31.01.10 | 20:50 | 20 Kommentare

Digitales LSD

neurocomics101

Aus dem SZ-Feuilleton von morgen (Montag den 1.2.):

Es begann mit dem Märchen vom digitalen LSD

Die Verklärung des Internets und seiner Geräte täuscht darüber hinweg, dass es um Geld geht, nicht um Kultur

Die Enttäuschung war groß, nachdem der Chef des Elektronikkonzerns Apple, Steve Jobs, am vergangenen Mittwoch das neue Unterhaltungs– und Kommunikationsgerät iPad vorgestellt hatte. Aus gutem Grunde. Das iPad beendet die Offenheit des Internets und reduziert die interaktive Kultur des Web 2.0 auf ein Gerät, mit dem man nur noch konsumieren kann. Man kann das nun als paradigmatisches Ende des Internets beklagen oder als magische Revolution bejubeln. Letztlich ist das iPad nur die konsequente Fortsetzung einer technischen und wirtschaftlichen Entwicklung, die Steve Jobs selbst begonnen hat. Schließlich war schon das Betriebssystem für den ersten Macintosh ein Sakrileg, weil es mit seiner geschlossenen Struktur der „Open Access”- "Open Source"-Ethik der Computerwelt widersprach.

Tieferer Grund der Enttäuschung ist eine Verklärung des Internets und digitaler Technologien, die schon früh begann. Was nicht zuletzt daran liegt, dass die Welt der kalifornischen Computerpioniere entscheidend von der psychedelischen Kultur der sechziger Jahre geprägt wurde, die ähnlich weltfremd mit sich und ihren Werken umging. Der entscheidende Unterschied ist jedoch, dass die digitale Kultur eine Technologie- und Wirtschaftsentwicklung mit sozialen Auswirkungen ist, während die Psychedelik in erster Linie eine gesellschaftliche Entwicklung mit künstlerischen und politischen Auswirkungen war.

Für das intellektuelle Leben der sechziger Jahre waren die LSD–Experimente von Timothy Leary, eines Psychologieprofessors an den Universitäten von Berkeley und Harvard, ein epochaler Befreiungsschlag gewesen. Niemand hatte das Dogma des vernunftgesteuerten und linearen Denkens bis dahin so radikal angegriffen. Dabei stellte er mit seinem Slogan „Turn on, tune in, drop out” auch gleich noch die Relevanz bürgerlicher Existenzen in Frage. Als sich Leary dann 20 Jahre später als einer der ersten Vordenker einer digitalen Kultur profilieren wollte, nahm es ihm niemand übel, dass er als Popstar des akademischen Betriebes seinen größten Hit noch einmal auflegte und proklamierte: „Das Internet ist das LSD der neunziger Jahre.” Denken und Kultur sollte es verändern.

Nun wird jeder bestätigen, der sich sowohl mit der psychedelischen wie der digitalen Kultur auseinandergesetzt hat, dass der psychedelische Wert des Internets gleich Null ist. Ähnlich vermessen klangen auch die Verklärungen des Internets als Manifestation des Weltgeistes, als philosophische Praxis, kognitive Revolution oder als der wahre Aufbruch der demokratischen Moderne. Denn es ging im Internet nie um kulturelle Inhalte und Deutungshoheiten, nie um intellektuelle Aufbrüche, sondern um Produktivität und Wirtschaftsmacht.

Sicherlich hat unser Leben in den vergangenen 15 Jahren nichts so verändert, wie das World Wide Web und die mobile Technik. Wirklich verändert hat sich jedoch unser Alltag. Die kulturellen Leistungen des Internets sind bisher noch marginal. Fast alle epochalen Texte, die das Internet hervorgebracht hat, beschäftigen sich mit: dem Internet. Tauschbörsen und iPod haben die Musikindustrie verändert, nicht die Musik – niemand hat Beethoven bisher so letztgültig dirigiert wie Furtwängler, Miles Davis’ „Kind of Blue” ist immer noch die beste Jazzplatte aller Zeiten, der Pop produziert seinen Überfluss an wunderbaren Ideen weiterhin auf der Basis von so handwerklichen Genres wie Rockmusik und Hip-Hop. Und visuell haben Computer und Internet bisher weder in der Kunst noch im Design nennenswerte Spuren hinterlassen.

