14.04.14 | 19:02 | 1 Kommentar

Geschäftsmodelle essen Seele auf

Tim Renner, der sich um Berlins Kultur kümmern soll, plädiert für die Digitalisierungtritt als Propagator des Digitalen auf. Aber worum geht es da eigentlich – um Kultur oder um Vertriebswege?

(Von Andrian Kreye) Übers Wochenende gab es Ärger um den designierten Kulturstaatssekretär von Berlin, Tim Renner. Dieser ist einer der erfolgreichsten Musik- und Medienmanager des Landes. Als solcher trat er vergangene Woche in Dortmund als Redner für die Firma Readbox auf, die Verlagen dabei hilft, ihre Bücher zu digitalisieren. Dabei warnte er die Buchbranche davor, die gleichen Fehler zu machen wie die Musikindustrie, die die digitale Revolution viel Umsatz gekostet hat. Es sei sentimental, auf alten Methoden zu beharren, sagte Renner. Und er zitierte eine verschärfte Version der beliebten Pferdekutschenmetapher: „Dass es das Buch 500 Jahre lang gibt, ist kein gutes Argument. Ochsenkarren waren Tausende Jahre alt, bevor das Auto kam.“

Nun kämpfte Tim Renner lange erfolgreich dafür, dass die Gräben zwischen Bildungsbürgern und Popkultur in diesem Land geschlossen werden. Und er hat gemeinsam mit seinem Bruder Kai-Hinrich vor drei Jahren ein Buch veröffentlicht, das erklärt, warum die digitale Kultur die Fortsetzung der Popkultur ist, und das sehr viel intelligenter ist als sein Popzitattitel „Digital ist besser“. Man muss Renner also nicht gleich die Kulturkompetenz absprechen, so wie es einige Kritiker nicht nur analog, sondern auch auf digitalen Kanälen postwendend getan haben, nur weil er in Dortmund Umsatzkrisen verglich.

Doch der Streit um Renners Auftritt ist durchaus exemplarisch. „Bücher sind keine Ochsenkarren“, schrieb beispielsweise die FAZ. Denn das wirklich Deprimierende an den ganzen digitalen Kulturdebatten ist ja, dass es in den letzten 15 Jahren selten um Kultur ging, sondern um: Logistik, Bürokratie, Rechtsfragen, Vertriebs- , Präsentations- und Geschäftsmodelle, diesen ganzen öden Betriebswirtschaftskanon eben.

Am 28. April soll Tim Renner sein Amt antreten. Man weiß noch nicht, ob der Regierende Bürgermeister und Kultursenator Klaus Wowereit mit der Berufung einen modern anmutenden PR-Coup plant, weil man schlecht mit der Bundespolitik liebäugeln kann, wenn man Patron der größten Bauruine der Republik ist. Oder ob er das Start-up- und Digital-Flair seiner Stadt stärken will. Das aber spielt keine große Rolle, wenn der Mann, der sich in Berlin in Zukunft um die Kultur kümmern soll, mit einer solch betriebswirtschaftlichen Breitseite gegen die Kultur profiliert.
Renners eigenes Werk ist jedoch ein guter Ausgangspunkt. Weil er mit seiner Theorie von der digitalen Kultur als Fortsetzung des Pop erst einmal recht hat. Nur dass die digitale Revolution gerade in den vergangenen drei Jahren einen ganz anderen Verlauf genommen hat als die Geschichte der Popkultur.

Diese beruht im Wesentlichen seit sechzig Jahren auf der Begleitmusik für die großen gesellschaftlichen Befreiungsbewegungen – der Jugend, der Minderheiten, der Unterdrückten. Es gibt da von den Rolling Stones über The Clash bis zu Rage Against The Machine auch immer wieder sozialistische Untertöne. Die hat die digitale Kultur in den Anfangsjahren auch aufgenommen.

Todd Rundgren, der in Vergessenheit geratene Rockstar, der zunächst die Brücke zwischen Psychedelik zu Pop schlug und dann als Pionier der digitalen Kultur in San Francisco lebte, schwärmte schon früh davon, dass die digitalen Technologien die Produktionsmittel der Kultur im klassisch marxistischen Sinne aus dem Klammergriff der Konzerne und Stars befreien würden. Und so kam es dann auch. Werke, für die man früher Ton- und Filmstudios benötigte, lassen sich heute mit einem Laptop als Schnittstelle für einen Bruchteil der Kosten produzieren.

Die digitale Kultur nahm aber auch das Leitmotiv des Generationenkonflikts auf. Da aber unterschied sich die Stoßrichtung bald gewaltig vom Pop des 20. Jahrhunderts. Und so wurde aus dem marxistischen Anspruch eine kapitalistische Realität. Der Wendepunkt kam während der Neunzigerjahre, als sich die digitale Kultur aus der Produktion von Software in die Unendlichkeiten des Internets verlagerte. Erst da waren die physischen Grenzen einer Wirtschaftsgeschichte überwunden, die auf der Herstellung von Produkten basierte. Und erst da konnte der Generationenkonflikt die radikale Form annehmen, welche die digitale Kultur heute bestimmt.

Schlüsselfigur dieses Generationenkonflikts ist der Unternehmer Sean Parker, eine Art Mick Jagger der digitalen Kultur. Der gründete 1999 mit 19 Jahren gemeinsam mit dem ein Jahr jüngeren Shawn Fanning die Firma Napster. Im Prinzip stellte die Firma nur ein Programm zur Verfügung, über das man im Internet mit einer unbegrenzten Anzahl von Nutzern Dateien austauschen konnte. Das Prinzip des Datentausches war so einfach wie die zwölf Takte des Blues, und die Auswirkungen waren ähnlich weltbewegend wie der Aufstieg des Rock. Nur eben unter anderen Bedingungen.
Die digitale Revolution war kein Aufbegehren gegen den kulturellen Kanon aus den Subkulturen heraus. Die (zunächst gar nicht geplante) Strategie stammte eher aus dem Regelbuch einer ideologischen Schlüsselfigur der amerikanischen Konservativen, des Steuer-Aktivisten Grover Norquist. Von dem stammt die sehr wirkungsvolle Methode, den von Konservativen so ungeliebten Sozial- und Subventionsprogrammen der Regierung einfach den Geldhahn zuzudrehen. Das erreicht man am einfachsten, indem man die Steuereinkünfte so radikal senkt, dass de facto kein Geld mehr da ist.

Ähnlich funktionierte die digitale Revolution. Die entzog den Bastionen der kulturellen Macht einfach die finanzielle Basis, indem sie ihre Geschäftsmodelle kippte. Den Partisanen der anarchischen Vertriebsmodelle folgten bald schon die heutigen Sieger der digitalen Revolution. Es war ja eben nicht die Rache der Streber, wie in Anspielung auf den Film „Revenge of the Nerds“ gerne behauptet wird. Damit hätte sich sonst die Utopie des Visionärs und Architekten Buckminster Fuller bewahrheitet, der forderte, man solle alle Macht den Designern und Ingenieuren geben. Nein, es war der Sieg der Betriebswirtschaft und Bürokratie. Das zeigt sich bei den Siegern. Bei Microsoft-Gründer Bill Gates, der es schaffte, ein zweitklassiges Logistikprodukt zum Weltstandard zu machen. Bei Sergei Brin und Larry Page von Google, deren Geschäftsmodell darauf beruht, die Welt und das Leben in Datenpaketen zu organisieren. Bei Amazon-Gründer Jeff Bezos, der mit dem Jagdinstinkt des erfahrenen Hedgefonds-Managers in der Schwäche der Buchbranche seine Chance sah, den Einzelhandel zu revolutionieren. Bei Steve Jobs, der sich meisterlich darauf verstand, die Ideen und Patente anderer zeitgemäß zu verpacken.

Die Rolle der Kultur war dabei schon früh definiert. Es ist nun nicht so, dass die digitale Kultur keine relevanten Veränderungen gebracht hätte. Diese aber liegen noch in der Software-Ära der digitalen Revolution. Computerspiele beispielsweise haben es geschafft, das fast zweieinhalbtausend Jahre alte Dogma der aristotelischen Erzählform mit ihren drei Akten zu sprengen. Das wird noch gerne belächelt, ist aber eine kulturelle Großtat, deren Auswirkungen man noch gar nicht absehen kann.

Der Siegeszug des betriebswirtschaftlichen, bürokratischen Geistes aber hat den kulturellen Diskursen die Seele geraubt. Wem Fragen um Vertriebs- und Bezahlsysteme den Schlaf rauben, der kümmert sich nicht um das, worum es in der Kultur eigentlich geht – um Leidenschaft, Haltung, Ideen und Ästhetik, um Träume, Wut, Verzweiflung und Glück, um all das eben, woraus man Songs, Symphonien, Gemälde und Filme machen kann. Wahrscheinlich wäre Berlin ein guter Ort für den Beginn der Konterrevolution.

