19.06.13 | 21:56 | 0 Kommentare

Nation im Zwiespalt

(Von Andrian Kreye) Es gibt kaum einen Regisseur, der das Thema Identität mit einer solchen Souveränität beherrscht wie Gus Van Sant. Vor allem, weil er es immer wieder schafft, Schauspieler wie River Phoenix, Matt Damon oder Sean Penn auf Selbstfindungstrips ins Ungewisse zu schicken. Eine Hollywood-Katharsis zum Schluss, die alles wieder sauber aufräumen könnte, hat er seinen Protagonisten meist verweigert.

'Promised Land', Van Sants neuer Film, funktioniert etwas anders. Zum einen gibt es da ein klares Ende. Das soll nicht verraten werden. Der Film hat zwar schon viele Verrisse bekommen, aber so schlecht ist er nicht, und die Drehs und Wendungen gegen Ende des zweiten Akts sind der Clou. Was aber natürlich auch ein Zeichen dafür ist, dass sich Van Sant diesmal auf Konventionen eingelassen hat.

Zum anderen geht es in 'Promised Land' nicht um Identität, sondern um große Politik. Genauer gesagt um Fracking, eine Technik, bei der Wasser und Chemikalien mit Hochdruck in tief gelegene Gesteinsschichten gepresst werden, um Öl und Gas daraus zu gewinnen.

Weltweit ist Fracking in den letzten Jahren zu einer neuen Chiffre des immerwährenden Kampfes des Volkes gegen den Kapitalismus geworden. Nicht zuletzt, weil in Pennsylvania Wasser aus ganz normalen Leitungen Feuer fing, nachdem bei Fracking-Bohrungen Gas ins Grundwasser gelangt war. Und seit der Cuyahoga River in Ohio 1969 Feuer fing, weil er so verschmutzt war, ist brennendes Wasser für die amerikanische Umweltbewegung so etwas wie der brennende Dornbusch für die Israeliten - das Signal zum Aufbruch.

Die Geschichte, die Gus Van Sant nun erzählt, um die Problematik des Frackings auf den Punkt zu bringen, dreht sich um Steve Butler (Matt Damon). Der zieht für den fiktiven Energiekonzern Global Crosspower Solutions durch Amerika und schwatzt verarmten Farmern Schürfrechte ab, damit die Firma unter ihrem Land fracken darf. Das kann er gut, da ist er einer der Besten - weil er selbst aus so einem Nest stammt, dem die Industrialisierung der Landwirtschaft die wirtschaftliche Grundlage geraubt hat.

Gemeinsam mit seiner Kollegin Sue Thomason (Frances McDormand) kommt Butler in einem Farmstädtchen in Pennsylvania an. Nachdem er schon einige Farmer unter Vertrag hat, beschließt die Bevölkerung, in einem kritischen Bürgerentscheid über das Angebot des Konzerns abzustimmen. Außerdem taucht der Umweltaktivist Dustin Noble (John Krasinski) auf, dessen Landburschen-Charme noch überzeugender ist, und macht Stimmung gegen den Energieriesen.

Die erzählerische Routine, die sich durch den Film zieht, wurzelt in der langen Arbeitsfreundschaft zwischen Gus Van Sant und Matt Damon. Damon hat gemeinsam mit John Krasinski das Drehbuch zu 'Promised Land' geschrieben. Eine vertraute Konstellation. Vor gut fünfzehn Jahren begann Damons Aufstieg in Hollywood damit, dass er gemeinsam mit Ben Affleck das Oscar-prämierte Drehbuch zu 'Good Will Hunting' schrieb. Van Sant übernahm die Regie, Damon und Affleck spielten die Hauptrollen.

Die Routine ist hier das Problem. Für 'Promised Land' werden Damon und Krasinski keine Oscars bekommen. Krasinski, der in den USA aus der (grandiosen) Fernsehserie 'The Office' bekannt ist, wird auch nicht in die nächste Hollywood-Liga aufrücken. Dabei haben sie gemeinsam durchaus eine Spur zur Zwiespältigkeit der Fracking-Debatte gelegt.

Die Drehs und Wendungen stellen immer wieder die Loyalitäten des Publikums infrage. Ist der Schutz des Landes nun wichtiger - oder das Überleben der Farmer? Der Film entscheidet sich zum Schluss, mit einem schlichten Ende und einer gehörigen Portion Pathos. Die politischen Erwartungen von Van Sants Stammpublikum erfüllt er durchaus - doch es bleibt ein Gefühl der Leere. Weil einem die künstlerischen Erwartungen bei einem Van Sant-Film eben wichtiger sind als umweltpolitische Impulse.

Dabei hätte kein Regisseur die Zwiespältigkeit der Fracking-Debatte besser aus seinem Werk heraus entwickeln können. Für die USA hat das Thema ja nicht nur umweltpolitische, sondern historische Dimensionen. Mit Hilfe des Frackings könnten die USA den Zustand der geopolitischen Glückseligkeit erreichen - die Unabhängigkeit von ausländischen Energiequellen. Die Gedankenkette, die daraus folgt, macht es schwer, sich in der Debatte ideologisch zu entscheiden.

