15.05.12 | 20:23 | 1 Kommentar

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15.05.12 | 20:21 | 0 Kommentare

“Die Chancen für Veränderung sind viel besser als 1968″

Der ehemalige Studentenführer und Mitangeklagte der Chicago Seven, Tom Hayden, über Occupy, Obama und Wall Street

(Von Andrian Kreye) Der 15. Mai gilt mit dem Jahrestag der spanischen Indignados-Bewegung auch als erster Jahrestag der Occupy-Bewegung. In den USA will sich Occupy rund um den geplanten Nato- und G-8-Gipfel in dieser Woche in Chicago neu positionieren. Allerdings wurde der G-8-Gipfel in den präsidialen Feriensitz Camp David verlegt. Hauptredner der verbleibenden Proteste gegen die Nato wird Tom Hayden sein. Hayden war einer der legendären Chicago Seven, die wegen der Unruhen rund um den Parteikonvent der Demokraten 1968 angeklagt wurden. Er war damals einer der wichtigsten Studentenführer. 1962 hatte er die Port-Huron-Erklärung verfasst, das Gründungsdokument der Studentenbewegung SDS. Später wurde er State Senator in Kalifornien. Seine Ehe mit dem Filmstar Jane Fonda war lange Stoff für die Illustrierten. Heute unterrichtet er Geschichte an mehreren Colleges und leitet das Peace and Justice Resources Center in Los Angeles. Zum Interview in einem Café nahe seines Hauses im Stadtteil Brentwood erscheint er in Surferkluft. Und bestellt am Nachmittag erst einmal ein Frühstück.

Hat Obama Amerika verändert?

Tom Hayden: Allerdings. Oberflächlich betrachtet, sind das sehr langsame Entwicklungen. Aber wer würde bezweifeln, dass sich Amerika verändert, wenn die Republikaner so hysterisch sind? Wenn die Interessensgruppen der Wirtschaft so hysterisch sind? Wenn Wall Street so hysterisch ist?

Viele befürchteten, dass er der Linken Energien abziehen würde.

Hayden: Das waren die Trotzkisten. Von denen haben wir nicht so viele. Aber im Ernst - wir haben keine richtige Linke. Jeder, der von sich behauptet, er sei ein Linker, gehört zu einer kleinen ideologischen Gruppe. Wir haben progressive Populisten und monothematische Gruppen, die bei Themen wie Gesundheitswesen oder Global Warming eine Mehrheit bilden. Aber wir sind nicht in Europa. Wir haben weder die Parteien noch die ideologische Basis.

Viele im progressiven Spektrum waren von Obama schon bald enttäuscht.

Hayden: Einige von ihnen waren Neulinge, die wirklich glaubten, dass er ihre Wünsche erfüllen würde. Für Obama ist es aber viel wichtiger, dass ihn die Linke angreift, um der anderen Seite zu beweisen, dass er Zentrist ist. Das ist für viele unserer Aktivisten und Bürgerrechtler natürlich eine schmerzhafte Lektion.

Könnte Occupy ihn unter Druck setzen?

Hayden: Ich hoffe ja, dass sie das tun.

Haben Sie die Camps besucht?

Hayden: Ja, ich war im Zuccotti Park in New York, in Boston, Miami.

Haben Sie dort gesprochen?

Hayden: Nein. Nachdem ich die Bewegung nicht initiiert habe, war es nicht an mir, sie mit meiner Weisheit der Jahre zu belehren. Die machen das auch so sehr gut. Ich habe da nichts Neues anzubieten.

Haben Sie einen Kern der Bewegung erkennen können?

Hayden: Das Einzige, was sie zusammenhält, sind die Camps. Hätte die Polizei sie am ersten Tag angegriffen, wäre vielleicht alles am ersten Tag vorbei gewesen. Es war auch weniger das Winterwetter, das die Bewegung gebremst hat, sondern die Tatsache, dass es das Camp als Magnet nicht mehr gab. Ich glaube aber, dass sie definitiv zurückkommen.

Kann Occupy effektiv sein?