09.04.14 | 22:32 | 2 Kommentare

Verflixter Sonnenaufgang

Der Gitarrist Pat Metheny gilt als Virtuose. Seine Musik löst jedoch bei vielen Jazzhörern mentales Sodbrennen aus. Zufall ist das nicht, aber auch nicht ganz gerecht.

(Von Andrian Kreye) Wenn Sänger oder Musiker so richtig gehasst werden, stellt sich oft die Frage, warum sie trotzdem so erfolgreich sind. In der Regel berühren sie etwas in ihren Zuhörern, mit dem sich die Hasser lieber nicht auseinandersetzen wollen. Es gibt natürlich auch schlichtweg schlechte Musik. Um Hörer zu berühren, müssen Musiker allerdings schon mehr können, als nur ihr Handwerk zu beherrschen. Und so wuchs der Groll der Jazzgemeinde auf den Gitarristen Pat Metheny über die Jahre parallel zu seinem Erfolg und seiner Virtuosität.

Gerade eben hat er zum Beispiel eines seiner besten Alben veröffentlicht. „Kin“ heißt es. Er spielt darauf mit seiner Unity Group, einer Band, zu der auch der Saxofonist Chris Potter gehört. „Kin“ zeigt das Problem mit Methenys Musik ganz gut. Auf der einen Seite ist er ein Meister der Avantgarde. Er beherrscht die zutiefst lyrische Tradition des freien Jazz, wie sie Ornette Coleman und Don Cherry geprägt haben. Und es ist gerade Colemans oft so melancholische Melodieführung in der Improvisation, die sich auch in den seichtesten Momenten durch Methenys Werk zieht.

Womit man aber auch schon beim Problem wäre. Metheny hat einen Hang dazu, die lyrischen Qualitäten der Avantgarde ins Liebliche zu ziehen. Dazu kommt sein Talent, luftige Akkorde so über einen Percussion-Teppich zu legen, dass ein Effekt entsteht, den man im Amerikanischen „uplifting“ nennt. Der wäre mit der direkten Übersetzung „erbaulich“ nur ungenügend beschrieben. Es ist ein billiger emotionaler Effekt, den man in Filmen des Disney-Konzerns erträgt, weil man ihn dort auch erwartet. Der Jazz aber zieht seine Spannung aus dem Glimmen des Blues und seine Höhepunkte aus der Inbrunst des Gospel. Was Metheny in seiner Musik immer wieder evoziert, ist dieses Sonnenaufgangsgefühl, mit dem die Esoterik ihre Kundschaft gerne lockt.

Aus dem Jazz heraus gerät Pat Metheny damit in die Nähe eines Genres, das vielen Musikfans zutiefst zuwider ist, und das auch von der Kritik nicht wahrgenommen wird, obwohl es Millionenumsätze einspielt. Es geht um New Age, jene erbaulichen Klangteppiche, die man in den Quacksalberpraxen der Heilpraktikerzunft oder den Spa-Bereichen überteuerter Mittelklassehotels als Atmosphärenergänzungsmittel zu den ätherischen Ölen findet.

Die Grenzen sind ja keineswegs so fließend, wie man glaubt, auch wenn die New-Age-Bewegung oft Jazzmusiker wie Keith Jarrett oder Ralph Towner usurpiert. Aber da geht es Pat Metheny ähnlich wie Celine Dion. Die gehört eigentlich zu den wirklich großen Sängerinnen, würde sie sich nicht auf die Nähe zu jenem miefigen Bastard der Popkultur, dem Musical, einlassen, der ähnlich wie New Age bereit ist, Spannung und Haltung für Wohlgefühle zu opfern.

Es sind aber genau diese ungefilterten, ironiefreien Wohlgefühle, die bei Jazz- und Rockhörern eine Art mentales Sodbrennen auslösen. Das hat vor allem damit zu tun, dass sie nun schon seit über einem halben Jahrhundert vom Gestus des Cool und der Haltung der Rebellion geprägt wurden. Solche Wohlgefühle ersticken da die gewohnte Aufregung, die sich seit früher Jugend einstellt, wenn Musiker den Status Quo in Frage stellen, egal ob auf musikalischer oder emotionaler Ebene. Erschwerend hinzu kommt, dass Pat Metheny mit seinen blonden Locken und seinem Schmelzlächeln kalifornischen Sunnyboys wie Peter Frampton oder Leif Garrett ähnlich sieht, die in den Jugendjahren der meisten seiner Hörer für den Ausverkauf des Rock an den Bubblegum-Pop standen.

Auch auf „Kin“ finden sich genügend Spuren, die Pat Metheny immer wieder in solche Sackgassen geführt haben. Die wortlosen Gesangslinien, die allzu schwebenden Akkordflächen, die Blue-Note-lose Dur-Penetranz. Wäre da nicht Chris Potter. Saxofonisten waren für Metheny immer die kongenialen Dialogpartner, weil sie ihm die Auswege in die Gefälligkeit versperrten. Deswegen war Methenys Quintett 80/81 seine bislang beste Gruppe, weil ihn Michael Brecker und Dewey Redman in die Zange nahmen. Und deswegen war „Song X“ sein bislang bestes Album, weil er sich da mit seinem geistigen Vater Ornette Coleman messen konnte.

Potter schlägt Metheny die Türen zu den Sackgassen nicht ganz so rigoros zu. Dafür sind sich die beiden biografisch wohl zu ähnlich. Metheny war ein Wunderkind aus dem Hinterland von Kansas, das mit 15 Jahren von Attila Zoller entdeckt, nach New York gebracht und gefördert wurde. Potter wuchs im provinziellen South Carolina auf und begann seine Karriere in New York mit 18 im Quintett des ehemaligen Charlie-Parker-Weggefährten Red Rodney. Beiden ebnete das Münchner Jazzlabel ECM den Weg zum Erfolg. Beide zementierten dort ihren Hang zum Lyrischen.

Gleich im ersten Stück „On Day One“ zeigen Metheny und Potter zwar, wie direkt die Linie vom frühen Ornette Coleman Quartet zu ihnen führt. Sie spielen sich die lyrischen Bälle zu, der Flow stimmt und wenn der Drummer Antonio Sanchez auf den Crash-Becken Druck aufbaut, treibt er sie in genuine Höhepunkte. Gleich danach deutet „Rise Up“ mit luftigem Thema jedoch an, wo die Sackgassen sind. Hat man sich aber auf den Sonnenaufgang eingelassen, führt einen die Gruppe in Kadenzen mit furioser Dynamik. Immer wieder muss man die puristischen Ansprüche fahren lassen, und erlebt dann zwei Solisten und eine Gruppe, die sich aus den Wohlklängen in beeindruckende Stratosphären schießen. Hip ist das nicht. Aber virtuos.

Was die Unity Group wirklich kann, wird die Tour zeigen, die sie im Mai auch nach Deutschland führt. Ein Post-Bop-Fragment mit dem Titel „Genealogy“ gegen Ende des Albums wirkt da wie ein sehr großes Versprechen.

03.04.14 | 22:22 | 0 Kommentare

Meister der Verzückung

Ohne ihn gäbe es keine moderne Tanzmusik: DJ Frankie Knuckles ist tot

(Ein Nachruf von Andrian Kreye) Das höchste Ziel der Popmusik bleibt die Verzückung. Kaum einer beherrschte die Kunst, eine Menschenmenge in diesen Moment des Abschieds vom Hier, Jetzt und der Vernunft zu versetzen, so gut wie der am vergangenen Montag verstorbene DJ Frankie Knuckles. Und kaum einer schaffte das mit einer so subtilen Mischung. Dort wo die DJ–Generationen nach ihm oft brachiale Mittel einsetzen, um eine Menge in die Raserei zu treiben, mischte Frankie Knuckles seine Musik mit einem einzigartigen Gespür für Swing und Flow, die er über die Dauer eines Sets so subtil steigerte, bis die wenigen Drops und Crescendi, die er einsetzte, die Tänzer sanft in den Moment der Ekstase geleitete.

Die religiösen Untertöne dieser Verzückung nahm Frankie Knuckles mindestens so ernst, wie U2, Al Green, Aretha Franklin und alle anderen, die sich ihre Dynamik so schamlos bei ihren jeweiligen Kirchen abgeguckt hatten. „Motivation“ hieß sein Album von 2002, das bis heute zu den besten Alben in der Geschichte der elektronischen Tanzmusik gehört. Da mischte er Stücke wie „Deliver Me“, „He Is The Joy“, „Higher“ und „Father“ zu einem so inbrünstigen Mix, bei dem selbst Richard Dawkins zum Glauben finden würde.