Wer wissen will, wie sich die Computerwelt zur Kultur verhält, sollte Steve Jobs’ Essay „Thoughts On Music” vom Februar 2007 lesen. Jobs’ Gedanken über die Musik drehen sich um Speicherkapazitäten, Dateiformate und Urheberrechtsprobleme. Jobs’ Text ist nur ein Beispiel dafür, dass die Kulturdebatten rund um das Internet Wirtschafts- und Technikdiskurse sind und keine inhaltlichen oder ästhetischen Auseinandersetzungen. Und doch gab es seit der E-Gitarrenfabrik Fender keine Elektronikfirma, die das Image vom rebellischen Hipster so erfolgreich für sich vereinnahmt hat wie Apple. Die Computerfirma kann allerdings noch so viel Anzeigen mit den Konterfeis von Miles Davis und Picasso schalten, letztlich ist die subkulturelle Aura von Apple nur ein zeitgenössischer Abklatsch des „Rebel Consumer” aus der Werbewelt der Autoindustrie in den sechziger Jahren.

Apple tat sich da nur leichter als die Hersteller von familiengerechten Viertürern. Die Computerkultur besaß schon früh all die Attribute, mit denen Beatniks, Hippies und Hipster die prägenden Subkulturen der letzten sechzig Jahre definierten – die kodierte Zeichenwelt aus Jargon und Abstraktion, die handwerkliche Virtuosität, die hämische Arroganz des Eingeweihten sowie das revolutionäre Potential. Doch das revolutionäre Potential der digitalen Technologien und des Internets ist ein Impuls aus der Wirtschaft. Amazon hat den Einzelhandel revolutioniert, Google die Welt der Bildung und Information, der iPod hat die Musikindustrie auf den Kopf gestellt und das iPad könnte das gleiche mit den Film- und Spieleindustrien tun. Da gibt es weder ein Utopia noch ein Dystopia. Da gibt es Märkte, Vertriebswege und Renditechancen.

Spätestens mit der Popularisierung des Internets durch Zugangsprogramme von Anbietern wie America Online und Compuserve folgt die Dynamik des Internets den Naturgesetzen der Geldströme in der freien Marktwirtschaft. Geld verdient man in der digitalen Welt entweder mit dem Verkauf von Software und Geräten oder mit der Bereitstellung von Übertragungswegen wie Kabel- oder Mobilfunknetzen. Mehr kann und will die digitale Welt gar nicht.

Alles andere, die neuen Formen der Kommunikation und der Vernetzung, sind gesellschaftliche Anwendungen neuer Technologien. Der Reiz beruht auf dem Prinzip der gesteigerten Produktivität. Diese Produktivität hat zwar zunächst einmal einen rein gesellschaftlichen Wert, im Gegensatz zur gesteigerten Produktivität des Kulturkonsums durch komprimierte und damit mobile Kulturgüter. Und doch ist die eigentliche Dynamik die einer wirtschaftlichen, nicht einer kulturellen Entwicklung.

Das iPad stellt nun eine perfekte Symbiose aus den Entwicklungen der Wirtschaft und der Technik her. Es macht mit seinem geschlossenen System aus dem Nutzer einen Konsumenten und eröffnet damit die Zielgruppe der Technikbanausen; es bindet kulturelle Inhalte über iTunes und iBookstore an ein einziges Gerät; es zwingt zum Abschluss eines neuen Mobilfunkvertrages. Kultur und soziale Funktionen sind da nur Schmierstoff in einer Industrie, die davon lebt, die Aufmerksamkeit ihrer Kunden zu jeder Zeit so lange wie möglich an ihre Produkte zu binden.

Abb.: Neurocomics/Last Gasp Books

20 Kommentare »

  1. Hmm,

    schöner und schlauer Text. Aber die Grundthese finde ich zu kurz. Auch Dampfmaschinen, um ein beliebtes Vergleichsbeispiel zu zitieren, waren eine rein wirtschaftlich getriebene Innovation. Sie brachten z. B. die Baumwollbarone hervor und die Eisenbahnmagnaten (Jobs + Brin sozusagen). Sie dienten einer kleinen Klientel, die damit wahnwitzig reich wurde und sorgten dafür, dass eine neue Kaste von ausgebeuteten Konsumenten entstand, die sie zwar bedienten, von ihnen aber nicht profitierten. Nicht direkt zumindest. Doch das später sogenannte Proletariat holte sich seinen Anteil durch Arbeitskämpfe und Revolutionen und letztlich waren auch die Dampfmaschinen schuld daran, dass die industriellen Gesellschaften demokratischer wurden.

