10 KommentareIronie und Haltung

Es ist hin und wieder schon erstaunlich, wie vehement so mancher deutsche Leser auf Ironie reagiert. Nun hat es Kurt Kister erwischt, der fürs Feuilleton eine grandiose Satire auf den amtierenden Verteidigungsminister verfasste, die Medienkulturkritiker Sascha Lobo so richtig in den falschen Hals gekriegt hat und Kurt Kister dafür im Lobo-Blog mit der vollkommen ironiefreien Abbildung eines Fieberzäpfchens und einer detaillierten Tirade bedachte. Es sei ihm zu Gute gehalten, dass er seine Schelte dann doch noch überdacht (aber keineswegs vom Netz genommen) hat. Ist allerdings kein Einzelfall. Ein ironischer Artikel über die Statusängste Londoner Gourmets und den Dünkel französisicher Restauranttester wurde mir in einer Flut (na gut, einem Bächlein) zorniger Leserbriefe als unverhohlener Rassismus ausgelegt. Ganz zu schweigen von den heftigen Reaktionen auf einen Text, in dem ich Larry Summers zutiefst frauenfeindliche Ausführungen, die ihn dann letztlich seinen Job als Harvard-Chef kosteten, nicht so ganz ernst nehmen konnte. Alleine die Anspielung auf Philip Roths rassismuskritischen Roman in der Überschrift brachte mir die Forderung der Frauenbeauftragten der LMU ein, dass sich doch bitte der Chefredakteur persönlich bei ihr entschuldigen sollte. Ist das in den deutschen Zeitungen also wie im deutschen Fernsehen? Deutsche Komiker müssen ja immer noch großkartierte Jacketts, lustige Hütchen oder wenigstens eine schräge Frisur tragen und nach jeder Pointe eine Grimasse schneiden, damit man auch gleich weiss, dass das jetzt nicht alles ernst gemeint ist. Warum soll's uns da anders gehen.
Foto: AP
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Mich erinnerte der Text an American Psycho. Ob gewollt oder nicht, er wurde dadurch noch besser.
Comment by ThomasCrown — November 16, 2009 @ 00:23
irgendwie bedrückend, wie ausgerechnet der bisweilen brillante sprachathlet lobo die ironie überhört. nicht dass ich das zum generationsproblem machen wollte, aber auch ich habe mittlerweile mehrmals erfahren, dass ironie ohne smiley am satzende immer schwieriger wird. missverständnis-frequenz steigend.
Comment by felix — November 16, 2009 @ 12:26
Richtig, das Smiley-emoticon, die digitale Antwort auf den Büttenreden-Tusch. Das war das Beispiel, nach dem ich gesucht habe. Auf Saturday Night Live gab es immer einen wiederkehrenden Sketch mit einem sehr überzogen schlechten mexikanischen Komiker, der nach jedem Witz eine Grimasse zieht und auf irgendwelchen Instrumenten einen Tusch haut, der stand stellvertretend für Fernsehumor in Schwellenländern, zu denen ja auch das Fernsehland Deutschland gehört.
Comment by akreye — November 16, 2009 @ 13:05
Ich habe gestern versucht, hier einen Kommentar zu hinterlassen. Die Software wollt mich nicht. Symptomatisch?
Also.
Wo ist bei mir die Tirade? Wo?
Haben Sie den Text bis zu Ende gelesen, den ich geschrieben habe?
Dass ich zunächst unsicher war, ob der Text wirklich eine Satire ist, liegt an dreieinhalb bis vier verschiedenen, aber zusammenhängenden Ursachen.
1) Kurt Kister war mir kein Begriff.
2) Im Netz steht er kontextlos auf einer Seite wie andere Nachrichten auch.
3) Sowohl im Ton wie auch von Ansatz her steht der Artikel (leider!) alles andere als allein - will sagen, es gibt genügend nichtsatirisch gemeinte Beiträge, die sich ähnlich lesen.
4) Ich bin zunächst auf meine eigene vorschnelle Ekelfaszination hereingefallen, der Text ist zweifellos widerwärtig. Ein klarer Fehler von mir. Zur Erklärung möchte ich meine heftige Guttenberg-Allergie anführen, die ich vor einigen Tagen dokumentiert habe (natürlich auf Twitter):
http://twitter.com/saschalobo/status/5652189064
Den Text bei mir im Blog habe ich allerdings bereits im Bewusstsein geschrieben, dass es sich (fast) sicher um eine Satire handelt und ein halbe Stunde später mit einem Link auf einen anderen Kister-Artikel das "fast" gestrichen - wo also ist das Problem?