Die erotischen Doppeldeutigkeiten, die sich in den Erlösungsmomenten der Verzückung finden, waren dabei genauso ernst gemeint, wie die religiösen Obertöne. Denn das Leitmotiv seiner frühen Jahre war der Kampf um Gleichberechtigung, den er als Homosexueller und als amerikanischer Schwarzer gleich auf mehreren Ebenen führen musste – gegen die Vorurteile der Homophobie, des Rassismus, gegen die Ablehnung der Homosexualität in den schwarzen Gemeinden und gegen die rassistisch-homophobe Ablehnung seiner Musik in der bis heute vom Rock geprägten Popkultur.

Aufgewachsen war Frankie Knuckles in der Bronx. Als Modestudent am renommierten Fashion Institute of Technology begann er gemeinsam mit seinem Jugendfreund Larry Levan in den Continental Baths Platten aufzulegen. Die Baths waren ein Vergnügungstempel im Keller des prächtigen Ansonia Hotels auf Manhattans Upper Westside. Hier formierte sich während der frühen Siebzigerjahre der hedonistische Widerstand der Schwulenbewegung. Hier wurde die Clubkultur in einem Ausmaß geboren, gegen den das Berghain heute wie ein evangelisches Jugendzentrum wirkt.

Nach einer kurzen Zeit in der legendären Gallery zog Levan weiter in die Paradise Garage und Knuckles nach Chicago. Dort verdichtete Knuckles im Warehouse und später in seinem eigenen Club Power Plant Genres wie Italodisco, Soul, Hip-Hop und Gospel mit Plattenspielern, Mixern und einem Drumcomputer zu jener minimalistischen Form, die seit den Neunzigern als House weltweit die Clubs dominiert.

Bald begann Knuckles auch zu produzieren. Gemeinsam mit Jamie Principle schrieb er erste House Hits wie „Your Love“ und „Baby Wants To Ride“. Bald begriffen auch die Etablierten des Pop, dass man einen wie Frankie Knuckles brauchte, wenn man die immer bedeutendere Club- und DJ-Kultur erobern wollte. Und so überließen sie ihm ihre Songs, damit er sie mit seinem Feenstaub aus rollenden Beats und inbrünstigen Akkordwellen adelte – Michael Jackson, Diana Ross, Whitney Houston.

Für viele bleibt House bis heute ein Rätsel. Die Konzentration auf den Beat, das Frenetische und die unverhohlene Sexualität berührt etwas in ihnen, vor dem sie sich lieber in die breitbeinige Trotzigkeit des Rock flüchten. 1986 war es, als Frankie Knuckles bei der Party zum Start der Zeitschrift Tempo zum ersten Mal in Deutschland auflegte. Die meisten erlebten an diesem Abend zum ersten Mal, in welche Zustände ein House-DJ eine Halle versetzen kann. Lange hielt sich noch das Gerücht, jemand hätte Ecstasy in die Bowle gemischt.

Wer eine Ahnung davon sucht: DJ-Sets von Frankie Knuckles bekommt man wohlfeil im Netz (einen der besten unter http://youtu.be/EanuiNxcVHk). Seine letzte Doppel-CD „Tales From Beyond The Tone Arm“ ist ähnlich grandios wie „Motivation“. Und auf der neuen Remix-CD „Love To Love You Donna“ kann man bei seinem Remix von Donna Summers „Hot Stuff“ hören, was er aus einem Song machen konnte. Am Montag ist er im Alter von 59 Jahren vermutlich an Komplikationen seiner Diabetes gestorben. In Chicago, der Stadt, die auein Stück Straße nach ihm benannte. Er wird der Musikgeschichte noch lange fehlen.

Foto: Red Bull Music Academy

30.03.14 | 21:26 | 0 Kommentare

Turbolader der Zukunft

Das Ideenfestival Ted Conference feiert die gar nicht so kurze Geschichte eines neuen Zeitalters, die dort mitgeschrieben wurde

(Von Andrian Kreye) Der Mann, der für das Reputationsmanagement des amerikanischen Geheimdienstes NSA zuständig ist, trinkt ein Glas Weiswein. Er ist an diesem Abend sehr zufrieden mit seiner Arbeit. Zwei Tage zuvor wurde der NSA-Whistleblower Edward Snowden per Videoschaltung auf die Bühne des Ideenfestivals Ted Conference in Vancouver geschaltet und sagte kluge Sachen über das Ausmaß und den Wahnsinn der Totalüberwachung.

Nun sitzt Edward Snowden bekanntlich an einem unbekannten Ort in Moskau fest. Vor allem, weil die NSA ihn gerne in ein Gefängnis stecken würde. Also wurde sein Kopf via Satellit auf den Kopf eines Roboters gebeamt. Was einen sehr viel sympathischeren Eindruck machte, als man glauben möchte. Und so begann das Interview, bei dem Snowden auf die Frage von Ted-Chef Chris Anderson, wie er sich denn selbst so sehe – man nenne ihn ja wechselweise Whistleblower, Held und Verräter –, sehr sympathisch auf den Kern der Debatte verwies: „Was ich bin, spielt keine Rolle. Was zählt, sind die Fragen: Welche Regierung wollen wir? Welches Verhältnis zwischen den Menschen und der Gesellschaft?“

Es folgte dann noch einmal ein Abriss über Snowdens wichtigste Enthüllungen, über das Computerprogramm Prism, das keineswegs Metadaten, sondern ganz konkrete Inhalte abgreift, über die Aktion „Boundless Informant“, die das Internet in ein Netz aus verräterischen Daten verwandelt, und über die Hintertüren, die die NSA im Netz installiert hat, womit dieses gefährlich verwundbar geworden ist. Die Antwort auf die Eingangsfrage lieferte dann Tim Berners-Lee, der britische Physiker, der das World Wide Web erfunden hat und aus dem Publikum auf die Bühne geholt wurde: „Ein Held“.

Das war ein Schlag für die Reputation der NSA. Weil zu der amerikanischen Ausgabe der Ted Conference all die Entscheider kommen, die in Amerika den Fortschritt der Technologien und Wissenschaften vorantreiben oder auch in neue Richtungen lenken. Aber es sind ja nicht nur die Entscheider – wer sonst noch auf die Ted Conference kommt, will die Schlagzahl am Puls der neuen Zeiten messen. Und dann sind diese Auftritte bei der Ted Conference kurz danach als sogenannte Ted Talks per Video im Internet abrufbar, was die in aller Welt verteilten Fans dieser makellos inszenierten popwissenschaftlichen Vorträge dann auch oft innerhalb kurzer Zeit in Multimillionenstärke tun. Deswegen ist die Ted Conference für Wissenschaftler, Technologen, Buchautoren und Aktivisten der wichtigste weltweite Multiplikator, weil sie über die Konferenz und die Webseite eine Art globales Bewusstseinsbildungsbürgertum erreichen. Und ausgerechnet dieses Jahr, in dem die Ted Conference ihr 30. Jubiläum feiert und Resumee zieht und diese Konferenz als so etwas wie die gar nicht so kurze Geschichte eines neuen Zeitalters erlebt wird.

Das ist ungewöhnlich für ein Ideenfestival, das sich aus der permanenten Aufbruchstimmung der nordamerikanischen Westküste heraus an ein Publikum richtet, das sich in erster Linie für die Zukunft interessiert. Aber wenn man beispielsweise Nicholas Negroponte zuhört, dem Gründer des Media Lab am Massachusetts Institute of Technology (MIT), dann erfährt man eben auch einmal, wie schnell die Geschichte in den vergangenen dreißig Jahren geschrieben wurde.

Um Nicholas Negroponte kam man nie herum. 1984 war er in Monterrey der erste Redner der ersten Ted Conference. Er war Informatiker, aber auch Architekt wie der Veranstalter der ersten Ted-Konferenzen, Richard Saul Wurman. Und er hatte gerade den Direktor des MIT Jerry Wiesner überredet, ein interdisziplinäres Institut zu gründen, das die Informatik vollkommen auf den Kopf stellen konnte. Es sollte in Zukunft nicht mehr um Maschinen und Rechenleistung gehen. „Computing isn’t about computers, but about living“, hatte Negroponte damals den kategorischen Imperativ formuliert, der aus einem Fachbereich der Mathematik ein neues Feld der Sozialwissenschaften machte.