Hayden: Wenn Sie die Port-Huron-Erklärung von 1962 lesen, das Gründungsdokument des SDS, dann heißt es da im Absatz über die Wirtschaft, dass ein Prozent aller Amerikaner 80 Prozent aller Firmenaktien besitzen. Wir dachten damals schon, dass wir einen guten Plan hätten, mit diesem einen Prozent fertigzuwerden. Drei Dinge haben uns dann vom Weg abgebracht. Die Attentate auf JFK, Martin Luther King und Robert Kennedy, der Vietnamkrieg und die extremen und antiquierten Ideologien, die überhandnahmen.

Welche Ideologien waren das?

Hayden: Trotzkismus, Stalinismus, Maoismus, Lin-Biaoismus, was auch immer. Dazu kam das Cointelpro-Programm des FBI. Aber das Scheitern haben sich die Aktivisten schon selbst zuzuschreiben, das war nicht nur das FBI.

Gibt es diese Strömungen auch bei Occupy?

Hayden: Das politische Sektierertum sehe ich nicht mehr so, auch wenn es bei Occupy eine Strömung des fundamentalistischen Anarchismus gibt. Das eigentliche Problem ist die Desillusionierung, die totale Ablehnung der gewählten Politik, inklusive Obama.

Aber die gewählten Politiker haben ja auch nichts gebracht.

Hayden: Das dachten wir 1968 auch. Aber dann kam Nixon und erließ über Nacht zehn Umweltgesetze. Und nachdem sich die Studentenkomitees 1960 dazu verpflichtet hatten, sich für fünf Jahre in den mörderischsten, rassistischsten Regionen des Landes zu engagieren, wobei einige verwundet wurden und starben, erließ die Regierung den Voting Rights Act. Und Lyndon B. Johnson sagte bei der Unterzeichnung 'We shall overcome'. Deswegen glaube ich, dass Occupy zu vorschnell ist, die Regierung einfach abzuschreiben. Regierungen sind immer langsam. Das dauert eben.

Macht Occupy einen Fehler, keine Forderungen zu stellen?

Hayden: Das ist ihr gutes Recht. Teilweise ist das die Ideologie des Anarchismus. Wenn man den Staat abschaffen will, stellt man auch keine Forderungen an ihn, denn er könnte ja darauf eingehen. Aber Anarchisten machen zwar das dominante, aber doch nur ein Prozent der Occupy-Bewegung aus. Die Masse der Verweigerer hat die Erfahrung gemacht, dass die Regierung sowieso nie etwas unternimmt. Und wenn sich etwas bewegt, dann ist es immer nur ein Zugeständnis, nie ein wirklicher Wandel. Außerdem - jeder, der Zeit mit Occupy verbracht hat, weiß, dass sie sich ohnehin auf nichts einigen können. Wenn man auf Forderungen beharren würde, würden sie in Fraktionen zersplittern.

Ein paar Lippenbekenntnisse gab es doch. Sogar von Obama.

Hayden: Ja, aber Occupy ist gegen Lippenbekenntnisse.

Sind Lippenbekenntnisse nicht ein erster Schritt?

Hayden: Für Occupy nicht.

Und aus Ihrer Sicht?

Hayden: Lippenbekenntnisse sind immer der Anfang. Mit was soll es denn sonst anfangen? Mit einem lauten Protestschrei von Obama? Es ist aber schwer einzuschätzen, wo man Wall Street zuerst anpacken soll. Weder der Kongress noch der Senat macht irgendwelche Anstalten, Wall Street zu reformieren.

Kann es da überhaupt Wege geben?

Hayden: Ich habe den New Deal ziemlich genau studiert. In den dreißiger Jahren war das nur ein Slogan. Aber schon damals gab es monothematische Initiativen, zum Beispiel eine Bewegung, die für Renten für Kranke, Behinderte und ältere Menschen kämpfte. Daraus wurde die Social Security. Es gab eine starke Arbeiterbewegung, die Fabriken besetzte. Wenn man zurückblickt, dann wurden die meisten Errungenschaften des New Deals nicht zur gleichen Zeit und nicht vom Präsidenten erreicht. Sie kamen aus einem chaotischen, wütenden Aufstieg sozialer Bewegungen, die sich jeweils auf ein Thema konzentrierten. Ich glaube, so wird es sich auch diesmal abspielen.