    Letztlich waren sie also Teil und Motor eines technologischen Sprungs, der die gesame Gesellschaft erfasste und veränderte. Möglicherweise hat das Internet jetzt noch keine eigenständigen kulturellen Formate hervorgebracht (was ich auch schon bestreiten würde), bestimmt aber wird es das tun. Auf die eine oder andere Weise. Da bin ich mir ziemlich sicher.

    Beste Grüße
    Kai Biermann

    Comment by Kai Biermann — Januar 31, 2010 @ 21:55

  2. Noch einen erklärenden Nachsatz vergessen: Wo ist das Problem, dass das Netz eine wirtschaftliche und keine kulturelle Entwicklung ist?

    Alle Entwicklungen dieser unserer Welt waren letztlich durch Geld/Gold motiviert. So sind wir. Nicht schön, ist aber nun mal so. Kommt eben drauf an, was wir draus machen...

    Comment by Kai Biermann — Januar 31, 2010 @ 22:07

  3. [...] Kreye hat im Web-Zwonulligen Sueddeutsche-Unterblogdings Der Feuilletonist einen Beitrag namens "Digitales LSD" veröffentlicht, der vom iPad und Timothy Leary auf’s Internet zu schließen versucht und [...]

    Pingback by Kein großer Lastkraftwagen × Gruselgrotte.de — Januar 31, 2010 @ 22:51

  4. Ein paar kurze Anmerkungen:

    - WIe kann das iPad zum Abschluss eines neuen Mobilfunkvertrags „zwingen“, wenn 3G optional ist?

    - Auch wenn ich Dir grundsätzlich darin Recht gebe, dass das iPad ein stärkeres Gewicht auf Konsumieren als auf Produzieren legt (im Vergleich zum Universal-Computer), erscheint mir Deine Darstellung arg schwarz-weiß-gemalt. Immerhin wurden ja schon bei der Vorstellung des Geräts auch Programme gezeigt, die der Erstellung von Dokumenten dienen. Und vermutlich werden etliche weitere von Drittentwicklern hinzukommen. Ich sehe das iPad (enttäuschenderweise eigentlich) eher als „iPhone XL“. Und auch das iPhone wird ja schon zum bidirektionalen Konsumieren verwendet. Da ist das iPad dann sogar noch anwenderfreundlicher als das kleine iPhone, etwa beim Erstellen von Texten.

    - Das Internet ist auch nur ein Medium. Allerdings ein ziemlich erstaunliches, sowohl unter quantitativen als auch qualitativen Aspekten.

    - Gibt es ein noch „geschlosseneres System“ als Zeitungen/Zeitschriften/Bücher? Von ein paar Leserbriefen mal abgesehen, geht es hier doch 100% um Konsumieren statt Produzieren…

    - Übrigens ist es eine ganz natürliche Sache, dass ein Mensch kulturell ein Vielfaches dessen konsumiert, was er produziert. Viele produzieren in ihrem ganzen Leben nicht nennenswert, kulturell-kreativ gesehen. Allerdings ist das kein Grund, dies von vornherein anzunehmen und ihnen die Chance zu nehmen. Da ist das Internet als Plattform bestimmt ein positives Beispiel.

    - Apropos wirtschaftliche vs. kulturelle Nutzung des Internets: Ein Grund mehr, für Netzneutralität zu kämpfen. Noch haben wir sie. Sollte dieses Prinzip fallen, sehe ich allerdings düstere Zeiten auf das Internet als kulturelles Medium zukommen.

    Comment by Stefan — Februar 1, 2010 @ 08:26

  5. Schließe mich Kai an - die These, die hier so ausgefeilt vorgetragen wird, überzeugt von Anfang bis Ende nicht. Mit den gleichen Argumenten könnte man an den Buchdruck herangehen. Die Bibeldrucke waren nachher noch die gleichen Texte wie die handgeschriebenen.

    BTW: Wo wurde Steve Jobs für das erste MacOS abgestraft? Damals gab es meines Wissens noch keine explizite "Open Access"-Ethik - und die Nerds, die etwas damit anfangen konnten, waren scharf auf den Mac.

    Comment by Torsten — Februar 1, 2010 @ 08:26

  6. "Das iPad beendet die Offenheit des Internets und reduziert die interaktive Kultur des Web 2.0 auf ein Gerät, mit dem man nur noch konsumieren kann."

