13.02.10 | 23:36 | 9 Kommentare

Hegemann


axolotl


Am Wochenende endlich in Hegemann reingelesen.

Das grundlegende Problem ist, dass der Literaturbetrieb seit fast 60 Jahren auf einen zweiten "Fänger im Roggen" wartet, der uns das Lebensgefühl der Jugend und den Zeitgeist in einen klugen Roman packt, der bei aller Komplexität auch noch so lässig zu lesen ist, wie ein Popsong. Am besten wäre dabei, wenn nicht Salinger, sondern Holden Caulfield selbst diesen Roman geschrieben hätte, wegen dem Authentizitätsanspruch, mit dem sich die Pop- und Hochkulturen in unregelmäßigen Abständen versuchen selbst zu reinigen. Und wenn möglich bitte aus Berlin, weil die von der Front- zur Weltstsadt aufgestiegene Metropole ausser Jugend- und Subkulturen bisher nicht viel zu bieten hat, die jetzt endlich mal einer literarischen Glaubwürdigkeitsadelung bedürfen.

Bisher waren die Hypes um Wunderkinder und Jugendlebensgefühlsromane fast ausschließlich Reinfälle, was sicherlich auch daran liegt, dass in diesen Büchern seit den 60er-Jahren viel zu viel über Sex und Drogen geschrieben wird, zwei denkbar ungeeignete Themen für die Literatur, die über mehr erzählen will, als über eben Sex und Drogen. Die Drogen erschöpfen sich so schnell, weil es keine langweiligeren und wehleidigeren Menschen gibt, als Drogensüchtige. Und Sex haben zwar Film, Kunst und Musik ganz gut in den Griff gekriegt, aber die Literatur hat immer noch keine adäquaten Formen entwickelt, bei denen man sich nicht umgehend fremdschämen muss.

Hegemann ist aber nicht einmal eines dieser brutal authentischen "Coming of age"-Bücher (Jim Carroll, Christiane F.), und auch keine der gelungenen Momentaufnahmen adoleszenter Verzweiflung (Ulrich Plenzdorf, Christian Kracht), sondern einfach nur 200 Seiten voll von diesem verkrampften Regietheater-Gebrülle und -Gesuhle, mit dem die europäische Hochkultur in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts versucht hat, die Dämonen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auszutreiben, und die letztlich nur einen deutlichen Mangel an Stringenz überspielen. Das ist längst vor allem - anstrengend. Und der Tabubruch heute ein so altmodisches Stilmittel, dass man ihn eigentlich unter Denkmalschutz stellen sollte. Definitiv mehr Fasnachtritual, als Avantgarde.

Dann doch lieber durch-/rein-/weitergelesen:

Dave Eggers & ...: "San Francisco Panorama" (Zeitungsexperiment)
William Langewiesche: "The Distant Executioner" (Vanity-Fair-Artikel)
Jonathan Ames: "The Double Life Is Twice As Good"
Colum McCann: "Let The Great World Spin"

Ausserdem:

Annette Tison, Talus Taylor: "Barbapapa" Band 3, 7 und 10
Axel Scheffler, Julia Donaldson: "Tommi Tatze"

P.S.: Ach ja, das Problem mit dem Plagiat. Scheint kein Versehen gewesen zu sein. Vorne weist der Verlag darauf hin, dass der Abdruck auf S. 193 aus einer Erzählung von David Foster Wallace stammt und vom Verlag Kiepenheuer & Witsch freundlich genehmigt wurde. Auf Seite 15 findet sich ein Dialog, der in den Zeilen gipfelt: "Es ist also nicht von dir?" - "Nein. Von so 'nem Blogger." ... Auch keine Ausrede. Man wusste nur offensichtlich, dass KiWi nach der Rushdie-Arie und den beinharten Prozessen um "American Psycho" und "Esra" eins A Anwälte hat, was bei einem Kleinstverlag wie Sukultur nicht zu erwarten ist.

