte ja ein Wort dafür, kann mir aber einen Prozess nicht leisten...

    Was hat KAPU wohl andernorts auch so NICHT erlebt ???

    Ach ja, mein Freund Wole Soyinka, damals das erste Mal verknastet, nennt das wenigstens FACTION, den Mix aus FACT und FICTION.

    gerd meuer

    Comment by Gerd Meuer — März 3, 2010 @ 12:54

  3. Nun ja, die Süddeutsche hat auch schon mal so einem Fälscher beschäftigt: Einen Journalisten, der angeblich Exklusivinterviews mit Berühmtheiten geführt, in Wahrheit sie aber aus von anderen Kollegen in diversen Zeitungen und Zeitschriften veröffentlichten Interviews zusammengestellt hatte.

    Natürlich war er klug genug, die Quellen nicht immer ganz wörtlich zu übernehmen, so dass selbst bei Verdacht kein Journalist ausschließen konnte, der Interviewte hätte dem Fälscher das Gleiche gesagt wie einst ihm. Als er doch erwischt wurde, verteidigte er sich mit dem Argument, dass die Aussagen in „seinen“ Interviews doch stimmten, und mehr als Wahrhaftigkeit wolle ein Leser in solchen Fällen ja nicht.

    Würde mich interessieren, ob dieser „Journalist“ noch weiter auf diese Weise tätig ist – z.B. bei Journalen, die es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen.

    Comment by Dion — März 3, 2010 @ 18:39

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