Würden die USA die energiepolitische Unabhängigkeit erlangen, wäre ihr Interesse an den Ölquellen im arabischen und vorderasiatischen Raum Makulatur. Damit könnten sich weltpolitische Konflikte entschärfen - wenn auch durch wirtschaftliche Entmachtung für die meisten Ölstaaten, deren innenpolitische Destabilisierung dann schwer abzusehen wäre. Gleichzeitig könnten die USA ihre militärischen Ausgaben senken und mit diesen Geldern - und der Brückentechnologie des Fracking - die Führung in der globalen Energiewende übernehmen. Wenn sich die Nation auch von der Ideologie der fossilen Energiegewinnung lösen könnte. Und die realistischen Folgen des Fracking für Grundwasser und Boden geklärt wären.

Erzählerisch hätte der identitätspolitisch versierte Gus Van Sant so viel Zwiespältigkeit durchaus meistern können. Ein Jammer, dass er sich ausgerechnet jetzt auf die Sicherheit der Routine besann.

Foto: Universal

16.06.13 | 14:38 | 0 Kommentare

Auf der falschen Spur

Warum 2013 nicht das neue 1968 sein kannn (und auch nicht das neue 1953 oder 1989, nicht einmal das neue 2010)

(Von Andrian Kreye) Es hat immer etwas Berauschendes, wenn man einen Volksaufstand beobachtet, egal ob er sich in Istanbul oder Frankfurt ereignet, in Athen, Madrid oder London. Innerlich feuert man den wütenden Kampf für die Gerechtigkeit voller Leidenschaft an, weil man die Welt gerade als Wohlstandsbürger als ungerecht empfindet, obwohl man in Deutschland in der Regel nicht mehr unter Repression und Not zu leiden hat. Da schleicht sich schnell eine Art von Guerrillaromantik ein. Demonstranten auf dem Taksim-Platz tragen T-Shirts mit dem Bild des Helden der kubanischen Revolution Che Guevara, schwärmte ein deutscher Radioreporter. Und legte schon die falsche Spur.

Bald nach der Begeisterung stellte sich in den letzten Jahren Frustration ein. Die Unruhen in Griechenland, Spanien und England verpufften genauso wie die weltweite Occupy-Bewegung. Es mangelt an revolutionärem Glamour, an Funken, an Kraft. Was aber eigentlich fehlt, sind die Vergleichsmöglichkeiten der Beobachter. Denn auch im 21. Jahrhundert bezieht sich die Guerillaromantik immer noch auf das Schlüsseljahr 1968.

Und da gibt es einen historischen Bruch. Es ist nicht einfach, der Guerillaromantik zu entkommen. 1968 ist zwar nur ein Symbol, weil zu diesem Jahr im allgemeinen Empfinden von Bob Dylans Kaffeehauskonzerten über die Dschungelkämpfer von Lateinamerika bis zu den Pariser Barrikaden und dem vermuteten Gruppensex in deutschen Wohngemeinschaften so ziemlich alles gehört, was sich zwischen 1954 und 1973 Aufregendes abspielte. Die Popkultur wird bis heute von jener eigenartigen Sehnsucht nach dieser revolutionären Zeit bestimmt, welche sehr viele der heute Erwachsenen höchstens als Kind erleben konnten. Doch weil die Bürgerrechts- und Volksbewegungen jener Zeit ja wirklich etwas veränderten, bleiben sie bis heute auch politisch das gültige Vergleichsmodell.

Der entscheidende Unterschied zwischen 1968 und 2013 ist jedoch die Stoßrichtung. 1968 ging es nicht nur in Deutschland darum, sich von der Vergangenheit zu lösen und die Verhältnisse zu ändern. 2013 geht es darum, die Vergangenheit zu bewahren und dafür zu sorgen, dass sich möglichst wenig ändert. In Europa und Amerika ist das ein Kampf um die Errungenschaften des 20. Jahrhunderts. 1968 wollte man auf keinen Fall so sein wie die Eltern. 2013 will man unbedingt weiter so bequem leben wie die Eltern – nur möglichst nicht in deren Haus. Das nämlich ist ein Schicksal, das viel zu viele junge Erwachsene ereilt, denen die stabilen Laufbahnen der vorangegangenen Generationen verwehrt bleiben. Und wenn dann eine Krise kommt, verwandelt sich die Freiheit des nomadischen Berufslebens ganz schnell in Armut.

Das ist keine plötzliche Entwicklung. Schon die sogenannte Generation X klagte, dass sie es nicht mehr so gut haben könnten wie einst ihre Eltern. Das war Anfang der Neunzigerjahre. Die „Millennials“, wie die westlichen Menschen in ihren Studien- und Berufsanfangsjahren heute genannt werden, haben es noch schwerer. Aus dem unguten Gefühl, dass die Wirtschaftswunder des späten 20. Jahrhunderts zu Ende gehen, wurde die bittere Gewissheit.

Praktika, Zeitverträge, Freiberuflertum, auch die derzeit gefeierte Start-up-Kultur sind Zeichen für den rapiden Verfall der bürgerlichen Perspektiven. Dazu gehören all jene Dinge, die den Revolutionären von 1968 als bedrückende Fesseln des Spießerlebens galten: Renten, Eigenheime, Versicherungen, Angestelltenverträge, Gewerkschaften, geschützte Familien. Und doch waren all diese kleinbürgerlichen Sicherheiten Dinge, die sich Bürgertum und Arbeiterschaft über ein Jahrhundert lang hart erkämpfen mussten.