9 Kommentare »

  1. Wg. Plagiat: Ob Abkupfern nun Fluch oder Segen für die Literatur ist, die Diskussion sei mal dahingestellt. Viel interessanter ist in der Tat die Frage, wer hier mit welcher Wirtschafts- und Medienmacht im Rücken entscheiden darf, wann das nicht sonderlich originelle Abschreiben dem Literaturgedanken förderlich ist und wann nicht. Man stelle sich einmal den umgekehrten Fall vor: der Kleinstverlag S. veröffentlichte ein Manuskript eines unbekannten, zuvor noch nicht als regieführendes Wunderkind in Erscheinung getretenen Autors, in dem dieser ohne Genehmigung bei Walser, Grass, Böll etc. abschreibt und das mit dem Hinweis auf den Kunstgedanken als eigenen Mist ausgibt. Einzig die klagenden Anwälte würde von diesem Buch erfahren.

    Comment by Michael Hess — Februar 14, 2010 @ 22:08

  2. [...] 15 Feb Definitiv mehr Faschingsritual, als Avantgarde. Quelle [...]

    Pingback by Zur modernen Literatur — Februar 15, 2010 @ 08:18

  3. Der zweite Absatz stimmt ja wohl überhaupt nicht. Gute Drogenszenen bei: Benjamin, Henry Miller, Tracey Emin, Kerouac, Klaus Mann, E.T.A Hoffmann (Burroughs und S. Thompson sind ja irgendwie klar).

    Gute Sexszenen bei: Etlichen! Houellebecq, P. Roth, wieder Miller, Duras, Sontag (de Sade ist ja irgendwie klar), ach, und so weiter. Und das waren nur die Expliziten. Wenn man mit den Impliziten anfängt, kann man ja wirklich alle mitreinsubsumieren.

    Ich stehe der Position: "In Literatur geht es letzlich immer um Sex und Drogen" tendenziell näher als Ihrer, bemerke ich gerade. (Drogen jetzt weiter gefasst: Adrenalin, Serotonin etc.)

    Ansonsten bin ich bei Ihnen: Das Buch ist einfach nicht besonders.

    Comment by felix — Februar 15, 2010 @ 16:13

  4. Die Frage ist weniger, ob heute noch jemand einen 'brutal authentischen' Roman schreiben kann. Sondern ob jemand heute überhaupt noch brutal authentisch leben und erleben kann. Helene Hegemann konnte es offensichtlich nicht.

    Comment by Marvin — Februar 15, 2010 @ 16:43

  5. Muss sie ja auch nicht. So manch grandiose Beschreibung solcher Lebenswelten kam durchaus von aussen und nicht aus der eigenen Erfahrung. Muss ja nicht jeder gleich eine Biografie von Rimbaud'schem Format vorweisen (noch so eine Messlatte, die niemand mehr erreicht hat), um ein glaubwürdiges Buch zu schreiben.

    Comment by akreye — Februar 15, 2010 @ 18:11

  6. Hm, so gesehen. Stimmt eigentlich. In meiner Welt schreibt Pete Doherty über Nacht- und Ursula von der Leyen über Familienleben. Aber umgekehrt wäre eigentlich viel spannender! Titel: Alotta Roadkill. Könnte für beides passen.

    Comment by Marvin — Februar 15, 2010 @ 21:26

  7. Sex, Drogen. Krieg: genuin literarische Themen, vor allem weil meist alle zusammen kommen. gerade nicht Kino, weil je komplexer, je individueller erlebbar, desto besser wenn das Medium Freiheitsgrade besitzt. übrigens: HH-Lärm ist der urdeutsche Geniekult. Kehlmanns Vermächtnis sozusagen.

    Comment by Ralf Bönt — Februar 16, 2010 @ 13:52

  8. Kehlmanns Vermächtnis - na da hammwa doch mal ein vernichtendes Urteil in zwei Worten, von dem sich ein Vertreter der jungen Wilden wohl nicht mehr so schnell erholt.

    Comment by akreye — Februar 16, 2010 @ 14:22

  9. och, so böse war's nicht gemeint, ausser gegen den geniekult, weil genie immer hirnleistungsstörung ist. (bodo kuklinski)

    Comment by Ralf Bönt — Februar 17, 2010 @ 12:37

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