Zum Ted-Auftakt referiert er nun eine Art Hitparade seiner meistverkannten Voraussagen. Sein Touchscreen aus den Siebzigerjahren, der als Spinnerei abgetan wurde. Seine Computerkartografie von 1976, die damals schon ähnlich aussah, wie Google Maps heute. Das erste selbstfahrende Autor in den Achtzigerjahren, das mit Hilfe eines zugefunkten Navigationssystems seinen Weg durch die Stadt fand und als kindische Nerd-Flause belächelt wurde. Seine Ankündigung von 1995, dass man Zeitungen und Bücher in Zukunft direkt im Internet kaufen würde, für die ihn der Astronom Clifford Stoll zum Idioten erklärte.

Sie sind eh alle da, die das Internet neu gedacht haben. Wikipedia-Gründer Jimmy Wales, der gerade eine Telefonfirma aufbaut, die sich aus dem Wettrüsten ausklinkt. Clay Shirky, der erläutert, wie das Internet eine permanente Balance der Kräfte und Gegenkräfte erlaubt, die vor allem in Schwellenländern die demokratische Entwicklung beschleunigt. Der Physiker Tim Berners-Lee, der das Word Wide Web erfunden hat und angesichts der Übergriffe der politischen und wirtschaftlichen Mächte eine Magna Charta für das Internet fordert. Futurist Ray Kurzweil, der zeigt, wie weit sich Algorithmen schon an das menschliche Denken angenähert haben. Google-Gründer Larry Page, der die Zukunftseuphorie ins rechte Licht rückt, als er sagt, dass Computer doch immer noch sehr klobig zu bedienen seien.

Deswegen war es ja so eine Meisterleistung des Reputationsmanagements, dass der Vizechef der NSA Richard Ledgett nun zwei Tage nach Snowdens Auftritt ohne Ankündigung ebenfalls via Satellit zugeschaltet wurde und dann mal die Seite der NSA vertrat, was man nicht oft zu Hören bekommt. Immerhin ist die NSA fast im Alleingang dafür verantwortlich, dass das Internet nicht mehr als utopischer Raum im Digitalen, sondern auch als Bedrohung wahrgenommen wird. Da muss man als Geheimdienst rhetorisch kräftig rudern. Als politisch gemäßigter Europäer konnte man ihm allerdings nicht so recht folgen. Vor der sandfarbenen Plane neben einem Sternenbanner wirkte er wie ein Wüstenkrieger. Nach dem eloquenten und sympathischen Ed Snowden erinnerte sein Vortrag zwischen zusammengekniffenen Kiefern dann ein wenig an einen schlecht gelaunten Dick Cheney, der ja so einige Wüstenkriege geführt hat. Und er hielt sich auch nicht lange mit Höflichkeiten auf. Snowdens Enthüllungen hätten eine Menge Vermutungen und Halbwahrheiten in die Welt gesetzt. Und: „Wer ihn als Whistleblower charakterisiert, schadet nur den legitimen Whistleblowern.“

Seine Argumentation hielt sich dann weitgehend an die Linie, mit der die amerikanische Regierung auf die Wikileaks-Enthüllungen reagiert hatte. Snowden habe Menschenleben gefährdet, es der NSA unmöglich gemacht, Gefahren aufzuspüren. Er habe Terroristen, Waffenbauern, Menschen- und Drogenhändlern in die Hände gespielt. Weil aber Anderson nicht locker ließ, gab der NSA-Mann dann doch zu: „Bei unserer Suche finden wir natürlich auch Daten gesetzestreuer US-Bürger und Bürger anderer Länder.“ Er versicherte aber: „Wir unternehmen große Anstrengungen, diese Daten zu schützen.“ Und betonte: „Bürger anderer Länder, die amerikanische Dienste nutzen, haben die gleichen Rechte auf Datenschutz wie Amerikaner.“ Und räumte ein: „Wir müssen transparenter sein.“

Der Reputationsmanager der NSA ist eigentlich ganz sympathisch. Er ist nicht sonderlich alt, trägt wilde Locken und eine schicke Daunenjacke, er redet kalifornisch lebendig. Man würde gerne mit ihm Skifahren gehen. Oder eben Weintrinken. Er weiß nicht, dass man weiß, dass er für die NSA arbeitet. Er fragt, wie man das denn nun so fand und wie man das überhaupt in Europa so sieht. Man fragt zurück. Keiner sagt so richtig was. Aber die Binse, dass die Europäer Snowden für einen Helden halten und die Totalüberwachung für einen groben Übergriff, führt für den Bruchteil einer Sekunde zu einer missbilligenden Entgleisung der Mimik. Das ist nicht ungewöhnlich. Es gab ja keineswegs uneingeschränkten Applaus für Snowden, aber durchaus Zustimmung für den NSA-Vize Ledgett.

Als Kitt, der die Fortschrittsbegeisterung zusammenhält, taugt das Internet jedenfalls nicht mehr. Das zeigt auch, wie die roten Fäden der Ted Conference immer weiter ausfransen. Was als Konferenz für Technologie, Entertainment und Design begann (daher das Kürzel) hat sich längst auf sämtliche Felder der Wissenschaften und immer deutlicher auf das Gebiet der Politik erweitert. Kein Zufall also, dass die Macher der Ted-Videos zum Jubiläum einen Dialog zwischen dem Psychologen und Evolutionstheoretiker Steven Pinker und der Philosophin Rebecca Goldstein als Trickfilm inszenieren, in dem Goldstein Pinker davon überzeugt, dass die Vernunft die eigentliche Triebfeder der menschlichen Entwicklung und des Fortschritts ist. Man darf das programmatisch verstehen. Letztlich bestätigt das ja nur Negropontes Credo, dass es nicht um Computer geht, sondern um Leben. Was man wiederum auf all die neuen Wissenschaften ausweiten kann, die sich derzeit aufmachen, das Leben zu revolutionieren, sei es die Gentechnik, die Biotechnologie oder die künstliche Intelligenz.

Dieses thematische Ausfransen der Ted Conference ist durchaus eine positive Entwicklung, die die fast schon obsessive Beschäftigung der Weltöffentlichkeit mit dem Internet ein wenig auf den Boden der Realität zurückholt. Was sich nirgendwo deutlicher zeigt als beim hochexklusiven „Billionaire’s Dinner“, das der Literaturagent und Betreiber des Onlineforums edge.org John Brockman seit den Neunzigerjahren am Rande der Ted Conference veranstaltet. Etwas mehr als zwanzig Gäste hat er in diesem Jahr in den Nebenraum eines Fischlokals etwas abseits geladen. Rund die Hälfte der Gäste sind jene Milliardäre, die seiner Dinnerparty ihren Namen geben. Jeff Bezos ist da, Googlegründer Larry Page, Sergej Brin und Lori Park, Ipod-Erfinder Tony Fadell, Microsoft-Mitgründer Paul Allen. Da verdichtet sich diese Mischung aus Aufbruchstimmung und dem Gefühl der Unbesiegbarkeit, das einen immer wieder so für die amerikanische Westküste einnimmt, zu einer Stratosphäre souveräner Euphorie, in der die Zukunft schon immer ein Stückchen weiter ist als unten in der Atmosphäre des wirklichen Lebens.

Es wird dann aber den ganzen Abend nicht über das Internet geredet. Es geht um Raumfahrt, genetische Muster, neuromorphe Rechenprozesse, um den Superbowl im American Football, die Krimkrise, ums Zeitungsmachen und um „historische Begeisterung“, die einen erfasst, wenn man ganz physisch mit einem Objekt der Geschichte in Berührung kommt.

Einer der letzten Sprecher auf der Konferenz selbst ist dann der neue Chef des MIT Media Labs Joichi Ito. Seine Berufung war 2011 ein deutliches Signal, dass die Pionierphase der digitalen und verwandten Wissenschaften vorbei ist. Ito ist kein Wissenschaftler. Er ist sogar Studienabbrecher. Einen Namen machte er sich als Investor. Ans Media Lab wurde er als Visionär berufen. Und so definiert er auch den nächsten Zeitenwandel. „Pull over Push“ sei die Dynamik, die das menschliche Leben in Zukunft bestimmen werde. Experimentieren statt Entwickeln, das Lernen und vor allem die harte Materie, egal ob Bio oder Technologie würden die nächsten Stufen des Fortschritts bestimmen. Auch nach dem Internet als Katalysator bleibt jedenfalls – der Aufbruch.

