15.05.14 | 16:05 | 0 Kommentare

Fürchtet euch doch!

Dem amerikanischen Journalisten Glenn Greenwald ist ein furioses Buch über die NSA-Enthüllungen gelungen, die er für den Ex-Geheimdienstler Edward Snowden aufschrieb. Erst im Sog dieses Dramas begreift man das ganze Ausmaß des Wahnsinns

(Von Andrian Kreye) Es gibt im Reporterberuf einen Fieberzustand, der sich einstellt, wenn aus einem Hinweis, einer Idee, einem Bauchgefühl eine Spur wird. Wenn dann hinter der ersten Entdeckung ganze Kaskaden neuer Erkenntnisse auftauchen. Eine Geschichte. Ein Drama. Das ist unwiderstehlich, aber es gibt nur wenige Autoren, die das beschrieben haben. Warum auch – es spielt in der Regel für Leser keine Rolle, wie Geschichten entstehen. Der amerikanische Journalist Glenn Greenwald tut es trotzdem. Aus gutem Grund.

Im ersten Kapitel seines Buches „Die globale Überwachung“ (auf Deutsch bei Droemer) erzählt er, wie er gemeinsam mit der Dokumentarfilmerin Laura Poitras von New York nach Hongkong fliegt, um zum ersten Mal den geflüchteten Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden zu treffen. Im Flieger sichtet er die Datensätze, die Snowden an Poitras übermittelt hat, und es dämmert ihm, welches Ausmaß diese Enthüllungen haben werden.

Was im Vorwort nüchtern mit einer Einführung in die Geschichte der Überwachung und des Internets beginnt, gewinnt in diesem Kapitel massiv an Schub. Das ist wichtig, denn die Geschichte über Edward Snowden und seine Enthüllungen über die globale Überwachung durch die NSA spielt an der Schnittstelle zwischen einem der aufregendsten und einem der langweiligsten Genres des Erzählens – dem Agententhriller und der Internet-Analyse. Doch spätestens wenn Greenwald in den schlaflosen Nächten von Hongkong gemeinsam mit Edward Snowden aus dem Datenmaterial eine Artikelserie destilliert, die das Verhältnis der Welt zum Internet und zu Amerika verändern wird, hat er es geschafft, den Leser in jenen Fieberzustand zu versetzen, in dem er auch bereit ist, sich auf komplexe technische Beschreibungen einzulassen. Und die sind nötig, um den Wahnsinn zu begreifen.

Greenwald verzichtet auf neue Sensationen. Welche sollte er auch liefern? Was Greenwald, Poitras und die Weltpresse in den vergangenen noch nicht einmal zwölf Monaten aus Edward Snowdens Material gemacht haben, lässt sich erst einmal nicht übertreffen. Was noch folgen könnte (wenn man die Andeutungen aus Snowdens Umkreis richtig versteht), wäre viel zu groß für ein erstes Buch des Teams. Also die Verbindungen zwischen Überwachung und der Geopolitik der USA und befreundeter Mächte, die Unterdrückungsmechanismen, die sich daraus ergeben, die Schulterschlüsse zwischen den Überwachern und den militärischen und paramilitärischen Vollstreckern. Umso wichtiger ist es deswegen, dass Greenwald diese erste Phase der Enthüllungen in einen Kontext stellt.

Auch das gelingt ihm. Wobei die Symbiose zwischen ihm als Autor und Edward Snowden als Stoffsammler kongenial gewesen sein muss. Snowden hatte nicht nur die rohen Daten gesammelt und dem Journalisten übergeben. Er hatte sie in ein klares System aus digitalen Ordern sortiert, hatte Material dazugegeben, das für die Enthüllungen keine Rolle spielte, für das Verständnis sehr wohl. Und er hatte das alles so angelegt, dass Greenwald daraus eine Dramaturgie entwickeln konnte.

Diese Dramaturgie war letztlich auch der entscheidende Unterschied zwischen der Wucht, mit der die NSA-Enthüllungen die Welt bewegten, und der immer deutlicheren Ermüdung und Skepsis der Öffentlichkeit, in der Wikileaks versandete. Es lag an den Personen. Bradley Manning, der Wikileaks wohl mit dem Material aus den Rechnern des US-Militärs und -Außenministeriums versorgte, schob die Datenmengen vermutlich weitgehend unbesehen an Assange. Der aber hatte mit seiner Ideologie der radikalen Transparenz immer den Drang, möglichst viel und rasch zu veröffentlichen. (Wobei Greenwald Assange und Manning gegen die anhaltenden Verleumdungen und Beleidigungen in Schutz nimmt, nicht zuletzt, weil er selbst, Laura Poitras und Edward Snowden vor allem in den amerikanischen Medien so heftig angegriffen werden – man darf nicht vergessen, dass Snowden in den USA keineswegs eine so umfassend von Politik und Bevölkerung gefeierte Heldenfigur ist wie bei uns).

Snowden und Greenwald arbeiteten wie Dramaturg und Regisseur. Die Enthüllungen verliefen nach dem Muster des Thrillers. Hinter jeder Wendung verbarg sich eine Eskalation. Auf das Abhören der Telefonleitungen folgte die Kontrolle der Metadaten, darauf die Überwachung des gesamten Internets, die Komplizenschaft des Silicon Valley, schließlich die Bespitzelung befreundeter Staatschefs. Und weil Greenwald die Kunst der Dramaturgie beherrscht, hat er es auch geschafft, mit einem so komplexen Stoff ein Buch zu schreiben, das jede einzelne Ebene der in sich vernetzten Geschichte in einen linearen Spannungsbogen fügt.

Im Zentrum des Wahnsinns, der über 366 Seiten hinweg immer wahnsinniger wird, steht Edward Snowden. Greenwald versucht sich da nicht mal in journalistischer Distanz. Deswegen kommt man Snowden auf diesen Seiten sehr viel näher als in den objektiven Porträts über ihn oder bei den wenigen Auftritten im Fernsehen, bei denen sein sachlicher Ton und seine freundliche Art so gar nicht zum Drama seiner Enthüllungen passen wollten. Greenwald thematisiert diese Kluft zwischen Erscheinung und Wirkung der Person. „Er wirkte insgesamt recht proper, hielt sich militärisch gerade, war aber ziemlich dünn und blass und sichtlich angespannt und zurückhaltend“, schreibt er über die erste Begegnung.

Dann aber skizziert er einen noch sehr jungen Mann und seine Lebensgeschichte, die eben nicht zwangsläufig in der Rolle des Aufklärers von Weltrang enden musste. Es ist die Geschichte eines Schulabbrechers, der in den Netzwerkstrukturen des Internets ein Spielfeld für seine extreme Intelligenz und dann in den Geheimdiensten nicht nur einen Abnehmer für seine außerordentlichen Fähigkeiten, sondern auch ein Ventil für seinen Patriotismus suchte.

Es ist dann dieser uramerikanische Patriotismus der aufrechten Heimatliebe, der Snowden dazu bringt, sich zunächst bei seinen Vorgesetzten und den Kontrollinstanzen über Machtmissbrauch und Übergriffe zu beschweren. Immer wieder vergebens, bis er frustriert den Entschluss fasst, die Daten zu sammeln und an die Öffentlichkeit zu gehen. Ohne das auszuformulieren, gelingt Glenn Greenwald dabei das Porträt eines Archetypen. Snowden ist eben nicht nur der Sonderfall. Er ist der exemplarische Vertreter einer Generation, die im Internet „das Epizentrum unserer Welt“ entdeckt hat, wie es Greenwald in der Einführung beschreibt. Und die bereit ist, diese Welt auch zu verteidigen. Denn Snowden kämpft ja nicht nur für die digitale Menschenwürde eines Internets ohne ständige Überwachung. Er kämpft auch für die Freiheit im digitalen Raum.

Die ist so massiv gefährdet, wenn nicht gar unmöglich geworden, dass man den Mittelteil des Buches immer fassungsloser liest. Greenwald schlüsselt das auch für Laien auf. Er zeigt all die Folien und Powerpoint-Tafeln, mit denen die Geheimdienste ihre Übernahme der digitalen Weltöffentlichkeit planen. Es sind Bilder frappierender Banalität. Mit den verkrampft originellen Typografien, den ungelenken Layouts und kruden Logos wirken die Tafeln wie die Speisekarten schäbiger Imbisse.