    Das ist so grundfalsch, dass ich an der Stelle aufgehört habe zu lesen. OK, ich hätte aufhören sollen, denn die These wird nirgednwo belegt, sondern als Grundlage zum philosophischen Rumschwafeln benutzt. Ich WILL aber keine Texte mehr, die erstmal etwas Falsches behaupten, sich nicht einmal die Mühe machen, diese zu belegen, nur um als (vermeintliche) Basis für die These des Journalisten zu dienen. Das ist Erich-von-Däniken-Journalismus.

    Das iPad wird das Internet nahezu gar nicht verändern. Es werden ein paar neue Konsumenten hinzukommen, es werden aber auch ein paar neue Kreateure hinzukommen, die dank der intuitiven Touchoberfläche jetzt Sachen hinbekommen, die sie früher nicht hinbekommen haben. Aber eigentlich lohnt die Diskussion an der Stelle nicht, da ich ja auf einer anderen Basis diskutiere. Das iPad ist zwar *vor allem* für Consumer gebaut, aber das schließt ja Kreative nicht aus. Im Gegenteil bin ich sogar der Meinung, dass der große Schirm und die Oberfläche ganz neue Möglichkeiten bringen wird. Aber so ist das bei neuen Sachen und der Zukunft. Die meisten können sie sich nicht vorstellen. Man vergleicht immer mit der Vergangenheit und schaut vor allem was man verliert. Dabei konzentriert man sich auf das Positive, was man verliert, vergisst aber schon das Negative (kein Virenscanner, kein großes Gerät, doofe Bedienung, komplizierte Softwareinstallation, ...). Noch weniger werden die neuen Möglichkeiten gesehen.

    Immer das gleiche. Ich war lange geneigt, dieses Verhalten, das man schnell als Technikfeindlichkeit interpretieren kann, in Deutschland als besonders prominent anzusehen. Seit ich aber - dank des Internets - auch einfach an US-Quellen komme, sehe ich, dass das auf der anderen Seite des Atlantiks nicht anders ist.

    Der iPad ist nicht nur das Device, für die Leute, die Internet haben wollen und keinen PC haben, sondern auch das Device für Leute, die Internet haben wollen und auch einen PC, aber eigentlich NIE einen PC haben wollten, aber nicht daran vorbeikamen. Und für die Sohn/Enkel/Nachbar dann den Support machen.

    Comment by Ulrich Voß — Februar 1, 2010 @ 11:26

  7. Der Artikel enthält leider soviele sachliche Fehler, dass es schwer wird, den teilweise nicht uninteressanten Kritikansätzen zu folgen. Der Kardinalfehler besteht dabei darin, das Transportmittel (hier: geschlossenes System iPad) mit dem Datenformat und den damit transportierten Inhalten zu verwechseln oder gleichzusetzen (hier: die zum Großteil offenen Formate Internet, Musik/mp3, eBooks/EPUB).
    Ihren Artikel hätte man auch mit einem iPad verfassen und veröffentlichen können. Das hätte ihn nicht besser gemacht, aber eben auch nicht schlechter.

    Comment by Daniel — Februar 1, 2010 @ 11:57

  8. Hallo Andrian,
    bei Deinem Artikel kann ich nicht verstehen, was Du für einen Kulturbegriff hast und was Du in diesem Zusammenhang unter kultureller Produktivität des Internets verstehen willst. Das ist doch sehr schwammig. Und was sollen hier die kulturellen Ansprüche sein und von wem erhoben? Wenn nun analog zur Verbreitung sagen wir des iPod das iPad gut für Oma ist, vielleicht nicht für Dich und mich und damit die digitale Kluft massiv verringert würde, dann ist das für mich eine nicht zu unterschätzende und sehr wohl kulturelle Leistung. Lassen wir mal die aktuellen Mängel des Geräts beiseite, ihre Beseitigung ist wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit nach gängigem Technik-Verständnis.
    Wenn ich aktuell mit dem Buch von Alex Ross (hast Du sicher gelesen) mir über Youtube die von ihm genannten Beispiele musikalisch erschließe und das in faszinierender Breite, dann ist das für mich eine kulturelle Leistung des Internets in bisher ungeahnter Form. Selbst wenn das nur sozusagen die Distribution betrifft - aber selbst die allein hat doch ungeheure kulturelle Potentiale. Also ich finde, Du greifst da viel zu kurz oder ich versteh nicht, was Du eigentlich meinst.
    Besten Gruß
    Hans Peter Tews