Photos: Bret Hartman/TED

24.03.14 | 16:52 | 18 Kommentare

RIP Ronald

Der amerikanische Freund
Zum überraschenden Tod des Schauspielers und Theatermachers Ronald Marx

(Von Andrian Kreye) Der am vergangenen Donnerstag überraschend gestorbene Schauspieler und Theatermacher Ronald Marx gehörte zu diesen Menschen, die mit einem Lächeln eine Leinwand füllen oder einen Raum für sich einnehmen können. In Hollywood nennen sie das ein Cinemascope-Lächeln.

In Hollywood hatte Ronald Marx auch mal gearbeitet. Knapp zehn Jahre ist das her, da hatte er einen Polizei-Captain gespielt, der in ferner Zukunft die Rebellin Aeon Flux verfolgt. Er taugte gut für die Rolle, nicht nur, weil er mit seiner Bassstimme so glaubhaft den Cop gab, sondern auch, weil er mit seinem kantigen Gesicht und seinen 1 Meter 95 selbst neben der hochgewachsenen Charlize Theron bedrohlich wirken konnte.

Aber nach Hollywood zog es ihn gar nicht. Man hätte sich ihn in diesem Haifischbecken auch gar nicht vorstellen können – Ronald, der einen mit einem „Hey“, einer Umarmung, einem Schlag an die Schulter auf den Boden holte. Der ganze Tafelrunden voller Überflieger erden konnte. In Hollywood lag so gar nicht seine Leidenschaft.

Er war der exemplarische Transatlantiker. Seine Liebe gehörte dem deutschen Theater, sein Herz der verlorenen Heimat Amerika. In New York geboren wuchs er im Ruhrgebiet auf, zog später nach Berlin und pendelte zeit seines Lebens zwischen den Welten. Gemeinsam mit den Schauspielern Christian Kahrmann und Jarreth Merz gründete er 1996 das German Theater Abroad. Alle drei lebten damals in New York und studierten Schauspielerei.

Wie so viele, die sich in Amerika ans Theater wagen, spürten sie bald, wie eng die Grenzen dort sind. Und sie merkten, mit wie viel Bewunderung die amerikanischen Kollegen über das Theater in Europa sprachen. Also begannen sie, deutsches Theater nach New York zu bringen. Sie übersetzten junge deutsche Dramatiker – Roland Schimmelpfennig, Moritz Rinke, Theresia Walser, Albert Ostermaier. Mit Philip Seymour Hoffmans Labyrinth Theater fand Ronald Marx Partner im Geiste und so entstanden im Laufe der Jahre fünf Festivals und zwei Bühnenstücke. Seinen großen Traum erfüllte sich Ronald Marx im Herbst 2007.

Er wollte deutsches Theater nicht nur in New York und LA zeigen, sondern auch in den Fly-over States dazwischen. Und so packte er eine 15-köpfige Theatertruppe samt Ausstattung in einen Schulbus und machte sich auf den Weg von New York nach Kalifornien. Dazwischen spielten sie an 24 Orten „Start up“, das Roland Schimmelpfennig für sie geschrieben hatte. Das ZDF drehte ein Road Movie dazu. Und man fieberte mit, wenn er Bilder aus der Prärie und der Wüste schickte. Ronald mit Sonnenbrille, mit Cowboyhut, glücklich auf der open road.

Mit der Wirtschaftskrise wurde das Geld knapper. Da eröffnete er in Berlin sein Lokal Noto. Mit dem Neonschriftzug im Fenster und den Kachelwänden ist das Restaurant an der Torstraße so etwas wie die Botschaft von Downtown New York. Deswegen fanden sich hier immer schon viele, die Amerika vermissen, am späteren Abend am langen Tisch in der Küche und fühlten sich zu Hause. Die Filmemacher und Künstler und Expats, mittendrin Ronald Marx, der mit seinem Lächeln die Lichter der Großstadt in die dunklen Berliner Nächte brachte.

Am vergangenen Donnerstag ist er bei einem Essen mit Freunden unerwartet gestorben. Es soll ganz schnell gegangen sein. Er habe viel gelacht an diesem Abend. Ronald Marx wurde 49 Jahre alt.

Foto: Ben Wolf

15.03.14 | 14:39 | 0 Kommentare

Meister der Telepathie

(Von Andrian Kreye) Im besten Fall ist Jazz eine Form von Telepathie. Es gibt allerdings nicht viele Musiker, deren musikalische Empfänger so gut funktionieren wie ihre Sender. Der Pianist Joachim Kühn ist so einer. Er beherrscht diese Höchstform der Konzentration, bei der Musiker jede formale Fessel abwerfen und gemeinsam in einen Fluss kommen, der sie und ihr Publikum in einen ekstatischen Zustand transportiert.

Analysieren lässt sich das schwer, selbst das mit dem Aufnehmen klappt nicht immer. Auf dem soeben erschienenen Jubiläumsdoppelalbum „Birthday Edition“ (Act) zu Joachim Kühns 70. (am 15. März) kann man allerdings sehr gut nachhören, was geschieht, wenn drei solcher Musiker aufeinandertreffen. Auf der ersten der beiden CDs finden sich Ausschnitte aus Konzerten, die er mit dem Schlagzeuger Daniel Humair und dem Bassisten Jean-Francois Jenny-Clark auf dem Berliner Jazzfest gab. Für den außenstehenden Zuhörer entsteht da ein in sich stimmiges Flirren, mit dem sich ein Klaviertrio elegant über so banale Dinge wie Harmoniefolgen und rhythmische Abläufe erheben kann.

Kühns Trio mit Humair und Jenny-Clark gehört zu jenen Glücksfällen wie Keith Jarretts Trios mit Jack DeJohnette oder dem Miles Davis Quintett mit Wayne Shorter und Herbie Hancock, bei denen sich Musiker zusammentun, die diese Telepathie aus dem Stand aktivieren und über die Jahre immer feiner kalibrieren können. Das sind so etwas wie musikalische Einhörner, und mit ein wenig Glück, bleiben solche Formationen lange bestehen.

Nun unterscheidet sich Joachim Kühns Spiel in vielen Facetten von dem der meisten anderen Jazzpianisten. Da steckt eine außergewöhnliche intellektuelle Klarheit in seinen Improvisationen, die er vor allem solo oder in größeren Ensembles entwickelt. Das hört man auf der zweiten CD der Geburtstagsedition. Da spielt Kühn mit der Radiophilharmonie des NDR Bremen, die von Michael Gibbs dirigiert wird, dazu kommen Solisten wie Albert Mangelsdorff, Klaus Doldinger und Markus Stockhausen.

Die Aufnahme ist ein orchestrales Mammutwerk, das streckenweise an Gil Evans Genius und dann wieder an zeitgenössische Klassik in ihren besten Momenten erinnert, und über dem sich Joachim Kühn als Solist mit einer Kraft beweisen kann, wie man sie nur selten hören kann im Jazz. Er greift da auf seine Anfangsjahre zurück, als im sogenannten demokratischen Teil Deutschlands in Leipzig als sehr junger Konzertpianist reüssierte. Bevor ihn sein Bruder, der Klarinettist, der im September 85 Jahre alt werden wird, erst zum Jazz und dann in den Westen brachte. Und der in ihm jene telepathischen Fähigkeiten weckte, die dann über die Jahre so viele ebenbürtig begabte Musiker so schätzten. Ornette Coleman beispielsweise, der Vater des Free Jazz, der fast nie mit Pianisten spielt, aber 1996 eine Duoplatte mit ihm aufnahm.

Man könnte nun die Liste der Zusammen- und Zuarbeiten endlos verlängern (Gunter Hampel, Archie Shepp, Billy Cobham), man könnte sich überlegen, ob Joachim Kühn zu den wenigen gehörte, die dem Jazzrock große Momente abringen konnten, oder ob es eben doch nur eine lukrative Sackgasse war, man müsste seine Experimente mit der zeitgenössischen Musik rühmen. Das ist zu runden Geburtstagen im Jazz respektvoller Brauch. Man kann sich aber auch einfach auf der eben erwähnter CD das Stück „Heavy Birthday“ anhören. Kurz nach der zweiten Minute katapultiert Joachim Kühn das Trio mit gezielten Blockakkorden und einer explosiven rechten Hand so machtvoll in die Stratosphäre des freien Jazz, dass irgend jemand im Publikum aufschreit, als sei gerade ein Stromstoß durch ihn hindurchgefahren. Damit ist dann alles gesagt.

Foto: Steven Haberland/Act

20.02.14 | 20:13 | 0 Kommentare

Wer wird Milliardär?