Er beschreibt aber auch, wie etwas so Abstraktes wie Metadaten funktioniert: „Stellen wir uns einmal Folgendes vor: Eine junge Frau ruft ihren Gynäkologen an, gleich darauf ihre Mutter, dann einen Mann, mit dem sie während der vergangenen Monate häufiger nach 23 Uhr telefoniert hat; als Nächstes eine Familienberatung, die auch Abtreibungen durchführt. Daraus lässt sich eine schlüssige Geschichte herleiten, die sich so deutlich aus dem Abhören eines einzelnen Telefonats nicht ergeben würde.“

Gegen Ende des Buches wird Greenwald (auf Kosten der Spannung) politisch immer deutlicher. Er beschreibt, wie Überwachungssysteme immer wieder ganze Bevölkerungen gewaltlos unterdrückten. Er fordert ein Ende der Überwachung und Freiheit für die Presse. Im Subtext bleibt am Ende die Botschaft: Fürchtet euch doch!

Die aber kann man zweifach interpretieren. Bürger und Presse, ganz klar, haben guten Grund zur Angst. Die Mächtigen aber werden solcher Figuren wie Edward Snowden nie Herr werden. Im Zeitalter des Internets noch weniger als je zuvor.

Foto: DPA

12.05.14 | 11:52 | 0 Kommentare

#musicmonday

03.05.14 | 12:54 | 0 Kommentare

Das Missverständnis Frank Sinatra

Im „Great American Songbook“ suchen Stars die Flucht aus der Kurzlebigkeit des Pop

(Aus dem Feuilleton der Süddeutschen Zeitung, von Andrian Kreye) Als Paul McCartney für die Aufnahmen zu seinem Album „Kisses on the Bottom“ im zylinderförmigen Hochhaus der Capitol Studios ankam, das wie ein Denkmal des California Cool über Hollywood ragt, wurde ihm das Mikrofon Nummer 4 zugeteilt. Nat King Cole hatte damit früher aufgenommen. In dem selben Studio, in dem Frank Sinatra das Mikro Nummer 9 benutzte. Und so erzählte McCartney dann voller Ehrfurcht davon, wie er mit dem historischen Mikrofon historische Musik eingespielt habe.

Das Album wurde eine Sammlung von Songs aus seiner Kindheit. Die meisten stammen aus dem „Great American Songbook“, jenem sagenumwobenen Kanon aus Schnulzen, Gassenhauern und Musicalhits aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, der in der zweiten Hälfte die Basis für die Geschichte des Jazz und den Pop bildete, weil Nat King Cole, Frank Sinatra, Charlie Parker und Miles Davis den Schlagerstoff in Meisterwerke verwandelten.

Wenn sich heute ein Star an diesen Kanon wagt, verheißt das meist nichts Gutes. In der Regel nehmen Popstars das Great American Songbook in einem Moment auf, an dem sie realisieren, dass sie ähnlich wie Primaballerinen, Supermodels und Spitzensportler einen Beruf mit begrenzter Laufzeit ergriffen haben. Dann sind sie sowieso sehr anfällig für falsche Entscheidungen. Sie lösen ihre Band auf, oder sie wiedervereinen ihre aufgelöste Band, sie finden zu irgendeinem Glauben, werden drogensüchtig, oder – wenn sie genügend Geld für ein großes Orchester haben – spielen eben Stücke von Irving Berlin, George Gershwin und Harold Arlen ein.

George Michael war zum Beispiel schon oft an so einem Punkt. Bisher war er dabei eigentlich ein Glücksfall, denn wenn man ungefähr in seinem Alter war, konnte man mit ihm ganz gut älter werden, obwohl es fast unmöglich ist, mit dem Pop zu altern.

Mit 23 löste er sein Erfolgsduo Wham! auf, sang dann erst einmal phänomenal erfolgreich über Sex und Freiheit. Mit 28 zeigte sich die erste Krise, da schrieb er Lieder über Jesus und das Beten und floppte in den Charts. Kurz darauf lieferte er mit dem Album „Older“ schon ein gelungenes Alterswerk ab. Nebenher wehrte er sich sehr öffentlich gegen die Knebelverträge seiner Plattenfirma und verstieß gegen rigide amerikanische Sittengesetze.

Mit 36 suchte George Michael dann allerdings auf dem Album „Songs from the Last Century“ im Great American Songbook nach Unsterblichkeit. Mit dem Umkehreffekt, dass es das erste George-Michael-Album war, das man getrost vergessen konnte. Neulich ist nun eine Art Nachfolger herausgekommen, das Live-Album „Symphonica“, auf dem er vor ganz großem Orchester quer durch sein eigenes Repertoire und das Great American Song Book pflügt. Dabei verhaspelt er sich zwischen den Streicherpolstern und dem Routine-Swing endgültig in einem Pathos, aus dem es keinen Ausweg gibt.

Ganz zum Schluss nimmt er sich Bill Careys „You’ve Changed“ vor, eine Ballade aus dem Jahr 1941, die exemplarisch zeigt, warum sich Pop- und Rockstars am Great American Songbook verheben. Ursprünglich war der Song ein mittelmäßiger Hit für den argentinischen Hollywoodstar Dick Haymes. Dann aber kamen Nat King Cole, Billie Holiday und Sarah Vaughan, und die entdeckten in dem Song plötzlich Abgründe. Vor allem Billie Holiday konnte aus der Enttäuschung über eine erkaltete Liebe ein Manifest der Hoffnungslosigkeit schürfen. Die aber ging 1958 sehr viel tiefer als eine romantische Melancholie. Das war der Abgrund, der sich zwischen der Euphorie der Wirtschaftswunderjahre und der Realität einer geteilten Gesellschaft aufgetan hatte.

George Michael führt das Stück nun zurück in die Mittelmäßigkeit der Songfabriken und Schlagerparaden, in der es ursprünglich entstanden ist. Vibrato und Seufzerphrasierung sind erst Übersprungshandlungen, dann im Finale verzweifelte Versuche, die emotionalen Untiefen zu umschiffen, in die er da geraten ist. Weil er in dem Song eben nicht nach den Abgründen sucht, genauso wenig wie all die anderen nach Abgründen gesucht haben, die sich am Great American Songbook versuchten – Paul McCartney eben, Rod Stewart, Willie Nelson, Robbie Williams, jetzt auch noch Leon Russell.

Es ist nicht einmal das Problem, dass hier Musiker antreten, die ihr Leben lang im Viervierteltakt mit der Eins und der Drei den harten Schub des Rock akzentuierten und die sich in der Lässigkeit der Swing-Betonung auf der Zwei und der Vier oft etwas fremd fühlen. Es ist das große Missverständnis Frank Sinatra. Denn es ist eben nicht der junge Sinatra, den sie suchen, das hagere Stimmwunder aus New Jersey. Es ist der reife Sinatra, der in den Capitol Studios Songs für die Ewigkeit aufnahm und mit Sammy Davis Jr., Dean Martin, Joey Bishop und Peter Lawford als „Rat Pack“ auf den Casino-Bühnen von Las Vegas und in eigenen Fernsehsendungen gut angetrunkene Witze riss.

Die Regentschaft des Rat Pack in Vegas war allerdings nicht die Speerspitze der Popkultur im Aufbruch, sondern die Bestätigung einer gesellschaftlichen Umwälzung, die sich in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg in Amerika vollzogen hatte. Frank Sinatra und Dean Martin waren die Söhne italienischer Einwanderer, Sammy Davis’ hatte kubanische Wurzeln, Joey Bishop stammte aus einer Familie zentraleuropäischer Juden, Peter Lawford war geborener Engländer. Das Rat Pack war die Bestätigung, dass die Welle der europäischen und lateinamerikanischen Einwanderer die Mitte der Gesellschaft erreicht hatte, die den Kontinent nicht erobert, sondern groß gemacht hatten. Das waren die Kinder der Fabrik- und Eisenbahnarbeiter, der Working Class Heros. Der Vegas Glamour war der Triumphmarsch nach einem langen Kampf, der sich gerade im Subtext von Sinatra findet.

Der verbrachte seine Kindheit noch in einem Amerika, in dem die Einwanderer aus Europa genauso verhasst waren wie die befreiten Sklaven aus dem Süden. In den Zwanzigerjahren machte der Ku-Klux-Klan nicht nur Jagd auf Schwarze, sondern auch auf Juden und Katholiken. Sinatra war das klassische Produkt des Milieus – sein Vater verdingte sich als Preisboxer, seine Mutter betrieb während der Prohibitionsjahre in Hoboken ein Speakeasy, einen illegalen Saloon. Und irgendwo zwischen den Trinkliedern der illegalen Kaschemmen, den Kirchen der katholischen Einwanderer und dem rauen Ton der Docks fand Sinatra seine Stimme. Eine Stimme für die Einsamen, denn Einsamkeit war die Kehrseite der Verheißungen, mit denen die Metropolen die Massen angelockt hatten.

