1 KommentarWas Deutsche mögen (8): New York

New York ist für Deutsche die perfekte zweite Heimat, um den Mangel an Metropolen im eigenen Land zu kompensieren. Dank der kulturellen Dominanz amerikanischer Filme und Romane in Deutschland und dank der geografischen Dominanz New Yorks in amerikanischen Filmen und Romanen erkennt man rasch vermeintlich vertraute Ecken wieder und fühlt sich so schon nach Stunden heimisch. Der Effekt ist dabei ein ähnlicher, wie die Begegnung mit einem geliebten Serienstar, der seit Jahren zum eigenen Leben gehört, weswegen sich bei einer solchen Begegnung ein eigenartiges Gefühl der Nähe und Vertrautheit einstellt. Zudem kennt man sich dank des übersichtlichen Strassennetzes schon am zweiten Tage gut aus. Und innerhalb einer Woche kann man sich erhebliches Expertenwissen erarbeiten. Dazu gehören (in dieser Reihenfolge) ein Lokal in Chinatown, dem man es nicht ansieht, dass es wirklich gutes und exotisches Essen serviert; ein Jazzclub in Harlem, in dem nur Einheimische um die Bar sitzen, um einem wirklich großartigen Hammondorgelspieler und einem Saxophonisten zuzuhören; ein Nachtclub in Downtown Manhattan oder noch besser in einem der neueren Hipviertel in Brooklyn, den man von aussen nicht als solchen erkennen kann, weil es kein Schild gibt, sondern nur eine Graffiti-verschmierte Türe und eine Klingel. Und weil nur wenige Menschen in New York wirklich geboren und somit einheimisch sind, findet man auch schnell Anschluss und Bekannte. So lässt sich zu New York meist mit nur einer einzigen Reise ein inniges Verhältnis zu der Stadt und ein wichtiger Platz der Stadt im eigenen Leben herstellen, was einem in London, Paris oder Barcelona nie möglich wäre. Wegen des großen Erfolges der Filme von Wooday Allen und der Romane von Paul Auster ist es wichtig, dass man solches Herrschaftswissen im Gespräch nicht als Touristenkenntnisse, sondern als "Bildung der Strasse" anerkennt.
Foto: Titelkarte aus Woody Allens "Manhattan"/United Artists
1 Kommentar »
RSS Feed für Kommentare zu diesem Artikel. TrackBack URL



[...] Der Feuilletonist: Die Rubrik “Was Deutsche mögen” hier beispielhaft New York [...]
Pingback by Digitale Notizen » Blog Archive » 10 vor 2010 — Dezember 29, 2009 @ 22:49