Wie könnte so etwas aussehen?

Hayden: In Chicago werde ich all den Bewegungen und Gruppen einen Vorschlag machen. Es gibt ja schon eine stillschweigende Übereinkunft, für was wir sind. Prinzipiell wären alle für eine Verringerung des Verteidigungshaushalts, eine Wiederaufnahme der Global-Warming-Verhandlungen, Investitionen in grüne Jobs und erneuerbare Energien, und vielleicht für diese Robin-Hood-Steuer auf Finanztransaktionen, die Gelder für soziale Bedürfnisse generiert. Darauf könnten wir uns einigen.

Erinnert Sie Chicago 2012 an Chicago 1968?

Hayden: Nein. Die Ausgangslage ist viel besser. Damals waren die meisten Amerikaner gegen Kriegsdienstverweigerer, gegen Black Power, waren für Recht und Gesetz - das war eine gute Zeit für Nixon. Jetzt sind die meisten Leute gegen Wall Street. Es gibt einen viel stärkeren progressiven Konsens, der ja auch mitgeholfen hat, Obama an die Macht zu bringen. Und die Demonstranten sind klüger geworden. Ich weiß nicht, ob das auch für die Polizei oder das FBI gilt. Aber die Demonstranten wissen, dass es nur zwei Möglichkeiten gibt. Entweder man lässt sich auf eine Straßenschlacht ein. Das wäre dann die Botschaft im Tränengasnebel, die bleibt. Oder sie konzentrieren sich auf eine Anti-Wall-Street-, Antikriegsbotschaft und bekräftigen so, dass sie die 99 Prozent sind.

Wie wichtig ist Chicago 2012 für die Rückkehr von Occupy?

Hayden: Obama und seine Medienmaschine werden die Botschaft raushämmern, dass der Irak-Krieg vorbei und der Afghanistankrieg am Abklingen sei. Nachdem sich die meisten Amerikaner gerade mit der Wirtschaft beschäftigen, wird das im Rahmen eines Nato-Gipfels die Mehrheit zufriedenstellen. Und den G-8-Gipfel hat Obama ja schlauerweise in die Abgeschiedenheit von Camp David verlegt, und so dem großen Anti-Ein-Prozent-Protest viel an Wucht genommen. Aber es braut sich was zusammen.

Das werden viele gerne hören.

Hayden: Ich nicht. Millionen geht es schlecht. Ich bekomme diesen wirtschaftlichen Stress ja selbst zu spüren.

Seit wann?

Hayden: Seit 2008. Seit dem Crash. Und ich bin 72 Jahre alt - soll ich jetzt noch mal eine neue Karriere anfangen und 40 Stunden die Woche arbeiten gehen? Meine Social Security und meine Pension reichen nicht, um meine Familie zu unterhalten. Und ich bin vergleichsweise wohlhabend. Das geht einem wirklich an die Nieren. Man macht sich immerzu Sorgen, wo der nächste Scheck herkommt. Es wird deswegen nicht nur um die Korruption an der Wall Street gehen, sondern um eine Neujustierung der Wirtschaft. Ich glaube allerdings nicht, dass der Kapitalismus abgeschafft wird.

Glauben Sie, dass der Kapitalismus reformierbar ist?

Hayden: Ja. Er wurde wie gesagt in den dreißiger Jahren schon einmal reformiert. Er wurde von Nixon reformiert. Ich glaube allerdings, dass diese Generation mit einem utopischen Konzept von Kapitalismus aufgewachsen ist, mit Steve Jobs, Apple und der neuen Informationsökonomie. Sie vergessen die Milliarden in China und sonstwo, die als buchstäbliche Sklaven für Konzerne wie Apple arbeiten. Deswegen müsste so ein 'New New Deal' auch global angelegt werden, mit Arbeitsrechten und Umweltgesetzen, die weltweit gelten und für die es auch Vollstreckungsorgane gibt.