(Von Andrian Kreye) Jeder Krieg hat seine Helden. Im Kampf um die digitale Vorherrschaft und damit um die Macht über die Gewohnheiten der Menschen, wird in dieser Woche Jan Koum als Sieger gefeiert. Der hat seinen Kurznachrichtendienst Whatsapp für 19 Milliarden US-Dollar an Facebook verkauft. Dabei gab er sich eigentlich immer als Rebell, der gegen das Geschäftsmodell der Big-Data-Giganten Facebook und Google angetreten war. Whatsapp sollte keinen Profit daraus schlagen, dass man die Datenspuren der Nutzer zu Paketen bündeln und verkaufen kann.

Zwei Jahre lang haben die Verhandlungen gedauert. 2012 wollte Facebook-Chef Mark Zuckerberg das Unternehmen kaufen, das Koum und sein Kompagnon Brian Acton 2009 als Start-up gegründet hatte. Koum und Zuckerberg sollen viel spazieren gegangen sein bei ihren Verhandlungen. So stellt man sich das vor – zwei junge Herren, fast noch Burschen, in Outdoor-Kleidung in den Hügeln über dem Silicon Valley, in denen es das ganze Jahr über so riecht wie an einem Spätsommertag im Wald. Und eines Tages – Handschlag, Schulterklopfen, 19 Milliarden.

Am Ende platzte Koum bei den Zuckerbergs ins Valentinstag-Dinner. Die beiden Herren arbeiteten den Deal am Küchentisch aus und aßen dazu in Schokolade getauchte Erdbeeren. Alles irgendwie doch sympathisch? Es gibt zumindest viele junge, kluge und unternehmungslustige Menschen, die gerne so wären wie Koum. Oder wie Zuckerberg. Wie Tony Fadell, der seine Thermostat-Firma für drei Milliarden an Google verkaufte, wie Elon Musk, der gerade mit Apple darüber verhandelt, was sie für seine Elektroautofirma Tesla bezahlen. In der Start-up-Welt ist Koum der Idealfall, von dem so viele träumen. Fünf Jahre nach Firmengründung an einen Konzern verkaufen. Und dann die nächste Firma gründen.

Beim Whatsapp-Deal bleibt eine Frage, die sich oft bei solchen Firmenaufkäufen im Silicon Valley stellt. 19 Milliarden Dollar – wofür? 19 Milliarden ist eine Summe, die sich dem Vorstellungsvermögen kaufmännisch nur durchschnittlich interessierter Menschen entzieht. Es gibt ganze Länder, die in einem Jahr so viel Geld nicht erwirtschaften. Und es handelt sich ja nicht um World-of-Warcraft-Ehrenpunkte oder Bitcoins, mit denen das bezahlt wird, sondern um Dollar. Die Währung des wirklichen Lebens wird im Silicon Valley zum Spielgeld.

Es gibt zwei Interpretationen des Deals. Entweder ist er Teil einer Verdrängungsstrategie. Die größte Angst haben die Giganten der Branche vor einem Neuling, der innerhalb von Monaten zum Marktführer wird. Erinnert sich noch jemand an Facebooks Vorgänger Myspace und Friendster? An die Suchmaschinen AltaVista oder Lycos? An den Plattenladen um die Ecke?

Whatsapp kann nicht viel, außer über das Handy Nachrichten, Bilder und Daten verschicken. Schlichte Kommunikation für alle. Das geht auch per SMS und Chatfunktionen, wie es sie bei Facebook schon gibt. Doch Whatsapp ist gewachsen: In fünf Jahren von null auf eine halbe Milliarde Nutzer, nun auf dem Weg, die SMS als Standard für Kurznachrichten abzulösen. Das muss bei Zuckerberg Erinnerungen wecken. Will Zuckerberg also nur einen Rivalen vom Markt kaufen? Amazon fährt solche Strategien. Investiert in einen Vertrieb zu Dumpingpreisen, nur um die Konkurrenz platt zu machen.

Der Kampf im Silicon Valley wird jedoch nicht nur gegen die Konkurrenz geführt, sondern auch darum, in jede erdenkliche Nische des Lebens vorzudringen. Die großen Erfolge feiern Firmen, die menschliche Gewohnheiten prägen. Es sind ja Basisfunktionen des täglichen Lebens, die da verkauft werden: eine Frage stellen; etwas mitteilen; etwas kaufen. Apple gelang es sogar, das Handwerk zu verändern: Es wird nicht mehr getippt, sondern geschoben und gewischt.

In diesem Wettbewerb führt derzeit Google, ist mit Fadells Thermostat in die Häuser eingedrungen und mit billigen Gentests in das Erbgut der Menschen. Die Gestik würde Google gerne mit seiner Brille aus dem digitalen Leben verbannen und so der Synthese aus Gerät und Körper näher kommen.

Die Nutzer bekommen das meiste für eine Handvoll Daten. Will Facebook nun mit Whatsapp noch mehr Daten sammeln? Das widerspräche Jan Kouns Überzeugung. Datenschutz war ihm immer wichtig – der gebürtige Ukrainer hat seine Jugend in einer Autokratie verbracht. Allerdings hatte er auch immer behauptet, er würde nie verkaufen. Heute ist der Rebell zum Vasallen von Zuckerberg geworden. Und die Nutzer? Sie sind der begehrte Rohstoff, sie besiedeln ein Kampfgebiet. Sie müssen aufpassen, dass sie keinen Kollateralschaden erleiden.

19.02.14 | 16:40 | 1 Kommentar

Rettet die Regale

Plattensammler laufen Sturm: Ikeas Expedit-Modell läuft aus

(Von Andrian Kreye) Hätte man den Urvätern der Subkulturen erzählt, dass ihre Anhänger eines Tages zum Protest aufrufen, weil ein Möbelhaus beschlossen hat, eine multifunktionale Regalwand nicht mehr herzustellen, wer weiß, ob Bob Dylan aus seiner Eremitage in Woodstock zurückgekehrt wäre oder Miles Davis das Heroin hätte sein lassen. Nun aber schallt der Aufschrei ihrer deutschen Anhänger bis über den Atlantik: Ikea will seine Regalreihe Expedit aufgeben. Das sind jene Regalelemente, deren quadratische Einzelfächer ziemlich genau die Maße einer Langspielplatte haben.


Auch in Amerika schaudert es die Plattensammler schon – was, wenn der Möbelkonzern seine Entscheidung auch in Übersee umsetzt? Legs McNeil, der Mann, der 1976 das Schimpfwort Punk zum Genretitel einer neuen Spielart des Rock machte, als er sein Musikblatt so nannte, berichtet auf seinem Blog von der Panik der deutschen Vinylfans. Seit Mitte Januar gibt es also eine Facebookgruppe mit dem Namen „Rettet das Ikea Expedit Regal“. Bis Redaktionsschluss hatte sie 11 202 Anhänger, die auf der Seite vor allem Fotografien ihrer stattlichen Plattensammlungen in Expedit-Regalen austauschen. Seit vergangenen Mittwoch gibt es auch eine englische Partnerseite mit bisher 100 Mitgliedern.


Nun könnte man angesichts der quadratischen Regalfächer noch ein paar linguistische Schlaumeiereien über das popkulturelle Gegensatzpaar von „hip“ und „square“ machen, weil das englische Wort für quadratisch bei den amerikanischen Hipsters, Beatniks und Hippies in den Fünfziger- und Sechzigerjahren ein Schimpfwort für Spießer war. Wer aber 1968 noch nicht erwachsen war, der wird diese Inbrunst für so ein Regal durchaus ernst nehmen. Weil sie oder er sich wahrscheinlich von Nick Hornbys Roman „High Fidelity“ aus dem Jahr 1995 so gut verstanden fühlte, in dem das Sortieren der Plattensammlung für den liebeskranken Helden Rob Fleming ein therapeutischer Akt der Identitätsfindung war.


Die immer wieder neue Ordnung der Plattensammlung nach alphabetischen, musikalischen oder biografischen Kriterien diente ganzen Generationen als Selbstvergewisserung. Es war der Rückzug der Rebellion ins Private, eine Phase der popkulturellen Besinnung, die in den frühen Neunzigerjahren mit der Ernüchterung der Generation X begann und mit der Einführung des IPods und seinen seelenlosen Klicklisten zu Ende ging.


Plattensammeln ist ein sinnliches Erlebnis, das sonst nur Kunstsammler haben: das Herausziehen des Schubers mit seinen Bildern und Grafiken, die einen sofort in jene Zeit versetzen, in der diese Schallplatte aufgenommen wurde, der Geruch des Kartons, der vor allem bei amerikanischen Pressungen ein wunderbares Aroma entwickelt, der Blickreiz des Etiketts, das bei Labels wie Atlantic, Blue Note oder Stax schon musikalische Verheißung ist, das Schimmern des schwarzen Vinyls, aus dessen Umdrehungen gleich die Wucht der Emotionen tönen wird. Und all das soll nun keine Heimat mehr haben?