„Sinatra hatte den Glamour der Großstadtnächte definiert“, schrieb der New Yorker Reporter Pete Hamill in seinem 180-seitigen Essay „Why Sinatra Matters“. „Die Nacht war bei ihm sowohl Zeit wie Ort. Eine dieser rastlosen Gestalten zu sein, war ein kleiner Akt des Widerstandes gegen die Konventionen, die darauf beharrten, dass man um sieben aufsteht, um acht zur Arbeit geht, um dann um zehn erschöpft ins Bett zu sinken. In seiner Musik gab Sinatra all denen eine Stimme, die glaubten, dass das eigentliche Leben erst gegen Mitternacht beginnt: Bartender, Spieler, Detektive und Gangster, Künstler und Zeitungsleute.“ Das aber ist ein anderer Glamour als das Glitzern von Las Vegas.

Sinatras Größe und das Berührende, das seine Musik immer schon über das "Easy Listening", das Schlagerhafte erjob, war eine kosmopolitische Form des Blues, eine Mischung aus dem Rückzug der Randgruppen in die Abwehrhaltung des Cool und der abgeklärten Erkenntnis, dass eine Verheißung kein Geschenk, sondern eine Herausforderung ist. Eine Altersversicherung, mit der man sich aus der Kurzlebigkeit des Pop in die Unsterblichkeit des Glamours retten kann, war das American Songbook aber nie. Wer dort keine Abgründe entdeckt, wer sich in den Glamour drücken will, der strandet in der Leichtigkeit des Ausgangsmaterials.

Und so lieferte Paul McCartney nur den Beweis, dass es wohl doch Lennons Zorn und Zynismus waren, die ihn vor der tüdeligen Betulichkeit retteten, die „Kisses...“ bestimmt. George Michael verleugnet einmal mehr seine eigenen Kämpfe. Rod Stewart reduziert den Kanon zum Kitsch. Nicht einmal die große Bluesstimme Leon Russell findet in den Songs zu Größe. Nur einer hat das Material in den letzten Jahren gemeistert. Ausgerechnet Ex-Teeniestar Robbie Williams hat die Größe im Great American Songbook erkannt. Weil er eine Stärke mit Sinatra teilt – er hat sich nie vor den Abgründen gedrückt, sondern gewusst, nur wer sich mit kalter Lässigkeit auf sie einlässt, darf am anderen Ende mit großer Geste triumphieren.

Foto: Herman Leonard aus dem Bildband zur Ausstellung "American Cool"/Prestel

14.04.14 | 19:02 | 4 Kommentare

Geschäftsmodelle essen Seele auf

Tim Renner, der sich um Berlins Kultur kümmern soll, plädiert für die Digitalisierungtritt als Propagator des Digitalen auf. Aber worum geht es da eigentlich – um Kultur oder um Vertriebswege?

(Aus dem Feuilleton der Süddeutschen Zeitung, von Andrian Kreye) Übers Wochenende gab es Ärger um den designierten Kulturstaatssekretär von Berlin, Tim Renner. Dieser ist einer der erfolgreichsten Musik- und Medienmanager des Landes. Als solcher trat er vergangene Woche in Dortmund als Redner für die Firma Readbox auf, die Verlagen dabei hilft, ihre Bücher zu digitalisieren. Dabei warnte er die Buchbranche davor, die gleichen Fehler zu machen wie die Musikindustrie, die die digitale Revolution viel Umsatz gekostet hat. Es sei sentimental, auf alten Methoden zu beharren, sagte Renner. Und er zitierte eine verschärfte Version der beliebten Pferdekutschenmetapher: „Dass es das Buch 500 Jahre lang gibt, ist kein gutes Argument. Ochsenkarren waren Tausende Jahre alt, bevor das Auto kam.“

Nun kämpfte Tim Renner lange erfolgreich dafür, dass die Gräben zwischen Bildungsbürgern und Popkultur in diesem Land geschlossen werden. Und er hat gemeinsam mit seinem Bruder Kai-Hinrich vor drei Jahren ein Buch veröffentlicht, das erklärt, warum die digitale Kultur die Fortsetzung der Popkultur ist, und das sehr viel intelligenter ist als sein Popzitattitel „Digital ist besser“. Man muss Renner also nicht gleich die Kulturkompetenz absprechen, so wie es einige Kritiker nicht nur analog, sondern auch auf digitalen Kanälen postwendend getan haben, nur weil er in Dortmund Umsatzkrisen verglich.

Doch der Streit um Renners Auftritt ist durchaus exemplarisch. „Bücher sind keine Ochsenkarren“, schrieb beispielsweise die FAZ. Denn das wirklich Deprimierende an den ganzen digitalen Kulturdebatten ist ja, dass es in den letzten 15 Jahren selten um Kultur ging, sondern um: Logistik, Bürokratie, Rechtsfragen, Vertriebs- , Präsentations- und Geschäftsmodelle, diesen ganzen öden Betriebswirtschaftskanon eben.

Am 28. April soll Tim Renner sein Amt antreten. Man weiß noch nicht, ob der Regierende Bürgermeister und Kultursenator Klaus Wowereit mit der Berufung einen modern anmutenden PR-Coup plant, weil man schlecht mit der Bundespolitik liebäugeln kann, wenn man Patron der größten Bauruine der Republik ist. Oder ob er das Start-up- und Digital-Flair seiner Stadt stärken will. Das aber spielt keine große Rolle, wenn der Mann, der sich in Berlin in Zukunft um die Kultur kümmern soll, mit einer solch betriebswirtschaftlichen Breitseite gegen die Kultur profiliert.
Renners eigenes Werk ist jedoch ein guter Ausgangspunkt. Weil er mit seiner Theorie von der digitalen Kultur als Fortsetzung des Pop erst einmal recht hat. Nur dass die digitale Revolution gerade in den vergangenen drei Jahren einen ganz anderen Verlauf genommen hat als die Geschichte der Popkultur.

Diese beruht im Wesentlichen seit sechzig Jahren auf der Begleitmusik für die großen gesellschaftlichen Befreiungsbewegungen – der Jugend, der Minderheiten, der Unterdrückten. Es gibt da von den Rolling Stones über The Clash bis zu Rage Against The Machine auch immer wieder sozialistische Untertöne. Die hat die digitale Kultur in den Anfangsjahren auch aufgenommen.

Todd Rundgren, der in Vergessenheit geratene Rockstar, der zunächst die Brücke zwischen Psychedelik zu Pop schlug und dann als Pionier der digitalen Kultur in San Francisco lebte, schwärmte schon früh davon, dass die digitalen Technologien die Produktionsmittel der Kultur im klassisch marxistischen Sinne aus dem Klammergriff der Konzerne und Stars befreien würden. Und so kam es dann auch. Werke, für die man früher Ton- und Filmstudios benötigte, lassen sich heute mit einem Laptop als Schnittstelle für einen Bruchteil der Kosten produzieren.

Die digitale Kultur nahm aber auch das Leitmotiv des Generationenkonflikts auf. Da aber unterschied sich die Stoßrichtung bald gewaltig vom Pop des 20. Jahrhunderts. Und so wurde aus dem marxistischen Anspruch eine kapitalistische Realität. Der Wendepunkt kam während der Neunzigerjahre, als sich die digitale Kultur aus der Produktion von Software in die Unendlichkeiten des Internets verlagerte. Erst da waren die physischen Grenzen einer Wirtschaftsgeschichte überwunden, die auf der Herstellung von Produkten basierte. Und erst da konnte der Generationenkonflikt die radikale Form annehmen, welche die digitale Kultur heute bestimmt.

Schlüsselfigur dieses Generationenkonflikts ist der Unternehmer Sean Parker, eine Art Mick Jagger der digitalen Kultur. Der gründete 1999 mit 19 Jahren gemeinsam mit dem ein Jahr jüngeren Shawn Fanning die Firma Napster. Im Prinzip stellte die Firma nur ein Programm zur Verfügung, über das man im Internet mit einer unbegrenzten Anzahl von Nutzern Dateien austauschen konnte. Das Prinzip des Datentausches war so einfach wie die zwölf Takte des Blues, und die Auswirkungen waren ähnlich weltbewegend wie der Aufstieg des Rock. Nur eben unter anderen Bedingungen.
Die digitale Revolution war kein Aufbegehren gegen den kulturellen Kanon aus den Subkulturen heraus. Die (zunächst gar nicht geplante) Strategie stammte eher aus dem Regelbuch einer ideologischen Schlüsselfigur der amerikanischen Konservativen, des Steuer-Aktivisten Grover Norquist. Von dem stammt die sehr wirkungsvolle Methode, den von Konservativen so ungeliebten Sozial- und Subventionsprogrammen der Regierung einfach den Geldhahn zuzudrehen. Das erreicht man am einfachsten, indem man die Steuereinkünfte so radikal senkt, dass de facto kein Geld mehr da ist.