Kommt man da mit den traditionellen Ideen des Sozialismus noch weiter?

Hayden: Ich glaube, Sozialismus kann einem sagen, dass es private Wirtschaftskräfte gibt, die mächtiger sind als demokratisch gewählte politische Kräfte. So wie das die Bürger von Europa gerade herausfinden, weil ihre gewählten Regierungen alles nicht gewählten ausländischen Investoren überschreiben. Aber Lösungen kommen nicht aus einem einzigen Kopf, sondern aus vielen Köpfen, die zusammenarbeiten.

Port Huron Statement - hier.

Foto: Getty, Abb.: tomhayden.com

12.05.12 | 19:04 | 0 Kommentare

Goetz

Aufzeichnung der Mosse-Lecture mit Rainald Goetz und Diedrich Diederichsen vom 03.05.2012 in der Humboldt-Universität zu Berlin.

11.05.12 | 06:42 | 0 Kommentare

Friday Night Live

Aus der Serie "guilty pleasures (Republican version)"

07.05.12 | 16:12 | 0 Kommentare

#musicmonday


Beastie Boys - Shake Your Rump von BeastieBoys-Official

Plus: An oral history of the Beastie Boys' beginnings - hier.

04.05.12 | 21:47 | 1 Kommentar

R.I.P. MCA

(4.5. 2012, von Andrian Kreye) Am vergangenen Freitag ist Adam Yauch gestorben, einer der Beastie Boys. Als die Beastie Boys im Sommer 1985 im Vorprogramm des frisch gekürten Superstars Madonna ihre ersten großen Auftritte in den Hallen und Stadien Amerikas hatten, waren sie etwas unerhört Neues. Drei jüdische Bürgerkinder, die Hip-Hop mit der Attitüde von Lower Eastside Punks aufführten. Damals war Hip-Hop selbst noch etwas Neues. Es war erst sechs Jahre her, dass mit „Rapper’s  Delight“ die erste Rap-Platte veröffentlich wurde. L.L. Cool J und Run DMC hatten gerade erst begonnen, das neue Genre aus den Nischen der New Yorker Ghettos in die Randgebiete des Pop zu holen.

Als junger Kritiker schämte man sich schon bald, dass man den Auftritt der drei im Madison Square Garden mit ein paar lakonischen Sätzen abgefertigt hatte. Mag sein, dass die Halle zu groß, der Kontrast zwischen dem Downtown Punk Rap der Beasties zum Bubble Gum Pop von Madonna zu groß gewesen war. Nur ein Jahr später stürmten die Beastie Boys jedoch mit ihrer  Debütplatte „License To Ill“ als erster Hip Hop Act auf Platz eins der Billboard Album Charts. Und auf dieser Platte fand sich auch der Song, der bis heute ihr Leitmotiv geblieben ist: „(You Gotta) Fight For Your Right (To Party)!“.

Der Song war ein ungehobeltes Stück Rock-Rap. So platt ironisch war der Titel gar nicht gemeint. Im Downtown New York der achtziger Jahre vermischten sich Clubwelt, Intellektuelle und linke Politszene zu einer Gegenkultur, der die Yippies der Youth International Party, Andy Warhol und die Proto-Punks des CBGB’s-Clubs gleichermaßen Pate standen.

Der Aufstieg der Beastie Boys zu Weltstars begann dann direkt im Anschluss an die Veröffentlichung auf der „Raising Hell Tour“. Während dieser Package-Tour zeigten die Beastie Boys auch, dass sie es schafften, die Rassengrenzen des Pop in umgekehrter Richtung einzureißen. Zwischen den Hardrock-geprägten Headlinern Run DMC, dem Verfechter des Ghetto-Lokalpatriotismus L.L.Cool J und den radikalen Politrappern Public Enemy wirkten die Beastie Boys mit ihrer Punk-Färbung keineswegs als Fremdkörper. Hier waren die Straßen von New York auf Welttournee. Schande, wer da aus dem positiven Rassismus der Linken heraus Ghetto-Authentizität einforderte.