    Comment by Dr. Hans Peter Tews — Februar 1, 2010 @ 12:38

  9. Kultur ist im Internet genauso vertreten wie überall sonst auch, eher ein bißchen am Rande. Sämtliche Kulturträger haben Homepages, ebenso Kulturmedien, Kultursendungen, Feuilleton (Perlentaucher!), Popmusik, Klassik, Tourismus, Bildung zu allem und jedem, Videos usw. usf. - Das Internet, zumal als Kulturtechnik, nicht auch als Kulturmedium zu begreifen, ist reichlich vermessen, genauer gesagt falsch.

    Comment by Meeresbiologe — Februar 1, 2010 @ 14:51

  10. Gar kein Problem. Es sei denn ein Konzern verkauft sich als kulturelle Kraft. Die er nicht ist. Das ist der entscheidende Unterschied zur Dampfmaschine und der Eisenbahn, die sich weder als Weltgeist noch als kulturelle Rebellion verkauft. So wie es Apple eben darum geht, Computer und nun auch Inhalte zu verkaufen. Möglichst als Monopolist. Was die Menschen mit Netz und Apple machen, keine Frage, ist zum Teil ganz famos. Computer bleiben da erstmal ein neuer Vertriebsweg und ein Hilfsmittel.

    Comment by akreye — Februar 1, 2010 @ 21:01

  11. Aber es wird uns seit Jahren als Weltgeist und Kulturschöpfer verkauft. Das stimmt einfach nicht. Alles, was auf dem Netz passiert ist nach wie vor eine beschleunigte Abbildung der analogen Welt.

    Comment by akreye — Februar 1, 2010 @ 21:45

  12. Die kulturellen Ansprüche stellen - Apple, Google, die Vertreter einer vermeintlichen digitalen Kultur und Revolution, die eben letztlich nichts anderes ist, als eine neoliberale Revolution der Wirtschaftshoheiten. Ross habe ich gelesen, ja. Und auch all die anderen Abhandlungen über Youtube als Gedächtnis der Musik. Aber das greift zu kurz. Kultur ist im Wirtschaftsgefüge der digitalen Industrien ein reiner Schmierstoff, den es von Anfang an gratis gab. Das ist der Geburtsfehler des Internets. Oder eben das Gesetz des freien Marktes.

    Comment by akreye — Februar 1, 2010 @ 21:48

  13. Ein kultureller Prozess, den das Internet meiner Meinung nach hervorgebracht hat (der aber noch längst nicht abgeschlossen ist:
    Das Aufbrechen des "fertigen" Textes oder Werkes, die Akzeptanz des Zustand des Unfertigen, immer wieder Ergänz- und Überarbeitbaren.

    Comment by ThomasCrown — Februar 2, 2010 @ 01:40

  14. Das Internet bringt ja nicht nur kulturelle Prozesse und Kultur hervor, sondern begründet selbst eine völlig neue - globale wie nationale - Kultur, eine völlig neue Kommunikationskultur und mit Web 2.0, Vernetzung, Verlinkung, mobilem Internet usw. völlig neue Formen derselben. Was man von dieser Kultur hält, wie "kulturvoll" man sie und ihre Verwendung etwa hält, steht auf einem anderen Blatt - aber das Internet ist ohne Zweifel selbst eine neue Kultur(-technik, -form).

    Comment by Meeresbiologe — Februar 2, 2010 @ 08:21

  15. [...] Feuilleton-Chef der Süddeutschen Zeitung, hat Gott im Nachgang seine Sicht der Dinge in einem Leitartikel mit dem Titel “Digitales LSD” klar gemacht. Seine Klage, das Internet habe zwar unseren Alltag komplett verändert, aber [...]

    Pingback by Digital Anxiety Syndrom « The Difference — Februar 2, 2010 @ 10:14

  16. Sehr geehrter Herr Kreye,

    als langjähriger Leser der Süddeutschen Tageszeitung sind mir natürlich auch Ihre journalistischen Arbeitsfelder bekannt. In guter Erinnerung ist mir daher Ihr Artikel zum AppleTV vor ein paar Jahren, der zu einer ganz ähnlichen Schlussfolgerung kommt, wie der Artikel aus der Ausgabe der SZ vom 1.Februar, der Apples neuestes Produkt, das iPad zum Thema hat. Bevor ich auf diese eingehe, möchte ich ein paar kleine Korrekturen an Ihrem Text anbringen.