Ähnlich funktionierte die digitale Revolution. Die entzog den Bastionen der kulturellen Macht einfach die finanzielle Basis, indem sie ihre Geschäftsmodelle kippte. Den Partisanen der anarchischen Vertriebsmodelle folgten bald schon die heutigen Sieger der digitalen Revolution. Es war ja eben nicht die Rache der Streber, wie in Anspielung auf den Film „Revenge of the Nerds“ gerne behauptet wird. Damit hätte sich sonst die Utopie des Visionärs und Architekten Buckminster Fuller bewahrheitet, der forderte, man solle alle Macht den Designern und Ingenieuren geben. Nein, es war der Sieg der Betriebswirtschaft und Bürokratie. Das zeigt sich bei den Siegern. Bei Microsoft-Gründer Bill Gates, der es schaffte, ein zweitklassiges Logistikprodukt zum Weltstandard zu machen. Bei Sergei Brin und Larry Page von Google, deren Geschäftsmodell darauf beruht, die Welt und das Leben in Datenpaketen zu organisieren. Bei Amazon-Gründer Jeff Bezos, der mit dem Jagdinstinkt des erfahrenen Hedgefonds-Managers in der Schwäche der Buchbranche seine Chance sah, den Einzelhandel zu revolutionieren. Bei Steve Jobs, der sich meisterlich darauf verstand, die Ideen und Patente anderer zeitgemäß zu verpacken.

Die Rolle der Kultur war dabei schon früh definiert. Es ist nun nicht so, dass die digitale Kultur keine relevanten Veränderungen gebracht hätte. Diese aber liegen noch in der Software-Ära der digitalen Revolution. Computerspiele beispielsweise haben es geschafft, das fast zweieinhalbtausend Jahre alte Dogma der aristotelischen Erzählform mit ihren drei Akten zu sprengen. Das wird noch gerne belächelt, ist aber eine kulturelle Großtat, deren Auswirkungen man noch gar nicht absehen kann.

Der Siegeszug des betriebswirtschaftlichen, bürokratischen Geistes aber hat den kulturellen Diskursen die Seele geraubt. Wem Fragen um Vertriebs- und Bezahlsysteme den Schlaf rauben, der kümmert sich nicht um das, worum es in der Kultur eigentlich geht – um Leidenschaft, Haltung, Ideen und Ästhetik, um Träume, Wut, Verzweiflung und Glück, um all das eben, woraus man Songs, Symphonien, Gemälde und Filme machen kann. Wahrscheinlich wäre Berlin ein guter Ort für den Beginn der Konterrevolution.

09.04.14 | 22:32 | 2 Kommentare

Verflixter Sonnenaufgang

Der Gitarrist Pat Metheny gilt als Virtuose. Seine Musik löst jedoch bei vielen Jazzhörern mentales Sodbrennen aus. Zufall ist das nicht, aber auch nicht ganz gerecht.

(Aus dem Feuilleton der Süddeutschen Zeitung, von Andrian Kreye) Wenn Sänger oder Musiker so richtig gehasst werden, stellt sich oft die Frage, warum sie trotzdem so erfolgreich sind. In der Regel berühren sie etwas in ihren Zuhörern, mit dem sich die Hasser lieber nicht auseinandersetzen wollen. Es gibt natürlich auch schlichtweg schlechte Musik. Um Hörer zu berühren, müssen Musiker allerdings schon mehr können, als nur ihr Handwerk zu beherrschen. Und so wuchs der Groll der Jazzgemeinde auf den Gitarristen Pat Metheny über die Jahre parallel zu seinem Erfolg und seiner Virtuosität.

Gerade eben hat er zum Beispiel eines seiner besten Alben veröffentlicht. „Kin“ heißt es. Er spielt darauf mit seiner Unity Group, einer Band, zu der auch der Saxofonist Chris Potter gehört. „Kin“ zeigt das Problem mit Methenys Musik ganz gut. Auf der einen Seite ist er ein Meister der Avantgarde. Er beherrscht die zutiefst lyrische Tradition des freien Jazz, wie sie Ornette Coleman und Don Cherry geprägt haben. Und es ist gerade Colemans oft so melancholische Melodieführung in der Improvisation, die sich auch in den seichtesten Momenten durch Methenys Werk zieht.

Womit man aber auch schon beim Problem wäre. Metheny hat einen Hang dazu, die lyrischen Qualitäten der Avantgarde ins Liebliche zu ziehen. Dazu kommt sein Talent, luftige Akkorde so über einen Percussion-Teppich zu legen, dass ein Effekt entsteht, den man im Amerikanischen „uplifting“ nennt. Der wäre mit der direkten Übersetzung „erbaulich“ nur ungenügend beschrieben. Es ist ein billiger emotionaler Effekt, den man in Filmen des Disney-Konzerns erträgt, weil man ihn dort auch erwartet. Der Jazz aber zieht seine Spannung aus dem Glimmen des Blues und seine Höhepunkte aus der Inbrunst des Gospel. Was Metheny in seiner Musik immer wieder evoziert, ist dieses Sonnenaufgangsgefühl, mit dem die Esoterik ihre Kundschaft gerne lockt.

Aus dem Jazz heraus gerät Pat Metheny damit in die Nähe eines Genres, das vielen Musikfans zutiefst zuwider ist, und das auch von der Kritik nicht wahrgenommen wird, obwohl es Millionenumsätze einspielt. Es geht um New Age, jene erbaulichen Klangteppiche, die man in den Quacksalberpraxen der Heilpraktikerzunft oder den Spa-Bereichen überteuerter Mittelklassehotels als Atmosphärenergänzungsmittel zu den ätherischen Ölen findet.

Die Grenzen sind ja keineswegs so fließend, wie man glaubt, auch wenn die New-Age-Bewegung oft Jazzmusiker wie Keith Jarrett oder Ralph Towner usurpiert. Aber da geht es Pat Metheny ähnlich wie Celine Dion. Die gehört eigentlich zu den wirklich großen Sängerinnen, würde sie sich nicht auf die Nähe zu jenem miefigen Bastard der Popkultur, dem Musical, einlassen, der ähnlich wie New Age bereit ist, Spannung und Haltung für Wohlgefühle zu opfern.

Es sind aber genau diese ungefilterten, ironiefreien Wohlgefühle, die bei Jazz- und Rockhörern eine Art mentales Sodbrennen auslösen. Das hat vor allem damit zu tun, dass sie nun schon seit über einem halben Jahrhundert vom Gestus des Cool und der Haltung der Rebellion geprägt wurden. Solche Wohlgefühle ersticken da die gewohnte Aufregung, die sich seit früher Jugend einstellt, wenn Musiker den Status Quo in Frage stellen, egal ob auf musikalischer oder emotionaler Ebene. Erschwerend hinzu kommt, dass Pat Metheny mit seinen blonden Locken und seinem Schmelzlächeln kalifornischen Sunnyboys wie Peter Frampton oder Leif Garrett ähnlich sieht, die in den Jugendjahren der meisten seiner Hörer für den Ausverkauf des Rock an den Bubblegum-Pop standen.

Auch auf „Kin“ finden sich genügend Spuren, die Pat Metheny immer wieder in solche Sackgassen geführt haben. Die wortlosen Gesangslinien, die allzu schwebenden Akkordflächen, die Blue-Note-lose Dur-Penetranz. Wäre da nicht Chris Potter. Saxofonisten waren für Metheny immer die kongenialen Dialogpartner, weil sie ihm die Auswege in die Gefälligkeit versperrten. Deswegen war Methenys Quintett 80/81 seine bislang beste Gruppe, weil ihn Michael Brecker und Dewey Redman in die Zange nahmen. Und deswegen war „Song X“ sein bislang bestes Album, weil er sich da mit seinem geistigen Vater Ornette Coleman messen konnte.