Ikea hat übrigens verkündet, dass es ab April das Nachfolgemodell Kallax mit den gleichen Abmessungen geben wird. Nahtlos wird es wohl nicht passen. Das bedeutet für Sammlungen, die über Jahrzehnte in Expedit-Wände hineinsprießen konnten, eine radikale Grenze des Wachstums.


Foto: Screenshot/SZ

18.02.14 | 18:02 | 0 Kommentare

Das ist der Pop für alle Welt

Der Cirque du Soleil in München

(Von Andrian Kreye) Wer den aktuellen Stand der Popkultur abfragen will, der kommt nicht darum herum, sich hin und wieder mit dem Cirque du Soleil zu beschäftigten. Derzeit gastiert eine der Produktionen des milliardenschweren Zirkuskonzerns aus Kanada auf der Münchner Theresienwiese. „Kooza“ heißt die Inszenierung. Sie beginnt mit ein paar Clowns und entwickelt dann schnell einen Sog, der nach der Dramaturgie eines Actionfilmes in der Katharsis eines atemberaubend gelungenen Stunts endet, bei dem ein Artist auf einem Turm aus Holzstühlen auf einem Arm in der Waagerechte balanciert, was ein wenig so aussieht wie diese Nummern, die sich Tom Cruise oder Vin Diesel von einem Computer auf den Leib rechnen lassen müssen.


Dem langjährigen Anhänger der Distinktionskulturen fällt es nicht leicht anzuerkennen, dass der Status quo des Pop im Zirkus zu suchen ist. Wobei es gerade in Europa eine direkte Linie dahin gibt, die auch gleich den Unterschied zur amerikanischen Popkultur erklärt. Auf beiden Kontinenten entstehen Phänomene der Massenunterhaltung im 19. Jahrhundert, als die industrielle Revolution Millionen Arbeiter erstmals mit verfügbarem Einkommen ausstattete. In Europa gründete diese Massenunterhaltung im Zirkus, in Amerika in den Vergnügungsparks. Hier ging es also um Überwältigungsmechanismen, dort um Nervenkitzel.


Es gibt gute Gründe dafür, dass die Kulturkritik diese Genres nicht als Pop anerkennt, sondern als Freizeit abtut. In der Regel machen sich Zirkusdirektoren und Kirmesveranstalter viel zu wenig Gedanken um ihr Geschäft. Das erinnert ans öffentlich-rechtliche Fernsehen – irgendjemand schaut ja immer zu. Da kann es bei einem traditionellen Zirkus schon sein, dass man einen BMX-Radfahrer auf Bolzplatz-Niveau als Sensation präsentiert, und dann soll man in der Pause im Streichelzoo einem depressiven Nilpferd dabei zuschauen, wie es durch trübe Algensuppe paddelt.


Dann doch bitte das Feuerwerk des Cirque. Dass dort keine Tiere auftreten, ist eine politisch korrekte Nebenwirkung des Konzepts, den Zirkus als Bühnenshow zu verstehen, der auch eine Geschichte erzählen sollte, um die Flut der Bilder, Musik und Stunts zum Sog zu bündeln. Das ist erstaunlich modern. Sicher sind die Überwältigungsmechanismen seit Jahrhunderten die gleichen: Von den Dombaumeistern der Gotik über Peter Paul Rubens und Richard Wagner bis zu Andreas Gursky und Rammstein läuft das seit je auf eine künstlerische shock and awe-Strategie hinaus. Doch der Kontext ändert sich. Und die Reizschwellen.


Das Geschick, mit dem das Cirque-Chef Guy LaLiberté und seine Regisseure, immer wieder aufs Neue den Zeitgeist zum Spektakel komprimieren, ist erstaunlich. Es war daher kein Zufall, dass der Intendant der Metropolitan Oper in New York, Howard Gelb, im Rahmen seiner Popularitätsoffensive den Regisseur Robert LePage nach zwei Cirque-Erfolgen Richard Wagners „Ring“ inszenieren ließ. In einem kulturellen Zeitalter, in dem es zwischen Überwältigungskünsten und den Mikrokosmen der Nischengenres kaum noch ein Mittelfeld gibt, versucht sich eben auch manche Hochkultur-Institution auf die Seite der Gewinner zu schlagen.

Es liegt selten Raffiniertes in dieser Reizüberflutung. Wucht kennt keine Zwischentöne. Aber gerade das macht die Produktionen des Cirque unwiderstehlich. In Reinform bekommt man das in Las Vegas zu sehen, wo der Cirque du Soleil inzwischen sieben feste Häuser unterhält. Die Shows dort drehen sich um so unterschiedliche Motive wie Kung-Fu, Psychedelik, Sex, Wissenschaft und Glaube.


Auf Tour sind die Themen nicht ganz so groß gefasst. „Kooza“ funktioniert eher wie ein Disneyfilm, mit dem Unterschied, dass sich die Show nicht eine, sondern drei klassische Erzählungen vornimmt.


Die Geschichte ist ein Hybrid aus Aladins Wunderlampe, Faust und dem Zauberer von Oz. Weil die Handlung aber nur Vehikel ist, sind es Bilder und Musik, die den Zeitgeist etablieren. Nichts gegen den anachronistischen Charme des traditionellen Zirkus, der mit seinen Glitzerleibchen und Uniformjacken auf Frauen- und Heldenbilder rekurriert, die man im echten Leben nur selten antrifft. Im Zeitalter der mächtigen Bildsprachen aus Film und Musikvideos findet man die eigenen Bildempfindungen doch eher bei „Kooza“, das mit Motiven aus der asiatischen und mexikanischen Mythologie spielt, aus der Pop Art, dem Fantasy Film und dem Steam Punk.


Ähnlich ist das mit der Musik. Reiner Zufall, dass der Rockmusiker David Crosby just in dieser Zeitung am vergangenen Wochenende eine Musik der Zukunft einforderte, die er als „Soundtrack zu einer Welt, die näher zusammengerückt ist“ definierte, eine Synthese aus sämtlichen Spielarten. Ein eigenständiger Auftritt der Band, die „Kooza“ begleitet, würde sicherlich auch mit einer dieser Genre-Reihungen angekündigt, wobei Jazzfunk-Rock-World-Musik ja meist nichts anderes bedeutet, als dass vielseitige Hobby- oder Profimusiker im Sinn haben, ihren Leidenschaften nachzugehen. Das funktioniert in diesem Rahmen auch als musikalisches Konzept. Die Melange aus Pop mit Versatzstücken aus der arabischen und afrikanischen Musik, aus Hard Bop Jazz, Soul und osteuropäischer Chormusik zeigt ja auch, dass sich das Massenpublikum längst an eine stilistische Breite gewöhnt hat, die vor zwanzig oder dreißig Jahren noch einer Avantgarde vorbehalten war.


Wenn Yao Deng Bo dann hoch über der Bühne auf seinem tätowierten Arm balanciert, während Vedra Chandler auf einer Wendeltreppe zu einem Slow Jam eine Soul-Arie singt, kommt schon ziemlich viel Pop auf einmal zusammen. Eines fällt da auf alle Fälle weg – die Distinktion durch Geschmack und Purismus. Das aber ist nun wirklich sehr zeitgemäß.

Foto: DPA

18.02.14 | 16:16 | 0 Kommentare

Der Ketzer

Blick in die digitale Zukunft: Jaron Laniers Internetkritik


(Von Andrian Kreye) In den Urzeiten der digitalen Kultur vor rund dreißig Jahren war der Computerwissenschaftler Jaron Lanier der erste Rockstar dieser neuen Ära. Mit seinen Dreadlocks und seiner Leibesfülle war er von Natur aus eine imposante Erscheinung. Weil er aber schon sehr früh äußerst kluge Gedanken und Visionen zur Kultur des Digitalen entwickelte, weil er diese Visionen in den Atari Labs, bei Silicon Graphics und an der New Yorker Columbia University auch umsetzte, weil er avantgardistische Musik auf selbstgebauten Instrumenten komponierte und im Wanderzirkus der Ted-, Aspen- und Davos-Konferenzen immer einer der überzeugendsten Redner war, zählen seine Bücher seit je zu den wichtigsten Veröffentlichungen über das Wesen des Digitalen und seine Auswirkungen. Wenn er nun also mit seinem neuen Buch die Frage stellt: „Wem gehört die Zukunft?“, dann sollte man ihm zuhören.