Die Punk-Attitüde der Beasties kam nicht von ungefähr. Die drei hatten 1978 als klassisches Punkband begonnen. Adam Yauch spielte Bass, Michael Diamond sang und spielte später Schlagzeug. Zwei Mitglieder stiegen aus, dafür kam Gitarrist  Adam Horovitz dazu. Als sie auf Hip-Hop umschwenkten, gaben sie sich entsprechende Pseudonyme zu. Aus Adam Yauch wurde  MCA, aus Diamond  Mike D, aus Horovitz Ad-Rock. Beastie stand der Legende nach für „Beings Entering Anarchistic States Towards Internal Excellence“.

Es half dem Erfolg, dass die drei so markant verschieden waren. Das Erfolgsrezept des Pop seit den Beatles. Adam Yauch verkörperte dabei so etwas wie der George Harrison der Beasties – er war der Ruhige, oft zurückhaltende, der später sein Heil in fernöstlicher Spiritualität und Menschenrechtsaktivismus suchte. Adam Yauch wurde am 5. August 1964 in Brooklyn geboren. Sein Vater Noel ist ein Architekt und Maler, seine Mutter Frances eine Schulbeamtin. Zunächst wuchs er in Midwood auf, einem Kleinbürgerviertel im Herzen des Stadtbezirkes. Noch auf der High School gründete er die Beastie Boys mit drei Schulkameraden. Mit Adam Horovitz, dem Sohn des Dramatiker Israel Horovitz lösten sich die Beasties erst einmal von ihren Wurzeln in Brooklyn.

Die Stadt New York allerdings blieb im gesamten Katalog der Beastie Boys das bestimmende Thema, auch als Mike D und Ad-Rock schon in Kalifornien lebten. Das Album „Paul’s Boutique“ war 1988 der damals noch nicht gentrifizierten Lower Eastside gewidmet. „To The Five Boroughs“ war 2002 eine Liebeserklärung an gleich alle fünf Stadtbezirke der Stadt. Das Rüpelhafte ihres Debütalbums machte schon auf dem zweiten Album Platz für eine frühe Hipstermentalität, die ihre musikalischen Quellen in sämtlichen Genres fand, um sie unter dem frenetischen Rap der drei Beasties zu einer Mischung zu vereinen, mit der sie die Hip-Hop-Gemeinde ebenso ansprechen konnten wie Rockfans und feierlaunige Popbürger.

2002 gründete Adam Yauch die Produktionsfirma Oscilloscope Laboratories und eröffnete ein Tonstudio. Er produzierte das Comebackalbum der Hardcore-Legenden Bad Brains. Yauch führte selbst Regie und arbeitete mit Regisseuren wie Michel Gondry und Spike Jonze, die schon bald die Speerspitze einer neuen Avantgarde in Hollywood bilden sollten.

Yauchs politisches Engagement war so breitgefächert, wie das Themenspektrum der Antiglobalisierungs-Bewegung. Bei einem Benefizkonzert in New York trat dann schon mal der linke Politologe Benjamin Barber auf, der mit seinen Tiraden gegen die Bush-Regierung und die Ausbeutungsmechanismen der Weltwirtschaft einen ebenso heftigen Applaus bekam, wie die Beastie Boys, die nach der Ansprache ihre Hits wie „Fight For Your Right“, „Sabotage“ und „Intergalactic“ spielten.

2009 fand man einen Tumor in Yauchs Speicheldrüse. Seither kämpfte er mit dem Krebs. Als die Beastie Boys vor zwei Wochen in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen wurden, war er schon zu schwach, um zur Zeremonie nach Cleveland zu reisen. Am Freitag Vormittag amerikanischer Ortszeit ist Adam Yauch an den Folgen seiner Krankheit in New York gestorben. Er wurde 47 Jahre alt.