    Sie schreiben, dass das erste Macintosh Betriebssystem ein Sakrileg gewesen sei, "weil es mit seiner geschlossenen Struktur der 'Open Accsess' -Ethik der Computerwelt widersprach". Ich nehme an, dass Sie mit dem ersten Apple-Betriebssystem System 6 meinen, welches 1988 veröffentlicht wurde. Weiterhin nehme ich an, dass Sie mit "Open Access" eigentlich "Open Source" meinen, also die Freigabe des Quelltextes eines Programmes unter bestimmten Bedingungen. Open Access hingegen bezeichnet in der Regel die Freigabe von wissenschaftlichen Texten im Internet.
    Die Freigabe des Quelltextes eines Programmes ist in der Tat erstmalig von einem Wirtschaftsunternehmen auch 1988 veranlasst worden: Netscape versuchte mit dieser Freigabe des wirtschaftlich nicht mehr verwertbaren Netscape Navigators der wachsenden Dominanz von Microsofts Internet Explorer Einhalt zu gebieten. Einen wirklichen Schub bekam diese Entwicklung etwas später: Linux, als dezidiert freies Betriebssystem, ist ab 1991 entwickelt worden.
    Aber zurück zur "geschlossenen Struktur": Meinen Sie damit nun, dass Apples Betriebssystem nur auf Computern eben dieses Herstellers lief? Dies sorgt im Zweifel für ein reibungsloses Zusammenspiel der einzelnen Komponenten, wie jeder Apple-Nutzer bestätigen wird, und eben nicht nur der.
    Apple hat mittlerweile den grundlegenden Quelltext für sein aktuelles Betriebsystem MacOS X unter Open Source freigegeben.
    Warum nun Apple 1988 schon sein Betriebssystem 6 als Open Source hätte freigeben sollen - wenn dies denn gemeint ist - und was dies für Auswirkungen auf das von Ihnen kritisierte gegenwärtige Vertriebsmodell Apples von Kulturgütern gehabt hätte, erschließt sich mir nicht.

    Sie schreiben weiterhin nach Herleitung der Wurzeln der Computer- und Internetentwicklung aus der (kalifornischen) Hippie/LSD-Kultur, dass es im Internet nie "um kulturelle Inhalte und Deutungshoheiten, nie um intellektuelle Aufbrüche, sondern um Produktivität und Wirtschaftsmacht" ging. Dagegen ließe sich nun vieles einwenden, was ich an dieser Stelle unterlasse, da es zu weit führen würde. Und in der Tat auch nicht hilfreich ist: Das Internet automatisch mit der Computerindustrie gleichzusetzen, wie Sie dies dann auch im folgenden tun, verkürzt doch die Sicht auf die Möglichkeiten des Netzes erheblich. Ob diese Möglichkeiten dann unbedingt immer in kulturellen Revolutionen oder in die Erzeugung von Meilensteinen der Kunst münden müssen, weiß ich nicht. Ob man nun einem Industrieunternehmen unbedingt glauben muss, welches die Revolutionierung unserer Rezeptionsgewohnheiten oder der "Welt" (meint an dieser Stelle eigentlich immer: eines bestimmten Marktes) mittels einer bestimmten Neuentwicklung verkündet, weiß ich hingegen schon: Man sollte nicht.

    Das Apple neben der Entwicklung komfortabel benutzbarer Computersysteme spätestens nach der Rückkehr von Steve Jobs seine PR-Kampagnen perfektioniert hat, steht außer Frage. Aber letztlich geht es dem Unternehmen - wie allen anderen großen Wirtschaftsunternehmen - doch darum, seine Produkte zu verkaufen. Das dazu alle Kniffe und Tricks angewendet werden, dem potentiellen Käufer zu suggerieren, er kaufe mehr als eben diese Produkte, sollte bekannt sein. Und wenn das Internet dazu die Möglichkeiten bietet, bitte. Warum dadurch aber die Unternehmung als ganzes diskreditiert wird, verstehe ich nicht.