In Spanien und Griechenland ist dieses bürgerliche Leben kaum noch möglich, in England und den USA ist es gefährdet. Nun sind die Unruhen in der Türkei viel komplexer als in anderen Mittelmeerstaaten. Neben den Guevara-T-Shirts sieht man eben auch die Fahne der konservativen Kemalisten und das Banner des Islams. Und doch geht es auch dort um den Erhalt des Bestands und nicht um den Umsturz des Systems. Gerade deswegen war Orhan Pamuks Parabel von den Kastanien des Taksim-Platzes so stark, weil sie dort ein Symbol für den Kampf wurden.

Die Parallele zu Stuttgart 21 ist kein Zufall. Das Drama des Strukturwandels hält sich in Deutschland in Grenzen. Die Flurschäden der Euro-Krise sind überschaubar. Und doch begreift man auch hier langsam, dass der revolutionäre Furor reine Verzweiflung, dass der Aufstand kein Umsturz, sondern ein Kampf ums Überleben ist. Die Verteidigung aber ist nie so kraftvoll wie der Angriff. Denn der Abwehr fehlt der Triumph der Eroberung.

08.06.13 | 10:23 | 0 Kommentare

Die Welt – im Netz nur zu Gast

(Von Andrian Kreye) So war das nicht gedacht mit der Transparenz. Die National Security Agency (NSA) hat aus dem Internet einen globalen Überwachungsapparat gemacht. Das ist jedenfalls der Eindruck, wenn man sich ansieht, wie mit enormem technischen Aufwand sämtliche Kanäle der Kommunikation nach verdächtigen Stichworten und Kontakten durchforstet wurde. Das erschüttert einmal mehr das Verständnis von der Natur des Internets und damit auch das Selbstverständnis der digitalen Gesellschaft.

Statt dem Bild vom unbekannten Kontinent, den eine neue Generation nun entdeckt und erobert, drängt sich das miese kleine Bild von diesen Verhörkammern auf, in dem es nur einen Tisch, zwei Stühle und einen riesigen Spiegel gibt, durch den die wie auch immer geartete Macht der Unterhaltung folgen kann.

Nun kann niemand sagen, man habe uns nicht gewarnt. Der Internetkritiker Evgeny Morozov war vor zwei Jahren der Erste, der in seinem Buch "The Net Delusion" detailliert aufzeigte, dass die radikale Freiheit und Transparenz des Internets auch von Diktaturen genutzt werden kann, um ihre Bürger zu beobachten und zu verfolgen. Aus China, Iran und Syrien weiß man, dass dies auch mit brutaler Konsequenz getan wird.

Von den USA hätte man das nicht erwartet. Immerhin betrieb gerade Obamas erste Außenministerin Hillary Clinton ein offensives Programm der digitalen Diplomatie. Da initiierte ihr Sonderbeauftragter Alex Ross innovative Programme, um in Diktaturen den Kräften der Demokratie mit Technologien beizustehen.

Dass es nun die USA sind, die im großen Stile nicht nur die eigene, sondern auch die Weltbevölkerung ausspionieren, ist zwar die Bestätigung eines Verdachts, den man bisher gerne in Verschwörungstheorien und Actionfilme wie "Der Staatsfeind Nr. 1" mit Will Smith abgedrängt hat.

Es mag zwar gute Argumente für die Überwachung des Internets geben. Angeblich wurde schon ein "bedeutsamer Terroranschlag" auf die USA damit verhindert, auch wenn die US-Regierung die Einzelheiten verschweigt. Terroristen, Drogenhändler und Kinderschänder wurden angeblich schon mit Hilfe digitaler Fahndung gefasst. Das Standardargument der digitalen Geheimdienstler ist immer, es sei den Behörden doch auch erlaubt, Telefongespräche zwischen Terroristen oder Dealern abzuhören. In einer Zeit, in der kaum noch jemand per Telefon, aber alle Welt via E-Mail, Chat, sozialen Netzwerken und SMS kommuniziert, müsse es deswegen erlaubt sein, auch all diese Kanäle zu überwachen.

Doch zwischen dem Abhören eines Telefongesprächs und einer weltweiten Rasterfahndung gibt es große Unterschiede. Vor allem die Automatisierung solcher Vorgänge, bei denen ein Schlüsselwort ohne Kontext Alarm schlagen kann, macht aus Big Data nicht eine Chance, sondern eine Bedrohung.

Man muss nicht gleich auf einer Flugverbotsliste der USA gelandet sein, um zu begreifen, wie stur Algorithmen da Profile erstellen. Wer als Journalist abseitige Themen recherchiert und dazu Bücher bestellt, wundert sich beispielsweise oft, dass er vom Empfehlungsprogramm des Buchversandes je nach Auftragslage schnell als Rechtsradikaler, Islamist oder Walzer-Fan eingestuft wird.