Will man Laniers 480 Seiten lange Antwort auf einen Satz reduzieren, so lautet dieser: Uns nicht! „Uns“ heißt in diesem Fall: Alle Internetnutzer weltweit, die keinen digitalen Konzern besitzen und keinen Geheimdienst, also keine jener Institutionen, die das Leben aller digital vernetzten Menschen in Datensätze verpacken, um daraus – also aus uns – Profit zu schlagen, uns zu beobachten, zu kontrollieren, auszubeuten. Und wenn mit „uns“ das mittelständische Bürgertum gemeint ist, dann langfristig auch noch, um uns zu ruinieren.

Nein, besonders optimistisch ist Jaron Lanier nicht. Und weil er eben ist, wer er ist, und seine Antwort besonders schwer wiegt, markiert sein jüngstes Buch eine Zäsur, die sich seit dem letzten Jahr anbahnt. Seit es endgültig zur Binsenweisheit geworden ist, dass die großen Internetkonzerne wie Google, Facebook und Amazon auf sinistre Weise Geld mit uns verdienen. Und seit Edward Snowden mit seinen NSA-Enthüllungen so ziemlich alle Verschwörungstheorien über das Internet als globale Überwachungsmaschine bestätigte.

Das Buch steht aber auch exemplarisch für die generelle Enttäuschung über einen ideologischen Irrweg, den die digitale Kultur sehr früh eingeschlagen hat. Deswegen schmerzt sie ja auch so, die Desillusionierung des Jahres 2013, das Lanier als Schlüsseljahr identifiziert.
In den Achtzigerjahren trat Jaron Lanier in der Bay Area rund um San Francisco oft gemeinsam mit dem LSD-Propheten Timothy Leary auf. Die beiden predigten eine neue Technologie, für die Lanier das Schlagwort geprägt hatte: Virtual Reality. Der Schulterschluss mit einem der wichtigsten Intellektuellen der Hippie-Ära war kein Zufall. Was sich damals an den amerikanischen Informatik-Fakultäten und in den Laboren formierte, war eine Gegenkultur, die bis heute ähnlich viel bewegt, wie die Gegenkulturen der Sechzigerjahre.

Leary fungierte als Brückenfigur zwischen den Zeitaltern. Lanier war das Wunderkind, das er stolz präsentierte. Der hatte in den Atari Labs eine Methode mitentwickelt, mit der man damals noch recht buchstäblich in den Cyberspace reisen konnte. Dazu setzte man einen Datenhelm auf, der schlichte Grafiken auf eine Brille und Klänge auf die Kopfhörer spielte. Mit Hilfe eines Datenhandschuhs konnte man in den Vektorwelten der virtuellen Realität auch noch eine Art sichtbare Hand bewegen und das Sichtfeld verändern.

Leary und Lanier konstruierten eine ganze Heilslehre um diese Technologie. Leary schwärmte von den psychedelischen Wirkungen dieser künstlichen Welt. Lanier träumte von wahren Wundern. Krebs sollte man mit diesen Datenhelmen einmal bekämpfen können, wenn die Patienten mit dem Datenhandschuh einen virtuellen Hammer greifen und in ihrem eigenen tiefsten Inneren den Tumor zerschlagen.

Die Virtual Reality wurde schon bald zum Anachronismus. Doch die Euphorie der Techno-Utopien hielt an. Was an Hoffnung verloren ging, kann man aus dem ersten Teil von „Wem gehört die Zukunft?“ herauslesen. Von der radikalen Demokratisierung der Bildung über eine neue Transparenz der Politik bis hin zur digitalen Innovation als Wirtschaftsmotor – alles perdu, zwischen Silicon Valley und den Vororten von Washington DC ins Gegenteil pervertiert. Das Opfer – der Mittelstand.

Mit dieser Analyse folgt Lanier ökonomischem Allgemeinwissen. Demnach gibt es zwei Arten der Innovation. Die eine schafft neue Arbeitsplätze und steigert den Lebensstandard aller. Die andere vernichtet Arbeitsplätze und schafft Reichtum für wenige. Mit dem großen historischen Bogen kann man behaupten, dass dank der Innovationen durch Industrialisierung wie durch Elektrifizierung Millionen Arbeitsplätze geschaffen werden konnten und das Leben fast aller Menschen leichter wurde.

Die digitale Revolution hat den Mittelstand der Industrienationen wie ein sozioökonomischer Tsunami getroffen. Lanier führt da ein treffendes Beispiel an. Die Firma Kodak, so schreibt er, beschäftigte am Höhepunkt ihres Erfolges weltweit über 140 000 Mitarbeiter und hatte einen Wert von 28 Milliarden Dollar. Kodak erfand aber auch die digitale Fotografie. Und deren Standard ist nun die Firma Instagram. Diese wurde 2012 für eine Milliarde Dollar an Facebook verkauft und beschäftigte damals lediglich 13 Mitarbeiter.

Der Schmetterlingseffekt eines solchen Strukturwandels, der Hunderttausenden Mittelständlern den Job kostet, weil mit Kodak ja auch die Berufsstände der Fotolaboranten und Fotografen weitgehend verschwanden, ist enorm. Es sind jedoch nicht nur die Medienberufe, die der Strukturwandel gefährdet, es sind inzwischen auch Rechtsanwälte, Ärzte und Lehrer, die Konkurrenz durch die neuen Technologien bekamen. Lanier denkt hier auch die aktuellen technologischen Entwicklungen weiter, die künstliche Intelligenz, das selbstfahrende Auto und den 3-D-Drucker etwa. Auch hier sieht er – vom Lastwagenfahrer bis zum Modeschöpfer – den gesamten Mittelstand in Gefahr.

Wie, fragt er dann, „können wir verhindern, dass das Internet zum Herrschaftsinstrument wird, das einigen wenigen die Macht gibt, Milliarden von Menschen auszubeuten?“ Sein Lösungsvorschlag ist unter anderem der Aufbau eines Vergütungssystems, das die Profite des Internets an all jene verteilt, die mit ihren Daten zum Kapital der digitalen Wirtschaft beitragen. Es wäre ja durchaus auch denkbar, dass Facebook seine Nutzer für jeden Eintrag, jedes Foto entlohnt. Doch hier gerät Laniers brillante Analyse einmal mehr zur Utopie. Warum sollten sich Konzerne wie Facebook, Google und Amazon auf ein quasi sozialistisches Wirtschaftssystem einlassen, das auf klassischer Umverteilung beruht?

Nun war es Lanier selbst, der die unguten Aspekte der Schwarmintelligenz im Netz mit dem Begriff „Digitaler Maoismus“ geißelte und sie mit den Schlägerbanden der chinesischen Kulturrevolution verglich. Seine Analyse von der digitalen Wirtschaft als destruktivem Monopolkapitalismus mag korrekt sein. Die Vision von der Umverteilung ist mehr als weltfremd.

Und trotzdem – will man in Deutschland nur drei Bücher der Internetkritik lesen, wäre Laniers „Wem gehört die Zukunft?“ nicht lediglich eines aus diesem Trio. Es ist das wichtigste. Gerade weil er aus einer ganz anderen Tradition kommt als seine internetkritischen Zeitgenossen. Frank Schirrmacher leitete sein „Payback“ über den Umweg der Neurologie noch aus dem klassischen europäischen Kulturpessimismus ab. Sein Buch und die netzkritischen Essays, denen er auf den Seiten seines Feuilletons in der FAZ ein Forum gibt, gehören zum intelligentesten und intellektuell interessantesten, was die Netzdebatte zu bieten hat.

Evgeny Morozov bezieht sich wiederum auf die klassische Ideologiekritik. Mit seinem biografischen Hintergrund im autokratischen Weißrussland, seinen Studien an den besten Unis Amerikas und seinem Zugang zum Silicon Valley stellte der Autor von „Net Delusion“ und „Smarte neue Welt“ bereits die Machtfrage, als die Mehrheit der Netznutzer noch an die demokratisierende Wirkung des Internets glaubte.

Jaron Lanier aber ist der Ketzer, der Apostat, der sich von der Heilslehre abwendet, die er selbst mitgeschaffen hat. Egal wie utopisch seine Schlüsse aus den Analysen sind, mit Lanier bekommt man einen Einblick in die Seele der digitalen Kultur, die sich gerade vor Selbstzweifel und Schuldbewusstsein windet. Was bleibt, ist ja in jedem Fall: Es lohnt sich, das Internet zu retten. Um beim Bild vom Rockstar zu bleiben – es wird Zeit, dass die satten Stars vom Punk abgelöst werden. Julian Assange, Jacob Appelbaum und Edward Snowden haben den Anfang schon gemacht.

Foto: Hoffmann und Campe

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