Kommt nicht deutlich genug heraus, dass der Text ein Kompliment an Kister ist, wenn man meinen Beitrag bis zu Ende liest? Oder stürzt man sich genaus so vorschnell auf meinen Text ich auf den von Kurt Kister (ohne die beiden vergleichen zu wollen)?
Bedenklich finde ich nebenbei bemerkt, dass in Andrian Kreyes Beitrag durchscheint, ich den Beitrag hätte löschen sollen.
Zum Großkomplex digitale Kommunikation und das dazugehörige Fehlen von Gestik, Mimik, Körpersprache, Kontext und allem nonverbalen Kommunikationsinstrumentarium (durchaus ein Problem des Internet) könnte man in der Tat sehr viel sagen. Hab' ich natürlich auch (im Tagesspiegel):
http://is.gd/4WeeY
Comment by Sascha Lobo — November 16, 2009 @ 14:16
Sie sollten nicht so streng mit Lesern sein. Ironie war schon immer - und ist immer noch - schwer zu erkennen. Weil im Internet schneller und damit öfter falsch reagiert wird, hat man die Emoticons erfunden. Aber selbst wenn man diese bei der SZ einführte, wäre ich mir nicht sicher, ob das bei den abertausenden Frauenbeauftragten etwas bringen würde: Sie reagieren auf manche Wörter manchmal wie weiland Pawlowscher Hund auf Klingel.
Comment by Dion — November 16, 2009 @ 14:56
Dann lebt ein Text also von seinem Kontext? Und ist im Netz seines Kontexts beraubt? Wobei er ja immer noch im Umfeld der digitalen SZ stünde. Und wenn wir schon beim Kontext sind - ein Fieberzäpfchen als Header qualifiziert einen zehn-Punkte-Kommentar sehr wohl als Tirade. Wobei ich die fundamentalistische Transparenz der Korrekturen im Netz ja für etwas sehr maoistisch halte. Ist der ideale Text nicht der, aus dem die Fehler entfernt und für niemand mehr sichtbar sind?
Comment by akreye — November 16, 2009 @ 20:58
Ohne mich an der Kerndiskussion hier beteiligen zu wollen: Intellektuelle Aufrichtigkeit und Fairness als "fundamentalistische Transparenz" bzw. als "etwas sehr maoistisch"? Das kann nicht Ihr Ernst sein. Blogeinträge oder andere datierte Kommentare im Netz bessert man doch nicht inhaltlich im nachhinein ohne Kenntlichmachung aus und täuscht damit zutreffendere Kommentare vor als jene, die man tatsächlich geliefert hat (und auf die andere möglicherweise bereits reagiert haben). Man ist ja leider einiges gewöhnt vom hiesigen journalistischen Umgang mit eigenen Fehlern (Totschweigen) -- aber solche Bemerkungen sind der Oberhammer.
Comment by north by northwest — November 17, 2009 @ 01:46
Aber ist das nicht die große neue Freiheit im Netz? Dass der Text als immerwährender "work in progress"-Prozess reifen und sich verändern kann? Ob man das transparent macht oder nicht, ist dann jedem Autor selbst überlassen. Eine der großen Stärken des Urheberrechts ist ja gerade, dass man über sein Werk (ob Bucht, Text oder Blog) selbst bestimmen kann. Sicherlich kann die Genese einer Korrektur interessant sein. Es gibt ja auch leidenschaftliche Musikhörer, die die Demobänder und Konzertbootlegs ihres Favoriten studieren, um die Genese eines Werks zu erfassen. Daraus ein Dogma zu machen wäre allerdings ein Problem. Und unter intellektueller Aufrichtigkeit verstehe ich dann doch etwas fundiertere Gedanken und Prozesse als ein sichtbar gemachtes Korrekturprogramm.
Comment by akreye — November 17, 2009 @ 09:59
Thomas Mann hat mal gefordert, man solle in der deutschen Sprache doch ein "Ironie Zeichen" einführen, da in diesem Land Ironie kaum erkannt werde.
Vielleicht ist das mit dem Smiley ja wirklich gelungen...
Comment by Friedhelm Meiners — November 18, 2009 @ 16:07
Ich hatte mich am Wochenende sehr über den Text von Herrn Kister gefreut. Ein paar Tage später stiess ich bei Bildblog auf den Lobo Text. Ich wunderte mich das er sich über den Dressman Vergleich so aufregte. Bis mir klar wurde das er anscheinend den Witz am Anfang, auf den der Vergleich sich bezieht, entweder nicht verstanden, oder nicht gelesen hat. Diese ignorante Haltung hatte für mich allerdings den Vorteil das ich mir die Zeit schenken konnte und nicht mehr weiter lesen musste.
Comment by Christian Traut — November 19, 2009 @ 15:33