Der Skandal zeigt aber vor allem, dass das Internet nicht nur ein globales, sondern nach wie vor ein amerikanisches Medium ist. Der Rest der Welt ist im Netz immer noch zu Gast. Als solcher steht er unter ständiger Beobachtung. Da muss man sich schon benehmen.

07.06.13 | 09:18 | 0 Kommentare

Friday Night Live

06.06.13 | 12:04 | 1 Kommentar

Wie man Empörungsventile öffnet


(Von Andrian Kreye) Wenn die Fakultätsmitglieder der Universität Leipzig in Zukunft unabhängig vom Geschlecht in der Grundordnung als Professorin geführt werden, wenn es also einen 'Herr Professorin' gibt, dann ist das kein Sieg für den Feminismus. Sicher ist die umgekehrte Formel von der Frau Professor ein beleidigender Anachronismus, mit dem in vormodernen Kreisen nicht habilitierte Akademikergattinnen auch noch dem Titel ihres Mannes untergeordnet werden. Aber Sprachsiege sind nur Überbleibsel aus der Ära der Ideologien, die nicht viel mehr erreichen, als Empörungsventile zu öffnen.

Sprachstreitigkeiten gehören im Kampf um Gleichberechtigung und Bürgerrechte zu den Schlachten, die längst geschlagen sind. Kaum jemand sagt noch Fräulein. Blaustrumpf, Flittchen und Backfisch sind vergessen. Das heißt nicht, dass der Kampf um die Gleichberechtigung vorüber ist. Nur geht es längst um sehr viel mehr.

Jeder Bürgerrechtskampf verläuft theoretisch in drei Phasen. Zunächst muss die Gesellschaft einen Konsens finden. Dann kämpft die Politik. Ist die rechtliche Grundlage geschaffen, beginnt der Kampf um wirtschaftliche Gleichberechtigung. Das ist die schwierigste Phase, denn in ihr trifft die Gesellschaft auf jenen Bereich des öffentlichen Lebens, der nicht auf Konsens, sondern auf Konkurrenz angelegt ist. In dieser Phase steht Deutschland jetzt.

Nun wäre es naiv zu glauben, dass sich die Phasen sauber ablösen. Die Sexismus-Debatte vom vergangenen Januar hat gezeigt, dass die Gleichberechtigung in Deutschland noch gar nicht so selbstverständlich respektiert wird. Auch wenn es sich da um einen Generationenkonflikt handelt, der mit der Vergreisung der Frauenfeinde an Schärfe verlieren wird.

In der Gesetzgebung hat die Emanzipationsbewegung in Deutschland zwar viel erreicht. Doch die Politik muss endlich die Rahmenbedingungen für den Kampf um die wirtschaftliche Gleichberechtigung schaffen. Die Frauenquote ist nur ein Teilaspekt. Für einen großen Teil der Bürgerinnen bedeutet das vor allem eine Familienpolitik, die sie von traditionellen Rollen und Pflichten befreit. Es mangelt an Regeln und Infrastruktur, damit die Frage nach Kindern oder Karriere keine so dramatischen Konsequenzen hat. Die Wirtschaft ist oft weiter. Firmen wie Volkswagen schicken bei der Erkrankung eines Kindes beispielsweise eine Pflegerin zur Familie. Einem Konzern geht es dabei nicht nur um Gerechtigkeit. Im Kampf um wirtschaftliche Gleichberechtigung zieht die kalte Vernunft viel besser. Die Kinderkrankenpflegerin sorgt hier nicht für die Entlastung der Familie, sondern dafür, dass die Arbeitskraft der Eltern nicht ausfällt. Genauso vernünftig kann man für die wirtschaftliche und berufliche Gleichberechtigung im Allgemeinen argumentieren.

Deutschland hat eine Gesellschaft, die viel in die Bildung ihrer Bevölkerung investiert. Aus gutem Grund. Nur so bleibt das Land weltwirtschaftlich konkurrenzfähig. Die Rechnung ist deswegen ganz einfach - eine Wirtschaftsmacht wie Deutschland kann es sich nicht leisten, die gesamte Bevölkerung in Grund-, Ober- und Hochschulen so gut auszubilden, aber dann das Potenzial einer Hälfte der Bevölkerung nicht oder nur zum Teil auszuschöpfen. So gesehen ist die Frauenquote keine Frage der Gerechtigkeit, sondern der gesellschaftlichen Möglichkeiten.

Gerade deswegen führen Streitigkeiten um sprachliche oder sonstige Korrektheiten in die Irre. Jeder Sprachstreit ist ein Rückschritt in begriffsfieselige Ideologie. Ideologien aber sind die Sackgassen des 20. Jahrhunderts. Da entstehen Flanken und Fronten, die von den eigentlichen Problemen ablenken. So findet man jedenfalls keine Lösungen für die Probleme des 21. Jahrhunderts.

03.06.13 | 16:39 | 0 Kommentare

#musicmonday

22.05.13 | 17:49 | 0 Kommentare

Die Konsensmaschine stottert





(Von Andrian Kreye) Es ist schon erstaunlich, wie viel konservativen Wertekanon man in eine Actionsequenz von rund zehn Sekunden packen kann. Wenn Vin Diesel in „Fast & Furious 6“ am Höhepunkt des zweiten Aktes seinen 1969er Dodge Charger Daytona mit Karacho gegen die Leitplanke einer Autobahnbrücke fährt, um sich so über einen Abgrund zu katapultieren und Michelle Rodriguez’ Todessturz von einem sich überschlagenden Panzer zu stoppen, dann geht es um: Familie, Treue, Gott, Vertrauen sowie eine gesunde Skepsis gegenüber Macht und Technologie.