    Und ja, natürlich ist ist das iPad, wie der iPod und wie das AppleTV ein Vertriebsweg für Kulturgüter, durch den die Musiker, Schriftsteller, Künstler und Journalisten als Rechteinhaber in ihrem eigenen Interesse eine Kontrolle über die Verbreitung Ihrer Werke haben, und dieser muss damit in gewissen Maß geschlossen sein. In seiner Geschlossenheit unterscheidet er sich nicht vom Vertriebsweg Fernseher, DVD, CD, Buch oder der LP als Medien der Vermittlung kultureller Inhalte. Bei letzterer hat die Industrie nur deshalb auf die Prinzipien eines geschlossenen Systems verzichtet (und damit auf die Kontrollmöglichkeit die Anfertigung einer Kopie zu unterbinden), weil die Qualität der Kopie auf der Musikkassette signifikant schlechter war.

    Aber selbst wenn man mit dieser Geschlossenheit nicht einverstanden ist: Von einer Bindung der Inhalte an ein bestimmtes Gerät kann doch keine Rede sein, dieselben Inhalte sind doch über viele andere u.a. genannte Vertriebswege verfügbar. Das Argument der kulturellen Inhalte als ausschließlichen "Schmierstoff" für die angebotenen Produkte, welches Sie in gleicher Form seinerzeit in dem Artikel zum AppleTV angebracht haben, trägt m.E. daher nicht. Diese Bindung existiert ebenso wenig, wie der von Ihnen beschriebene Zwang mit dem Erwerb eines iPads einen neuen Mobilfunkvertrag abschließen zu müssen. Leider eine weitere Ungenauigkeit Ihres Textes.

    Mit freundlichen Grüßen
    Frank Fischer

    Comment by Frank Fischer — Februar 2, 2010 @ 13:26

  17. also - auch wenn ich mir die Kommentare zusätzlich ansehe - ich finde Deine "Schmierstoffthese" - vielleicht ein flotter Ausdruck, zugegeben - aber insgesamt doch recht platt und zu eindimensional, für mich schwer nachvollziehbar, behauptet, aber zu wenig belegt und zudem weiterreichenden und wahrnehmbaren Zusammenhängen aus meiner Sicht nicht angemessen.
    Besten Gruß
    Hans Peter

    Comment by Dr. Hans Peter Tews — Februar 2, 2010 @ 21:58

  18. [...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von netzpolitik, Falk Lueke, Chris Grabinski, Wolfgang Weicht, Lena Doppel und anderen erwähnt. Lena Doppel sagte: #iPad Befürchte wahr! RT lesenswert: @akreye Reklame für mich selbst: Digitales LSD http://bit.ly/cSsPF1 via @netzpolitik [...]

    Pingback by Tweets die Digitales LSD « Der Feuilletonist erwähnt -- Topsy.com — Februar 3, 2010 @ 00:54

  19. Apropos: http://online-merkur.de/seiten/lp200912adz.htm

    Comment by Stefan — Februar 3, 2010 @ 09:35

  20. Die Schmierstoffthese beruht auf dem Geburtsfehler des Internets. Die ersten kommerziellen Anbieter, die da Internet Anfang, Mitte der 90er Jahre für ein breites Publikum erschlossen haben, America Online und Compuserve vor allem, haben Inhalte verschenkt, Nachrichten, Unterhaltung, Spiele etc. Einerseits, um ein Internet-ungeübtes Publikum über ihre einfachen Oberflächen ans Netz heranzuführen, andererseits, um ihre Kunden möglichst lange im Netz und in ihrer Software zu halten (damals gab es noch keine Flatrates). Auf der einen Seite wurzelte das natürlich in der Offenheit des akademischen Internets. Auf der anderen Seite sind Hard- und Softwarehersteller darauf angewiesen, dass ihre Kunden möglichst viel Zeit mit ihren Geräten/Netzen verbringen, und dass sich die Inhalte insoweit verändern, als dass sie die Anschaffung neuer Hardware-/Softwaregenerationen und schnellerer Netze nötig machen. So dienten Inhalte bisher als Schmierstoff für einen Produktionskreislauf, in dem diese Inhalte kein nennenswerter Wirtschaftsfaktor waren. Apple war einer der ersten Computerkonzerne, die angefangen haben, Inhalte auch als Profitgenerator zu sehen. Siehe auch Steve Jobs "Thoughts on music": http://www.apple.com/hotnews/thoughtsonmusic/

    Geburtsfehler heisst der Ausgangspunkt dieser Entwicklung deswegen, weil man nun eine Kultur der Gratisinhalte geschaffen hat, die nicht mehr rückgängig zu machen ist. Auch nicht durch das Apple Tablet.

    Comment by akreye — Februar 3, 2010 @ 12:44

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