Potter schlägt Metheny die Türen zu den Sackgassen nicht ganz so rigoros zu. Dafür sind sich die beiden biografisch wohl zu ähnlich. Metheny war ein Wunderkind aus dem Hinterland von Kansas, das mit 15 Jahren von Attila Zoller entdeckt, nach New York gebracht und gefördert wurde. Potter wuchs im provinziellen South Carolina auf und begann seine Karriere in New York mit 18 im Quintett des ehemaligen Charlie-Parker-Weggefährten Red Rodney. Beiden ebnete das Münchner Jazzlabel ECM den Weg zum Erfolg. Beide zementierten dort ihren Hang zum Lyrischen.

Gleich im ersten Stück „On Day One“ zeigen Metheny und Potter zwar, wie direkt die Linie vom frühen Ornette Coleman Quartet zu ihnen führt. Sie spielen sich die lyrischen Bälle zu, der Flow stimmt und wenn der Drummer Antonio Sanchez auf den Crash-Becken Druck aufbaut, treibt er sie in genuine Höhepunkte. Gleich danach deutet „Rise Up“ mit luftigem Thema jedoch an, wo die Sackgassen sind. Hat man sich aber auf den Sonnenaufgang eingelassen, führt einen die Gruppe in Kadenzen mit furioser Dynamik. Immer wieder muss man die puristischen Ansprüche fahren lassen, und erlebt dann zwei Solisten und eine Gruppe, die sich aus den Wohlklängen in beeindruckende Stratosphären schießen. Hip ist das nicht. Aber virtuos.

Was die Unity Group wirklich kann, wird die Tour zeigen, die sie im Mai auch nach Deutschland führt. Ein Post-Bop-Fragment mit dem Titel „Genealogy“ gegen Ende des Albums wirkt da wie ein sehr großes Versprechen.

03.04.14 | 22:22 | 0 Kommentare

Meister der Verzückung

Ohne ihn gäbe es keine moderne Tanzmusik: DJ Frankie Knuckles ist tot

(Ein Nachruf aus dem Feuilleton der Süddeutschen Zeitung, von Andrian Kreye) Das höchste Ziel der Popmusik bleibt die Verzückung. Kaum einer beherrschte die Kunst, eine Menschenmenge in diesen Moment des Abschieds vom Hier, Jetzt und der Vernunft zu versetzen, so gut wie der am vergangenen Montag verstorbene DJ Frankie Knuckles. Und kaum einer schaffte das mit einer so subtilen Mischung. Dort wo die DJ–Generationen nach ihm oft brachiale Mittel einsetzen, um eine Menge in die Raserei zu treiben, mischte Frankie Knuckles seine Musik mit einem einzigartigen Gespür für Swing und Flow, die er über die Dauer eines Sets so subtil steigerte, bis die wenigen Drops und Crescendi, die er einsetzte, die Tänzer sanft in den Moment der Ekstase geleitete.

Die religiösen Untertöne dieser Verzückung nahm Frankie Knuckles mindestens so ernst, wie U2, Al Green, Aretha Franklin und alle anderen, die sich ihre Dynamik so schamlos bei ihren jeweiligen Kirchen abgeguckt hatten. „Motivation“ hieß sein Album von 2002, das bis heute zu den besten Alben in der Geschichte der elektronischen Tanzmusik gehört. Da mischte er Stücke wie „Deliver Me“, „He Is The Joy“, „Higher“ und „Father“ zu einem so inbrünstigen Mix, bei dem selbst Richard Dawkins zum Glauben finden würde.

Die erotischen Doppeldeutigkeiten, die sich in den Erlösungsmomenten der Verzückung finden, waren dabei genauso ernst gemeint, wie die religiösen Obertöne. Denn das Leitmotiv seiner frühen Jahre war der Kampf um Gleichberechtigung, den er als Homosexueller und als amerikanischer Schwarzer gleich auf mehreren Ebenen führen musste – gegen die Vorurteile der Homophobie, des Rassismus, gegen die Ablehnung der Homosexualität in den schwarzen Gemeinden und gegen die rassistisch-homophobe Ablehnung seiner Musik in der bis heute vom Rock geprägten Popkultur.

Aufgewachsen war Frankie Knuckles in der Bronx. Als Modestudent am renommierten Fashion Institute of Technology begann er gemeinsam mit seinem Jugendfreund Larry Levan in den Continental Baths Platten aufzulegen. Die Baths waren ein Vergnügungstempel im Keller des prächtigen Ansonia Hotels auf Manhattans Upper Westside. Hier formierte sich während der frühen Siebzigerjahre der hedonistische Widerstand der Schwulenbewegung. Hier wurde die Clubkultur in einem Ausmaß geboren, gegen den das Berghain heute wie ein evangelisches Jugendzentrum wirkt.

Nach einer kurzen Zeit in der legendären Gallery zog Levan weiter in die Paradise Garage und Knuckles nach Chicago. Dort verdichtete Knuckles im Warehouse und später in seinem eigenen Club Power Plant Genres wie Italodisco, Soul, Hip-Hop und Gospel mit Plattenspielern, Mixern und einem Drumcomputer zu jener minimalistischen Form, die seit den Neunzigern als House weltweit die Clubs dominiert.

Bald begann Knuckles auch zu produzieren. Gemeinsam mit Jamie Principle schrieb er erste House Hits wie „Your Love“ und „Baby Wants To Ride“. Bald begriffen auch die Etablierten des Pop, dass man einen wie Frankie Knuckles brauchte, wenn man die immer bedeutendere Club- und DJ-Kultur erobern wollte. Und so überließen sie ihm ihre Songs, damit er sie mit seinem Feenstaub aus rollenden Beats und inbrünstigen Akkordwellen adelte – Michael Jackson, Diana Ross, Whitney Houston.

Für viele bleibt House bis heute ein Rätsel. Die Konzentration auf den Beat, das Frenetische und die unverhohlene Sexualität berührt etwas in ihnen, vor dem sie sich lieber in die breitbeinige Trotzigkeit des Rock flüchten. 1986 war es, als Frankie Knuckles bei der Party zum Start der Zeitschrift Tempo zum ersten Mal in Deutschland auflegte. Die meisten erlebten an diesem Abend zum ersten Mal, in welche Zustände ein House-DJ eine Halle versetzen kann. Lange hielt sich noch das Gerücht, jemand hätte Ecstasy in die Bowle gemischt.

Wer eine Ahnung davon sucht: DJ-Sets von Frankie Knuckles bekommt man wohlfeil im Netz (einen der besten unter http://youtu.be/EanuiNxcVHk). Seine letzte Doppel-CD „Tales From Beyond The Tone Arm“ ist ähnlich grandios wie „Motivation“. Und auf der neuen Remix-CD „Love To Love You Donna“ kann man bei seinem Remix von Donna Summers „Hot Stuff“ hören, was er aus einem Song machen konnte. Am Montag ist er im Alter von 59 Jahren vermutlich an Komplikationen seiner Diabetes gestorben. In Chicago, der Stadt, die auein Stück Straße nach ihm benannte. Er wird der Musikgeschichte noch lange fehlen.

Foto: Red Bull Music Academy

30.03.14 | 21:26 | 0 Kommentare

Turbolader der Zukunft

Das Ideenfestival Ted Conference feiert die gar nicht so kurze Geschichte eines neuen Zeitalters, die dort mitgeschrieben wurde

(Aus dem Feuilleton der Süddeutschen Zeitung, von Andrian Kreye) Der Mann, der für das Reputationsmanagement des amerikanischen Geheimdienstes NSA zuständig ist, trinkt ein Glas Weiswein. Er ist an diesem Abend sehr zufrieden mit seiner Arbeit. Zwei Tage zuvor wurde der NSA-Whistleblower Edward Snowden per Videoschaltung auf die Bühne des Ideenfestivals Ted Conference in Vancouver geschaltet und sagte kluge Sachen über das Ausmaß und den Wahnsinn der Totalüberwachung.

Nun sitzt Edward Snowden bekanntlich an einem unbekannten Ort in Moskau fest. Vor allem, weil die NSA ihn gerne in ein Gefängnis stecken würde. Also wurde sein Kopf via Satellit auf den Kopf eines Roboters gebeamt. Was einen sehr viel sympathischeren Eindruck machte, als man glauben möchte. Und so begann das Interview, bei dem Snowden auf die Frage von Ted-Chef Chris Anderson, wie er sich denn selbst so sehe – man nenne ihn ja wechselweise Whistleblower, Held und Verräter –, sehr sympathisch auf den Kern der Debatte verwies: „Was ich bin, spielt keine Rolle. Was zählt, sind die Fragen: Welche Regierung wollen wir? Welches Verhältnis zwischen den Menschen und der Gesellschaft?“

Es folgte dann noch einmal ein Abriss über Snowdens wichtigste Enthüllungen, über das Computerprogramm Prism, das keineswegs Metadaten, sondern ganz konkrete Inhalte abgreift, über die Aktion „Boundless Informant“, die das Internet in ein Netz aus verräterischen Daten verwandelt, und über die Hintertüren, die die NSA im Netz installiert hat, womit dieses gefährlich verwundbar geworden ist. Die Antwort auf die Eingangsfrage lieferte dann Tim Berners-Lee, der britische Physiker, der das World Wide Web erfunden hat und aus dem Publikum auf die Bühne geholt wurde: „Ein Held“.