Konservativ waren die Actionhelden aus Hollywood natürlich schon immer. Wenn sich die Figuren von Clint Eastwood, Bruce Willis und Mel Gibson gegen die bestehenden Verhältnisse auflehnten, dann war das nie Revolution, sondern immer John Wayne. Sie stemmten sich nicht gegen das System, sondern gegen den Lauf der Zeit, die für einen Actionhelden sowieso der größte natürliche Feind ist. Das hat während des gesamten 20. Jahrhunderts hervorragend funktioniert. Da konnte Hollywood die universalen Geschichten vor allem deswegen so gut erzählen, weil der amerikanische Traum ein universaler war. Die Zeiten sind allerdings vorbei.

Natürlich sind Actionfilme erst einmal reines Vergnügen. „Fast & Furious 6“ bleibt auch überschaubar. Die Robin-Hood-Bande virtuoser Temposünder hat sich zu Beginn des sechsten Teils von „Fast & Furious“ mit der Beute aus dem fünften Teil in aller Welt zur Ruhe gesetzt. Dann aber bedroht eine neue Bande ganz und gar gewissenloser Raser den Weltfrieden, weil sie in ganz Europa die Bauteile für einen Killersatelliten zusammenrauben. Und weil die Bösewichter am Steuer so unschlagbar sind wie die Robin Hoods, trommelt der Antagonist aus dem fünften Teil, Special Agent Hobbs, die Truppe um Vin Diesel und Paul Walker mit dem Versprechen der Straffreiheit zusammen. So kann das Feuerwerk aus Verfolgungsjagden, Faustkämpfen und Schusswechseln beginnen, bei der diesmal London und die Kanarischen Inseln die Kulisse abgeben.

Das Drehbuch ist nicht schlechter als bei so manchem James-Bond-Film. Die Dialoge sorgen zwar hin und wieder für ungeplante Lacher, vor allem, wenn Ex-Wrestler Dwayne Johnson sie rezitiert, der mit seiner bizarren Anabolikastatur von Film zu Film stärker an eine gut sortierte Fleischtheke erinnert. Aber da unterscheidet sich der Film nur wenig von den Serien mit Stallone und Schwarzenegger.

Die eigentliche Hauptrolle spielt natürlich das Budget. Seit der Regisseur Justin Lin die „Fast & Furious“-Reihe 2005 mit dem dritten Teil übernahm, ist aus dem Trashformat eine der erfolgreichsten Hollywood-Franchises geworden. Über eine Milliarde Dollar haben die letzten drei Teile weltweit eingespielt. Deswegen beschrieb Lin seine Zusammenarbeit mit den sonst so knausrigen Studiochefs im Branchenblatt Variety auch lakonisch: „Die sind dann immer so – was willst du machen?! Und dann so – ok, nur zu.“

Das sieht man. Da geht immer noch was, obwohl die Filmindustrie seit Jahren sämtliche Lautstärkeregler ihres Bildrepertoires von Sommer zu Sommer kontinuierlich hochgedreht hat. Vor allem die Choreografie aus Auto-Stunts und Kameraführung erzeugt in der Magengrube jene Sorte Achterbahngefühl, gegen das man sich nach vielen Kinojahren eigentlich immun wähnte. Und nur wenig erfüllt einen im Land der ADAC-Motorwelt mit größerer Freude als ein sauber inszenierter Totalschaden. Auch gerne mal im Dutzend.

Was einen Actionfilm zusammenhält, sind aber weder Stunts noch Handlung. Es ist der eingangs erwähnte Wertekanon. Da fand sich Hollywood immer schon in einer Zwitterrolle zwischen Traumfabrik und Konsensmaschine. Und die Konsensmaschine stottert.

Auf der einen Seite gibt es keinen amerikanischen Traum mehr. Den hat George W. Bush gründlich ruiniert. Das hat nicht nur dazu geführt, dass die Einwandererzahlen in die USA kontinuierlich abnehmen und die Jugend der Welt lieber in Europa und Australien studiert als an den amerikanischen Küsten, sondern auch zu einem schleichenden Bedeutungsverlust des amerikanischen Pop. Das spürt man vielleicht weniger in einer europäischen Großstadt, aber ganz deutlich in den Megacities der anderen Kontinente, und vor allem in den Bilanzbüchern der amerikanischen Medienkonzerne.

Auf der anderen Seite hat die Fragmentierung der Popkultur nun auch den Film erreicht. Der gefürchtete Long Tail, jener Auflösungsprozess der digitalen Wirtschaft, macht dem kulturellen Massenmarkt zu schaffen. Daran ist nun nicht das viel beschworene Internet schuld, zumindest nicht die allseits so gefürchteten illegalen Downloader. Es reicht schon eine Zahl, um das zu belegen – 35 Prozent des amerikanischen Breitband-Datenverkehrs verbraucht die Firma Netflix. Das ist ein Filmverleih, bei dem man gegen eine kleine Monatsgebühr einen Großteil der Filmgeschichte via Netz in Fernsehqualität ansehen kann. Dazu kommen die On-Demand-Kanäle im Kabel, die Abspielsender und Apps. Da wird jede noch so kleine Nische bedient. Hollywoods einzige Antwort auf die Zerfaserung seines Geschäftsmodells war bisher aus dem Strategiebuch der Irakkriege – mit größtmöglicher Feuerkraft draufhalten.