Foto: OH

04.05.12 | 07:16 | 0 Kommentare

Friday Night Live

30.04.12 | 07:31 | 0 Kommentare

#musicmonday

"The Very Best" - Yoshua Alikuti. Nigerianische Satire auf Lil Wayne's "A Mili"-Video

26.04.12 | 19:10 | 0 Kommentare

Präsidiales Cool


(Aus der SZ vom 27.4. 12, von Andrian Kreye)
Am vergangenen Dienstag eröffnete Barack Obama die heiße Phase des US-Wahlkampfs während der Late Night Show des Moderators Jimmy Fallon mit einem Auftritt in dem Sketch 'Slow Jamming the News'. 'Slow Jams' sind in der Soulmusik so etwas wie die verschärfte Version des Schiebers. Sänger wie Barry White und Isaac Hayes waren in den siebziger Jahren für diese Sorte Songs bekannt, bei denen sie im verführerischen Bariton Erotisches über Rhythmen raunten, die ganz bewusst an die Bewegungen eines Liebesaktes erinnerten.

So ganz ernst nimmt man dieses Genre heute nicht mehr. Bei Jimmy Fallon verlesen Moderator und Band deswegen zur nationalen Belustigung Nachrichten in diesem Stil. Obama raunte auch keine Schlüpfrigkeiten. Er verkündete zum lasziven Beat der Studioband seine Initiative im Kongress, die Zinssätze für Studienkredite zu begrenzen. Nachdem die Sendung auf dem Campus der University of North Carolina in Chapel Hill aufgezeichnet worden war, war der Jubel des studentischen Live-Publikums erwartungsgemäß frenetisch.

Politisch positioniert sich Obama mit dem Auftritt ganz eindeutig. Amerikanische Studenten verlassen die Colleges und Universitäten wegen der hohen Studiengebühren mit einer Schuldenlast von durchschnittlich 25000 Dollar. Eine Summe, die sie oft durch die ersten zehn Jahre ihres Berufslebens schleppen. Mit seiner Ankündigung, diese Last wenigstens etwas zu mildern, stellte sich Obama deutlich gegen die Politik der Republikaner, die vor allem dafür bekannt sind, die Steuerlast des obersten Einkommensprozents zu senken.

Obama festigte mit seinem Auftritt aber auch sein Image als der 'coolste Präsident in der Geschichte Amerikas'. Es gab einige solcher Momente in den vergangenen Monaten. Sein Auftritt bei einer Wahlveranstaltung im Apollo Theater in Harlem, bei dem Obama recht ordentlich ein paar Takte aus Al Greens Soulklassiker 'Let"s stay together' anstimmte. Seine Einlage bei der 'Blues Night' des Weißen Hauses, als er zu B.B. Kings Gitarrenbegleitung 'Sweet Home Chicago' sang, während Mick Jagger ihn anfeuerte. Das Foto, das Obama zeigt, wie er mit einem der Hausmeister des White House den jovialen Faust-gegen-Faust-Gruß austauscht.

Um diese vermeintlich spontanen Einlagen zu übertreffen, war der Auftritt bei Jimmy Fallon perfekt. Fallon ist nicht nur der neue Star der Late-Night-Moderatoren, er gilt auch als der Coolste seiner Zunft. Seine Studioband ist die versierte Hip-Hop-Formation The Roots. Die meisten Amerikaner kennen Fallon noch als Komiker aus der Comedy-Sendung 'Saturday Night Live', die seit 1975 der Außenposten des Cool und Hip im Fernsehen ist. So erreicht Obama eine junge Wählerschaft, für die laut einer Untersuchung ironische Talk- und Satiresendungen wie 'The Daily Show with Jon Stewart' während Wahlkämpfen eine ebenso wichtige Informationsquelle sind wie Zeitungen und Nachrichtensendungen.

Nun haben Auftritte großer Politiker bei solchen Sendungen Tradition. Bill Clinton spielte in der Talkshow von Arsenio Hall Saxofon. John McCain war Stammgast bei Jon Stewart. Auftritte beim Chef-Ironiker David Letterman sind Pflicht im Wahlkampf. So souverän, wie Obama seine Slow-Jam-Nachrichten überstand, bekam es allerdings noch keiner hin. Bleibt nur die Frage, ob Cool noch cool sein kann, wenn der oberste Regierungsvertreter die einst so subversive Haltung für sich pachtet.