Das war ein Schlag für die Reputation der NSA. Weil zu der amerikanischen Ausgabe der Ted Conference all die Entscheider kommen, die in Amerika den Fortschritt der Technologien und Wissenschaften vorantreiben oder auch in neue Richtungen lenken. Aber es sind ja nicht nur die Entscheider – wer sonst noch auf die Ted Conference kommt, will die Schlagzahl am Puls der neuen Zeiten messen. Und dann sind diese Auftritte bei der Ted Conference kurz danach als sogenannte Ted Talks per Video im Internet abrufbar, was die in aller Welt verteilten Fans dieser makellos inszenierten popwissenschaftlichen Vorträge dann auch oft innerhalb kurzer Zeit in Multimillionenstärke tun. Deswegen ist die Ted Conference für Wissenschaftler, Technologen, Buchautoren und Aktivisten der wichtigste weltweite Multiplikator, weil sie über die Konferenz und die Webseite eine Art globales Bewusstseinsbildungsbürgertum erreichen. Und ausgerechnet dieses Jahr, in dem die Ted Conference ihr 30. Jubiläum feiert und Resumee zieht und diese Konferenz als so etwas wie die gar nicht so kurze Geschichte eines neuen Zeitalters erlebt wird.

Das ist ungewöhnlich für ein Ideenfestival, das sich aus der permanenten Aufbruchstimmung der nordamerikanischen Westküste heraus an ein Publikum richtet, das sich in erster Linie für die Zukunft interessiert. Aber wenn man beispielsweise Nicholas Negroponte zuhört, dem Gründer des Media Lab am Massachusetts Institute of Technology (MIT), dann erfährt man eben auch einmal, wie schnell die Geschichte in den vergangenen dreißig Jahren geschrieben wurde.

Um Nicholas Negroponte kam man nie herum. 1984 war er in Monterrey der erste Redner der ersten Ted Conference. Er war Informatiker, aber auch Architekt wie der Veranstalter der ersten Ted-Konferenzen, Richard Saul Wurman. Und er hatte gerade den Direktor des MIT Jerry Wiesner überredet, ein interdisziplinäres Institut zu gründen, das die Informatik vollkommen auf den Kopf stellen konnte. Es sollte in Zukunft nicht mehr um Maschinen und Rechenleistung gehen. „Computing isn’t about computers, but about living“, hatte Negroponte damals den kategorischen Imperativ formuliert, der aus einem Fachbereich der Mathematik ein neues Feld der Sozialwissenschaften machte.

Zum Ted-Auftakt referiert er nun eine Art Hitparade seiner meistverkannten Voraussagen. Sein Touchscreen aus den Siebzigerjahren, der als Spinnerei abgetan wurde. Seine Computerkartografie von 1976, die damals schon ähnlich aussah, wie Google Maps heute. Das erste selbstfahrende Autor in den Achtzigerjahren, das mit Hilfe eines zugefunkten Navigationssystems seinen Weg durch die Stadt fand und als kindische Nerd-Flause belächelt wurde. Seine Ankündigung von 1995, dass man Zeitungen und Bücher in Zukunft direkt im Internet kaufen würde, für die ihn der Astronom Clifford Stoll zum Idioten erklärte.

Sie sind eh alle da, die das Internet neu gedacht haben. Wikipedia-Gründer Jimmy Wales, der gerade eine Telefonfirma aufbaut, die sich aus dem Wettrüsten ausklinkt. Clay Shirky, der erläutert, wie das Internet eine permanente Balance der Kräfte und Gegenkräfte erlaubt, die vor allem in Schwellenländern die demokratische Entwicklung beschleunigt. Der Physiker Tim Berners-Lee, der das Word Wide Web erfunden hat und angesichts der Übergriffe der politischen und wirtschaftlichen Mächte eine Magna Charta für das Internet fordert. Futurist Ray Kurzweil, der zeigt, wie weit sich Algorithmen schon an das menschliche Denken angenähert haben. Google-Gründer Larry Page, der die Zukunftseuphorie ins rechte Licht rückt, als er sagt, dass Computer doch immer noch sehr klobig zu bedienen seien.

Deswegen war es ja so eine Meisterleistung des Reputationsmanagements, dass der Vizechef der NSA Richard Ledgett nun zwei Tage nach Snowdens Auftritt ohne Ankündigung ebenfalls via Satellit zugeschaltet wurde und dann mal die Seite der NSA vertrat, was man nicht oft zu Hören bekommt. Immerhin ist die NSA fast im Alleingang dafür verantwortlich, dass das Internet nicht mehr als utopischer Raum im Digitalen, sondern auch als Bedrohung wahrgenommen wird. Da muss man als Geheimdienst rhetorisch kräftig rudern. Als politisch gemäßigter Europäer konnte man ihm allerdings nicht so recht folgen. Vor der sandfarbenen Plane neben einem Sternenbanner wirkte er wie ein Wüstenkrieger. Nach dem eloquenten und sympathischen Ed Snowden erinnerte sein Vortrag zwischen zusammengekniffenen Kiefern dann ein wenig an einen schlecht gelaunten Dick Cheney, der ja so einige Wüstenkriege geführt hat. Und er hielt sich auch nicht lange mit Höflichkeiten auf. Snowdens Enthüllungen hätten eine Menge Vermutungen und Halbwahrheiten in die Welt gesetzt. Und: „Wer ihn als Whistleblower charakterisiert, schadet nur den legitimen Whistleblowern.“

Seine Argumentation hielt sich dann weitgehend an die Linie, mit der die amerikanische Regierung auf die Wikileaks-Enthüllungen reagiert hatte. Snowden habe Menschenleben gefährdet, es der NSA unmöglich gemacht, Gefahren aufzuspüren. Er habe Terroristen, Waffenbauern, Menschen- und Drogenhändlern in die Hände gespielt. Weil aber Anderson nicht locker ließ, gab der NSA-Mann dann doch zu: „Bei unserer Suche finden wir natürlich auch Daten gesetzestreuer US-Bürger und Bürger anderer Länder.“ Er versicherte aber: „Wir unternehmen große Anstrengungen, diese Daten zu schützen.“ Und betonte: „Bürger anderer Länder, die amerikanische Dienste nutzen, haben die gleichen Rechte auf Datenschutz wie Amerikaner.“ Und räumte ein: „Wir müssen transparenter sein.“

Der Reputationsmanager der NSA ist eigentlich ganz sympathisch. Er ist nicht sonderlich alt, trägt wilde Locken und eine schicke Daunenjacke, er redet kalifornisch lebendig. Man würde gerne mit ihm Skifahren gehen. Oder eben Weintrinken. Er weiß nicht, dass man weiß, dass er für die NSA arbeitet. Er fragt, wie man das denn nun so fand und wie man das überhaupt in Europa so sieht. Man fragt zurück. Keiner sagt so richtig was. Aber die Binse, dass die Europäer Snowden für einen Helden halten und die Totalüberwachung für einen groben Übergriff, führt für den Bruchteil einer Sekunde zu einer missbilligenden Entgleisung der Mimik. Das ist nicht ungewöhnlich. Es gab ja keineswegs uneingeschränkten Applaus für Snowden, aber durchaus Zustimmung für den NSA-Vize Ledgett.

Als Kitt, der die Fortschrittsbegeisterung zusammenhält, taugt das Internet jedenfalls nicht mehr. Das zeigt auch, wie die roten Fäden der Ted Conference immer weiter ausfransen. Was als Konferenz für Technologie, Entertainment und Design begann (daher das Kürzel) hat sich längst auf sämtliche Felder der Wissenschaften und immer deutlicher auf das Gebiet der Politik erweitert. Kein Zufall also, dass die Macher der Ted-Videos zum Jubiläum einen Dialog zwischen dem Psychologen und Evolutionstheoretiker Steven Pinker und der Philosophin Rebecca Goldstein als Trickfilm inszenieren, in dem Goldstein Pinker davon überzeugt, dass die Vernunft die eigentliche Triebfeder der menschlichen Entwicklung und des Fortschritts ist. Man darf das programmatisch verstehen. Letztlich bestätigt das ja nur Negropontes Credo, dass es nicht um Computer geht, sondern um Leben. Was man wiederum auf all die neuen Wissenschaften ausweiten kann, die sich derzeit aufmachen, das Leben zu revolutionieren, sei es die Gentechnik, die Biotechnologie oder die künstliche Intelligenz.