Was da nun wegbricht, sind zum einen die neuen Weltmärkte. Asien und Europa sind der Actionwerte müde. Zum anderen funktioniert der Zweitverwertungsmarkt nicht mehr. Warum soll man zehn Euro für eine DVD bezahlen, wenn man fürs gleiche Geld einen Monat lang sehen kann, was man will?



„Fast & Furious“ ist da das Musterbeispiel. Die Feuerkraft ist enorm. Die Besetzung soll den verblassten amerikanischen Traum ausgleichen. Hauptfigur Vin Diesel ist da ein Mann der Zukunft, gehört in die junge Kategorie der post-ethnischen Amerikaner, deren Herkunft nicht mehr bestimmbar ist. Sidekicks aus aller Herren Länder und Kontinenten gab es zwar schon auf dem Raumschiff Enterprise, aber das Casting hat hier klar die Abteilung „Marketing International“ übernommen.

Das bleibt dann übrig im Konsens des 21. Jahrhunderts: Familie. Egal ob Patchwork oder global, letztlich geht es um den kleinsten gemeinsamen Nenner der Menschheit. Auch bei Höchstgeschwindigkeiten. Das 20. Jahrhundert mit seinen Rebellen, Helden, Stars? Fällt bei dieser Story aus.

Fotos: Universal

12.05.13 | 16:48 | 1 Kommentar

Der Diktator verrenkt sich den Hals



Ein Interview mit Pamela Yates, deren Dokumentarfilme halfen, Ríos Montt, den früheren Staatschef von Guatemala, zu verurteilen

(Von Andrian Kreye) Am vergangenen Freitag wurde der ehemalige Staatschef von Guatemala, General Efraín Ríos Montt, von einem einheimischen Gericht wegen Völkermords zu achtzig Jahren Haft verurteilt. Ríos Montt kam 1982 an die Macht und eskalierte die Politik der verbrannten Erde gegen die Nachkommen der Maya. Die Dokumentarfilmerin Pamela Yates drehte seit 1982 immer wieder in Guatemala. Material aus ihrem Film „When The Mountains Tremble“ war im Prozess ein Schlüsselbeweis. Derzeit arbeitet sie in Guatemala an einer Doku über den Prozess. Ihre beiden ersten Guatemalafilme und Szenen aus dem Prozess kann man auf der Webseite des öffentlichen amerikanischen Fernsehsenders Public Broadcasting Service sehen.

Wie hat General Efraín Ríos Montt auf das Urteil reagiert?
Pamela Yates: Er verkündete seine Unschuld und behauptete, eine „internationale Verschwörung“ habe das Urteil erwirkt. Pfingstkirchenprediger, der er ist, brüllte er jede einzelne Silbe in den Saal: „Con-spi-ra-cion In-ter-na-cio-nal!“ Es stimmt natürlich, dass die Unterstützung aus dem Rest der Welt für den juristischen Ablauf wichtig war. Als sich der Fall festgefahren hatte, reiste der amerikanische Sonderbeauftragte für Kriegsverbrechen, Stephen Rapp, im April eigens an. Auch die holländischen, schwedischen und norwegischen Regierungen waren aktiv in den Prozess involviert.

Hat er während der Verhandlungen irgendwann einmal realisiert, dass seine Unantastbarkeit an ihre Grenzen gerät?Die Anklage war wirklich beeindruckend kraftvoll. Sie haben mehr als hundert Augenzeugen und Sachverständige zur Anhörung gerufen, sie haben militärische Geheimdokumente und filmisches Beweismaterial vorgelegt. Als die Verteidigung an der Reihe war, wurde schnell klar, dass sie überhaupt nicht vorhatten, ihn zu verteidigen. Ríos Montts Anwälte wollten die Verhandlungen mit juristischen Verschleierungstaktiken und einstweiligen Verfügungen zu Fall zu bringen. Als die Richterin Jazmín Barrios mit den Verhandlungen trotzdem fortfuhr, begriffen er und sein Team dann bei den Schlussplädoyers langsam, dass das Ende nah ist.

Warum war das Material aus Ihrem Film ein so wichtiger Beweis?Das war die Stelle in einem Interview, das ich 1982 mit ihm geführt habe, in der er die Kommandoverantwortung für sich beanspruchte. Das ist in Kriegsverbrecherprozessen der Schlüsselbeweis, um eine Verurteilung wegen Völkermordes zu erwirken.