26.04.12 | 11:26 | 2 Kommentare

„Jazz muss man ständig erneuern“

 

Der 34-jährige Pianist Robert Glasper gehört gemeinsam mit Esperanza Spalding und Gregory Porter zu einer Welle junger Jazzmusiker, die sich wenig um Genres scheren. Mit seiner Gruppe Robert Glasper Experiment hat er nun das Album „Black Radio“ (Blue Note) aufgenommen, auf dem er mit Gästen wie der Soulsängerin Erykah Badu und dem Rapper Lupe Fiasco die Grenzen zwischen Hip-Hop, Soul und Jazz auflöst.

Im Interview mit der Jazz-Zeitschrift Downbeat haben Sie gesagt, Sie seien so gelangweilt vom Jazz, dass Sie nichts dagegen hätten, wenn etwas Schlimmes passiert. Wörtlich: „Eine Ohrfeige schmerzt, aber es gibt einen Punkt, da weckt sie dich einfach auf und ich glaube, irgendjemand sollte dem Jazz den Hintern versohlen.“ Wie hat man denn in Amerika darauf reagiert?

Robert Glasper: (Lacht) Ich bin ja gerade auf Tour, deswegen habe ich nicht allzu viel mitgekriegt. Aber es stimmt. Die Jazzgemeinde schneidet sich permanent ins eigene Fleisch. In den Jazzzeitschriften geht es fast nur um Wiederveröffentlichungen oder um sehr alte Jazzmusiker. Bei den Jazzradiosendern dürfen die DJs nichts spielen, was nach 1968 aufgenommen wurde. Kein anderes Genre vergräbt sich so tief in seiner Vergangenheit.

Auch in der Rockmusik werden die Alten gefeiert, und die Jungen klingen wie die Alten.

Glasper:Aber im Rock blickt man auf die sechziger und siebziger Jahre zurück. Das hat durchaus noch gesellschaftliche Relevanz. Im Jazz schauen wir auf Louis Armstrong zurück. Da gibt es keine Verbindung mehr zum Hier und Jetzt.

Woran liegt das?


Glasper: Jazz hat aufgehört, sich weiterzuentwickeln, hat den Anschluss an die Gesellschaft verloren. Miles Davis war immer auf der Höhe der Zeit. Und selbst die Jazzpuristen halten ja viel von ihm. Und da liegt der Widerspruch, weil die Puristen nicht wollen, dass man sich als junger Musiker weiterentwickelt. Als Künstler darf man aber nicht stagnieren.

Wann hat Jazz aufgehört, sich weiterzuentwickeln?


Glasper: In den siebziger Jahren gab es Jazzfusion, in den achtziger Jahren haben Wynton und Branford Marsalis nochmal frischen Wind gebracht, dann kam noch Kenny Garrett, danach wird es schon schwierig. Und selbst das waren meist Quintette und Quartette. Man hatte den Sound schon gehört. Früher war Jazz die coolste, aufregendste, modernste Musik, die sich um nichts geschert hat. Es war immer etwas Neues. Heute wird nur noch Tribut gezollt, ohne modern zu sein. Was den Jazz mal ausgemacht hat, leistet heute der Hip-Hop.

Kann es sein, dass die Avantgarde wie Coltrane und Ornette Coleman in den sechziger Jahren einfach so weit gegangen ist, dass es nicht mehr weitergehen konnte?

Glasper: Nein. Aber wenn man Jazz als Musik definiert, die sich um ein Quintett mit Bläsern, Klavier, Bass, Schlagzeug dreht, hat man sich sehr enge Grenzen gesetzt. Das führt nicht sehr weit. Klar, es gibt viele Leute, die diesen Sound mögen, weil sie die alten Zeiten vermissen. Und es gibt ja nicht nur diesen Sound. Momentan steht mein Album in den Itunes Jazzcharts auf Platz 2, Esperanza Spalding steht auf Platz 1. Aber raten Sie mal, wer auf Platz 3 steht? Miles Davis. Ha! Miles schlägt mich jedes Mal. Das zeigt, wie weit sich die Musik von der Gegenwart entfernt hat. Junge Leute interessiert das nicht.

