8 KommentareFilm und Fernsehen

Das Problem mit so vielen deutschen Film- und Fernsehlegenden ist, dass sie sich einfach keine Mühe mehr geben. Das verbindet Thomas Gottschalk mit Harald Schmidt und letztlich auch Günter Wallraff. Gottschalk wirkt regelmäßig, als sei er gerade aus dem Flieger aus Malibu gestiegen, habe sich noch rasch die Moderationskärtchen reichen lassen und dann direkt auf die Bühne. Bei den meisten Moderationen weiß er offensichtlich beim ersten Satz noch nicht, wie der letzte Satz enden wird. Auch Schmidt merkt man schon lange an, dass er sich keine Mühe mehr gibt, weil irgendein deutscher Fernsehsender ihm mangels guter deutscher Fernsehköpfe schon eine Sendung geben wird. Was passiert, was einem passiert, wenn man sich keine Mühe mehr gibt und es mit rechten Dingen zugeht konnte man dann gleich im Anschluss an Gottschalk beim öffentlich-rechtlichen Boxen sehen.

Man bereut es eigentlich immer, wenn man sich einen Jahrmarktsboxkampf mit Nikolaj Valujew ansieht. Der Mann hat keinen Plan, ausser gewichtig herumzustehen, keine Lust, ausser darauf, seinen Gürtel in die Kamera zu halten, keine Idee, ausser mit seiner Masse hie und da einen uninspirierten Schlag zu setzen (hier käme nun eigentlich der Allegoriehinweis aufs öffentlich-rechtliche Fernsehen, aber der Vergleich hat sich ja eh schon aufgedrängt). Der will nix mehr. Umso befriedigender, dass ihm jetzt endlich mal jemand den unverdienten Meistergürtel abgenommen hat. Und noch dazu mit einer souveränen Vorstellung.

Ach ja richtig. Wallraff. Da geht es in der Debatte letztendlich auch um eine Legende, die sich nicht mehr anstrengen mag und nur sekundär um die Rassismusdebatte (und dass der Alltagsrassismus in Deutschland selbstverständlich so finster ist, wie in den allen anderen Wohlstandsländern auch, hat niemand nirgends bestritten). Nein es geht in diesem Fall zuerst einmal um die Qualitätsdebatte. Und der Film war nun einmal technisch, dramaturgisch und methodisch schlichtweg - unterirdisch.
Wenn Gottschalk, Schmidt und Wallraff die Standards im deutschen Film und Fernsehen setzen, dann kann es in der Qualitätsdebatte nicht weitergehen, dann werden das deutsche Fernsehen und der deutsche Journalismus nie die Qualitätssprünge tun, die sie tun müssen, um in einer Welt der digitalen Medien noch eine Existenzberechtigung zu haben.
P.S.: Sehr souverän die Reaktion der Sängerin und Aktivistin Noah Sow auf Wallraffs Blackface - sie verkleidete sich an Halloween einfach mit Whiteface als Wallraff.
P.P.S.: Kann mir jemand erklären, warum Gottschalk gestern Michelle Obamas Kleid aus der Wahlnacht als Jackett trug?
Fotos: DDP, DPA, X-Film
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[...] Kreye bilanziert als Der Feuilletonist das deutsche [...]
Pingback by Digitale Notizen » Blog Archive » Deutscher TV-Durchschnitt — November 9, 2009 @ 09:30
Gottschalk hat den Fummel vermutlich im Flieger nach Deutschland gefunden.
... und Schmidt hat sich für die Sendung nicht mal rasiert.
Aber mal im Ernst: Wer erwartet von Wetten das und Co noch einen Qualitätssprung? Ein Eindampfen auf drei Minuten wäre gut, dann hätten sie bei You tube noch eine Chance, vielleicht.
Comment by Friedhelm Meiners — November 9, 2009 @ 15:27
Nein, die Erwartungshaltung ist nicht sonderlich hoch bei den Herren Schmidt und Gottschalk (man würde langsam mal eine Rückerstattung der GEZ-Gebühren erwarten, das sind ja langsam wirklich keine Kulanzfälle mehr). Aber das Problem, wie gesagt - solange das die Spitzen der deutschen Fernsehkultur sind, die den "Gold Standard" setzen, solange bleibt die Qualität so bitter.
Comment by akreye — November 9, 2009 @ 21:30
Vor allem rasiert sich Walujew (deutsche Transkription) nicht seinen pelzigen Rücken und die Schultern. Die Diagnosen zu Gottschalk und Schmidt sind sicher richtig, in der Tat aber schon seit Jahren Konsens. Bei Gottschalk ist man doch schon froh, wenn er Deutschland mit seinen Altherrenzoten nur fünfmal statt zehnmal am Abend vor internationalen Stars blamiert. Und seine Frauengrabscherei und Werbeeinlagen hatten doch schon vor Jahren einen solchen Höchststand erreicht, dass es peinlicher eigentlich nicht mehr werden konnte.
Comment by north by northwest — November 10, 2009 @ 21:05
Ab und zu verfalle ich in den Fehler, mir Harald Schmidt anzuschauen.
Meine Wut auf mich ist nachher ebenso groß wie auf seine medialen Huldiger, denen ich, in der Hoffnung, er hätte mal wieder das Niveau wie vor gefühlten 300 Jahren erreicht, auf den Leim gegangen bin.
Aber jetzt fühle ich mich geheilt.
Comment by earthhawk — November 11, 2009 @ 23:04
Jeder, der zu einer Zeit weltberühmt geworden war, oder einfach sehr gut in der Arbeit, wird früh oder spät faul!
Comment by Karolina — November 12, 2009 @ 10:55
Statt sich zu fragen, warum das deutsche Fernsehen nichts Besseres zu bieten hat als Gottschalk und Schmidt, wird hier auf die beiden besten ihrer Art gedroschen. Der hintergründige Witz eines Harald Schmidts und die Schlagfertigkeit von Thomas Gottschalk zeugen nicht nur von außergewöhnlicher Intelligenz - sie sind immer noch unerreichbar. Oder kann hier jemand andere Namen nennen?
Comment by Dion — November 14, 2009 @ 11:46
Spontan niemand aus dem Inland (da scheint der Nachwuchs aus Narkoleptikern und Hampelmännern zu bestehen). Allerdings ging es mir nicht darum, auf Schmidt und Gottschalk per se einzudreschen. Wallraff war z.B. auch mal einer der Gründe, warum ich mit dem Journalismus angefangen habe. Nein, es geht um das Phänomen, dass die Herren sich keine Mühe mehr geben. Weil sie sich keine Mühe mehr geben müssen. Weil der Nachwuchs... siehe oben.
Comment by akreye — November 14, 2009 @ 21:04