Dieses thematische Ausfransen der Ted Conference ist durchaus eine positive Entwicklung, die die fast schon obsessive Beschäftigung der Weltöffentlichkeit mit dem Internet ein wenig auf den Boden der Realität zurückholt. Was sich nirgendwo deutlicher zeigt als beim hochexklusiven „Billionaire’s Dinner“, das der Literaturagent und Betreiber des Onlineforums edge.org John Brockman seit den Neunzigerjahren am Rande der Ted Conference veranstaltet. Etwas mehr als zwanzig Gäste hat er in diesem Jahr in den Nebenraum eines Fischlokals etwas abseits geladen. Rund die Hälfte der Gäste sind jene Milliardäre, die seiner Dinnerparty ihren Namen geben. Jeff Bezos ist da, Googlegründer Larry Page, Sergej Brin und Lori Park, Ipod-Erfinder Tony Fadell, Microsoft-Mitgründer Paul Allen. Da verdichtet sich diese Mischung aus Aufbruchstimmung und dem Gefühl der Unbesiegbarkeit, das einen immer wieder so für die amerikanische Westküste einnimmt, zu einer Stratosphäre souveräner Euphorie, in der die Zukunft schon immer ein Stückchen weiter ist als unten in der Atmosphäre des wirklichen Lebens.

Es wird dann aber den ganzen Abend nicht über das Internet geredet. Es geht um Raumfahrt, genetische Muster, neuromorphe Rechenprozesse, um den Superbowl im American Football, die Krimkrise, ums Zeitungsmachen und um „historische Begeisterung“, die einen erfasst, wenn man ganz physisch mit einem Objekt der Geschichte in Berührung kommt.

Einer der letzten Sprecher auf der Konferenz selbst ist dann der neue Chef des MIT Media Labs Joichi Ito. Seine Berufung war 2011 ein deutliches Signal, dass die Pionierphase der digitalen und verwandten Wissenschaften vorbei ist. Ito ist kein Wissenschaftler. Er ist sogar Studienabbrecher. Einen Namen machte er sich als Investor. Ans Media Lab wurde er als Visionär berufen. Und so definiert er auch den nächsten Zeitenwandel. „Pull over Push“ sei die Dynamik, die das menschliche Leben in Zukunft bestimmen werde. Experimentieren statt Entwickeln, das Lernen und vor allem die harte Materie, egal ob Bio oder Technologie würden die nächsten Stufen des Fortschritts bestimmen. Auch nach dem Internet als Katalysator bleibt jedenfalls – der Aufbruch.

Photos: Bret Hartman/TED

24.03.14 | 16:52 | 18 Kommentare

RIP Ronald

Der amerikanische Freund
Zum überraschenden Tod des Schauspielers und Theatermachers Ronald Marx

(Ein Nachruf aus dem Feuilleton der Süddeutschen Zeitung, von Andrian Kreye) Der am vergangenen Donnerstag überraschend gestorbene Schauspieler und Theatermacher Ronald Marx gehörte zu diesen Menschen, die mit einem Lächeln eine Leinwand füllen oder einen Raum für sich einnehmen können. In Hollywood nennen sie das ein Cinemascope-Lächeln.

In Hollywood hatte Ronald Marx auch mal gearbeitet. Knapp zehn Jahre ist das her, da hatte er einen Polizei-Captain gespielt, der in ferner Zukunft die Rebellin Aeon Flux verfolgt. Er taugte gut für die Rolle, nicht nur, weil er mit seiner Bassstimme so glaubhaft den Cop gab, sondern auch, weil er mit seinem kantigen Gesicht und seinen 1 Meter 95 selbst neben der hochgewachsenen Charlize Theron bedrohlich wirken konnte.

Aber nach Hollywood zog es ihn gar nicht. Man hätte sich ihn in diesem Haifischbecken auch gar nicht vorstellen können – Ronald, der einen mit einem „Hey“, einer Umarmung, einem Schlag an die Schulter auf den Boden holte. Der ganze Tafelrunden voller Überflieger erden konnte. In Hollywood lag so gar nicht seine Leidenschaft.

Er war der exemplarische Transatlantiker. Seine Liebe gehörte dem deutschen Theater, sein Herz der verlorenen Heimat Amerika. In New York geboren wuchs er im Ruhrgebiet auf, zog später nach Berlin und pendelte zeit seines Lebens zwischen den Welten. Gemeinsam mit den Schauspielern Christian Kahrmann und Jarreth Merz gründete er 1996 das German Theater Abroad. Alle drei lebten damals in New York und studierten Schauspielerei.

Wie so viele, die sich in Amerika ans Theater wagen, spürten sie bald, wie eng die Grenzen dort sind. Und sie merkten, mit wie viel Bewunderung die amerikanischen Kollegen über das Theater in Europa sprachen. Also begannen sie, deutsches Theater nach New York zu bringen. Sie übersetzten junge deutsche Dramatiker – Roland Schimmelpfennig, Moritz Rinke, Theresia Walser, Albert Ostermaier. Mit Philip Seymour Hoffmans Labyrinth Theater fand Ronald Marx Partner im Geiste und so entstanden im Laufe der Jahre fünf Festivals und zwei Bühnenstücke. Seinen großen Traum erfüllte sich Ronald Marx im Herbst 2007.

Er wollte deutsches Theater nicht nur in New York und LA zeigen, sondern auch in den Fly-over States dazwischen. Und so packte er eine 15-köpfige Theatertruppe samt Ausstattung in einen Schulbus und machte sich auf den Weg von New York nach Kalifornien. Dazwischen spielten sie an 24 Orten „Start up“, das Roland Schimmelpfennig für sie geschrieben hatte. Das ZDF drehte ein Road Movie dazu. Und man fieberte mit, wenn er Bilder aus der Prärie und der Wüste schickte. Ronald mit Sonnenbrille, mit Cowboyhut, glücklich auf der open road.

Mit der Wirtschaftskrise wurde das Geld knapper. Da eröffnete er in Berlin sein Lokal Noto. Mit dem Neonschriftzug im Fenster und den Kachelwänden ist das Restaurant an der Torstraße so etwas wie die Botschaft von Downtown New York. Deswegen fanden sich hier immer schon viele, die Amerika vermissen, am späteren Abend am langen Tisch in der Küche und fühlten sich zu Hause. Die Filmemacher und Künstler und Expats, mittendrin Ronald Marx, der mit seinem Lächeln die Lichter der Großstadt in die dunklen Berliner Nächte brachte.

Am vergangenen Donnerstag ist er bei einem Essen mit Freunden unerwartet gestorben. Es soll ganz schnell gegangen sein. Er habe viel gelacht an diesem Abend. Ronald Marx wurde 49 Jahre alt.

Foto: Ben Wolf

15.03.14 | 14:39 | 0 Kommentare

Meister der Telepathie

(Aus dem Feuilleton der Süddeutschen Zeitung, von Andrian Kreye) Im besten Fall ist Jazz eine Form von Telepathie. Es gibt allerdings nicht viele Musiker, deren musikalische Empfänger so gut funktionieren wie ihre Sender. Der Pianist Joachim Kühn ist so einer. Er beherrscht diese Höchstform der Konzentration, bei der Musiker jede formale Fessel abwerfen und gemeinsam in einen Fluss kommen, der sie und ihr Publikum in einen ekstatischen Zustand transportiert.

Analysieren lässt sich das schwer, selbst das mit dem Aufnehmen klappt nicht immer. Auf dem soeben erschienenen Jubiläumsdoppelalbum „Birthday Edition“ (Act) zu Joachim Kühns 70. (am 15. März) kann man allerdings sehr gut nachhören, was geschieht, wenn drei solcher Musiker aufeinandertreffen. Auf der ersten der beiden CDs finden sich Ausschnitte aus Konzerten, die er mit dem Schlagzeuger Daniel Humair und dem Bassisten Jean-Francois Jenny-Clark auf dem Berliner Jazzfest gab. Für den außenstehenden Zuhörer entsteht da ein in sich stimmiges Flirren, mit dem sich ein Klaviertrio elegant über so banale Dinge wie Harmoniefolgen und rhythmische Abläufe erheben kann.