Was interessiert die denn?

Glasper: Ich bin jung. Ich weiß, was ich mag. Und ich spiele, was ich mag. Da gibt es dann schnell den Vorwurf des Ausverkaufs. Aber diese Debatte läuft nur wieder auf die Stagnation des Purismus hinaus. Wenn man dem Jazz treu bleiben will, muss man ihn ständig erneuern. Denn das ist der Kern des Jazz. Man muss sicher von der Geschichte lernen, aber man darf sich nicht von der Geschichte lähmen lassen.

Aus welchen Quellen schöpfen Sie?

Glasper:Ich bin ein Kind der Hip-Hop-Generation, bin mit Rock, Soul und Gospel aufgewachsen. Also werde ich mich darauf auch beziehen. Alles andere wäre unehrlich. Man muss sich selbst treu bleiben, und nicht irgendwelchen Dogmen folgen, die bestimmen, was Jazz ist. Man muss auch mal ganz deutlich sagen, dass wir heute viel mehr Musik haben, auf die wir zugreifen können. John Coltrane hat den Broadwaysong „My Favorite Things“ gespielt, weil er den Song cool fand und weil das Musical „The Sound of Music“ ein Hit war. Wir haben aber sechzig, siebzig Jahre mehr neue Musik, als Charlie Parker oder John Coltrane damals hatten.

Auf Ihrem neuen Album haben Sie sich weit vom klassischen Jazz entfernt.

Glasper: Mein neues Album habe ich nicht für die Jazzgemeinde aufgenommen. Die Jazzgemeinde wird meinen Sohn nicht ernähren. Und mich auch nicht. Mein bestverkauftes Album war „In My Element“, das war 2007 eines der bestverkauften Jazzalben überhaupt. Das heißt – in der ersten Woche waren das 1400 Stück. „Black Radio“ hat in der ersten Woche 22 000 verkauft.

Also doch Ausverkauf?

Glasper: Mir ist egal, ob jemand meint, das sei kein Jazz. Ich bin begabt genug und habe das Glück, dass ich auch andere Musik spielen kann. Ich habe mit Carly Simon gearbeitet, mit Kanye West, Mos Def. Alles was zählt ist, ob einem die Musik gefällt oder nicht. Wenn es der Jazzgemeinde nicht gefällt, umso besser Ich habe das Album für Leute gemacht, die nicht unbedingt Jazz hören. Die füllen meine Konzerte.

Die Gruppe Badbadnotgood hat erklärt, die Zeit der Virtuosität sei vorbei. Es sei egal, ob jemand „Giant Steps“ schneller als Coltrane spielen kann.

Glasper: Wenn man richtig schnell spielt, sollte man sich erst einmal überlegen, für wen man spielt. Schnellspielen beeindruckt nur andere Musiker. Andererseits – ich habe Klavier studiert, ich liebe mein Instrument und möchte die Technik nicht missen. Wer sich Jazzmusiker nennt, der sollte sein Instrument wirklich beherrschen. Im Rock, Country, Hip-Hop ist Technik nicht so wichtig. Aber im Jazz muss man selbst fürs Mittelmaß meisterhaft spielen können. Man darf sich nicht gegen die Virtuosität entscheiden, nur weil man nicht schnell spielen kann. Ich kann schneller spielen als die meisten, wenn ich will. Auf meinem Album hört man das nicht. Aber das ist eine musikalische Entscheidung.

Was macht dann Jazz für Sie aus?

Glasper: Das hat nichts mit der Form zu tun, nichts mit den Harmonien, der Technik, das sind einzelne Momente. Meine Band und ich können einen Shania-Twain-Song spielen und plötzlich sind wir an einem Punkt, an dem die Chemie stimmt, die Spannung, das macht mich musikalisch sehr glücklich, ohne dass ich definieren könnte warum.

Foto: Cognito/EMI

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