Wie wurde Ihr Filmmaterial während des Prozesses eingesetzt?
Die Anklage führte das Rohmaterial des Interviews in seiner gesamten Länge von 43 Minuten vor. Ríos Montts eigene Worte als junger, kräftiger General waren eine beeindruckende visuelle Erinnerung daran, was für eine Macht er einmal ausgeübt hatte. Ich werde nie vergessen, wie der ehemalige Diktator dabei seinen Hals verrenkte, um die dreißig Jahre jüngere Version seiner selbst zu sehen. Er behauptete, er könne sich nicht daran erinnern, mir ein Interview gegeben zu haben. Jetzt wird er es nie vergessen.

Wie haben der Rest der Welt, aber vor allem die USA den Bürgerkrieg in Guatemala wahrgenommen, als Sie Anfang der Achtzigerjahre begannen, dort zu drehen?
Er galt als einer von vielen Konflikten des Kalten Krieges. Unter Präsident Carter hatten die USA Guatemala wegen Menschenrechtsverletzungen die Militärhilfe gestrichen. Reagan wollte das aber rückgängig machen, weil er die guatemaltekische Armee für seine Kampagne gegen den vermeintlichen Kommunismus in der Region brauchte. Deswegen nannte er Ríos Montt auch einen „Mann von großer Integrität und voller Engagement“.

Warum hat es so lange gedauert, bis es zu diesem Prozess kam?
Es ist sehr schwer, gegen eine Kultur der Straflosigkeit anzukommen, vor allem, wenn sie über dreißig Jahre lang herrscht. Aber dieser Schuldspruch ist ein Wendepunkt in der Geschichte von Guatemala.

Wie war die Stimmung im Land während des Prozesses?
Sehr viele Menschen waren für den Prozess. Hunderte Maya kamen aus dem ganzen Land als Beobachter in die Hauptstadt. Um die fünfzig von ihnen waren jeden Tag im Gerichtssaal, saßen in den ersten Reihen. Und der Saal, der 400 Leute fasst, war meistens voll. Einige der bewegendsten Momente während der Verhandlungen waren zum Beispiel die Aussagen der Frauen vom Mayastamm der Ixil, die berichteten, wie sie vergewaltigt wurden. Während ihrer Aussagen verdeckten sie ihre Gesichter mit bunten Ixil-Schals. Guatemaltekische Feministinnen haben dann massenhaft ihre Solidarität demonstriert, indem sie ihre Gesichter im Alltag und in der Öffentlichkeit mit solchen Schals verdeckten.

Gab es auch Widerstand?
Ja, vor allem von den Eliten des Landes. Die gaben viel Geld aus, um die Menschenrechtsanwälte mit Zeitungsanzeigen zu diskreditieren. Sie gründeten eine „Antiterrorismus-Stiftung“. Ehemalige Regierungsbeamte veröffentlichten einen offenen Brief, in dem sie schrieben, dass der Prozess nur alte Wunden aufreißen, und dass die politische Gewalt wiederkehren würde. Dass man den Frieden suchen solle, aber bitte ohne diese ganze Wahrheits- und Gerechtigkeitsnummer. Da wurden viele Beschimpfungen aus den Zeiten des Kalten Krieges wieder ausgegraben. Sie nannten Rigoberta Menchú die „Kriegsnobelpreisträgerin“. Und es gab eine Abschussliste, auf der auch ich stand.

Wie historisch ist das Urteil?
In Guatemala war das hoffentlich nur die erste juristische Abrechnung mit der Vergangenheit. Aber Ríos Montt war auch der erste ehemalige Staatschef, der von einem einheimischen Gericht wegen Völkermordes verurteilt wurde. Wenn ein kleines Land wie Guatemala das fertigbringt, kann das jedes andere Land auch. Rigoberta Menchú hat mir außerdem erzählt, dass das Urteil enormen Nachhall bei Ureinwohnern in aller Welt gefunden hat, weil hier ein Völkermord an ihnen anerkannt wurde.



Die inkriminierende Schlüsselszene:

"I Control the Army" - Rios Montt in "Granito:How to Nail a Dictator" from Skylight Pictures on Vimeo.

Foto: Pam Yates 1982 bei den Dreharbeiten zu "When the mountains tremble"/Newton Thomas Sigel/Skylight Pictures

12.05.13 | 16:35 | 0 Kommentare

Der Autogott von Hollywood


Ein Nachruf auf den Karosseriebauer und Lackierer Dean Jeffries

(Von Andrian Kreye) Um zu verstehen, warum bunt bemalte, übermotorisierte Autos für die jüngere Kulturgeschichte in Hollywood so wichtig sind, und warum der Tod des Karosseriebauers und Lackierers Dean Jeffries dort gerade ähnliche Trauerwellen auslöst wie das Ableben eines Filmstars, muss man tief ins 19. Jahrhundert zurückgehen.

Es war nach den Greueln des Bürgerkriegs, als sich die Nation auf ihren Gründungsmythos in der Eroberung des wilden Kontinents besann und in den Cowboystaaten das Rodeo zum Volkssport wurde. Die Teilnehmer schmückten ihre Pferde dort mit viel Fransen und Silber. Bald zogen sie mit ihren Wild-West-Shows durchs ganze Land und produzierten erste Stars wie Buffalo Bill und Will Rogers.