Kühns Trio mit Humair und Jenny-Clark gehört zu jenen Glücksfällen wie Keith Jarretts Trios mit Jack DeJohnette oder dem Miles Davis Quintett mit Wayne Shorter und Herbie Hancock, bei denen sich Musiker zusammentun, die diese Telepathie aus dem Stand aktivieren und über die Jahre immer feiner kalibrieren können. Das sind so etwas wie musikalische Einhörner, und mit ein wenig Glück, bleiben solche Formationen lange bestehen.

Nun unterscheidet sich Joachim Kühns Spiel in vielen Facetten von dem der meisten anderen Jazzpianisten. Da steckt eine außergewöhnliche intellektuelle Klarheit in seinen Improvisationen, die er vor allem solo oder in größeren Ensembles entwickelt. Das hört man auf der zweiten CD der Geburtstagsedition. Da spielt Kühn mit der Radiophilharmonie des NDR Bremen, die von Michael Gibbs dirigiert wird, dazu kommen Solisten wie Albert Mangelsdorff, Klaus Doldinger und Markus Stockhausen.

Die Aufnahme ist ein orchestrales Mammutwerk, das streckenweise an Gil Evans Genius und dann wieder an zeitgenössische Klassik in ihren besten Momenten erinnert, und über dem sich Joachim Kühn als Solist mit einer Kraft beweisen kann, wie man sie nur selten hören kann im Jazz. Er greift da auf seine Anfangsjahre zurück, als im sogenannten demokratischen Teil Deutschlands in Leipzig als sehr junger Konzertpianist reüssierte. Bevor ihn sein Bruder, der Klarinettist, der im September 85 Jahre alt werden wird, erst zum Jazz und dann in den Westen brachte. Und der in ihm jene telepathischen Fähigkeiten weckte, die dann über die Jahre so viele ebenbürtig begabte Musiker so schätzten. Ornette Coleman beispielsweise, der Vater des Free Jazz, der fast nie mit Pianisten spielt, aber 1996 eine Duoplatte mit ihm aufnahm.

Man könnte nun die Liste der Zusammen- und Zuarbeiten endlos verlängern (Gunter Hampel, Archie Shepp, Billy Cobham), man könnte sich überlegen, ob Joachim Kühn zu den wenigen gehörte, die dem Jazzrock große Momente abringen konnten, oder ob es eben doch nur eine lukrative Sackgasse war, man müsste seine Experimente mit der zeitgenössischen Musik rühmen. Das ist zu runden Geburtstagen im Jazz respektvoller Brauch. Man kann sich aber auch einfach auf der eben erwähnter CD das Stück „Heavy Birthday“ anhören. Kurz nach der zweiten Minute katapultiert Joachim Kühn das Trio mit gezielten Blockakkorden und einer explosiven rechten Hand so machtvoll in die Stratosphäre des freien Jazz, dass irgend jemand im Publikum aufschreit, als sei gerade ein Stromstoß durch ihn hindurchgefahren. Damit ist dann alles gesagt.

Foto: Steven Haberland/Act

20.02.14 | 20:13 | 1 Kommentar

Wer wird Milliardär?

(Ein Leitartikel aus der Süddeutschen Zeitung, von Andrian Kreye) Jeder Krieg hat seine Helden. Im Kampf um die digitale Vorherrschaft und damit um die Macht über die Gewohnheiten der Menschen, wird in dieser Woche Jan Koum als Sieger gefeiert. Der hat seinen Kurznachrichtendienst Whatsapp für 19 Milliarden US-Dollar an Facebook verkauft. Dabei gab er sich eigentlich immer als Rebell, der gegen das Geschäftsmodell der Big-Data-Giganten Facebook und Google angetreten war. Whatsapp sollte keinen Profit daraus schlagen, dass man die Datenspuren der Nutzer zu Paketen bündeln und verkaufen kann.

Zwei Jahre lang haben die Verhandlungen gedauert. 2012 wollte Facebook-Chef Mark Zuckerberg das Unternehmen kaufen, das Koum und sein Kompagnon Brian Acton 2009 als Start-up gegründet hatte. Koum und Zuckerberg sollen viel spazieren gegangen sein bei ihren Verhandlungen. So stellt man sich das vor – zwei junge Herren, fast noch Burschen, in Outdoor-Kleidung in den Hügeln über dem Silicon Valley, in denen es das ganze Jahr über so riecht wie an einem Spätsommertag im Wald. Und eines Tages – Handschlag, Schulterklopfen, 19 Milliarden.

Am Ende platzte Koum bei den Zuckerbergs ins Valentinstag-Dinner. Die beiden Herren arbeiteten den Deal am Küchentisch aus und aßen dazu in Schokolade getauchte Erdbeeren. Alles irgendwie doch sympathisch? Es gibt zumindest viele junge, kluge und unternehmungslustige Menschen, die gerne so wären wie Koum. Oder wie Zuckerberg. Wie Tony Fadell, der seine Thermostat-Firma für drei Milliarden an Google verkaufte, wie Elon Musk, der gerade mit Apple darüber verhandelt, was sie für seine Elektroautofirma Tesla bezahlen. In der Start-up-Welt ist Koum der Idealfall, von dem so viele träumen. Fünf Jahre nach Firmengründung an einen Konzern verkaufen. Und dann die nächste Firma gründen.

Beim Whatsapp-Deal bleibt eine Frage, die sich oft bei solchen Firmenaufkäufen im Silicon Valley stellt. 19 Milliarden Dollar – wofür? 19 Milliarden ist eine Summe, die sich dem Vorstellungsvermögen kaufmännisch nur durchschnittlich interessierter Menschen entzieht. Es gibt ganze Länder, die in einem Jahr so viel Geld nicht erwirtschaften. Und es handelt sich ja nicht um World-of-Warcraft-Ehrenpunkte oder Bitcoins, mit denen das bezahlt wird, sondern um Dollar. Die Währung des wirklichen Lebens wird im Silicon Valley zum Spielgeld.

Es gibt zwei Interpretationen des Deals. Entweder ist er Teil einer Verdrängungsstrategie. Die größte Angst haben die Giganten der Branche vor einem Neuling, der innerhalb von Monaten zum Marktführer wird. Erinnert sich noch jemand an Facebooks Vorgänger Myspace und Friendster? An die Suchmaschinen AltaVista oder Lycos? An den Plattenladen um die Ecke?

Whatsapp kann nicht viel, außer über das Handy Nachrichten, Bilder und Daten verschicken. Schlichte Kommunikation für alle. Das geht auch per SMS und Chatfunktionen, wie es sie bei Facebook schon gibt. Doch Whatsapp ist gewachsen: In fünf Jahren von null auf eine halbe Milliarde Nutzer, nun auf dem Weg, die SMS als Standard für Kurznachrichten abzulösen. Das muss bei Zuckerberg Erinnerungen wecken. Will Zuckerberg also nur einen Rivalen vom Markt kaufen? Amazon fährt solche Strategien. Investiert in einen Vertrieb zu Dumpingpreisen, nur um die Konkurrenz platt zu machen.

Der Kampf im Silicon Valley wird jedoch nicht nur gegen die Konkurrenz geführt, sondern auch darum, in jede erdenkliche Nische des Lebens vorzudringen. Die großen Erfolge feiern Firmen, die menschliche Gewohnheiten prägen. Es sind ja Basisfunktionen des täglichen Lebens, die da verkauft werden: eine Frage stellen; etwas mitteilen; etwas kaufen. Apple gelang es sogar, das Handwerk zu verändern: Es wird nicht mehr getippt, sondern geschoben und gewischt.

In diesem Wettbewerb führt derzeit Google, ist mit Fadells Thermostat in die Häuser eingedrungen und mit billigen Gentests in das Erbgut der Menschen. Die Gestik würde Google gerne mit seiner Brille aus dem digitalen Leben verbannen und so der Synthese aus Gerät und Körper näher kommen.

Die Nutzer bekommen das meiste für eine Handvoll Daten. Will Facebook nun mit Whatsapp noch mehr Daten sammeln? Das widerspräche Jan Kouns Überzeugung. Datenschutz war ihm immer wichtig – der gebürtige Ukrainer hat seine Jugend in einer Autokratie verbracht. Allerdings hatte er auch immer behauptet, er würde nie verkaufen. Heute ist der Rebell zum Vasallen von Zuckerberg geworden. Und die Nutzer? Sie sind der begehrte Rohstoff, sie besiedeln ein Kampfgebiet. Sie müssen aufpassen, dass sie keinen Kollateralschaden erleiden.

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