Auch im Kino war der Westernfilm zunächst das Vehikel, um die Massen in Krisenzeiten an die Stärke ihres Landes zu erinnern. Nach dem Zweiten Weltkrieg aber hatte der Cowboy ausgedient. Das neue Symbol von Stärke und Freiheit war nun das Auto. Und es waren die „Customizer“, die aus dem Gefährt ein Prachtstück machten. So begann die Kultur der Hot Rods und Lowrider als urbane Erben der Cowboys.

Dean Jeffries war gelernter Schweißer, begann seine Karriere Anfang der Fünfzigerjahre jedoch als Lackierer. Zunächst verzierte er die Wagen seines Nachbarn, des Rennfahrers Troy Ruttman. Dann kam im Sommer 1955 der Schauspieler und Hobbyrennfahrer James Dean mit seinem neuen Porsche 550 Spyder vorbei, ließ sich die Nummer 130 und den Schriftzug „Little Bastard“ lackieren. Einen Monat später ging der Sportwagen in die Geschichte ein, weil sich Dean damit zu Tode raste.

Bald rüstete Jeffries Wagen komplett um. Unzählige Filmstars ließen sich von ihm ihre Autos aufmotzen – Gary Cooper, Jayne Mansfield, Steve McQueen. Filmproduktionen bestellten Wagen bei ihm. Sein legendärer Mantaray, mit dem er die Grand National Roadster Show 1964 gewann, bekam eine Hauptrolle in dem Film „Bikini Beach“. Er baute erste Versionen des Batmobils, das Monkeemobile der TV-Popgruppe The Monkees und die Autos für den „Blues Brothers“-Film.

Nebenher fuhr Jeffries auch Stunts, doch das gab er wieder auf. So blieb er Vorbild und Star eines Handwerks, das Tom Wolfe schon 1963 in seinem Essay „The Kandy-Kolored Tangerine-Flake Streamline Baby“ als Kunst beschrieb. Dean Jeffries wurde 80 Jahre alt.

Foto: Dean Jeffries und seine Jugendliebe Carol Lewis/George Barris

10.05.13 | 13:36 | 0 Kommentare

Warhols erster Superstar




Ein Nachruf auf den Schauspieler, Dichter und Maler Taylor Mead


(Von Andrian Kreye) Eigentlich müsste man sich sofort hinsetzen und Taylor Meads Lebensgeschichte als euphorisch-melancholischen Roman aufschreiben, der alles über Aufstieg und Fall der Nachkriegsboheme erzählen würde. Das Ende wäre wiederum sehr traurig, weil er am vergangenen Mittwoch nicht in seiner Wahlheimat New York, sondern bei seiner Nichte in Denver, Colorado gestorben ist. Dieses Ende wäre eine viel zu moralische Parabel auf die finsteren Mächte der Marktwirtschaft, die nun auch die letzten Nischen der Insel Manhattan den Horden gewissenloser Geldgeier überlassen.

Der größte Teil der Handlung wäre aber eines jener Märchen von der geglückten Flucht aus der erstickenden Bequemlichkeit der Bourgeoisie in die berauschende Welt der Avantgarde. Deren Hauptfiguren heißen normalerweise William S. Burroughs, Robert Frank oder Bob Dylan. Allen gemeinsam war die Stadt New York als Fluchtpunkt ihrer ungestillten Sehnsüchte.

Mead war ähnlich radikal, hatte aber nicht den Genius und die Größe. Der Sohn einer wohlhabenden Familie in Michigan hatte eine ganz andere Qualität. Susan Sontag beschrieb Taylor Meads Hauptrolle in Ron Rices Film „The Flower Thief“ 1960 im Partisan Review: „Die Quelle seiner Kunst ist die tiefste und reinste von allen: Er gibt sich vollkommen und ohne Vorbehalt einer bizarren, autistischen Phantasie hin. Es gibt kaum etwas attraktiveres in einem Menschen. Nach dem vierten Lebensjahr ist das allerdings sehr selten.“

Andy Warhol nahm ihn dann in seinen Kreis auf, drehte 1964 „Tarzan and Jane Regained... Sort Of“ mit ihm. Und angeblich prägte er den Begriff Superstar, um Mead zu beschreiben. In über vierzig Filmen taucht Mead dann noch auf, in John Schlesingers „Asphalt Cowboy“ und in Jim Jarmuschs „Coffee & Cigarettes“. Er schrieb Gedichte, malte Bilder, doch seine eigentliche Rolle war die des naiven Weisen. Und jede nachfolgende Boheme-Generation adoptierte ihn aufs Neue.


Ende der Siebzigerjahre war er einer der ersten, die es wagten, im Junkie- und Armenviertel Lower Eastside zu wohnen. Dort lebte er bis vergangenen April in der Ludlow Street, las den Gästen der Bar Max Fish Gedichte aus Skizzenbüchern vor, die er in Plastiktüten mit sich herumtrug. 380 Dollar bezahlte er für seine winzige Wohnung im Zustand zunehmender Verwahrlosung. Ein Relikt der Boheme inmitten von Glamour und Reichtum.

Neue Besitzer wollten das Gebäude sanieren. Sie boten ihm viel Geld für seinen geschützten Mietvertrag, drohten. Er kämpfte. Dann gab er nach, zog aus und reiste zu seiner Nichte in Colorado. Er wurde 88 Jahre alt.




Foto: Andy Warhol und Taylor Mead 1975, Archiv

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